Homogenisierung von Messreihen – eine Voraussetzung für die Klimabeobachtung

10. Juli 2019, 27 Kommentare
Themen: Klima

Die über 150-jährigen instrumentellen Messreihen von MeteoSchweiz bilden die Grundlage der Klimabeobachtung in der Schweiz. Im Laufe der Jahrzehnte mussten Messstationen verschoben werden und die Messtechnik hat sich verändert. Beides kann die Vergleichbarkeit von alten und neuen Messungen beeinträchtigen und muss korrigiert werden. Nur so sind fundierte Aussagen zum Klimawandel möglich. Kritiker werfen MeteoSchweiz im Zusammenhang mit langjährigen Temperaurmessreihen Datenmanipulation vor. Diese Kritik ist unbegründet.

Als der später weltberühmte Schweizer Physiker und Meteorologe Heinrich Wild um 1857 die Leitung der Sternwarte in Bern übernahm, war das Quecksilberthermometer zur Messung der Lufttemperatur bereits seit mehr als 100 Jahren erfunden. Allerdings fehlten einheitliche Normen zur Aufstellung dieses Messgeräts und Heinrich Wild installierte sein Thermometer in einer hölzernen Wetterhütte vor einem nach Norden gerichteten Fenster. Dort war die Hütte weitgehend vor direkter Sonneneinstrahlung geschützt und konnte vom Fenster aus problemlos erreicht werden. Dieser Standort blieb auch nach dem Abriss der alten Sternwarte im Jahre 1876 am Neubau in ähnlicher Lage in Betrieb. Heinrich Wild, in der Zwischenzeit zum Direktor des Physikalischen Zentralobservatoriums von St. Petersburg berufen, hatte sich weiterhin mit der sinnvollen Aufstellung von meteorologischen Messgeräten beschäftigt und im Jahr 1898 kam in Bern eine neuartige, nach seinen Plänen erstellte, freistehende Wetterhütte aus Metall im Garten des Observatoriums zum Einsatz, die fast 60 Jahre in Betrieb bleiben sollte. Im Jahr 1957 setzte sich allerdings die Überzeugung durch ,doch auf die im Messnetz der Meteorologischen Zentralanstalt weit verbreitete Englische Hütte aus Holz umzusteigen, in der die Messungen bis Ende 1977 an leicht wechselnden Standorten anschliessend durchgeführt wurden.

Im Jahr 1978 begann MeteoSchweiz, die ersten ihrer Messstationen zu automatisieren. Die Technik war soweit fortgeschritten, dass Messwerte mit automatischen Geräten alle 10 Minuten anstatt nur 3 Mal pro Tag registriert werden konnten, was ganz neue Möglichkeiten in der Datenanalyse ermöglichte. Am alten Standort auf der Grossen Schanze fehlte jedoch der Platz zur Installation einer automatische Messstation und so kam es, dass die meteorologischen Messungen nach über 100 Jahren zur rund 3 km nordwestlich gelegenen landwirtschaftlichen Versuchsanstalt in Bern-Liebefeld verlegt werden mussten. Fast 30 Jahre lang bot die für Feldversuche genutzte freie Fläche dort gute Voraussetzungen für meteorologische Messungen in Stadtnähe. Mit Aufgabe der Feldversuche wurde das Areal in den 2000er Jahren allerdings für eine Überbauung freigegeben und es gelang MeteoSchweiz trotz längerer Suche nicht, einen neuen, langjährig gesicherten Standort auf Stadtgebiet zu finden. Im Jahr 2006 wurde deshalb als Ersatz die Nachfolgestation auf dem Gebiet der Landwirtschaftlichen Schule Rütti in Zollikofen in Betrieb genommen.

