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Rüsselwetter

18. April 2017, 7 Kommentare
Themen: Wetter

Wettertechnisch bot die heutige Lage einiges! So viel, dass hier im Blog leider nicht auf alles im Detail eingegangen werden konnte. Dies hätte den Rahmen definitiv gesprengt. Sie werden es mir verzeihen. Was aber mit "Rüsselwetter" gemeint ist, werden Sie in den folgenden Zeilen erfahren.

Eine Schauerzelle in der Nähe des Flughafens Zürich-Kloten. Foto: V. Hochuli
Eine Schauerzelle in der Nähe des Flughafens Zürich-Kloten. Foto: V. Hochuli

Neuschnee

Als allererstes zum Neuschnee. Seit gestern Nachmittag staute sich am zentralen und östlichen Alpennordhang die feuchte Luft, sodass dort bis heute Morgen einiges an Neuschnee gefallen ist. Zwischen der Zentralschweiz und dem Alpstein blieb oberhalb von etwa 1200 Metern 10 bis 25 cm Neuschnee liegen, oberhalb von rund 800 Metern waren es noch ein paar wenige Zentimeter. Für einige bedeutete dies heute in der Früh winterliche Strassenverhältnisse.

Sehr labile Luftschichtung

Die Schweiz lag heute im Einflussbereich von hochreichend labiler Luft polaren Ursprungs. In knapp 5500 Metern Höhe (Höhe der 500 hPa Druckfläche) lag die Temperatur über der Ostschweiz um -36 Grad. Ein solcher Wert ist im Frühling in unseren Breitengraden eher selten zu beobachten. Hauptsächlich wird eine solch tiefe Temperatur nur im Winter erreicht. Klimatologisch betrachtet wäre für den April ein Wert von rund -23 Grad normal.

In knapp 1500 Metern Höhe (850 hPa) wurde im Osten der Schweiz rund -6 Grad gemessen, was für die Jahreszeit ebenfalls ein sehr tiefer Wert ist. Im April liegt die Temperatur auf dieser Höhe im Schnitt nämlich um 3 Grad. Die Schwankungsbreite ist im April jedoch gross. Schaut man sich die Temperaturextreme von unserer Wetterstation auf dem Napf an (was ungefähr dieser Höhe entspricht), so ist im April zwischen -11.0 Grad (gemessen am 13. April 1986) und 21.4 Grad (gemessen am 28. April 2012) alles möglich.

Um die Labilität einer Luftmasse einzustufen, schaut sich der Meteorologe unter anderem den Temperaturunterschied zwischen den zwei oben erwähnten Höhen bzw. (Standard-)Druckflächen an. Dieser lag heute bei rund 30 Grad, was einem hohen Wert bzw. einer hohen Labilität entspricht.

Mit Hilfe der kräftigen Sonneneinstrahlung liessen somit Schauer und Gewitter nicht lange auf sich warten, von welchen es heute auch einige fotogene Exemplare gab. Die Temperatur erreichte am Nachmittag im Flachland während den trockenen und sonnigen Abschnitten Höchstwerte zwischen 6 und 10 (in Genf bis 12) Grad. Trotzdem schneite es bis in die Niederungen, da in den Schauern die kalte Luft aus höheren Schichten regelrecht heruntergerissen wurde. Lokal fiel auch Graupel. Unterhalb von rund 600 Metern setzte der Schnee aber kaum an, oder verschwand nach Abzug des Schauer rasch wieder.

Trichterwolke

Nicht zuletzt dank der hohen Labilität konnte man heute Morgen am östlichen Bodensee ein eher seltenes und vor allem sommerliches Phänomen bestaunen. Über dem See vor Rorschach bildete sich an der Basis einer Schauerwolke eine sogenannte Trichterwolke (englisch: funnel cloud). Würde diese die Seeoberfläche berühren, wäre es per Definition eine Wasserhose gewesen. Auf Webcambildern sieht man zwar den "Rüssel", einen Kontakt zur Seeoberfläche ist aber nicht wirklich auszumachen.

Damit sich eine solche Trichterwolke bilden kann, müssen mehrere Voraussetzungen erfüllt sein. Nebst einer zyklonalen, also tiefdruckbestimmten Wetterlage sind die wichtigsten „Zutaten“ – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – sicherlich eine hohe Labilität, ein konvergentes Windfeld (Winde in verschiedene, zusammenlaufende Richtungen) sowie kein allzu starker Wind (damit der „Rüssel“ nicht zerrissen wird). Offensichtlich waren heute diese Voraussetzungen erfüllt.

Die hohe Labilität wurde ja bereits eingangs des Blogbeitrags erwähnt. Für die Bildung einer Trichterwolke müssen wir aber die Labilität über den bodennahen Luftschichten betrachten, also zwischen Seeoberfläche und ca. 1500 Metern Höhe. Die Temperatur des Bodensees beträgt zur Zeit etwa 11 Grad und damit, relativ gesehen zur Luft darüber, recht mild. Auf 1500 Metern Höhe liegt die Temperatur wie bereits erwähnt bei etwa -6 Grad. Das ergibt einen Temperaturgradienten von 17 Grad innerhalb von ca. 1100 Metern Höhendifferenz, was ein hoher Wert darstellt.

Zudem braucht es wie erwähnt ein konvergentes Windfeld am Boden, sozusagen als Initialzündung von rotierenden Aufwinden. Unser hochaufgelöstes Modell Cosmo-1 modellierte in den Morgenstunden ein solches konvergentes Windfeld (siehe obige Abb. 8). Windmessstationen zeigten ebenfalls Winde in unterschiedliche Richtungen. Alles würde aber nichts nützen, wenn dann der vorherrschende Wind zu stark wäre. Dann würde dieser nämlich die Rotation im Aufwindbereich wieder zerreissen oder erst gar nicht entstehen lassen. Das war heute aber nicht der Fall.

