Inhaltsbereich

Hellgrau oder dunkelgrau

18. Mai 2019, 15 Kommentare
Themen: Wetter

Heute lag die Schweiz im Einflussbereich eines Tiefs über dem Golf von Genua. Es steuerte aus Südosten milde und feuchte Luft zu den Alpen. Auf der Alpensüdseite kam es dadurch zu einer mässig ausgeprägten Stausituation. In der Höhe vermochten die Wolken die Alpen zu überqueren, so dass es auch nördlich der Alpen meist stark bewölkt war, wenn auch nicht durch tiefhängende Staubewölkung. Insgesamt war die Luft auch ziemlich labil geschichtet, so dass es beispielsweise im westlichen Jura schon am frühen Nachmittag zu Schauern kam. Trotz der relativ milden Luftmasse stiegen die Temperaturen am frühen Nachmittag in den Niederungen der Alpennordseite bloss auf 16 bis 19 Grad, auf der Alpensüdseite musste man sich sogar mit nur 14 Grad begnügen.

Auf der Wetterkarte auf 500 hPa ist im Alpenraum eine schwache Südostströmung auszumachen (mit rosarotem Pfeil dargestellt).
Auf der Wetterkarte auf 500 hPa ist im Alpenraum eine schwache Südostströmung auszumachen (mit rosarotem Pfeil dargestellt).

Im Süden dunkelgrau

Mit den südöstlichen Winden floss recht feuchte Luft zur Alpensüdseite, wo sie sich naturgemäss staute. Wie üblich bei dieser Anströmungsrichtung waren hauptsächlich das Südtessin, das Locarnese und das Maggiagebiet betroffen. Extrem ergiebig war die Niederschläge allerdings nicht, was in Anbetracht der nur schwachen Südostströmung auch nicht überrascht. Immerhin kamen nördlich von Lugano seit Mitternacht mehr als 10 mm zusammen, während etwa in der Leventina und im Bleniotal nur 2 mm gemessen werden konnten. Ebenfalls nur 2 bis 3 mm mass man allerdings auch in der Simplonregion, welche sonst bei Südostwind oft die grössten Niederschlagsmengen aufweist. Offensichtlich vermochte die schwache Südostströmung die Niederschläge nicht so weit Richtung Alpenkamm zu treiben.

Südstaulagen sind bekannt dafür, dass sie oft besonders trübes und wolkenverhangene Verhältnisse bewirken. Diesmal war es nicht ganz so schlimm, dennoch kann von einem dunkelgrauen Tag gesprochen werden. Die maximal gemessenen 14 Grad trugen auch nicht dazu bei, dass man sich im Spätfrühling fühlte…

Im Norden hellgrau

Die vom Südostwind herangeführten Wolken hatten eine grosse vertikale Ausdehnung und vermochten deshalb die Alpen mühelos zu überqueren. Aus diesem Grund war die Sonne auch nördlich der Alpen kaum zu sehen. Immerhin handelte es sich dabei um recht hoch gelegene Bewölkung, so dass ein eher heller Eindruck entstand, besonders in den östlichen Landesteilen.

Die gegenüber der Alpensüdseite etwas erhöhten Einstrahlungswerte sorgten dafür, dass es mit 16 bis 19 Grad etwas weniger kühl war als auf der Alpensüdseite. Einen Hitzschlag bekam aber auch nördlich der Alpen bestimmt nicht.

Der Frühling hat es dieses Jahr in den Alpen gar nicht eilig

Wenn man einen Vergleich zum letzten Jahr macht, so fällt auf, dass es im Bereich von 2000 Metern heuer noch viel weisser ist als noch vor einem Jahr. Grund dafür sind die geringe Sonneneinstrahlung und die tiefen Temperaturen. Denn letztes Jahr war es bekanntlich so, dass der Winter in höheren Lagen extrem schneereich war, im Wallis wurden zum Teil sogar rekordnahe Schneemengen gemessen. Trotzdem verschwand die Schneedecke aufgrund des extrem sonnigen und warmen Spätfrühlings rasch. Besonders von Mitte bis Ende April war es im Jahr 2018 ausserordentlich sonnig und warm.