Bewegte Stationsgeschichte mit Folgen

Die im wahrsten Sinne des Wortes "bewegte" Geschichte der Messstation Bern/Zollikofen steht exemplarisch für viele Stationsgeschichten im Messnetz der MeteoSchweiz, wenn auch grosse Verschiebungen, wie diejenige von Bern-Liebefeld nach Zollikofen, die Ausnahme sind. Unberührt von Veränderungen jeglicher Art blieb jedoch kein Messstandort und es wird klar, dass diese Veränderungen auch Auswirkungen auf die Vergleichbarkeit von Messungen haben können. Auswirkungen, die unter Umständen die Aussagekraft einer langen Messreihe bezüglich Klimaentwicklung beeinträchtigen. Man stelle sich eine Veränderung in der Höhe über Meer einer Station vor, die natürlich Auswirkungen auf den Luftdruck oder die Temperatur hat, ohne dass sich am Klima etwas verändert hätte. Oder man führe sich die technische Entwicklung am Beispiel der Station Bern nochmals vor Augen, die kaum spurlos an der Vergleichbarkeit dieser Messungen vorbei gegangen sein kann. Um Aussagen zur Entwicklung einer Messung über den gesamten Messzeitraum machen zu können, ist es deshalb unbedingt nötig, die Auswirkungen der Stationsgeschichte auf die Messungen genau zu studieren und allenfalls zu korrigieren. Diese Arbeit wird in der Klimatologie als Homogenisierung einer Messreihe bezeichnet und von MeteoSchweiz seit 20 Jahren systematisch durchgeführt (e.g. Begert et al, 2003). Ohne Homogenisierung lässt sich keine gesicherte Aussage zur Klimaentwicklung aus langjährigen Messreihen ableiten.

Methoden zur Homogenisierung von Messreihen

Es stehen verschiedene Methoden zur Homogenisierung von Messreihen zur Verfügung. Einerseits war das Problem veränderter Messbedingungen natürlich schon früh bekannt und man bemühte sich, bei Veränderungen wenn möglich gleichzeitig Messungen unter den alten und den neuen Bedingungen (Parallelmessungen) vorzunehmen. Mit dieser Methode konnten zum Beispiel die Unterschiede zwischen der metallenen Wild'schen Hütte, der hölzernen Englischen Hütte und den automatischen Messungen der heutigen Zeit gründlich studiert werden (e.g. Müller, 1984). Und es liessen sich auch Unterschiede zwischen verschiedenen Standorten quantifizieren, wie sie z.B. in Bern zwischen der Grossen Schanze und dem Liebefeld bestehen.

Abgesehen von Parallelmessungen können Messreihen aber auch im Vergleich mit denjenigen von Nachbarstationen betrachten werden. Das Messnetz in der Schweiz ist so dicht, dass an benachbarten Standorten insbesondere im Monats- oder Jahresmittel häufig sehr ähnliche Bedingungen herrschen. Ein warmer Monat in Bern war auch warm in Neuchâtel und im Seegfrörni Winter 1962/1963 war nicht nur der Zürichsee gefroren. Es stehen statistische Methoden zur Verfügung, um solche Nachbarstationen miteinander zu vergleichen und um entscheiden zu können, in welcher Messreihe allenfalls eine Veränderung vorliegt, die keinen natürlichen Ursprung hat. Die Methoden erlauben es auch, Korrekturen für diese Veränderungen zu bestimmen. Korrekturen, die wichtig sind, um die Folgen veränderter Messbedingungen nicht als Klimaveränderung zu interpretieren. Im Fachbericht Nr. 67 der MeteoSchweiz (Begert et al., 2003) sind die verwendeten Methoden detailliert beschrieben.

Keine Datenmanipulation sondern eine Notwendigkeit

Im Fall der Temperatur führt die Homogenisierung bei vielen Messreihen von MeteoSchweiz dazu, dass sich die Zunahme der Temperatur über die Jahrzehnte im Vergleich zu den originalen Datenreihen verstärkt. Zusätzlich liegt die Automatisierung als häufige Inhomogenität zeitlich nahe bei einem sprunghaften Anstieg der Temperatur in der Schweiz Ende der 1980er Jahre. Dies wirft die Fragen auf, ob es tatsächlich gerechtfertigt ist, die gemessene Erwärmung durch Korrekturen zu verstärken und ob der sprunghafte Anstieg nicht eine Folge der Homogenisierung sein könnte? Die Befürchtungen sind unbegründet.

