Wintereinbruch aus Süden?

8. November 2019, 4 Kommentare
Themen: Wetter

Der heutige Tag war wettermässig geprägt durch trübes Wetter mit tiefhängenden Wolken und teils kräftigen Niederschlägen. Verantwortlich dafür war eine südliche Höhenströmung, welche viel Feuchtigkeit zur Alpensüdseite und über die Alpen nach Norden verfrachtete. Obwohl die feuchte Luftmasse eigentlich aus Süden vom Mittelmeerraum kam, sank die Schneefallgrenze nördlich der Alpen verbreitet unter 1000 Meter ab. In einigen Gebieten konnte die weisse Pracht bis in tiefe Lagen beobachtet werden. Mehr dazu im heutigen Blog…

frisch verschneite Pisteanlage um 13:50 Uhr auf dem Crap Sogn Gion auf 2228 m ü.M., Quelle: fotowebcam.eu
frisch verschneite Pisteanlage um 13:50 Uhr auf dem Crap Sogn Gion auf 2228 m ü.M., Quelle: fotowebcam.eu

Synoptisches Setting

Die Wetterlage gehört zu den eher schwierig zu prognostizierenden Situationen, da verschiedene Anströmungen und Luftmassen über dem Alpenraum zusammen treffen. Wir sprechen dabei auch oft von sogenannten Gegenstromlagen, auch wenn diese heute nicht so ausgeprägt war.

Ein umfangreiches Tiefdrucksystem lag über Westeuropa und erstreckte sich von der Nordsee bis nach Spanien.
In den mittleren und höheren Schichten der Troposphäre wurde an der Vorderseite des Tiefdrucksystems  mit südwestlicher bis südlicher Anströmung seit gestern (Donnerstag) zunehmend feuchte Mittelmeerluft zum Alpenraum geführt. Gleichzeitig sickerte in den unteren Schichten aus Norden allmählich kältere Luft ein.

Die Frontalzone (stärkster Temperaturgradient im Übergang kalt/warm) lag heute längere Zeit über den Ost- und Südalpen praktisch stationär. Mit dem Aufgleiten der wärmeren Luft aus Süden über die kältere Luft im Norden wurde der Niederschlagsprozess über die Frontalzone hinaus weit nach Norden ausgelöst.

Dies führte in der Nacht auf Freitag einerseits aus Süden zu verstärkenden Niederschlägen und auf der Alpennordseite verbreitet zu einem Absinken der Schneefallgrenze unter 1000 Meter.

Niederschlagsabkühlung

Der Prozess der Niederschlagsabkühlung spielte heute eine entscheidende Rolle in Bezug auf die Höhe Schneefallgrenze.

Aufgrund der Luftmassentemperatur wäre die Schneefallgrenze relativ einheitlich bei etwa 800 bis 1100 Metern geblieben. Die Verstärkung der Niederschläge hat in den Alpentälern zu einem zusätzlichen Absinken der Schneefallgrenze geführt. Es gilt: Je enger das Tal, umso effizienter der Abkühlungsprozess, weil dabei weniger Luftvolumen abgekühlt werden muss, als bei grösseren Tälern. Deutlich erkennbar war dies heute im Haslital und im Reusstal. Dort sank die Schneefallgrenze unter 400 Meter, oder anders gesagt bis zum Talboden ab.

Insgesamt kamen recht beachtliche Niederschlags- bzw. Neuschneemengen zusammen. Bis zum Redaktionsschluss um 17 Uhr wurden in den vergangenen 24 Stunden folgende Niederschlagsmengen registriert:
Im Süden westlich der Leventina bis zur Simplonregion: 20 bis 30 mm, innerhalb vom oberen Maggia- und Bedrettotal bis zum Binntal 40-50 mm, lokal bis 60 mm.
Im Norden vom Obergoms über das Haslital, das Urner Oberland bis zur oberen Surselva 20 bis 30 mm und angrenzend im Wallis über das Emmental bis nach Schaffhausen und östlich davon 10 bis 20 mm.

Wo schneite es und wieviel?

Dank «social media» wurde schon zahlreich über den Wintereinbruch in den Alpen auf verschiedenen Plattformen «gepostet». Trotzdem gehört es auch zu unserem Tagesrückblick ebenso von den Neuschneemengen zu berichten.
Je nach Schneefallgrenze und Niederschlagsintensität zeigte sich die beschneiten Regionen recht unterschiedlich.

