Kälteste erste Maihälfte der letzten Jahre

16. Mai 2019, 20 Kommentare
Themen: Wetter

Die kälteste erste Maihälfte seit rund 30 Jahren liegt hinter uns. Wir gehen auf Ursachensuche und machen eine klimatologische Einordnung. In unserer Bilderstrecke werfen wir der Schneeräumequipe auf der Furka Bergstrecke einen Blick über die Schulter.

Abgesehen von wenigen Ausnahmen verlief die erste Maihälfte landesweit zu kalt. Je dunkler die Blautöne, je kälter war es im Vergleich zum Mittel der Normperiode 1981 bis 2010.
Abgesehen von wenigen Ausnahmen verlief die erste Maihälfte landesweit zu kalt. Je dunkler die Blautöne, je kälter war es im Vergleich zum Mittel der Normperiode 1981 bis 2010.

Abnehmender Hochdruckeinfluss

Das die vergangenen Tage wetterbestimmende Hochdruckgebiet mit Schwerpunkt über der Nordsee bzw. Skandinavien schwächte sich an seiner Südflanke etwas ab. Folglich kam während der vergangenen Nacht die bereits 4 Tage andauernde Bisenströmung zum Erliegen.

Die zurückliegende Nacht war es abgesehen von zwei Hochnebelfeldern über der Zentral- und der Ostschweiz mehrheitlich klar. Bis auf wenige Stationen wurde verbreitet Bodenfrost verzeichnet.

Über den Alpen nur schwache Schauer

Im Tagesverlauf vertiefte sich über der Iberischen Halbinsel ein Tiefdruckgebiet. Es verursachte im Alpenraum schwachen Druckfall und gleich einem Staubsauger wurde mit einer neu aufkommenden schwachen Bisenströmung feuchte Luft aus Süddeutschland in den äussersten Norden sowie die Ostschweiz geführt. Besagter Druckfall führte auch auf der Alpensüdseite zu einer Anfeuchtung von der Poebene her.

Vergrösserte Ansicht: Schauertätigkeit am späten Nachmittag.
Schauertätigkeit am späten Nachmittag.

Gleichzeitig zog ein kleines Höhentief im Tagesverlauf vom Elsass zu den Alpen, wo es für wenige kurzlebige Schauer reichte. Besagtes Höhentief war zu schwach auf der Brust und konnte im Norden die ehemals auf rund 2300 Metern befindliche Inversion zwar abschwächen, aber nicht komplett auflösen. Im Süden und in den Alpen war die Ausgangslage etwas labiler, womit das Höhentief über den Alpen im Zusammenspiel mit Orographie und Feuchtigkeit etwas leichteres Spiel hatte.

Im Norden war es mit 12 bis 17 Grad geringfügig milder als noch am Vortag. Im Zentralwallis schaffte es die Quecksilbersäule sogar über die 20 Gradmarke.

Sehr kalte erste Maihälfte - Die Ursachensuche

Die erste Maihälfte verlief deutlich zu kühl und temperaturtechnisch können wir nicht wirklich von einem Wonnemonat sprechen. Der Blick auf die Isobaren- und Frontenanalyse der vergangenen 2 Wochen offenbart uns die Ursache:

Die bisherigen Maitage waren mehrheitlich durch Kaltluftzufuhr aus Norden bzw. Nordwesten gekennzeichnet. Als Hauptakteure fungierten dabei entweder ein Tief über Skandinavien bzw. ein Hoch über den Britischen Inseln, die entweder auf ihrer Rückseite (Westflanke, Tiefdruckgebiete) bzw. auf ihrer Vorderseite (Ostflanke, Hochdruckgebiete) kalte Luft nach Mitteleuropa steuerten. Ein stabiles Hoch über dem Alpenraum oder eine länger andauernde Südwestlage mit Warmluftzufuhr aus dem westlichen Mittelmeer fehlten komplett.

Während im Unterland die wärmeren Kleider diesen Mai noch nicht weggeräumt werden konnten, profitierte in den Bergen die Schneedecke von den kühlen Maitemperaturen: Besonders am zentralen und östlichen Alpennordhang liegt in den Bergen für Mitte Mai noch sehr viel Schnee.

Ein detaillierter Blick auf die Schneehöhe in Arosa bzw. auf dem Weissfluhjoch illustriert die immer noch eindrücklichen Schneehöhen:

Schneeräumung auf der Furka Bergstrecke:

Sehr kalte erste Maihälfte - Die klimatologische Einordnung

Der Mai 2019 präsentierte sich bisher ungewöhnlich kalt. Im Mittelland war es die kälteste erste Maihälfte seit rund 30 Jahren. Das Temperaturmittel erreichte 9,2 °C, was knapp 4 °C unter dem Durchschnitt der aktuell laufenden Normperiode 1991‒2020 liegt.

Letztmals kälter war die erste Maihälfte im Mittelland im Jahr 1991 mit 8,2 °C. Ungemütlich kalt war die erste Maihälfte im Mittelland häufig in der Periode zwischen 1974 und 1987. Dann erfolgte die bekannte kräftige Erwärmung am Übergang von den 1980-er zu den 1990-er Jahren.

