Föhn bis Schaffhausen

29. April 2018, 11 Kommentare
Themen: Wetter

Kurz vor Monatsende zeigte der Föhn nochmals sein Durchsetzungsvermögen. Heute blieb er nicht nur in seinem angestammten Revier zu Hause. Am Nachmittag wagte er einen Ausflug ins Mittelland und stiess bis Schaffhausen vor, was nicht in jedem Jahr beobachtet werden kann.

In Luzern blies der Föhn mit bis zu 67 km/h. Bild: K. Röösli
In Luzern blies der Föhn mit bis zu 67 km/h. Bild: K. Röösli

Das Tief, das sich gestern über Spanien zu entwickeln  begann, zog heute unter weiterer Vertiefung Richtung Nordfrankreich. Auf seiner Vorderseite herrschte über den Alpen eine starke Südströmung. Bereits gestern setzte in vielen Alpentälern der Föhn ein. Heute nahm die Druckdifferenz zwischen Alpensüd- und nordseite noch weiter zu, so dass auch der Föhn im Laufe des Tages an Stärke zulegte.

Im Gegensatz zum Herbst und Winter, wenn über dem Flachland meist ein mächtiger Kaltluftsee vorhanden ist, vermochte heute der Föhn weit ins Mittelland hinausgreifen. Mit der Sonneneinstrahlung wurden die unteren Luftschichten erwärmt und damit labil. Dies ermöglichte der Föhnströmung auch über dem Flachland bis ganz an die Erdoberfläche hinunter zu greifen. Dass der Föhn soweit ins Mittelland vorstösst, kann fast nur im Frühling und im Sommer (generell eher föhnarm) beobachtet werden. Im Winterhalbjahr ist die Grundschicht über dem Flachland zu stark ausgeprägt und die Sonneneinstrahlung schwächer.

Der Föhn stösst ins Mittelland vor

Am Morgen wehte der Föhn vorerst nur in den Alpentälern. Er verstärkte sich im Laufe des Vormittags immer mehr und schon kurz nach Mittag begann er sich auch auf die Alpenrandgebiete auszudehnen. Im Laufe des Nachmittages mit der zunehmenden Labilisierung der unteren Schichten griff der Föhn immer weiter nordwärts ins Mittelland aus, bis er am späteren Nachmittag sogar den Nordrand der Schweiz erreichte.

Am stärksten blies der Föhn in den Alpentälern, wo Böenspitzen von 70 bis 90 km/h registriert wurden. An exponierten Bergstationen wurden gar über 100 km/h gemessen, auf dem Gütsch ob Andermatt (2283 m Höhe) lag die stärkste Böe bei 153 km/h!

Der Weg des Föhns

Mithilfe von Wettermodellen lässt sich der Weg, den ein Luftpaket zurückgelegt hat, mit sogenannten Rückwärtstrajektorien berechnen. Als Beispiel sollen hier die Rückwärtstrajektorien ausgehend von Güttingen am Bodensee gezeigt werden (Darstellung unten). Der Föhn stiess heute über den ganzen Bodensee vor und erfasste am Nachmittag um 16 Uhr (14 UTC) als Südostwind auch Güttingen, wo an der Wetterstation Böenspitzen von 46 km/h, eine Temperatur von 26 Grad und eine relative Luftfeuchtigkeit von 25 % gemessen wurden. In den Vertikalschnitten rechts ist gut zu erkennen, wie die Luft auf gut 2000 m Höhe die Alpen überquert hat und dann, wie es typisch ist für eine Föhnströmung, steil absinkt.

Typisch Föhn

Macht man eine statistische Auswertung der Häufigkeit des Auftretens von Föhn an einer Station, so können einige interessante Eigenheiten des Föhns festgestellt werden. In der nachfolgenden Grafik sind die Föhnhäufigkeiten im Rheintal bis zum Bodensee dargestellt. Beginnend in Chur folgt weiter talabwärts Vaduz, dann Altenrhein und schliesslich Güttingen. Waagrecht ist der Monat aufgetragen, senkrecht die Tageszeit (Stunde UTC). Die Farbe gibt die relative Föhnhäufigkeit an (Legende am Rand).