Anders dieses Jahr. So gab es beispielsweise anfangs April in den Zentralalpen ausgiebige Schneefälle, wobei selbst in den tiefsten Lagen der Alpentäler, so zum Beispiel im Urner Reusstal, innert weniger als 24 Stunden 60 cm fielen. Dies ist eine Schneemenge, wie sie in diesem Gebiet selbst im Hochwinter seit Jahrzehnten nie vorkam. Auf der Göscheneralp wuchs die Schneedecke innert 2 Tagen um ca. 1.50 Meter. Nebst dem heuer auch nicht schneearmen Winter sorgten  diese massiven Schneefälle  für eine erhebliche Verzögerung des Schneedeckenabbaus. Der Hauptgrund sind aber doch die starke Bewölkung und die tiefen Temperaturen. Die erste Hälfte des aktuellen Monats Mai war sehr kalt im Vergleich zur Norm.

Später Frühlingseinzug war früher nicht ungewöhnlich

In den späten 70er und in den frühen 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts war spätes Ausapern sehr häufig. So waren die Gebiete um 2400 Meter in diesen Jahren Ende Juni noch im tiefsten Winterkleid, und die Schneedecke verschwand etwa auf der 2431 Meter hoch gelegenen Furka in der letzten Dekade des Monats Juli. Damals waren vor allem auch die Sommermonate sehr niederschlagsreich und kalt. So kam es vor, dass in Andermatt noch im Juni 10 bis 20 cm Neuschnee gemessen wurde, und im Juli 1980 fiel Schnee bis in den Talkessel von Grindelwald auf 1000 Metern Höhe.

Im Jahr 1961 war es sogar derart extrem, dass am 8. Juni noch in Erstfeld auf 470 Metern Höhe 10 cm Schnee gemessen werden konnte, und in den späten 70er Jahren sank die Schneefallgrenze ebenda im Juli!! noch auf 700 Meter. Alles in allem: Schneefälle bis in tiefste Lagen konnten in dieser Zeit hie und da festgestellt werden. Es ist daher kein Wunder, dass der Frühling auf 2000 Meter Höhe spät einzog. Die jetzige Schneelage wäre damals nicht der Rede wert gewesen.

Ein weiteres Beispiel ist der Lawinenwinter 1951. Er war in den Tessiner Alpen extrem schneereich, so dass Mitte Februar in 1200 bis 1500 Metern Höhe im oberen Maggiatal eine Schneedecke von 5 Meter Mächtigkeit lag. Nun war der Frühling oft trüb und regnerisch, und in der Höhe fiel weiterhin oft Schnee. Dies führte dazu, dass etwa in Bosco Gurin auf nur 1500 Metern die Schneedecke erst in den ersten Junitagen verschwand. Die Leute vom oberen Maggiatal und vom Bedrettotal hätten für die jetzige Schneelage ein kühles Achselzucken übrig gehabt.

Noch extremer ist ein Blick ins Jahr 1879. Damals zerstörte am 29. Mai 1879 eine Lawine aus dem Val Ruino ein Teil des Dorfes Fontana im Bedrettotal. Laut Zeugenaussagen soll auf der Höhe von 1280 Metern – so hoch liegt nämlich das Dorf Fontana – die Schneedecke in den ersten Junitagen dieses Jahres noch 1 Meter betragen haben. Der Chronist erwähnte noch, dass das damals gar nicht so aussergewöhnlich gewesen sein soll.

