Wenn die Schiffe auf dem Trockenen bleiben

20. Mai 2019, 21 Kommentare
Themen: Klima

Zeitweilige Einstellung des Güter- und Personenverkehrs, Kurzarbeit für viele Firmen, massive Umsatzeinbussen: Dies sind einige der Konsequenzen, mit denen die Rheinschifffahrt in der zweiten Jahreshälfte 2018 zu kämpfen hatte. Der Grund war das Niedrigwasser im Jahr 2018, welches für die Branche dramatische Ausmasse angenommen hatte. Anlässlich der 115. Generalversammlung der Schweizerischen Vereinigung für Schifffahrt und Hafenwirtschaft (SVS) lieferte MeteoSchweiz eine klimatologische Einschätzung des vergangenen Jahres und einen Blick in die langfristige Zukunft unseres Landes.

Im Rhein bei Basel floss Ende Oktober nur halb so viel Wasser vorbei als sonst im Oktober. Die Treppe am Rheinufer (links im Bild) führt normalerweise direkt ins Wasser. (Bild: Gioia Reifler)
Im Rhein bei Basel floss Ende Oktober nur halb so viel Wasser vorbei als sonst im Oktober. Die Treppe am Rheinufer (links im Bild) führt normalerweise direkt ins Wasser. (Bild: Gioia Reifler)

Verherende Kombination: Rekordwärme und monatelange Regenarmut

Mit einem neuen Jahresrekord und dem wärmsten Sommerhalbjahr (Monate April – September) seit Messbeginn 1864 erlebte die Schweiz letztes Jahr gleich zwei Temperaturrekorde. Begleitet wurde die Rekordwärme von einer ungewöhnlichen monatelangen Regenarmut. In den Monaten April bis November lag die Niederschlagsmenge landesweit 31 Prozent tiefer als die Norm 1981-2010. Das ist der dritttiefste Wert seit Messbeginn.

In den Schweizer Gewässern führte diese Entwicklung in der zweiten Jahreshälfte zu einer langanhaltenden Niedrigwasserlage. Im Rhein bei Basel wurden Abflüsse gemessen, die weit unter dem langjährigen Durchschnitt lagen und zweitweise auch die Jahre 2003 und 2015 unterschritten.

Die damit verbundenen tiefen Pegelstände im Rhein führten zu massiven Behinderungen der Rheinschifffahrt, besonders im letzten Quartal 2018. Gemäss der SVS musste der Schiffsverkehr massiv reduziert und teilweise sogar eingestellt werden. Viele Firmen mussten Kurzarbeit einführen. Betroffen von der Entwicklung waren sowohl der Personen- als auch der Güterverkehr auf dem Fluss.

Werden Niedrigwasser, wie wir sie im 2018 erlebt haben, mit der Klimaerwärmung zur Regel? Und wenn ja, wie geht die Branche damit um? Dies sind zwei der drängenden Fragen, welche die SVS umtreiben.

Spürbare Klimaveränderung: Künftig trockenere Sommer

Für Abschätzungen zur Klimazukunft der Schweiz braucht es nationale Klimaszenarien, die zeigen, wo und wie der Klimawandel die Schweiz trifft. Im Auftrag des Bundesrates erstellt MeteoSchweiz regelmässig Klimaszenarien. Die aktuellen Szenarien erschienen im November 2018 unter dem Dach des National Center for Climate Services (NCCS). Sie beruhen auf den neuesten Modellsimulationen und erlauben den bisher genausten Blick in die Klimazukunft unseres Landes.

Der vergangene Sommer 2018 ist ein gutes Beispiel der zu erwartenden Entwicklung: Als eine der Hauptveränderungen zeigen die neuen Klimaszenarien nämlich eine klare Tendenz zu trockeneren Sommern in Zukunft. Zwei Prozesse sind hier entscheidend: erstens nimmt die Verdunstung aufgrund des Temperaturanstiegs zu; zweitens nimmt die mittlere Niederschlagsmenge ab. Bei zukünftig weiter steigenden Treibhausgasemissionen hat dies für die Grossregion Jura einen Temperaturanstieg bis Mitte des 21. Jahrhunderts um 2.5 °C gegenüber heute und ein Niederschlagsrückgang von rund 10% zur Folge (Abbildung 1). Der Rückgang in der Niederschlagsmenge ist grösstenteils durch eine Abnahme in der Anzahl Regentage bedingt, was das Risiko von langen Trockenperioden erhöht.