Drei Eigenheiten sind dabei typisch für den Föhn:

  • Je weiter talabwärts die Station liegt, desto geringer ist die Föhnhäufigkeit. Während in Chur der Föhn im ganzen Jahr auftreten kann, ist er in Güttingen deutlich seltener und beschränkt sich fast nur auf April und Mai sowie ganz selten im November.
  • Der Frühling (besonders April) ist die föhnhäufigste Zeit, gefolgt vom Herbst, allerdings deutlich geringer.
  • Über die Tageszeit betrachtet ist der Föhn am häufigsten in der zweiten Tageshälfte, also vor allem am Nachmittag und Abend.

Kommentare (11)

  1. Kuhn Hans Albrik, 01.05.2018, 05:32

    Am letzten Sonntag, 29.04., ereignete sich der Bergunfall im Gebiet Pigne d'Arolla. Grund: überrascht von Sturm. Föhnsturm? Ausserordentlich? Überraschung?

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  2. Disu, 30.04.2018, 15:52

    Wie sind die 150 m MSL bei der einen Rückwärtstrajektorie zu verstehen? Das müsste ja tiefer als das Gelände sein ...?

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    1. MeteoSchweiz, 01.05.2018, 11:52

      Da ist bei der Erstellung der Rückwärtstrajektorien in der Tat ein Fehler passiert, denn natürlich macht ein Start unterhalb der Topographie wenig Sinn. Wir haben im Blogbeitrag die Grafik angepasst.
      Danke für den Hinweis.

  3. Chris, 30.04.2018, 08:54

    einmal mehr vergebens wegen der prognose an die Isleten gefahren, 30 surfer standen am nachmittag mit langen gesichtern am see und ärgerten sich über das laue lüftchen. während es weiter im norden am zugersee zünftig blies!

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    1. Bruno, 30.04.2018, 16:17

      ... du warst zu spät.
      War 12 Uhr da, bis 13.30 Uhr war der Föhn sehr stark.
      Zu stark für mich als mittelmässigen Surfer ...

  4. Xaver Büeler, 30.04.2018, 08:44

    Ich wohne in Schwyz und habe gestern ein Phänomen beobachtet, welches ich so noch nie gesehen habe. Während es im Urnersee und im Talkessel von Schwyz praktisch den ganzen Tag sonnig und windig war, schien im Urner Haupttal (ab etwa Erstfeld) öfter Regen zu fallen. Ein Blick auf den Regenradar bestätigte diesen Eindruck, dort muss es tatsächlich während einer stürmischen Föhnphase anhaltend geregnet haben.
    Diese Beobachtung hat uns nun erstaunt, denn gemäss meinem bescheidenen Vorwissen über den Föhn (feuchtadiabatisch aufsteigende Luft vor dem Gebirge und trockenadiabatisch absteigende Luft nach dem Gebirge) dürfte in einem Föhntal nicht gleichzeitig Föhn und Regen vorkommen? Wie ist das Phänomen zu erklären?

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    1. MeteoSchweiz, 01.05.2018, 10:09

      Ihre Beobachtung ist korrekt, gestern Sonntag wehte zeitweise der sogenannte Dimmerföhn. Der Begriff Dimmerföhn wird verwendet, wenn bei Föhnlagen der Niederschlag von der Alpensüdseite ungewöhnlich weit nach Norden in die Föhntäler übergreift, gleichzeitig im Tal aber auch starker Südwind weht. Ein gewisses Übergreifen des Niederschlags über den Alpenhauptkamm tritt bei vielen Föhnfällen auf und ist grundsätzlich nicht ungewöhnlich. Gestern war der Dimmerföhn aber recht markant, die Ursache dafür war die instabile Schichtung der Atmosphäre auf der Alpensüdseite. So konnten die kräftigen Schauer- und teils auch Gewitterzellen den Alpenhauptkamm überqueren. In der Folge wurden sie von der Föhnströmung zwar geschwächt, aber nicht vollständig abgetrocknet. Dies hatte zur Folge, dass es an unserer Wetterstation in Altdorf mehrmals regnete und gleichzeitig der Föhn wehte. Eine neuere Auswertung zeigt, dass dieses Phänomen in Altdorf an rund fünf Tagen pro Jahr vorkommt.