Wenn die Wetterlage also die Bildung von Trichterwolken oder eben Rüsseln zulässt und es tatsächlich aus Rüssel gab wie heute, dann spricht man von Rüsselwetter :-).

Nordwind

Mit der Zufuhr von polaren Luftmassen aus Norden ist der Luftdruck auf der Alpennordseite seit gestern Abend deutlich angestiegen (von ca. 1016 auf 1024 hPa). Im Süden veränderte er sich jedoch nur wenig, womit sich heute ein Nordüberdruck von bis zu 12 hPa aufbauen konnte.

Dieser Druckunterschied wollte natürlich ausgeglichen werden. So wurden in den Niederungen des Tessins Böenspitzen zwischen 80 und 90 km/h gemessen. Am stärksten blies der Nordwind auf dem Monte Generoso mit bis zu 101 km/h. Im Mittel- und Südtessin war es dank dem Nordwind auch meist sonnig. Im Nordtessin hingegen war es deutlich weniger sonnig, da von Norden her immer wieder dichtere Bewölkung und zum Teil auch Schauer heranzogen.

In der Romandie deutlich sonniger

Auch in der Westschweiz konnte heute mehr Sonne genossen werden als in der Ostschweiz. Grund dafür war die geringere Labilität, da die oben erwähnte Höhenkaltluft bis am Abend nur die östlichen Landesteile erfasste. Die Verhältnisse waren also etwas stabiler sowie auch trockener.

Ein sogenannter „Flowsplit“ (auseinanderlaufende Strömungen) war im Übrigen sehr schön zu beobachten. In der Westschweiz blies die Bise und zeigte damit nicht gerade hochdruckbestimmte, aber stabilere Verhältnisse an, im zentralen und östlichen Flachland wehte Nord- bis Nordwestwind, welcher zyklonal, d.h. tiefdruckgeprägt war.

Kommentare (7)

  1. Tanja, 19.04.2017, 17:26

    Vielen lieben Dank für die tollen und interessanten Berichte und Bilder :)

  2. Sylvia, 19.04.2017, 11:20

    Herzlichen Dank. Was hatte es mit dem Sandsturm beim Camping an der Maggia in Locarno auf sich ? War doch sehr außergewöhnlich so lokal begrenzt.

    1. MeteoSchweiz, 19.04.2017, 14:24

      Die Böden im Tessin sind aktuell sehr trocken, da es schon seit längerer Zeit kein Niederschlag mehr gab (entsprechend ist auch die Waldbrandgefahr sehr gross). Mit starkem Nordwind, der gestern wehte, wurde viel Sand und Staub aufgewirbelt. Unsere Tessiner Kollegen haben dazu einen Blog-Beitrag erstellt (leider nur auf Italienisch):

      http://www.meteosvizzera.admin.ch/home.subpage.html/it/data/blogs/2017/4/colpo-di-vento.html

  3. Raimund Hächler Chur, 19.04.2017, 07:42

    Herzlichen Dank für diesen sehr informativen Beitrag! Gestern konnten wir auf der ganzen Fahrt von Köln nach Basel immer wieder wunderschöne Schauerzellen und Gewittertürme beobachten. Am Morgen hatte es in Münster noch tüchtig "zibölelet".

  4. Thomas, 18.04.2017, 19:51

    Höchst interessant und auch für die interessierten Laien informative Berichte. Vielen Dank für die regelmäßige Bereitstellung auch an Sonn- und Feiertagen.

  5. Peter Wullschleger, 18.04.2017, 19:37

    Also ich genieße nach rund 10 Stunden Sonnenschein die Abendsonne. Und frage mich, wo eigentlich der Alpennordhang genau ist. Leben dort viele Leute, so ganz schräg am Hang, die Alpen direkt vor der Sonne, und immer mit Schnee bei Staulage? Und wieso interessieren sich eigentlich Meteorologen so stark für diese Randgruppe?

    1. MeteoSchweiz, 19.04.2017, 11:37

      Der Begriff bzw. die Region "Alpennordhang" wird so häufig im Wetterbericht oder auch in den Blogs erwähnt, weil es eine Region darstellt, in welcher das Wetter häufig anders ist als beispielsweise im Flachland (wo Sie vermutlich wohnen, wenn Sie gestern rund 10 Stunden Sonne hatten), insbesondere bei Staulagen oder auch bei Föhnsituationen. Dabei geht es nicht darum, ob in dieser Region viele Menschen zu Hause sind oder nicht. Er wird also aus rein meteorologischen Gründen verwendet.

      Der "Alpennordhang" reicht vom nördlichen Alpenkamm bis zum Fuss der nördlichen Voralpen. Mit nördlichem Alpenkamm ist die Alpenkette gemeint, die vom Walliser Chablais über die Berner Alpen, den Gotthard und die südlichen Glarner Alpen bis ins untere Rätikon reicht. Mit dem Fuss der nördlichen Voralpen ist in etwa eine Linie gemeint, die vom östlichen Genfersee über die Region Gantrisch, die nördliche Napfregion, den Zugersee, den Obersee und das untere Toggenburg bis zum östlichen Bodensee reicht. Der Alpennordhang wird zudem in einen westlichen (Chablais bis ins westliche Berner Oberland), einen zentralen (westliches Berner Oberland bis ca. Klausenpass) und einen östlichen (alles östlich des Klausenpasses) Teil eingeteilt.