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Polarluft im Anflug

20. Januar 2022, 14 Kommentare
Themen: Wetter

Der Ablauf des heutigen Wetters kann in 3 Kapitel unterteilt werden: In der vergangenen Nacht überquerte ein Höhentief die Alpen (1), kurz danach erreichte eine Kaltfront (2) aus Norden die Schweiz. Tagsüber stellte sich eine Nordstaulage (3) ein. Als direkte Folge kam über den Alpen erneut Nordwind auf, womit sich die Trockenheit auf der Alpensüdseite weiter fortsetzt.

Trüber Vormittag in Hinterbuchenegg (ZH). Foto: D. Gerstgrasser
Trüber Vormittag in Hinterbuchenegg (ZH). Foto: D. Gerstgrasser

1. Höhentief

In der ersten Nachthälfte lag der Alpenraum noch vor der Kaltfront in einer südwestlichen Höhenströmung. In den höheren Luftschichten überquerte jedoch bereits ein Höhentief den südlichen Alpenraum.

Vergrösserte Ansicht: Links: Höhenwetterkarte mit Temperatur und Druckverteilung auf etwa 5500 m ü.M.. Rechts: Feuchtigkeit und Druckverteilung auf etwa 1500 m ü.M.
Links: Höhenwetterkarte mit Temperatur und Druckverteilung auf etwa 5500 m ü.M. Rechts: Feuchtigkeit und Druckverteilung auf etwa 1500 m ü.M.

Mit der Hebung des Höhentiefs, sowie einer angefeuchteten und leicht wärmeren Luftmasse im Vorfeld der Front reichte es stellenweise für erste schwache Niederschläge. Diese konzentrierten sich in erster Linie auf die Alpen.

2. Kaltfrondurchgang

Kurz darauf wurde das Höhentief in den nach Süden ausgreifenden Trog integriert. Kurz nach dem Durchschwenken der Trogachse erreichte die eher schwache Kaltfront die Schweiz und legte sich an den Alpennordhang.

Vergrösserte Ansicht: Links: Höhenwetterkarte mit Temperatur und Druckverteilung auf etwa 5500 m ü.M.. Rechts: Feuchtigkeit und Druckverteilung auf etwa 1500 m ü.M.
Links: Höhenwetterkarte mit Temperatur und Druckverteilung auf etwa 5500 m ü.M. Rechts: Feuchtigkeit und Druckverteilung auf etwa 1500 m ü.M.

Damit fiel etwas verbreiteter Schneefall, in den tiefsten Lagen zum Teil auch Schneeregen. Die Intensität blieb aber im schwachen bis mässigen Bereich. Bis um 7 Uhr wurden zwischen 0 und 5 cm Neuschnee gemessen. Der Schnee blieb insbesondere im Mittelland nicht oder nur kurz liegen, denn die (Boden-)Temperaturen bewegten sich meist im positiven Bereich.

Vergrösserte Ansicht: Neuschneemengen gemessen heute Vormittag um 7 Uhr
Neuschneemengen gemessen heute Vormittag um 7 Uhr

3. Nordstau

Hinter der Front drehte die Strömung auf Nord, womit sich die Feuchtigkeit zunehmend am Alpennordhang staute. Dazu wurde zwischen dem Hoch westlich von Irland und dem Tief über Skandinavien allmählich kältere Luft Richtung Mitteleuropa geführt. In der Folge verstärkte sich auch der Druckgradient über den Alpen weiter. Dies ist auch an den Geopotentiallinien auf 850 hPa zu sehen, welche über dem Alpenraum westlich von der Kaltfront ein schönes «Föhnknie» bilden.

Vergrösserte Ansicht: Links: Höhenwetterkarte mit Temperatur und Druckverteilung auf etwa 5500 m ü.M.. Rechts: Feuchtigkeit und Druckverteilung auf etwa 1500 m ü.M.
Links: Höhenwetterkarte mit Temperatur und Druckverteilung auf etwa 5500 m ü.M. Rechts: Feuchtigkeit und Druckverteilung auf etwa 1500 m ü.M.