  5. Beni Kälin, 30.04.2018, 06:58

    Danke für den ausführlichen Blog.
    Hier in Interlaken waren am Nachmittag zahlreiche Kitesurfer auf dem Brienzersee im Föhn am Kiten.
    Der Wind soll für Föhn sogar relativ konstant gewesen sein. Um 16.00 Uhr erreichte der Föhn sogar Thun und hat dort durchgeblasen bis 21.00 Uhr. Komischerweise ist der Föhn gleichzeitig um 16.00 Uhr zusammengebrochen in Interlaken auf dem Brienzersee und hat sogar auf Contre-Föhn gewechselt, während auf dem Thunersee der Föhn weiterhin kräftig durchwehte. Anscheinend hat der Föhn so schnell abgestellt am Brienzersee, dass einige Kitesurfer ans Ufer schwimmen mussten....
    Um 17.40 kam dann nochmal ein Schub Föhn und um 18.45 nochmals ein zweiter Schub, sogar der stärkste überhaupt vom Tag.
    Wie ist das zu erklären? Ich vermute ein Zusammenhang mit den übergreifenden Niederschlägen die ungefähr dann eingesetzt haben.
    Normalerweise verstärken aber die Niederschläge den Föhn, wie die zwei späten Föhnschübe. Die Pause um 16.00 Uhr kann ich mir nicht erklären...?

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    1. MeteoSchweiz, 01.05.2018, 10:13

      Der Föhn am Sonntag hatte sehr viele verschiedene Facetten und verlief nicht überall nach Lehrbuch... Grundsätzlich hatten wir auf der Alpensüdseite eine relativ labile Schichtung der Atmosphäre, und die Schauerzellen haben zeitweise relativ weit nordwärts auf die Alpennordseite übergegriffen und für sogenannten Dimmerföhn gesorgt (vor allem im Urner Reusstal und im Berner Oberland). Oftmals führt das reinregnen in die trockene Föhnluft durch Verdunstungseffekte für eine (vorübergehende) Verstärkung der Föhnströmung. Allerdings führt dieser Prozess auch zu einer Stabilisierung der Talatmosphäre, sodass der Föhn in einer zweiten Phase geschwächt werden kann. Er greift dann nicht mehr oder nur noch in abgeschwächter Form bis auf die Talböden hinunter, sondern weht über die stabile Schicht hinweg. Weiter stromabwärts kann der Föhn dann durchaus wieder in die tieferen Lagen durchgreifen. Sobald der Niederschlag endet, setzt sich der Föhn bei noch vorhandenem Südgradienten allmählich wieder bis in den Täler durch. Die beiden beschriebenen Effekte sind gestern vermutlich mehrmals aufgetreten, davon kann man anhand der Radarsignale am Brienzersee und südlich davon ausgehen. In der Region Interlaken dürften zudem zeitweise auch Föhnäste aus verschiedenen Tälern vorhanden gewesen sein (vom Brienzersee her, von Lauterbrunnen und/oder Grindelwald her). Der von Süden übergreifende Niederschlag sorgte insgesamt also für ein recht komplexes Föhnmuster.

  6. David Huber, 30.04.2018, 06:03

    Tolle Fotos, merci! Der Wasserwert der Frühlingsschneedecke scheint mir recht hoch zu sein. Vor 3 Wochen habe ich an der vom Föhn öfters verschonten Nordabdachung der Churfirstenkette auf Strichboden am Selun 1600m immerhin noch 3 m Schnee angetroffen. Ist der Rückgang temperaturgemäss normal oder hat der heurige Schnee tatsächlich einen hohen Wasserwert?

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    1. MeteoSchweiz, 30.04.2018, 11:54

      Der Wasserwert scheint uns nicht ungewöhnlich, es war bis Anfang April viel mehr die Schneehöhe, die deutlich über dem langjährigen Mittel lag. In den mittleren Lagen erfolgte aber im Laufe des April ein aussergewöhnlich rasches Abschmelzen der Schneedecke. An den verschiedenen Messstellen des SLF ist dieser Vorgang sehr schön zu sehen: https://www.slf.ch/de/lawinenbulletin-und-schneesituation/messwerte.html