Von den Informationen der Klimaszeneraien CH2018 profitiert ein Branchenverband wie die SVS.

Für die SVS wurde klar, dass sie jetzt handeln muss. Deshalb werden bereits heute vorsorglich Massnahmen zur Anpassung an den zukünftigen Klimawandel umgesetzt. Um die Erreichbarkeit der schweizerischen Rheinhäfen bei Niedrigwasser-Situationen zu verbessern, wurde die Schifffahrtsrinne bei Basel von Juli 2018 bis Februar 2019 um 30 cm vertieft. Die Klimaszenarien dienen der SVS auch als Grundlage für langfristige Entscheide, die bereits heute für eine längerfristig erfolgreiche Zukunft gefällt werden.

Entscheidender Mehrwert: Klimaszenarien für Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft

Die neuen Klimaszenarien CH2018 dienen als zentrale Klimadienstleistung für eine Reihe von weiterführenden Studien im Bereich der Klimafolgen. Beispielsweise werden derzeit hydrologische Szenarien erarbeitet (Hydro-CH2018), welche Auskunft geben zu den zukünftigen Abflüssen der Schweizer Fliessgewässer.  Von solchen Informationen profitiert nicht nur ein Branchenverband wie die SVS, sondern viele weitere Akteure aus Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft, die alle  vom Klimawandel und seinen Auswirkungen betroffen sind. Auch in anderen Sektoren wie zum Beispiel der Landwirtschaft, Gesundheit, Naturgefahren, oder Forstwirtschaft stehen wegweisende Entscheide im Bereich der Klimaanpassung an. Damit die Klimaszenarien als Klimadienstleistung Eingang finden in die Praxis, fördert das NCCS den Dialog zwischen Nutzern und Produzenten und koordiniert als Netzwerk des Bundes deren Erarbeitung, Bündelung und Verbreitung. Denn eines ist klar: Nur mit globalen Klimaschutzmassnahmen könnten die in den Klimaszenarien berechneten Entwicklungen stark eingegrenzt werden.

 

Weiterführende Informationen

Die Schweizer CH2018 Klimaszenarien werden auf www.klimaszenarien.ch vorgestellt, inklusive einer Vielzahl an Abbildungen und Datensätzen zum zukünftigen Klimawandel in der Schweiz.

Das National Centre for Climate Services NCCS

Themenschwerpunkt „Hydrologische Grundlagen zum Klimawandel“

115. Generalversammlung der Schweizerischen Vereinigung für Schifffahrt und Hafenwirtschaft (SVS)

Bundesamt für Umwelt - das Niedrigwasser 2018

Kommentare (21)

  1. bebbi, 12.06.2019, 06:34

    Gegenwärtig und in naher Zukunft bleiben die Schiffe wohl nicht auf dem Trockenen . . .

  2. Ueli, 23.05.2019, 15:59

    @Andrej SIe irren sich nicht. Prognosen sind fuer die folgenden 3 bis 5 Tage einigermassen korrekt, alles andere ist Kaffeesatzlesen.

  3. Kelvin, 23.05.2019, 12:12

    @Baur
    Es sind nicht 13 Monate in Folge, sondern nur drei. Der Januar 19 lag 1,7 Grad unter der Norm 81-10. Sie haben Ihre Daten wahrscheinlich aus Deutschland, dort wird aber mit der Norm 61-90 verglichen.

  4. Halley, 22.05.2019, 10:02

    Ja, ich dachte auch, je wärmer, desto mehr Feuchtigkeitstransport, und desto mehr Regen. Daß die Schifffahrtsgesellschaften nun die Fahrrinnen vertiefen wollen, ist doch wieder mal ein Zeichen dafür, wie bescheuert der Mensch mit der Natur umgeht. An eine Verringerung des Transportvolumens denkt keiner ? Natürlich muß weiter Sprit in möglichst großen Tankern (für die man die Fahrrinne vertieft) den Rhein raufgeschippert werden, damit unsere fetten SUV´s laufen. Im Prinzip ist das dasselbe, wie der verstärkte Einsatz von Schneekanonen, weil die Winter milder werden. Vielleicht könnten wir mal mit unserer ganzen Klima-Kaputtschützerei aufhören und die Natur einfach in Ruhe lassen. Die erholt sich von allein, aber wenn der Mensch ständig an ihr herumdoktort, wird der Patient totoperiert.