In den Tieflagen der Alpensüdseite sind kühle erste Maihälften häufiger. In den letzten 20 Jahren gab es hier drei Ereignisse mit markant tieferer Temperatur in der ersten Maihälfte im Vergleich zu den aktuellen 13,4 °C. Und ähnlich kühl wie aktuell war auch die erste Maihälfte 2017.

Markante langfristige Erwärmung

Die ungewöhnlich kalte erste Maihälfte ist ein seltenes Ereignis im heutigen Maiklima des Mittellands. In der vorindustriellen Periode von 1871‒1900 traten im Mittelland erste Maihälften selbst unter 8 °C  hin und wieder auf. Die Durchschnittstemperatur erreichte damals 10,4 °C. Sie stieg seither um 2,6 °C auf 13,0 °C an. Die damaligen sehr kalten Ereignisse von unter 8 °C sind aus dem heutigen Maiklima verschwunden. Ab 1991 blieben auch die die kühlsten ersten Maihälften über 10 °C.

In den Tieflagen der Alpensüdseite hat sich die Temperatur der erste Maihälfte ab Messbeginn über lange Zeit kaum wesentlich verändert. Die markante Temperaturzunahme kam dann an der Wende von den 1980-er zu den 1990-er Jahren mit einem schnellen Anstieg um 1,7 °C.

Erwärmung trotz Kälte

Die Erwärmung der ersten Maihälfte ist ein deutliches Signal der Klimaerwärmung. Mit der aktuell ungewöhnlich kühlen ersten Maihälfte hat dieses Erwärmungssignal nicht an Bedeutung verloren. Denn typisch in unserem heutigen Klima im Vergleich zur gesamten Messreihe sind warme erste Maihälften.

Übrigens ...

... in knapp 6 Wochen werden die Tage bereits wieder kürzer. Sind wir gespannt, wieviel Schnee bis dahin noch liegt ... :-)

Vergrösserte Ansicht: Schneedecke im Wald oberhalb von Conters i.P. Foto: A. Hostettler
Schneedecke im Wald oberhalb von Conters i.P. Foto: A. Hostettler

Kommentare (20)

  1. Urs Imhof, 17.05.2019, 18:26

    Es gibt ja bekanntlich vieles was nicht ganz der Norm entspricht.
    Was aber der Gipfel einer Abnormalität ist
    das bis etwa 2010 Gewitter die Landesgrenzen überschritten haben und dann immer weniger und seit 2018 nur noch bis exakt Landesgrenze.
    Bis etwa 2010 wussten wir was von den Vogesen und Feldberg kommt streift auch uns dann wurde es immer weniger und seit 2018 wissen wir es kommt nur noch bis zur Grenze und dann setzt der unerträgliche Wind ein.
    Die kühlen Temperaturen und der Niederschlag imMai 2019 sind angenehm für mich ausser die Gewitterlagen die mir aufgrund verhinderten
    Gewitter regelmässig einen Druck im Kopf auslösen.
    Schönen Gruss aus dem trotz Schleierwolken sonnigen Bad Zurzach

  2. Tim, 17.05.2019, 18:22

    Die positiven Seiten der Digitalität ist, dass die meteorologischen Aufzeichnungen für mich als Laien hier im Internet einzusehen ist. Das durch die Tatsache der Klimaerwärmung, salopp gesagt, unsere Erde schon geraume Zeit in einem fiebrigen Zustand ist, bestätigt mir gefühlsmässig auch diese Kälte in diesem Monat Mai. Auch beim Menschen gibt es Fieber in Form von Untertemparatur. Uebrigens: Auch in Norditalien heizen die Menschen ihre Häuser und für sie ist das wirklich sehr befremdend. Mehr als bei uns ännet am Gotthard.

  3. Michael, 17.05.2019, 16:13

    Ich habe eine Frage zur Ursachensuche: Diese meteorologische Instabilität in der ersten Maihälfte, die ja scheinbar nicht der Norm entspricht, weiss man woher diese Instabilität stammt, oder ist das einfach eine natürliche Irregularität?

  4. Lars, 17.05.2019, 11:26

    Dass der Mai zu kalt war, habe ich gemerkt. Hoffentlich wird der Sommer richtig heiss.

  5. Doris, 17.05.2019, 11:20

    Auch ich geniesse noch etwas diese hitzefreien Tage. Für uns Hitzegeplagten war das ein herrlicher Mai. Ich hoffe der Sommer wird nicht wie im 2018............

    1. Lars, 17.05.2019, 17:13

      Ich hoffe schon, dass der Sommer so wird, wie letztes Jahr. Von mir darfs noch ein bisschen wärmer sein.

    2. Martina, 17.05.2019, 17:41

      Das kann ich nur unterzeichnen. Toll, dass der Frühling nicht so heiss ist! Der Sommer muss das auch nicht ausgleichen... super Mai!

  6. Reto, 17.05.2019, 09:28

    Ich geniesse diese kühleren Tage, die Hitze kommt dann noch früh genug. Meteoschweiz liefert die Bestätigung meines Gefühls, nämlich dass dies wieder mal ein Mai ist wie er noch in den 80-er Jahren üblich war.