Die Feuchtezufuhr liess mit der kälteren Luft im Laufe des Tages nach. So lockerte sich die Bewölkung vom Nordrand der Schweiz her teilweise auf und lies etwas Sonnenschein zu. Dies besonders auch am Jurasüdfuss, wo zusätzlich der Joran über den Jura strich und mit föhnigem Absinken für eine Abtrocknung sorgte.

Vergrösserte Ansicht: Dank Joran föhnige Aufhellungen in Grenchen. Quelle: https://fliegen.roundshot.com/
Dank Joran föhnige Aufhellungen in Grenchen. Quelle: https://fliegen.roundshot.com/

Im Süden weiterhin trocken

Die Alpensüdseite, einmal mehr durch den Alpenbogen geschützt, spürte Bewölkungstechnisch nur wenig von der Störung. Tagsüber war es oft sonnig. Dazu gab der Nordwind ein Comeback, welcher gegen Abend bis ins Südtessin vorstossen konnte. 

Somit setzt sich der trockene Winter weiter fort, denn auch in den kommenden Tagen sind keine Niederschläge zu erwarten. Entsprechend liegt im sonst so schneereichen Bosco / Gurin (1525 m ü.M.) weiterhin nur sehr wenig Schnee.

Vergrösserte Ansicht: Schneehöhenverlauf des Winters 2021/2022 in Bosco / Gurin (rot). Dazu (in grau) die Klimatologie von 1990-2020.
Schneehöhenverlauf des Winters 2021/2022 in Bosco / Gurin (rot). Dazu (in grau) die Klimatologie von 1990-2020.

Kommentare (14)

  1. Oliver, 21.01.2022, 10:34

    Sehr interessanter Blog

    Wie sieht in den nächsten Tagen aus wird es kälter und könnte es Schnee geben
    Vielen Dank und freundliche Grüße
    Oliver

    1. MeteoSchweiz, 21.01.2022, 11:03

      Vielen Dank für Ihren Kommentar. Fragen, die sich nicht auf den Inhalt des Blogs beziehen, werden an dieser Stelle nicht beantworten. Siehe auch unsere Netiquette unter https://bit.ly/3Itzskt
      Unsere Wetterprognose finden Sie auf unserer Homepage unter https://bit.ly/2Xl75gH oder auf unserer MeteoSwiss-App.
      Freundliche Grüsse MeteoSchweiz

  2. Richard Kocher, 21.01.2022, 10:34

    Waren das noch Zeiten,wenn man von Polarluft sprach,bei uns tiefe minus Themperaturen waren mit Dauerfrost.
    Heute ist bei Polarluft Schneeregen und milde 3 grad plus angesagt...

    1. wintersun, 21.01.2022, 14:50

      liegt wohl eher am menschengemachten Klimawandel.

  3. Wolfgang, 21.01.2022, 07:48

    Nun ist es mit Ausnahme von von ein paar Tagen um Weihnachten seit Ende November kalt, es fällt regelmäßig Schnee für die Wintersportler, es scheint kaum die Sonne. Eine Hitzewelle ist nicht in Sicht. Aber nun wird gejammert, dass es „zu trocken“ sei. Manchen Leuten passt einfach gar nichts oder es geht ihnen zu gut…

    1. Bernhard Deufel, 22.01.2022, 05:04

      Genau deshalb macht man Wetteraufzeichnungen und Statistiken, damit man nicht auf einen subjektiven oder persönlichen Eindruck hereinfällt. Es ist nun mal - schon wieder - massiv zu trocken. Ich würde das nicht als Jammern, sondern als grosse Sorge bezeichnen.