  5. Andrej, 21.05.2019, 17:19

    Ich bin fest überzeugt, wir können sehr viel für das Klima tun, wenn wir Bäume pflanzen und sie vor allem auch wachsen lassen, und nicht in der ersten Hälfte ihres Lebens gleich fällen. Überall auf der Welt.

    Darin sehe ich eine relativ preisgünstige aber effektive Methode, um die Erde wieder abzukühlen.

    Leider fällen viele Länder je weiterhin Regenwald und andere Gebiete, und kommen einfach so durch, diesen Ländern/Menschen sollte man helfen, Alternativen für den Lebensunterhalt zu finden.

  6. Wishkey, 21.05.2019, 16:37

    Wo regnet denn das durch den Temperaturanstieg stärker verdunstete Wasser ab, wenn bei uns es zu trockenen Sommer kommen soll?

    1. MeteoSchweiz, 22.05.2019, 09:11

      Hallo Whiskey

      Besten Dank für die Frage. Tatsächlich ist die Trockenheit definiert als Differenz zwischen Niederschlagsmenge und Verdunstung. Erhöhte Verdunstung führt aber nicht automatisch zu mehr Niederschlag. Einerseits kann die wärmere Luft mehr Feuchtigkeit aufnehmen, bevor es zur Kondensation kommt, andererseits ist der Prozess der Niederschlagsbildung komplex und abhängig von diversen mikrophysikalischen Vorgängen. Es kann aber auch sein, dass aufgrund von Änderungen in atmosphärischer Zirkulation bzw. Wetterlagen Feuchte verfrachtet wird und in einer anderen Region zu Niederschlag führt. Diese Fragen wurden bisher in den Klimaszenarien noch nicht im Detail studiert.

      Freundliche Grüsse, MeteoSchweiz

  7. Jürg Christoffel, 21.05.2019, 10:46

    Ja der Wasserstand kann schon sehr unterschiedlich sein.
    Wenn es auch bei uns an der Limmat nicht ganz so dramatisch ist wie am Rhein. Gestern mussten wir das Kajaktraining im Letten für Jugendliche absagen wegen Hochwasser. Bei 180m2/s können wir mit Kindern nicht mehr auf die Limmat. Aktuell hat es sogar 263m2/s.

    Und letztes Jahr hatte es so wenig Wasser im Mai das wir unseren Slalom Parcours an einzelnen Stellen nicht befahren konnten.

    1. Halley, 22.05.2019, 10:05

      Eine Wasserführung wird m. E. in m³ / s angegeben.

  8. Mike (Basel), 21.05.2019, 10:25

    "Der vergangene Sommer 2018 ist ein gutes Beispiel der zu erwartenden Entwicklung: Als eine der Hauptveränderungen zeigen die neuen Klimaszenarien nämlich eine klare Tendenz zu trockeneren Sommern in Zukunft. Zwei Prozesse sind hier entscheidend: erstens nimmt die Verdunstung aufgrund des Temperaturanstiegs zu; zweitens nimmt die mittlere Niederschlagsmenge ab."
    Schaut man sich bspw. den Trend der Basler Sommerniederschläge an, so ist anhand der homogenen Daten von 1864 - 2018 überhaupt kein Trend zu trockeneren Sommern erkennbar. Beim Trend von 1981 - 2018 sieht es sogar nach leicht nasseren Sommern aus. Worann erkenne ich die klare Tendenz für trockenere Sommer? Bspw. sind 2007 und 2012 in den Top 10 der nassesten Sommer seit 1864. Zwar nimmt die Verdunstung aufgrund des Temperaturanstiegs zu, aber gleichzeitig kann doch wärmere Luft auch mehr Feuchtigkeit aufnehmen?

    1. MeteoSchweiz, 21.05.2019, 11:55

      Hallo Mike

      Vielen Dank für den Kommentar. Tatsächlich sind an Schweizer Messstandorten im Gegensatz zum Winter keine langfristigen Tendenzen im Sommer feststellbar. Dies kann davon herrühren, dass die Beobachtungsbasis aufgrund der hohen Schwankungsbreite des Sommerniederschlags noch nicht ausreichend ist, um den Einfluss des Klimawandels festzustellen. Für die Zukunft zeigen die Klimamodelle aber mit fortschreitender Erwärmung eine klare Abnahme. Dies hängt mit der grossräumigen Entwicklung über Europa zusammen: Die Schweiz kommt in den Einflussbereich der zunehmenden Niederschlagsabnahme im Mittelmeerraum. Diese Niederschlagsabnahme kann wiederum mit einer grossräumigen Änderung der meridionalen Zirkulation (Tropen-Subtropen) erklärt werden, wodurch die subtropische Zone sich weiter nach Norden (Süd- bis Zentraleuropa) verschiebt.

