Neuer Bericht des IPCC: Ozean und Kryosphäre im Klimawandel

4. Oktober 2019, 13 Kommentare
Themen: Klima

25. September 2019, Ozeanographisches Museum Monaco, 11 Uhr Ortszeit: Der Zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaänderungen (Intergovernmental Panel on Climate Change; IPCC) stellt die Zusammenfassung seines neuesten Sonderberichts vor. Worum geht es? Was sind die Hauptergebnisse? Und wieso sind sie relevant für die Schweiz?

www.unsplash.com / Samuel Ferrara
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In regelmässigen Abständen trägt der IPCC den Stand des Wissens zum globalen Klimawandel und seinen Folgen in sogenannten Sachstandsberichten zusammen. Der letzte dieser Berichte datiert aus dem Jahr 2014 (mehr hier). Zusätzlich veröffentlicht der IPCC Sonderberichte, die bestimmte Themen im Kontext des globalen Klimawandels detailliert beleuchten. Der neueste Sonderbericht wurde Ende September von den Regierungen der 195 IPCC Mitgliedsstaaten genehmigt und anschliessend der Öffentlichkeit vorgestellt.

Ozean und Kryosphäre

Im Sonderbericht mit dem Titel Special Report on the Ocean and Cryosphere in a Changing Climate (SROCC) haben mehr als 100 Autoren aus 36 Ländern (darunter auch die Schweiz) den Stand des Wissens zu Veränderungen in den Ozeanen und in der Kryosphäre im Zuge des vergangenen und des zukünftigen Klimawandels zusammengetragen. Unter Kryosphäre versteht man die gefrorenen Komponenten des Klimasystems an sowie unter den Land- und Ozeanoberflächen. Dazu zählen vor allem Schnee, Gletscher, die polaren Eisschilde, Permafrost und das Meereis.

Ozean und Kryosphäre sind über den globalen Wasserkreislauf miteinander verbunden: schmelzende Schnee- und Eismassen fliessen als Wasser an oder unter der Landoberfläche ab. Der Teil, der auf seinem Weg nicht wieder in die Atmosphäre verdunstet, wird dem Ozean zugeführt. Von dort verdunstet wiederum ein Teil des Wassers und kann zu einem späteren Zeitpunkt als Schneefall wieder die Kryosphäre speisen. Auf lange Sicht und in einem stabilen Klima stellt sich ein Gleichgewicht mit stabilen Schnee- und Eisreserven ein. Wird dieses Gleichgewicht zum Beispiel durch eine langfristige Erwärmung gestört, so können die kontinentalen Schnee- und Eisreserven abnehmen, und das zusätzliche Schmelzwasser zu einem Anstieg des Meeresspiegels beitragen. Eine Ausnahme bildet übrigens schmelzendes Meereis, das zu keinem direkten Meeresspiegelanstieg führt, da schwimmendes Eis genau so viel Volumen verdrängt wie sein Schmelzwasser später einnimmt.

Bisherige Veränderungen

Der SROCC zeigt nun deutlich auf, dass das beschriebene Ungleichgewicht in der Tat real ist. Die bisherige globale Erwärmung seit Mitte des 19. Jahrhunderts hat zu einem deutlichen Rückgang der globalen Schnee- und Eismengen sowie zu einer Erhöhung der Permafrost-Temperaturen geführt. Schmelzende Schnee- und Eismassen sind heute der Hauptverursacher für den Anstieg des globalen Meeresspiegels. Dieser hat sich seit 1900 um etwa +19 cm erhöht, wobei sich der Anstieg in den letzten Jahrzehnten stark beschleunigt hat. Auch das arktische Meereis befindet sich auf dem Rückzug. Währenddessen haben sich die Ozeanmassen ebenfalls signifikant erwärmt und versauern durch Aufnahme eines Teils der menschlichen CO2 Emissionen zunehmend.

Was bringt die Zukunft?

