50 Jahre Pollenmessungen in der Schweiz

11. Juli 2019, 2 Kommentare

Die kontinuierliche Messung der Pollenkonzentration in der Luft begann 1969 in Basel. Weitere Messstationen wurden durch Allergologen eingerichtet, weil sie diese Daten für die Diagnose und Behandlung der stark zunehmenden Allergien benötigten. Das seit 1993 durch MeteoSchweiz betriebene nationale Pollenmessnetz umfasst heute 14 Stationen.

Fig. 1 : Das nationale Pollenmessnetz der Schweiz. An jeder Messstation ist das Datum des Messbeginns angegeben. Am MeteoSchweiz-Standort Payerne werden die Pollen mit dem Mikroskop analysiert.
Fig. 1 : Das nationale Pollenmessnetz der Schweiz. An jeder Messstation ist das Datum des Messbeginns angegeben. Am MeteoSchweiz-Standort Payerne werden die Pollen mit dem Mikroskop analysiert.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nahmen die Pollenallergien in den Industrieländern stark zu und betreffen heute mehr als 20% der Bevölkerung. Um die Pollenbelastung zu ermitteln und die Diagnose und Behandlung von Allergien zu ermöglichen, richteten Allergologinnen und Allergologen aus allen Regionen des Landes Pollenmessstationen ein. Sie gründeten eine Arbeitsgruppe, die zur Schweizerischen Gesellschaft für Aerobiologie geworden ist.

Die ersten Studien über Luftpollen in unserem Land gehen auf die Arbeiten von H. Bodmer (1921) und W. Lüdi und V. Vareschi (1936) zurück und wurden mit passiven Pollenfallen durchgeführt. Dr. Ruth M. Leuschner (Figur 2) begann am 1. März 1969 in Basel die ersten Messungen mit einer volumetrischen Pollenfalle. Sie war die treibende Kraft für die Entwicklung des Messnetzes, indem sie 1972 in Davos, 1979 in Genf und 1981 in Zürich Messstationen einrichtete. Die Messungen werden bis heute kontinuierlich fortgesetzt und seit 1997 umfasst das Messnetz 14 Messstationen (Figur 1).

Vergrösserte Ansicht: Fig. 2 : Ruth M. Leuschner (1922 – 2013) aus Basel, Pionierin der Luftpollenmessungen in der Schweiz.
Fig. 2 : Ruth M. Leuschner (1922 – 2013) aus Basel, Pionierin der Luftpollenmessungen in der Schweiz.

1993 wurde das Pollenmessnetz MeteoSchweiz übertragen. MeteoSchweiz entwickelte neue Pollenprognosemethoden, förderte die Verbreitung von Polleninformationen und spielte auch eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung von Ambrosia, einer invasiven Pflanze, deren Pollen hochallergen sind. Die langen Datenreihen ermöglichen es, die Entwicklung der Pollenkonzentrationen in der Luft zu untersuchen und mit meteorologischen und klimatischen Parametern in Beziehung zu setzen.

Veränderungen im Pollenflug werden sichtbar

Die 50 jährigen Messreihen von Basel gehören zu den längsten Pollenmessreihen weltweit und sind deshalb sehr wichtig, um langfristige Veränderungen des Pollenflugs aufzuzeigen. Veränderungen sieht man einerseits beim Zeitpunkt, d.h. dem Beginn und Ende der Pollensaison und andererseits bei der Stärke des Pollenflugs. Der Zeitpunkt der Pollensaison wird hauptsächlich durch die Temperatur in den ein bis zwei Monaten vor der Pollensaison beeinflusst. Figur 3 zeigt am Beispiel des Startdatums der Birkenpollensaison, wie gut es mit der Mitteltemperatur von Februar und März zusammenhängt.