Kurzum: Wir wissen gar nicht mehr, wie sehr extrem schneereiche Winter im Zusammenhang mit kalten und nassen Frühlingsmonaten die Schneeschmelze hinauszögern können. Dabei ist noch zu bemerken, dass es sich bei den oben beschriebenen Fällen um Gebiete im Tessin handelt, wo es bekanntlich normalerweise wärmer und sonniger als nördlich der Alpen ist. Es kann einfach nicht geleugnet werden, dass seit den 80er Jahren des vergangen Jahrhunderts die Temperaturen gestiegen sind, was ohne Zweifel grosse Auswirkungen auf den Frühlingseinzug in den Bergen hat.

Kommentare (15)

  1. pascal, 19.05.2019, 17:30

    Heute morgen stellte ich fest, dass es bei uns gehagelt hatte.
    Zwar nur kurz, aber die Pflanzen haben teilweise gelitten.
    Wo kann ich im Nachhinein feststellen, wo es lokal Hagelschlag gab?

    1. MeteoSchweiz, 19.05.2019, 17:54

      Ein fixfertiges Produkt zur Hagelverteilung der vergangenen Stunden gibt es leider nicht auf unserer App bzw. Internetseite.
      Aber wenn Sie in unserer App die Kachel „Animationen“ wählen und anschliessend rechts unten das Icon für Hagel (jenes mit den 3 Dreiecken) aktivieren, dann können Sie mit der Zeitnavigation in die Vergangenheit springen und sehen von Nutzern gemeldete Hagelbeobachtungen und das Radarbild zum entsprechenden Zeitpunkt.

  2. Mad Max, 19.05.2019, 17:27

    In denn 80er war der Monat Mai meistens wunderbar!Gab es eigentlich in diesem Jahr schon einen einzigen schönen Tag im sogenannten "Wonnenmonat "Mai?Und es sieht weiterhin in absehbarer Zeit nicht schöner aus...!

  3. Laurent, 19.05.2019, 11:56

    Haben Sie nicht ein blog auf Französisch? Danke!

    1. MeteoSchweiz, 19.05.2019, 12:17

      Dieser Link führt Sie zum Blog unser Genfer Kolleginnen und Kollegen:

      https://www.meteosuisse.admin.ch/home/actualite/meteosuisse-blog.html

  4. sobre, 19.05.2019, 09:46

    Vielen Dank dem meteoteam für den täglichen blog mit den ausführlichen Erklärungen zum Wetter und den tollen Bildern! Schade wenn einige Leser jeweils nur ihr kleines 'Revier' sehen und bissige Komentare schreiben. Zum Glück kann niemand von uns sein Wunschwetter machen.

    1. Heinz F., 19.05.2019, 11:41

      Gerne möchte ich mich Sobre anschliessen. M.E. werden in letzter Zeit oft hohe Emotionen geäussert, dabei handelt es sich doch bei den Wetterphänomenen um wissenschaftlich erklärbare Fakten. Wir müssen sie hinnehmen, auch wenn sie aktuell sehr unangenehm sein können. Und klar, die Klimaveränderung drückt auch mir sehr auf das Gemüt.
      Aber jetzt eine konkrete Frage an das Meteo-Team: Ist beim Programm, welches die lokalen Niederschlagsprognosen (Balkendiagramme) erstellt, ein Fehler aufgetreten? Mir fällt auf, dass es in den letzten Tagen oft - m.E. unmotiviert - hohe Regenmengen vorraussagt, die dann in kurzer Zeit wieder auf Null sinken. Z.B. Weissenstein b. Solothurn: gestern Abend für Mittwoch Mittag enorme Niederschläge, heute Morgen wieder trocken (ich plane da eine Tour). Oder gestern Nachmittag für Zürich eine wahre Sintflut, während es effektiv beinahe trocken blieb.