Vergrösserte Ansicht: Originale (oben) und homogene (unten) Jahresmitteltemperaturen der Messstation Bern/Zollikofen in der Periode 1864-2018 inkl. einer linearen Trendlinie (rot). Bei den originalen Daten sind zusätzlich die Zeitpunkte der wichtigsten Veränderungen in den Messbedingungen angegeben.
Originale (oben) und homogene (unten) Jahresmitteltemperaturen der Messstation Bern/Zollikofen in der Periode 1864-2018 inkl. einer linearen Trendlinie (rot). Bei den originalen Daten sind zusätzlich die Zeitpunkte der wichtigsten Veränderungen in den Messbedingungen angegeben.

Wichtige Gründe für die mehrheitlich negativen Korrekturen bei historischen Temperaturmesswerten sind die im Laufe der Messgeschichte gewachsenen Erkenntnisse um gute Messbedingungen, mit denen sich Heinrich Wild Zeit seines Lebens beschäftigt hat, sowie der technische Fortschritt weg von der Wetterhütte hin zu ventilierten Thermometern. Beides hat dazu geführt, dass die Messungen immer besser vom Einfluss der Sonneneinstrahlung geschützt bzw. "befreit" werden konnten. Die Automatisierung leistete in diesem Zusammenhang einen zusätzlichen Beitrag, weil es möglich wurde, die Instrumente weiter weg von störender Infrastruktur wie z.B. Gebäuden zu platzieren. Im Messnetz von MeteoSchweiz wurden zudem die städtischen Stationen im Laufe der Zeit oft von den Zentren an die Peripherie verlegt, um den Einfluss der Verstädterung zu minimieren. Heutige Messungen sind also häufig im Mittel leicht kühler als historische Messwerte der gleichen Station, weil sich die Messbedingungen im Laufe der Zeit dahingehend verändert haben. Sollen die historischen Messwerte nun vergleichbar sein mit den heutigen Daten, um die tatsächliche Temperaturentwicklung über die vielen Jahrzehnte an Messgeschichte hinweg beurteilen zu können, erhalten sie häufig negative Korrekturen.

Dass Korrekturen im Zusammenhang mit der Automatisierung nicht die Ursache des sprunghaften Anstiegs der Temperatur Ende der 1980er Jahre sind, lässt sich zudem gut zeigen, indem Messreihen von Stationen herangezogen werden, die den Schritt zur Automatisierung Ende der 1970er Jahre nicht vollzogen haben. Diese Messreihen zeigen ohne Korrekturen die gleiche Temperaturentwicklung in der Schweiz wie die homogenisierten Reihen, wie das Beispiel von Koppigen (ohne) und Bern (mit) zeigt.

Fazit

MeteoSchweiz homogenisiert ihre Messreihen auf Basis objektiver Methoden, kontrolliert ihre Resultate mit unabhängigen Quellen und hinterfragt ihre Ergebnisse im Sinne einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema laufend und seit vielen Jahren. Alte und neue Studien kommen dabei immer wieder zum gleichen Schluss bezüglich Grösse der Inhomogenitäten und der Notwendigkeit, sie zu korrigieren. Beim Vergleich der homogenen Schweizer Messreihen mit denjenigen unserer Nachbarstaaten stellen wir zudem fest: Die Daten im grenznahen Ausland zeigen die gleiche Entwicklung wie diejenigen in der Schweiz.

 

Links

Begert et al. 2003: Publikation von MeteoSchweiz zur Homogenisierung

Müller, 1984: Fachbericht zum Vergleich von verschiedenen Temperaturmessungen in der Geschichte von MeteoSchweiz

Homogene Messreihen von MeteoSchweiz Stationen ab 1864

 

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Kommentare (27)

  1. Waldemar, 16.07.2019, 13:46

    Zu Sion: Meteoschweiz hat in diesem Blog bereits "zugegeben", dass der Standort fragwuerdig ist. Chur ist meiner Meinung nach evenfalls ungeeignet.

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    1. MeteoSchweiz, 17.07.2019, 09:59

      Hallo Waldemar

      In Sion wurde die Fläche westlich der Station vor ein paar Jahren grossflächig überbaut und wir arbeiten daran, für die betroffenen Messungen eine neue Lösung zu finden. In Chur haben wir uns bei der Erneuerung des Messnetzes 2005 entschieden, den seit 1980 verwendeten Standort auch aus Homogenitätsgründen beizubehalten. Hätten wir verschoben, hätten wir Homogenisieren müssen, was uns an anderer Stelle den Vorwurf eingebracht hätte, wir würden die Daten verändern...