Am meisten Schnee gab es natürlich in den höheren Lagen. Insbesondere im Obergoms, der Grimsel- und Gotthardregion wurden oberhalb von 1200 Metern zwischen 30 und 50 cm Neuschnee gemessen.

Aber auch weit nach Norden hat es heruntergeschneit, in Disentis auf 1200 Metern wurden 20 cm, in Engelberg auf rund 1000 Metern wurden noch 12 cm von unseren automatischen Messstationen registriert.
Schwierige Strassenverhältnisse waren entsprechend auf der Nord-Südachse am Gotthard anzutreffen. Zurzeit der stärksten Niederschlagsphase am Vormittag musste auch die Schneeräumung zum Einsatz gelangen. Zeitweise waren 5 bis 10 cm Schnee auf der Fahrbahn der A2.

Nachlassender Niederschlag am Nachmittag

Durch die langsame Ostverlagerung der Frontalzone liess am Nachmittag die Niederschlagsaktivität nördlich der Alpen etwas nach. Die Schneefallgrenze stieg dabei in den Gebieten mit vorangegangener starker Niederschlagsabkühlung wieder von den Niederungen auf etwa 600 Meter an. Damit verbesserten sich in diesen Regionen auch der Strassenzustand, der Schnee ging in «Pflotsch» über oder verflüssigte sich ganz. Der Südstau hielt aber dennoch an und brachte am Alpensüdhang und in den angrenzenden nördlichen Gebieten noch weiterhin teils kräftigere Niederschläge.

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Kommentare (4)

  1. Andreas Brezing, 08.11.2019, 21:16

    Danke für die guten Blogs von Euch,

    hier im Nordschwarzwald, Nagold auf 557 Meter ü.N.N. ab ca 13 Uhr Schneeregen und Schnee bei ca. Plus 1 Grad. 16 Liter Regen und Schnee heute. War total überrascht wie schnell die Temperatur tagsüber von Plus 4 Grad auf 1 Grad runterrauschte. So ist das Wetter eben.

    Gruß aus Württemberg an die Eidgenossen

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  2. Wolfgang, 08.11.2019, 20:04

    Das ist schon ein sehr früher Wintereinbruch, oder? Es ist ja noch Anfang November.

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  3. Andreas Achermann, 08.11.2019, 18:20

    Tönt im Nachhinein alles sehr plausibel und zutreffend. Danke für den Bericht. Gerne hätte ich jedoch gewusst, weshalb der Föhn trotz ausgeprägter Südströmung nicht eingesetzt hat und die kompakte Feuchte gar über die Alpen geschoben wurde, als existierten die gar nicht. Weiter wäre interessant zu wissen, weshalb die Niederschlagsabkühlung im Tessin vor 2 Wochen nicht vorhanden war, obwohl sich dort sehr grosse Regenmengen totalisierten. Teilweise waren die Temperaturen im TI gar höher als nördlich der Alpen.

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    1. MeteoSchweiz, 08.11.2019, 22:27

      Sehr geehrter Herr Achermann,

      bei der heute Abend zu Ende gegangenen Lage war es so, dass in den unteren Luftschichten bereits gestern kältere Luft zur Alpennordseite eingeflossen war und die nördlichen Winde in der Folge weitere Kaltluftmassen heranführten. Die starken Südwinde in der Höhe konnen deshalb nördlich des Alpenkamms nicht als Föhn in die Täler absinken und abtrocknen. Vielmehr glitten sie auf das mächtige Kaltluftkissen der Alpennordseite auf, was auch dort kräftige Niederschläge verursachte.

      Niederschlagsabkühlung findet hauptächlich dann statt, wenn die Schneefallgrenze bereits aufgrund der Luftmasse deutlich unter den Gebirgskämmen liegt. Denn in abgeschlossenen Talkammern ist es meist windstill, wodurch die Abkühlung durch die schmelzenden Schneefllocken rasch vonstatten geht. Führt der Wind hingegen die abgekühlte Luft aus dem Niederschlagsgebiet weg und transportiert neue, noch nicht durch schmelzende Schneeflocken abgekühlte Luftmassen ins Niederschlagsgebiet, so ist die Niederschlagsabkühlung praktisch nicht vorhanden. Nun ist es natürlich so, dass im Fall vor 2 Wochen die Schneefallgrenze höher war, und es ist deshalb anzunehmen, dass dort der Wind den Luftmassenaustausch förderte. Heute hingegen war die Schneefallgrenze an sich schon tief, und in einem abgeschlossenen Talbecken, wie es die obere Leventina darstellt, konnte deshalb die Niederschlagsabkühlung sich voll ausprägen.