Globales Hagelvorkommen

14. Mai 2019, 7 Kommentare
Themen: Klima

In den ersten vier Beiträgen der Hagelserie haben wir uns mit der Entstehung von Hagel, dem Vorkommen von Hagel in der Schweiz und den Beobachtungsweisen von Hagel in unserem Land befasst. Obwohl es in der Schweiz Regionen gibt, die häufig von Hagel betroffen sind, sind in Bezug auf weltweite Hagelrekorde andere Erdteile die Spitzenreiter!

Abbildung 1: Globales geschätztes Vorkommen von grossem Hagel (Hagelkorn >2.5cm, abgeändert von Prein und Holland 2018)
Abbildung 1: Globales geschätztes Vorkommen von grossem Hagel (Hagelkorn >2.5cm, abgeändert von Prein und Holland 2018)

Hagel ist ein Phänomen das vor allem, aber nicht ausschliesslich, die mittleren Breiten betrifft. Hagel kommt besonders oft in der Nähe von Gebirgsketten vor, wie zum Beispiel den Anden und dem Himalaya, und, wie wir bereits wissen, auch den Alpen und dem Jura.

Eine vor kurzer Zeit publizierte Studie (Prein und Holland 2018, siehe Abbildung oben) rekonstruiert anhand der atmosphärischen Bedingungen, welche typischerweise bei grossem Hagel (> 2.5 cm Durchmesser) vorkommen, die globalen Hotspots von gefährlichem Hagel. Dies ist nötig, da es keine globalen Hagelbeobachtungen gibt. Der grossflächige Hotspot in den USA (und Kanada) östlich der Rocky Mountains überrascht wohl wenige Leserinnen und Leser, da in den Medien neben Tornados auch regelmässig von riesigem Hagel aus dieser Region berichtet wird.

Wie man sieht, kommt grosser Hagel gemäss dieser Abschätzung aber auch in vielleicht weniger zu erwartenden Regionen vor, wie z.B. in Nordafrika, mit einem gürtelförmigen Hotspot von Marokko bis Libyen, hauptsächlich entlang des Atlasgebirge. Wer genau hinschaut, wird in Subsahara-Afrika neben Hagelvorkommen, das in Zusammenhang mit den Gewittern der intertropischen Konvergenzzone (engl. ITCZ) steht, sogar einen noch südlicheren Hagel-Hotspot zwischen Uganda, Kenia und Tansania erkennen, also praktisch am Äquator! Weiterhin kann es in der Nähe der Berge auf der arabischen Halbinsel zu Gewittern mit grossem Hagel kommen.

In Südamerika tritt Hagel vor allem am Fuss der Anden auf, mit einem markanten Hotspot in Argentinien, und im Süden Brasiliens. In Asien sieht man einen weiteren Gürtel entlang der Südflanken des Himalayas mit den stärksten Hagelhäufigkeiten in Pakistan und Bangladesch, sowie auch einen grossen Hotspot im Bereich des südlichen Chinas, Vietnam und Laos. In Europa liegen die meistbetroffenen Regionen um die Alpen, Pyrenäen und Karpaten.
An dieser Karte erkennt man gut, wie wichtig Berge und der Land-Meer Kontrast für die Hagelbildung  sind.
 

Eindrucksvolle Hagelkörner: offizielle Spitzenreiter

In verschiedenen dieser globalen Hagelhotspots wurden bereits riesige Hagelkörner beobachtet und dokumentiert. Im Gopalganj District in Bangladesch fiel am 14. April 1986 ein über 1,02 kg (2.25 lb) schweres Hagelkorn in einem laut den Quellen verheerenden Gewitter. Über den Rekordhalter des grössten Hageldurchmessers, der öfter gemessen wird als das Gewicht, sind sich nicht alle einig. In jedem Fall kann man behaupten, dass das Hagelkorn mit 20,3 cm  Durchmesser, welches am 23. Juli 2010 in Vivian, South Dakota, USA offiziell gemessen wurde, furchterregend ist. Dieses Hagelkorn hatte einen Umfang von 47,3 cm und wog 0,88 kg (1,9375 lb). Der Umfang dieses Hagelkornes war aber immer noch 0,3 cm kleiner als der eines Hagelkornes das am 22. Juni 2003 in Aurora, Nebraska, USA gemessen wurde. Dieses Hagelkorn hatte einen Durchmesser von 17,8 cm, wurde aber nicht gewogen. Um so gross zu werden müssen solche Hagelexemplare lange Zeit gehabt haben um innerhalb der Wolke sehr effizient anzuwachsen.  