    2. MeteoSchweiz, 19.05.2019, 12:33

      Kein Fehler, sondern ein Abbild der Unsicherheit aufgrund der Wetterlage. Numerische Vorhersagemodelle kommen mit Strömungslagen besser zurecht als mit indifferenten Wetterlagen. Die Flache Druckverteilung, die Labilität und das Feuchteangebot machen es den Modellen schwer, den zeitlichen und örtlichen Ablauf des Wettergeschehens zu erfassen. Bei Punkt-, bzw. Ortsprognosen - wie sie z. B. auf der MeteoSchweiz-App verwendet wird - äussert sich das so, dass wenn der eine Modell-Lauf ein Gewitter genau am Weissenstein zeigt, der nächste dieses jedoch um ein paar Kilometer an einen anderen Ort verschiebt, die Intensität des Niederschlags örtlich entsprechend sprunghaft ändert.

    3. Heinz F., 19.05.2019, 13:35

      Herzlichen Dank an Meteo Schweiz für die rasche und präzise Antwort.

  5. Peter Sager, 18.05.2019, 22:32

    Ja heute und am Morgen vom 19.5.2019 ist der letzte kleine Schneeflecken auf 1050 Meter im Brunni Alpthal zu sehen, ab dem 20.5.2019 ist es dort Aper (wie die Innerschweizer sagen).
    https://www.brunnialpthal.ch/Wetter.aspx
    Auch noch viel Schnee am Morgen vom 19.5.2019 auf dem Stoos auf 1300 Meter über Meer.
    Auch noch am 19.5.2019 Wintersperre des Gotthard Passes.
    Dies alles ende Mai, dass ist schon seit 40 Jahren so nicht mehr der Fall gewesen. Weiterhin Zürich im Mai kein Plus über 19 Grad und jede Nacht unter 10 Grad.

  6. gregy, 18.05.2019, 22:04

    Hier in bubikon sind die Himmel aufgegangen viele spektakuläre Blitze bogenform das Gewitter war krank# Starkregen

  7. Mike (Basel), 18.05.2019, 18:54

    Das ist für mich nun absolut inakzeptabel. In Basel schien heute die Sonne für längere Zeit durch die hohen Wolken, wobei am Boden deutliche Schattenbildung auszumachen war. Trotzdem wurde aber keine einzige Minute Sonne aufgezeichnet?! Spätestens jetzt müsste man doch erkennen, dass der Schwellenwert von 200 W/m2 fürs Flachland/Mittelland nicht zu gebrauchen ist. Vor allem dann, wenn an der Station Möhlin, bei kaum anderen Wetterbedingungen , die Sonne für mehrere Stunden geschienen haben soll. Da ja dort wie ich gehört habe, der Sonnenschein nicht aufgezeichnet, sondern mittels der Globalstrahlung berechnet wird, frage ich mich, ob sich diese Berechnung am Schwellenwert von 120 W/m2 orientiert, denn auf der anderen Rheinseite, an der DWD Station Rheinfelden schien die Sonne bis 15:50 UTC 205min.
    Kann doch nicht sein, dass es bei identischen Wetterbedingungen heisst, in Deutschland scheint die Sonne und in der Schweiz ist es bewölkt.

    1. Sven, 19.05.2019, 11:55

      Kann man jetzt schon sagen wie klar,warm trocken oder nass wird? Oder ob der Sommer 2019 Durchschnittlich ausfallen wird?

    2. MeteoSchweiz, 19.05.2019, 12:50

      @Sven: Den Saisonausblick finden Sie unter https://www.meteoschweiz.admin.ch/home/wetter/prognosen/saisonausblick.html

    3. MeteoSchweiz, 22.05.2019, 12:47

      Die Berechnung der Sonnenscheindauer orientiert sich am Schwellenwert von 200W/m2, wie er im Messnetz von MeteoSchweiz seit 1981 verwendet wird. Die berechneten Werte sind allerdings bei Bedingungen, wie sie am 18.5. in Basel herrschten, sehr unsicher und können zu grossen Abweichungen führen. MeteoSchweiz ist bemüht, berechnete Werte in Zukunft wieder durch Messungen zu ersetzen. Zum verwendeten Schwellenwert von 200W/m2 haben Sie von MeteoSchweiz bereits alle Informationen erhalten.