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Braves Wetter

6. April 2019, 7 Kommentare
Themen: Wetter

Wenn man mit den Wetterkapriolen vom Donnerstag vergleicht, war es gestern und heute meteorologisch wieder beruhigend normal. Ein Tief über der Biskaya führte aus Süden milde und eher feuchte Mittelmeerluft zu den Alpen. Dort war es bewölkt bis stark bewölkt, aber es blieb trocken. In der übrigen Schweiz zeigte sich zeitweise die Sonne. Allerdings verdeckten hohe Wolkenfelder zwischendurch die Sonne.

Beim Aufstieg zum Silvrettahorn präsentierte sich das Wetter freundlich, wenn auch aus Süden Wolken über die Gebirgskämme schwappten, hier erkenntlich am Nebelfeld: Bild: Joel Fisler.
Beim Aufstieg zum Silvrettahorn präsentierte sich das Wetter freundlich, wenn auch aus Süden Wolken über die Gebirgskämme schwappten, hier erkenntlich am Nebelfeld: Bild: Joel Fisler.

Urnerland erholt sich langsam von den Wetterkapriolen

Die Gegenstromlage vom Donnerstag brachte insbesondere dem Urnerland sehr grosse Schneemengen. In Erstfeld lagen am Donnerstagabend ca. 50 cm Schnee. Dies ist eine Menge, welche dort im Winter fast nie gemessen wird. Sie kommt immer nur dann zustande, wenn in der Höhe starke Südwinde milde und feuchte Luft über den Alpenkamm nach Norden führen und dort auf die aus Westen oder Norden herangeführte Kaltluft aufgleitet. Die dadurch ausgelösten Niederschläge gehen infolge der Niederschlagsabkühlung rasch bis in den Talboden in Schnee über, wodurch speziell im Herbst und Frühjahr sehr ergiebige Schneefälle möglich sind.

Frühlingssonne und Bodenwärme bringen diesen Schnee recht rasch zum Schmelzen

Trotz der grossen Schneemenge und vor allem dem hohen Wasserwert verschwindet die mächtige Schneedecke meist rasch. Im Durchschnitt kann gesagt werden, dass an einem ziemlich sonnigen Tag die Globalstrahlungssumme rund 15 Millionen Joule pro Tag beträgt. Das Reflexionsvermögen einer Nassschneedecke liegt bei etwa 50 %. Somit erhält die Schneedecke pro Tag und Quadratmeter 7.5 Millionen Joule Energie zum Schmelzen. Lässt man einmal den Bodenwärmefluss, welcher der Schneedecke ebenfalls zusetzt, und den sensiblen Wärmestrom, welcher vor allem tagsüber ebenfalls zur Schmelze beiträgt, da die Lufttemperatur deutlich über 0 Grad liegt, weg, kann man etwa abschätzen, wie lange eine solche Schneedecke Bestand hält. Der Wasserwert der etwa 50 cm mächtigen Schneedecke lag bei etwa 60 mm, dies entspricht 60 Liter Wasser pro Quadratmeter oder besser gesagt 60 kg Schnee pro Quadratmeter. Um 60 kg Schnee zu schmelzen braucht es eine Energiemenge von etwa 20 Millionen Joule. Bei einem täglichen Energieinput von 7.5 Millionen Joule braucht es also 2.7 Tage, bis der Schnee in Erstfeld verschwunden sein sollte, was also morgen Sonntag am Nachmittag etwa der Fall sein sollte. Dass dies in etwa stimmt, beweist die Tatsache, dass bereits gestern Abend die Schneedecke nur noch etwa 25 cm betrug, hier sind allerdings die Setzungsbeträge nicht mitberücksichtigt. Heute Abend ist die Schneedecke gemäss Webcams immer noch vorhanden, wenn auch nur noch wenige Zentimeter mächtig.

Schneedecke wirkt stark abkühlend auf die Umgebung

Durch das Vorhandensein der Schneedecke, welche der Luft infolge des Schmelzens Wärme entzieht, stieg die Lufttemperatur in Altdorf bis um 16 UTC auf nur 9.1 Grad an. Im schneefreien Mittelland wurden dagegen zum Teil über 14 Grads gemessen. Im Churer Rheintal reichte es mit Föhn sogar bis über 16 Grad. Die Kaltlufthaut im Urner Reusstal verhinderte möglicherweise bis am späten Abend sogar ein Vorstossen des Föhns bis in den Talboden des Urner Reusstals, ehe er sich auch dort durchsetzen konnte. Allerdings handelte sich es um einen schwachen Föhn. Ein starker Föhn mit Böenspitzen von über 100 km/h lässt sich von einer Schneedecke nicht beeindrucken. Im Gegenteil - durch die hohe Windgeschwindigkeit und die hohe Lufttemperatur entsteht bei Föhn ein sehr hoher Wärmefluss zur Schneedecke, welche dann gewöhnlich extrem rasch verschwindet. Selbst im Januar kann dann eine Schneedecke von 30 cm innert 24 Stunden vollständig verschwinden, etwas, was die Sonneneinstrahlung im Januar niemals zustande brächte. Man sagt nicht umsonst in Uri: Der Föhn vermag in einem Tag mehr zu leisten als die Sonne in 10 Tagen.