In Zukunft werden sich diese beobachteten Trends zum Teil verstärkt fortsetzen. Bei weitergehend hohen Treibhausgasemissionen werden die Gletscher der Welt bis zum Ende des Jahrhunderts mehr als 30% ihrer derzeitigen Masse verlieren. In Regionen der mittleren Breiten und mit nur leichter Vergletscherung, wie zum Beispiel den Alpen, wird der Massenverlust mehr als 80% betragen. Die saisonale Schneebedeckung wird vor allem in tiefgelegenen Regionen deutlich abnehmen und das arktische Meereis wird sich weiterhin deutlich zurückziehen. Sowohl das antarktische als auch das Grönländische Eisschild werden deutlich an Masse verlieren und einen grossen Teil zum projizierten globalen Meeresspiegelanstieg von +84 cm bis zum Jahr 2100 beitragen. In der Zeit nach 2100 wird der Meeresspiegelanstieg mehr als einen Meter betragen.

Klimaschutzmassnahmen entlang des Pariser Klimaziels (Begrenzung der globalen Erwärmung seit vorindustrieller Zeit auf deutlich unter 2 °C) können das Ausmass dieser projizierten Änderungen sowie die damit verbundenen Risiken in den meisten Fällen reduzieren.

Was bedeutet dies für die Schweiz?

Die Klimazukunft der Schweiz wurde in den kürzlich veröffentlichten  Klimaszenarien CH2018 ausführlich beleuchtet. Bei ungebremstem Ausstoss von Treibhausgasen wird sich die Schweiz bis zum Ende des 21. Jahrhunderts um weitere +3.3  bis +5.4 °C erwärmen, mit deutlichen Konsequenzen auch für die Schnee- und Eisbedeckung. In tiefgelegenen Regionen wird die winterliche Schneedecke um mehr als 50% abnehmen und die Alpengletscher werden zu einem grossen Teil verschwunden sein. Klimaschutzmassnahmen entlang des Pariser Zwei-Grad-Ziels können die projizierten Änderungen um bis zu zwei Drittel reduzieren.

Die Auswirkungen dieses zukünftigen Klimawandels im Alpenraum und speziell in der Schweiz sowie Möglichkeiten, sich an diesen Wandel anzupassen, werden derzeit in einer Reihe von Forschungsprogrammen detailliert untersucht. Zudem werden sich die ETH Klimarunde (23. Oktober) sowie der High Mountain Summit der Weltorganisation für Meteorologie (WMO; 29.-31. Oktober) intensiv mit dem Klimawandel und seinen Konsequenzen für Hochgebirgsregionen beschäftigen.

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Kommentare (13)

  1. Alex Geigy, 16.10.2019, 07:59

    Das IPCC ist nicht nur eine wissenschaftliche, sondern auch eine politische UN-Organisation. Das IPCC hat das implizit erklärte Ziel, einen anthropogenen (menschgemachten) Klimaeinfluß nachzuweisen. Ein vorweggenommenes Ergebnis widerspricht freilich der jeder Wissenschaft zugrundeliegenden Ergebnisoffenheit. Das IPCC forscht nicht selbst, sondern über einen nicht transparenten Prozess ausgewählte Mitarbeiter, sog. Leitautoren, sammeln, selektieren(!) und interpretieren die Klimafachliteratur nach ihren eigenen Kriterien. Als Ergebnis gibt das IPCC umfangreiche Sachstandsberichte sowie komprimierte Berichte für Politiker heraus. Letztere widersprechen zum Teil den eigenen IPCC-Sachstandsberichten, weil die betreffenden Regierungen bei der Erstellung mitschreiben dürfen. Derartige Verbindungen zwischen Politik und Wissenschaft haben sich historisch immer als fatal erwiesen.

    Wieso werden die Erkenntnisse über die solare Strahlenaktivität in Ihren Berichten eigentlich nie beleuchtet?