  4. Rebi, 20.01.2022, 23:45

    Guten abend
    Ist es möglich dass es in der ostschweiz schon seit ca 4 monaten eher trocken ist? Haben sie für mich eine Prozentangabe im Verhältnis zu anderen Jahren? Unsere Quelle ist in den letzten 4 monaten schon das 3. Mal leer. Vielen dank für ihre Antwort

    1. MeteoSchweiz, 21.01.2022, 02:34

      Guten Abend Rebi

      Nach einem deutlich zu nassen Sommer waren die Herbstmonate teils deutlich zu trocken im Vergleich mit der langjährigen Norm. Insbesondere im September, Oktober und November gab es in der Ostschweiz lediglich 30-60 Prozent der sonst üblichen Niederschlagsmenge. Also kein Wunder, dass Ihre Quelle schon ein paar Mal trocken gefallen ist. Im Dezember war die Monatssumme der Niederschläge dann mit 100 bis 150 Prozent in der Norm oder darüber.
      Auf unserer Internetseite finden Sie unter der Rubrik "Klima" entsprechende monatsweise Übersichten in Kartenform.

      Freundliche Grüsse, MeteoSchweiz

  5. jep, 20.01.2022, 21:06

    Guten Abend, kann man schon jetzt sagen, dass der Winter sich bis jetzt als sehr trocken gezeigt hat?

    1. MeteoSchweiz, 20.01.2022, 21:51

      Guten Abend
      Für die Alpensüdseite, Mittelbünden und das Engadin trifft dies bislang zu. Da fiel bereits im Dezember weniger Niederschlag als im langjährigen Mittel. In der restlichen Schweiz fiel im Dezember mehr Niederschlag als üblich. Im Januar haben wir bislang in allen Regionen ein Niederschlagsdefizit, wobei der Monat allerdings noch nicht zu Ende ist. Aufgrund der aktuell vorhandenen Prognoseunterlagen ist jedoch davon auszugehen, dass der Januar vielerorts zu trocken ausfallen wird. Ob schlussendlich der Winter zu trocken oder zu feucht ausfallen wird, lässt sich erst Ende Februar beurteilen.
      Beste Grüsse
      MeteoSchweiz

  6. Urs Imhof, 20.01.2022, 17:42

    Was im Umkehreffekt heisst wir hatten bei den Temperaturen kaum Schwankungen.
    19.01.2022 tagsüber ca 4 Grad Wärme.
    Nachts 1 Grad bis 3 Grad Wärme und am 20.01.2022 erneut ca 4 Grad Wärme.
    Das soll eine Kaltfront sein?
    Ich werde das auch in hundert Jahren nicht verstehen.

    1. MeteoSchweiz, 20.01.2022, 18:12

      Guten Abend Herr Imhof. Eine Kaltfront wird eben nicht nur in den untersten Luftschichten definiert. Im Winter passiert es relativ häufig, dass sich Kaltfronten im Flachland mit einer Erwärmung bemerkbar machen. Man nennt diese Art von Kaltfronten sogenannte "maskierte Kaltfronten". Dies weil bei den häufigen Inversionslagen im Winter in den unteren Luftschichten kältere Luft lagert als darüber (Nebel- und Hochnebellagen). Eine aufziehende Kaltfront rückt nun diese Umkehr wieder in das klassische "unten wärmer - oben kälter" Muster. Natürlich gibt es auch hochreichend polare Kaltfronten, welche auch im Flachland für eine nachhaltige Abkühlung sorgen. Mit so einer hatten wir es heute jedoch nicht zu tun. Freundliche Grüsse MeteoSchweiz

    2. Michael S., 21.01.2022, 09:52

      ..na bitte - braucht keine 100 Jahre: 30s reichen ☺

    3. Albert, 22.01.2022, 08:53

      Hm, ich halte es da mit Herrn Imhof. Eine Kaltfront, die über die Kaltluftseen hinweg ziehen soll, quasi auf der Inversion gleitet, und das "natürliche" Temperaturgefälle wieder herstellt... Also entweder sie ist kalt, die Kaltfront – dann räumt sie u.a. die Kaltluftseen aus und drängt sie nach oben ab. Oder sie ist nicht kalt, dann erreicht sie den Boden nicht, stellt aber auch keine labile Schichtung her...
      Manchmal hat man das Gefühl, die Meteorologie ist nicht gerade eine exakte Wissenschaft 😁