Vergrösserte Ansicht: Abbildung 2: Hagelkörner vom 23. Juli 2010 in Vivian, South Dakota, USA (oben) und vom 22. Juni 2003 in Aurora, Nebraska, USA (unten). 
Quelle oben:  USA National Weather Service, Aberdeen, unten: USA National Weather Service, Hastings
Abbildung 2: Hagelkörner vom 23. Juli 2010 in Vivian, South Dakota, USA (oben) und vom 22. Juni 2003 in Aurora, Nebraska, USA (unten). Quelle oben: USA National Weather Service, Aberdeen, unten: USA National Weather Service, Hastings

Hagelsturm in Córdoba, Argentinien am 8. Februar 2018

Die offiziell gemessen Hagelkörner im letzten Abschnitt sind sehr wahrscheinlich nicht die grössten und schwersten, die ein Gewitter je produziert hat. Mit der Verbreitung von Smartphones wird es aber immer einfacher, extreme Wetterphänomene zu dokumentieren. Dies geschah zum Beispiel am 8. Februar 2018 bei Córdoba in Argentinien. Die Region wurde von starken Gewittern heimgesucht, die riesigen Hagel produzierten, welcher mit gigantischer Wucht und Krach auf Dächer und Autos prallte, wie man in mehreren online verfügbaren Videos sehen kann (Links unten). Während dieses Tages kam es auch zum möglicherweise grössten jemals beobachteten Hagelkorn, mit einem geschätzten Durchmesser von 23 cm (siehe Bilder). Dieses Hagelkorn wurde aber von keiner offiziellen Wetterfachstelle gemessen.

 

Hagelsturm in Sydney, Australien am  20. Dezember 2018

In der Karte der globalen Häufigkeit von grossem Hagel erkennt man auch Australiens Hagel-Hotspot, welcher sich an der Küste von New South Wales befindet. Im letzten australischen Sommer, am späten Nachmittag des Donnerstag, 20. Dezember 2018, kam es genau in dieser Region zu heftigen Hagelstürmen. In Sydney filmte ein Schiffskapitän, wie Hagel bei der Harbour Bridge, einem bekannten Wahrzeichen der Stadt, ins Wasser flitzte (siehe Videolink unten). An diesem Tag wurden bis zu 8 cm grosse Hagelkörner beobachtet und man sprach in den australischen Medien von „Blumenkohlhagel“, wegen dem interessanten Aussehen einiger der fotografierten Hagelkörner. Aufgrund des grossen Schadenausmasses erklärte der Versicherungsverband von New South Wales diese Stürme zu einer Katastrophe.

Kommentare (7)

  1. Gerhard, 30.06.2019, 14:04

    Es ist sehr sehenswert solche riesigen Körner zu sehen. Da kann man sich nicht vorstellen was diese riesigen Apparate für einen enormen Schaden anrichten können. Ich habe solche kleinen Eisbrocken noch nicht gesehen.

  2. Harry-can, 16.05.2019, 08:50

    Bei diesen "Trümmern" noch von Körnern zu sprechen ist fachlich sicherlich korrekt.
    Diese Brocken erinnern mich jedoch eher an Eisberge, als an Körner.

  3. Angela, 15.05.2019, 15:52

    Ich hätte gedacht das die USA großflächiger betroffen sein würde. Bzw noch etwas östlicher gezogen. Aber dort sieht man dann wohl die Wirkung der Mountains sehr gut.

  4. Tobias S., 14.05.2019, 13:37

    Hallo,
    weshalb gibt es am Äquator kaum Hagel? Dort ist die Sonneneinstrahlung doch am stärksten und somit müssten doch auch die Aufwinde am stärksten sein?

    LG
    Tobi

    1. Leon, 14.05.2019, 21:54

      Hagel bildet sich bevorzugt, wenn ausreichend Höhenkaltluft vorhanden ist aber vor allem bei sehr starker Windscherung. Die Regentropfen werden so immer wieder aufgetragen, gefrieren, fallen runter, steigen durch die Winde wieder auf, gefrieren... bis sie schwer genug sind, dass der Wind sie nicht mehr aufsteigen lassen kann. Am Äquator ist diese Windscherung sehr selten bis gar nie vorhanden – nur wenn zufällig ein grössere Gebirge in der Nähe ist, welches starke Aufwinde begünstigt.
      Eine Antwort eines Nicht-Experten aber Wetterinteressierten. Ich denke MeteoSchweiz kann da sicher eine bessere Antwort geben. :)

    2. Johannes Schmidt, 15.05.2019, 07:35

      Die Frage ist natürlich auch immer ob das Hagelkorn bis auf den Boden kommt, um beobachtet zu werden, oder ob es wieder schmilzt und als Regen fällt.

    3. MeteoSchweiz, 16.05.2019, 12:58

      Hallo Tobias

      Der Zenitstand der Sonne wandert während des Jahres zwischen +/-23° Breitegrad (=Tropen) um den Äquator, d.h. das Maximum der Einstrahlung ist nicht fix am Äquator. In der Region des Zenits bildet sich die sogenannte intertropischen Konvergenzzone (ITCZ), wo die nördlichen und südlichen Passatwinde aufeinandertreffen. Durch das Zusammenstossen der Winde kommt es zur Konvektion der warmen Luftmassen und fast täglich zu Gewitter. In den Tropen befindet sich die Nullgradgrenze aber generell auf sehr grosser Höhe was das Hagelvorkommen am Boden hindert. Des Weiteren braucht es für grossen Hagel langlebige Gewitter, in den niedrigen Breiten sind die Winde in der Höhe aber generell zu schwach um dies zu unterstützen. In höheren Lagen in den Tropen (siehe zum Beispiel Tansania/Kenia) wird dennoch Hagel beobachtet.

      Freundliche Grüsse, MeteoSchweiz