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    1. MeteoSchweiz, 16.10.2019, 13:59

      Hallo Herr Geigy

      Im Auftrag des IPCC tragen Experten aus aller Welt den aktuellen Wissensstand zu den unterschiedlichen Aspekten des natürlichen und menschengemachten Klimawandels zusammen und bewerten ihn aus wissenschaftlicher Sicht. Ziel ist, Grundlagen für wissenschaftsbasierte Entscheidungen zu bieten. Der IPCC selber gibt jedoch keine Handlungsratschläge oder politische Empfehlungen ab. Die publizierten Berichte durchlaufen ein mehrstufiges Begutachtungsverfahren. In mehreren Begutachtungsrunden werden Kommentare, Kritik und Vorschläge von den Autoren bearbeitet. Beim Fünften Sachstandsbericht wurden mehrere zehntausend Kommentare von hunderten von Forschern und Regierungen eingereicht. In diesem Bericht wird übrigens auch der angesprochene Einfluss der Solarstrahlung auf die globale Erwärmung detailliert beurteilt.

      Mehr Informationen zum Ablauf des IPCC-Berichtswesens und wie man beitragen kann, ist hier sehr transparent beschrieben: https://www.ipcc.ch/site/assets/uploads/2019/09/Participate_IPCC_en.pdf

      Freundliche Grüsse, MeteoSchweiz

  2. Gianin, 15.10.2019, 18:53

    Warum muss der Bericht genehmigt werden u. ab wann sowie warum ist er genehm?

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    1. MeteoSchweiz, 16.10.2019, 14:01

      Hallo Gianin

      Als letzten Schritt der IPCC Berichtserstellung werden die Zusammenfassungen für politische Entscheidungsträger Satz für Satz von den Regierungen in einer Vollversammlung unter dem Vorsitz der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verabschiedet. Durch dieses Verfahren erkennen die Regierungen die wissenschaftlichen Aussagen der IPCC-Berichte an. Dabei achten die Regierungsvertreterinnen und -vertreter vor allem darauf, dass die Aussagen vollständig, verständlich und ausgewogen sind. Es dürfen nur Informationen aus den zugrundeliegenden Berichten genutzt werden. Die wissenschaftlichen Autorinnen und Autoren haben das letzte Wort.

      Freundliche Grüsse, MeteoSchweiz

  3. Bruno Meier, 07.10.2019, 06:42

    Sehr bedenklich. Die Zukunft sieht nicht gerade rosig aus, vor allem wenn man bedenkt, wie viele Leute tatsächlich ernsthaft der Meinung sind, dass der anthropogene Klimawandel nicht wahr sei. Leider begreift auch die Politik nicht, wie spät es tatsächlich ist. Traurig wie resistent manche Leute gegen Fakten sind.

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    1. Henry, 08.10.2019, 18:55

      Der beschleunigte Anstieg des Meeresspiegels ist kein Fakt, sondern ein mögliches Szenario. Der Meeresspiegel, der am Höhepunkt der letzten Eiszeit 120 Meter tiefer lag als heute, steigt seit Tausenden von Jahren. Viele Experten sind der Meinung, dass sich der Anstieg in den letzten Jahrzehnten NICHT beschleunigt hat.

    2. Urs Graul, 09.10.2019, 21:14

      Urs Graul
      gegen die Fakten sind vor allem diejenigen, die sagenhafte Gewinne mit klimaschädlichen Produkten machen. Ich habe hier in Deutschland lebend, solche wie die Autofabrikbesitzer vor Augen. Die nutzen jede Gelegenheit, um zum Beispiel durch Abgasbetrug ihre Gewinne zu erhöhen, was haben sie alles in Beweung gestzt, um nicht für die Reparatur ihrer Autos aufkommen zu müssen. Jetzt werben sie mit dem Spass, in der freien Natur Vollgas zu geben, für SUVs und andere schwere Wagen. Wieder um ihre Geschäfte auf Kosten der Natur auszuweiten. Mit diesen wird es keine Rettung der menschengerechten Umwelt geben, nur ohne sie. Ich denke, das heißt "system change".