Veränderung der Saisonalität

Die stärkste Verfrühung zeigt der Beginn der Haselpollensaison. Während den 50 Jahren hat sie sich um 24 Tage verfrüht und beginnt jetzt im Durchschnitt nicht mehr Mitte Februar sondern um den 20. Januar. Die Birken- und die Gräserpollensaison verfrühten sich um knapp 10 Tage (Figur 4). Interessant ist, dass sich die Länge der Pollensaison je nach Pollenart unterschiedlich entwickelte. Die Haselpollensaison wurde länger, weil sie immer früher begann. Die Birkenpollensaison blieb etwa gleich lang, weil sich auch das Ende der Pollensaison verfrühte. Die Gräserpollensaison wurde kürzer. Gezeigt wird für das Ende der Gräserpollensaison der letzte Termin mit mässiger Pollenbelastung. Dieser verfrühte sich deutlich. Der Grund dafür ist vermutlich nicht klimatisch bedingt, sondern durch die landwirtschaftliche Nutzung und durch die zunehmende Siedlungstätigkeit.

Veränderung der Stärke des Pollenflugs

Die Stärke der Gräserpollensaison änderte sich über die Zeit nicht, wenn man die Anzahl Tage mit starkem Gräserpollenflug betrachtet. Seit 1990 ist sogar eine Abnahme sichtbar (Figur 5). Noch extremer war die Entwicklung der Kräuterpollen. Ampfer-, Wegerich- und Beifusspollen gingen in den letzten 50 Jahren sehr stark zurück, so dass es heute kaum mehr zu starken Belastungen kommt. Der Grund dafür dürfte ebenfalls in der Bautätigkeit, der Intensität der landwirtschaftlichen Nutzung und der Abnahme von Wiesen und Ruderalstandorten zu suchen sein.

Bei den Baumpollen ist das Bild ganz anders. Alle zeigen eine zunehmende Tendenz. Besonders deutlich nahmen die Tage mit starkem Pollenflug für Hasel, Erle, Esche und Platane zu. Auch für Eichen- und Buchenpollen ist die Zunahme signifikant. Birken- und Hagebuchenpollen zeigen auch einen zunehmende Tendenz, die jedoch wegen der grossen Variation statistisch nicht signifikant. Es gibt verschiedene Gründe, warum die Baumpollen zugenommen haben. Bei höheren Temperaturen können die Bäume stärker wachsen, vorausgesetzt es ist genügend Feuchtigkeit im Boden vorhanden. Zunehmende CO2-Konzentrationen können ebenfalls zu einem stärkeren Wachstum führen. Weiter spielt der Mensch auch bei der Stärke des Pollenflugs eine Rolle, d.h. wie viele Bäume von welcher Art angepflanzt wurden und wie stark diese Bäume im Verlauf der letzten 50 Jahre gewachsen sind.

MeteoSchweiz ist offen für einen respektvollen Onlinedialog und freut sich über Ihre Kommentare und Fragen. Kontaktformular

Kommentare (2)

  1. Kunz, 14.07.2019, 23:30

    Zeit für einen Wikipedia-Eintrag für Ruth Leuschner ...!

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  2. Denis Infanger, 12.07.2019, 12:16

    Danke für den interessanten Beitrag und natürlich auch für die Pollenmessungen.

    Ich habe eine etwas technische Frage: In der Fig. 5 stellen Sie den Trend der Anzahl Tage mit starker Pollenbelastung mit einer roten Linie dar und schreiben, dass es sich dabei um eine logistische Regression handelt. Normalerweise kommt eine logistische Regression bei binären Daten (0/1) zum Einsatz. Hier liegen aber Zähldaten vor (Anzahl Tage). Für Zähldaten kommen üblicherweise andere Modelle, beispielsweise Poissonregression oder Negativ-Binomial-Regression zum Einsatz. Ich habe mit den Hasel-Daten probeweise eine Poissonregression gerechnet und konnte die rote Linie exakt reproduzieren. Dies lässt mich zweifeln, ob tatsächlich eine logistische Regression verwendet wurde.

    Können Sie kurz erläutern, wie Sie eine logistische Regression für diese (Zähl-)Daten eingesetzt haben?

    Herzlichen Dank,
    Denis Infanger

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