  7. K. Oberholzer, 16.05.2019, 21:58

    Im Jahr 1983 hatte es an Pfingsten Anfang Juni geschneit auf über 500 m ü Meer!
    Am Dienstag nach Pfingsten war ich in Chur im Schnee ( 10 bis 20 cm) Am Nachmittag war vom Schnee nicht mehr viel übrig.
    Ich erinnere mich weil das die letzte Woche der RS war.
    so unberechenbar ist das Wetter.

    1. MeteoSchweiz, 17.05.2019, 09:13

      Pfingsten 1983 war vom 21. bis 23. Mai. Am 23. Mai 1983 lagen in Chur 4 cm Schnee, am Tag darauf 9 cm. Es waren die einzigen Maitage mit Schnee in Chur. Für den Juni 1983 zeigen die Aufzeichnungen von Chur keinen Schnee.

  8. Andreas, 16.05.2019, 20:43

    Ein wunderschöner und geniessbarer Mai bisher, besonders im Gegensatz zu Version 2018.

    1. Wolfgang, 17.05.2019, 00:42

      Stimmt. Zum Glück schneit es dann im August wieder.

  9. Peter Sager, 16.05.2019, 19:08

    Danke nun kommt es langsam zur Realität. Ich denke die Schneehöhen sind ein absoluter Rekord für 16. Mai resp. auch 17. Mai am morgen.
    Mein Bild auf Brunni mit 1050 immer noch das Schneefeld und kein Hauch von Frühling in der kargen brauen Wiese.
    Das Bild Hoch-Ybrig zeigt eine totale Winterlandschaft bis auf 1400 Meter runter nur Schnee und Winter am morgen des 17.5.2019, wann gab es so etwas?
    https://www.hoch-ybrig.ch/winter/gebiet/webcams/
    Gotthard Pass am morgen vom 17.5.2019 Wintersperre.

    1. Stefan Kneifel, 16.05.2019, 21:19

      Wie war es denn im 2009? Ich mag mich erinnern, dass wir hier in Disentis Anfang Mai noch einen Haufen Schnee hatten, das war wahrscheinlich fast ein Meter. Dagegen ist es ja jetzt harmlos...

    2. MeteoSchweiz, 17.05.2019, 09:30

      @ Stefan Kneifel: Im Mai 2009 war das Schneemessfeld in Disentis bereits ausgeapert. Im SLF Wochenbericht (https://www.slf.ch/fileadmin/user_upload/import/weeklyreports_old/pdfs/2008-09/wochenbericht_2009-05-01_DE.pdf) wird für den Mai 2009 nur von Schneefällen in Lagen über rund 2000 Meter berichtet.

  10. sven, 16.05.2019, 19:06

    Hat es auch schon mal im Juni bis ins Flachland geschneit ? Oder ist die auf Grund der Sonneneinstrahlung und der Länge der Tage unmöglich? Ich freue mich auf eine Antwort von Ihnen.

    1. MeteoSchweiz, 16.05.2019, 20:13

      Die spätesten Tage mit messbarem Neuschnee, das heisst mit mindestens 1 cm Neuschnee, sind im Flachland je nach Region Ende April bis Ende Mai angesiedelt. Wobei die Messung jeweils am Morgen durchgeführt wird. In Zürich / Fluntern, was jedoch bereits etwas erhöht liegt, datiert der späteste Termin am 28. Mai 1961. Grundsätzlich dürfte es in der Vergangenheit an einigen Orten auch schon später im Jahr Schneeflocken gegeben haben, jedoch setzte der Schnee nicht an oder war bis zum Messtermin am nächsten Morgen bereits wieder geschmolzen.

    2. Heinz F. Basel, 16.05.2019, 20:16

      Wenn ich mich richtig erinnere, fuhren wir 1962 im Juni ins Schullager. Dabei waren die Hügel im Raum Langental-Burgdorf mit etwas Schnee überzuckert. Bin ebenfalls gespannt auf die Antwort der Fachleute.

    3. emilio stecher, 16.05.2019, 21:42

      Im April 1815 brach der indonesische Vulkan Tambora aus. Darsuf folgte ein sehr strenger Winter in Nordamerika und Westeuropa und der Sommer 1816 fiel sogar komplett aus: Man nannte ihn damals „achtzehnhunderterfroren“,da es auch im Juni, Juli und August Frost gab! Zeitweise lag nach alten Aufzeichnungen Ende Juli im Mittelland bis zu 30cm Schnee. Es folgten darauf katastrophale Hungersnöte in ganz Mitteleuropa und es gab darauf auch Auswanderungswellen. Grosse Vulkanausbrüche können unser Klima in kürzester Zeit enorm beeinflussen und so ein Ereignis kann jederzeit auftreten.

    4. MeteoSchweiz, 16.05.2019, 22:14

      Das ist sehr gut möglich. Ihre Erinnerung deckt sich auch mit dem spätesten Termin für Neuschnee in St. Gallen. Liegt zwar nicht direkt bei Burgdorf, doch datiert dieser vom 1. Juni 1962.