    3. Alex Geigy, 19.10.2019, 08:05

      Regierungen, Wissenschaftler, der Weltklimarat und wir Alle sollten nicht ausser Acht lassen, dass sich die Anzahl Menschen, deren Arbeitsplätze, deren Alterserwartung, Nahrungs- und Gesundheitsversorgung sowie die Mobilität und folglich die Globalisierung nur dank der Nutzung der fossilen Energieträger überhaupt derart rasant entwickeln konnte, trotz zweier grosser Weltkriege im vergangenen Jahrhundert. Wenn das nicht ganz ohne Folgen für das Weltklima geschehen konnte, so sollten wir das doch eher hinnehmen und uns an die Veränderungen einfach anpassen, genauso wie das die Menschen, Tiere und Vegetation auch früher machten. Dass z.B. Holland überhaupt derart bevölkert sein kann, ist nur dank unnatürlichen, vom Menschen gebauten hohen Dämmen möglich. Also müssen vielleicht weitere Dämme gebaut werden, bzw. erhöht werden. Wirklich bedrohlich wird es erst, wenn die fossile Energie einmal nicht mehr genutzt werden kann, bzw. die nächste kleine Eiszeit kommt, vielleicht schon bald!

  4. Raphael Rosspeintner, 04.10.2019, 18:28

    Coole Berichte!

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  5. André Aubert, 04.10.2019, 18:05

    Sie schreiben dass sich die Ozeane erwärmen und dabei immer saurer werden durch die Aufnahme von co2. Aber Wasser dass sich erwärmt gibt ja co2 ab da seine Bindungsfähigkeit abnimmt, wie bei Sprudel in der Sonne. Die Ozeane bedecken eine immense Fläche der Erde und sind um 19cm angestiegen wegen den paar Gletschern die abgenommen haben. Das müsste ja eine gewaltige Menge an Eis gewesen sein.

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    1. MeteoSchweiz, 09.10.2019, 09:11

      Guten Tag Herr Aubert

      Vielen Dank für Ihre Bemerkungen.
      Zur ersten Frage: Es stimmt, dass die Löslichkeit von CO2 in einem wärmeren Ozean abnimmt. Derzeit ist der Ozean dennoch eine Senke für das atmosphärische CO2, denn die sich stetig erhöhenden Konzentrationen in der Atmosphäre führen zu einem Netto-Transport von der Atmosphäre in den Ozean. In den wärmeren Oberschichten gelöstes CO2 wird durch die ozeanische Zirkulation dann zunächst in den tieferen Ozean transportiert, während kälteres Tiefenwasser an die Oberfläche gelangt und weiteres CO2 aufnehmen kann. So wird trotz Erwärmung netto CO2 im Ozean gebunden, was zu einer teilweisen Versauerung führt.

      Zu Ihrer zweiten Bemerkung: Der bisherige Anstieg des globalen Meeresspiegels seit Beginn des 20. Jahrhunderts geht ungefähr zur Hälfte auf das Konto der thermischen Ausdehnung (wärmeres Wasser nimmt bei den vorherrschenden Temperaturen mehr Platz ein) und ist zur anderen Hälfte durch die abschmelzenden Gletscher und Eisschilde verursacht. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts stellen Gletscher und Eisschilde aber den grösseren Anteil.

      Freundliche Grüsse,
      MeteoSchweiz

  6. stefan, 04.10.2019, 16:42

    Sollte es nicht heissen dass nach 2100 der Meeresspiegel mehr als 1 m/100 Jahre ansteigen wird?

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    1. MeteoSchweiz, 08.10.2019, 17:04

      Lieber Stefan

      Vielen Dank für den Kommentar. Die Aussage im Text stimmt so zunächst. Bei ungebremstem Anstieg der Treibhausgasemissionen wird der Meeresspiegel in der Zeit nach 2100 sehr wahrscheinlich um mehr als einen Meter gegenüber 1986-2005 angestiegen sein. Im weiteren Verlauf bis zum Jahr 2300 kann der Anstieg dann je nach Emissionen weiterhin mehrere Meter betragen (Anstieg um mehrere Zentimeter pro Jahr), wobei diese Zahlen allerdings mir grösseren Unsicherheiten behaftet sind.

      Freundliche Grüsse,
      MeteoSchweiz