Auf der Alpensüdseite durch Südstau nur wenig Sonne

Durch die südliche Anströmungsrichtung staute sich die Luft auf der Alpensüdseite. Damit war die Bewölkung recht zäh und hüllte die Berghänge ein. Es entstand der Eindruck von einem grauen und trüben Tag. Durch die milde Luftmasse stieg die Temperatur tagsüber dennoch auf 14 bis 16 Grad.

In der übrigen Schweiz meist freundlich

In den übrigen Landesteilen zogen zwar hie und da dichte hohe Wolkenfelder durch, welche die Sonne örtlich auch längere Zeit abdeckten. Trotzdem war es insgesamt freundlich und mit den bereits erwähnten 14 bis 16 Grad recht mild.

Kommentare (7)

  1. Thomas, 08.04.2019, 21:11

    @Meteoschweiz: Danke für den Hinweis, an den offensichtlichen Unterschied zwischen Nass- und Pulverschnee habe ich nicht gedacht. Wegen dem Wasserwert: Ich gehe von Neuschnee aus, bei dem der Wasserwert in höheren Lagen nicht ja nicht höher ist (normalerweise tiefer). Ist ja auch ein Widerspruch, dass es einerseits eher Pulverschnee sein soll, gleichzeitig aber der Wasserwert höher als in den Niederungen. Aber ich verstehe, was sie sagen wollen; man muss einfach den Unterschied zwischen Neu- und Altschnee machen.

  2. Peter Bernet, 07.04.2019, 11:24

    Ich habe auch noch zwei Ergänzungen zum interessanten
    Thema:
    Auch der Verschmutzungsgrad der Schneedecke spielt eine
    grosse Rolle. Auf der Altschneedecke liegt Staub und Russ,
    und damit werden die Sonnenstrahlen weniger stark
    reflektiert.
    Ebenso spielt der Einfallswinkel der Sonnenstrahlen eine
    wichtige Rolle. Jetzt, im Frühling, steht die Sonne schon viel
    höher, als zum Beispiel im Januar, und damit wird die Schnee-
    decke auch viel rascher abgebaut. (Cosinus des Winkels)

  3. Christoph Heim, 07.04.2019, 10:09

    Sehr interessanter und fundierter Beitrag zur Schnee-Energiebilanz und schön, wie ihr diese Berechnung auf die aktuelle Lage anwendet. (Wer sich da auf vertipper fokusiert, verpasst das Wesentliche! ;-) ) Vielen Dank für die genialen Texte, die ihr täglich für uns schreibt!

  4. Otto Höschle, 07.04.2019, 07:21

    "Beim Aufstieg zum Silverttahorn prsäentiwerte sich das Wetter ..."
    Wenn ich so einen Bildkommentar lese, kann ich nur sagen: Warum nicht wenigstens einmal durchlesen, bevor man es frei gibt? Aus Respekt vor denen, die es lesen werden.
    Oder wurde der Berg umbenannt und es gibt ein neues Verb:
    prsäentiwerten? ;-)
    Schade, die Website ist sonst nämlich lesenswert und die Bilder sind exzellent.

    1. MeteoSchweiz, 07.04.2019, 07:49

      Besten Dank für ihren Hinweis. Die "Verschreiber" werden umgehend korrigiert. Grundsätzlich wird bei der MeteoSchweiz das Vier-Augen-Prinzip angewandt.

  5. Thomas, 06.04.2019, 19:59

    Gemäss dieser einfachen Rechnung (ohne Berücksichtigung von Bodenwärmefluss/sensiblem Wärmestrom) müsste ja eine Schneedecke von 50 cm (60 mm Wasserwert) auch auf beispielsweis 2000 Metern Höhe innerhalb von 2.7 Tagen abgebaut werden. Da geht doch etwas nicht auf!?

    1. MeteoSchweiz, 06.04.2019, 20:13

      Hier gibt es zwei Sachen zu beachten:
      Zunächst einmal handelt es sich im Winter oder im Frühling in höheren Lagen nicht um Nassschnee, sondern oft um Pulverschnee. Dieser reflektiert weit mehr Sonneneinstrahlung. Frisch gefallener Schnee sogar 91%. Zum anderen ist der Schnee in höheren Lagen weit kompakter. Das heisst auch, dass der Wasserwert dieses Schnees deutlich höher ist. Im Spätfrühling zum Beispiel weist eine Schneedecke von 50 cm einen Wasserwert von 200 mm auf, also rund 3 bis 4 Mal mehr als der Nassschnee in den Niederungen.