      Freundliche Grüsse, MeteoSchweiz

    2. Mike (Basel), 21.05.2019, 21:40

      Gern geschehen. Vielen Dank für die Antwort.

  9. Kurt, 21.05.2019, 07:06

    Ihr Bericht verwundert mich. Ich erinnere mich, dass das Klimaszenario vor noch nicht langer Zeit mit niederschlagsarmen Wintern und nassen Sommern gezeichnet wurde. Wir kommt es zu diesem Wechsel?

    1. Patrick, 21.05.2019, 10:28

      Gerade umgekehrt in den Sommermonaten geht die Niederschlagssumme bis gegen 20% zurück, je nach Klimaszenario. D.h, trotzdem mehr Starkniederschläge und längere Trockenperioden. Für den Winter geht man von gleichbleibenden Niederschlägen aus, auch hier potenzial mehr Hochwasser, da die Schneefallgrenze steigt und im Winter die Vegetation weniger Wasser verbraucht. Dies wurde auch von Meteoschweiz so verkündet.

    2. MeteoSchweiz, 21.05.2019, 11:57

      Hallo Kurt

      Die offiziellen nationalen Klimaszenarien werden seit 2007 in regelmässigen Abständen publiziert. Bisher sind drei Berichte erschienen. In allen Abschätzungen zeigen diese für den Sommer ein konsistentes und klares Bild mit einer Niederschlagsabnahme in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts. Für den Winter gehen die Klimaszenarien von einer Zunahme der zukünftigen Niederschläge aus. Die verschiedenen Klimaszenarien seit 2007 sind also in sich stimmig.

      Freundliche Grüsse

      MeteoSchweiz

  10. Peter Sager, 20.05.2019, 17:05

    Ab 1800 Meter über Meer nochmals viel neuer Schnee, die Pässe gehen noch lang nicht auf.
    Das Wetter erreicht nun eine Schlecht Qualität die durch nichts zu überbieten ist. So ein schlechtes Mai Wetter und so kalt war es seit ich auf der Welt bin (1964) noch nie.

    1. Halley, 22.05.2019, 10:17

      Ein kalter Mai 2019 wird vermutlich die vielen Monate, in denen es seit 1964 überdurchschnittlich warm war, noch nicht kompensieren. Die Skitoursaison ist jedenfalls 2019 schöööön lang.

    2. Wolfgang, 22.05.2019, 17:21

      Genau. Weil Schifahren ja so umweltfreundlich ist...

    3. Baur, 23.05.2019, 04:49

      Der Juni 2019 wird dafür gemäss allen Klimamodellen deutlich zu heiss ausfallen, der Mai 2019 wird der einzige zu kühle Monat nach 13 zu warmen Monaten in Folge werden. Das sagt doch schon Alles betreffend Klimaerwärmung...

    4. Andrej, 23.05.2019, 14:54

      @Baur

      Ich dachte, Prognosen in solcher Ferne sind sind absolut unzuverlässig, und dienen höchsten um Klicks zu generieren. Das Klima lässt sich nicht Wochen voraussagen... Oder irre ich mich da?

    5. Halley, 24.05.2019, 18:28

      Hallo, Wolfgang, unterscheide mal zwischen Skifahren (mit dem Auto anreisen, x-mal am Tag mit dem Lift raufjuckeln und auf mit spritsaufenden, lärmenden, dieselrußspuckenden Raupen gewalzten und teilweise künstlich beschneiten Pisten herunterbrettern (so, daß sich das fast alle nur noch mit Helm trauen), und Skitourengehen, so wie ich es mache: Mit Öffis an- und abreisen, auf Naturschnee ohne Lift und Lärm rauf. Je oh je. Richtig lesen sollte man schon. Tourengehen ist, sofern man nicht weite Anreisen mit dem Auto macht, hinsichtlich Umweltbelastung wirklich ein Klacks im Vergleich zum Pistenskifahren.