      Freundliche Grüsse, MeteoSchweiz

  2. Andreas Schnyder, 16.07.2019, 12:28

    Die Weltwoche „beschuldigt“ Meteoschweiz ziemlich direkt, die Messdaten manipuliert zu haben, um den AGW hochzutreiben. Sie verneint zudem eine Erwärmung seit 1980. Fazit: es gibt kein AGW in der Schweiz. Muss sich eine staatliche Institution eine derartige Verhöhnung gefallen lassen? Fazit ist, dass die grosse Erwärmung nach 1985 kam, also nach den grossen Homogenisierungen. Und die immer schnellere Gletscherschmelze kommt auch nicht einfach so daher. Und die Phänologie zeigt ja auch einen Warmtrend. Das ganze Heft ist dermassen schlecht, dass es sogar jedem Hobbymeteorologen weh tut. Machen Sie Ihre Arbeit und lassen Sie sich von solchem Trashjournalismus nicht beeinflussen.

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    1. Chrigu, 17.07.2019, 14:31

      Lieber Herr Schnyder
      Seit wann behauptet die Weltwoche, es hätte nach 1980 keinen Temperaturanstieg gegeben? Mir geht es nicht darum, jetzt die Weltwoche in Schutz zu nehmen. Sowohl die Weltwoche wie auch Meteoschweiz können gut für sich selbst sorgen. Ich finde es grosssartig, dass beide offen sind für kritische Stimmen. Und es gibt durchaus Aussagen auf Meteoschweiz, die kritisierungswürdig sind. Schauen sie sich z.B. die Rubrik "Klimafakten" im Detail an, Sie werden mir zustimmen. Liebe Grüsse!

  3. Waldemar, 15.07.2019, 20:56

    Endlich wird offen ueber ein bisheriges Tabu diskutiert. Weltwoche sei Dank.

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    1. MeteoSchweiz, 16.07.2019, 11:35

      Lieber Waldemar
      Wie kommen Sie darauf, dass die Homogenisierung von meteorologischen Messreihen ein Tabu sei? MeteoSchweiz hat dazu immer auf ihrer Website informiert und sogar den Vergleich von originalen und homogenen langen Reihen, den die Weltwoche verwendet, seit langem dort publiziert. Beim Betrachten werden Sie feststellen, dass die grosse Korrektur von Sion eher die Ausnahme und der Verlauf der originalen Daten physikalisch nicht erklärbar ist.

      Freundliche Grüsse, MeteoSchweiz

  4. Chrigu, 15.07.2019, 10:09

    Liebe Meteoschweiz
    Respektvoll: Ich finde, die Homogenisierungen müssten von einer unabhängigen Stelle überprüft werden.

    Sehe ich mir etwa die originale Messreihe der Jahrestemperaturen von Sion an und vergleiche sie mit den homogenisierten Daten, und weiss ich zudem, dass von 1863 bis 1977 die Messstation immer an demselben Ort stand, dann sind gewisse Verschiebungen im Datensatz mehr als erklärungsbedürftig. So wurden manche Messwerte um gut 2°C heruntergeregelt, andere "nur" um 1°C. Die Messstation war aber dieselbe. Auch haben die kältesten Jahre des 19. Jahrhunderts durch die Homogenisierung Platz getauscht. Diese und weitere Auffälligkeiten stellen die Glaubwürdigkeit der gesamten homogenisierten Daten von Meteoschweiz in Frage.

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    1. MeteoSchweiz, 16.07.2019, 09:32

      Hallo Chrigu

      In der Messreihe von Sion führte nicht nur die Verschiebung auf Beginn 1978 (vgl. Antwort auf D. Keller) zu einer Inhomogenität. Zwischen 1864 und 1977 liegen zusätzliche Veränderungen in den Messbedingungen vor (die Verschiebung der Station zum Kloster, ein undokumentierter Bruch, ein Wechsel des Thermometers und ein Hüttentypwechsel), die korrigiert werden mussten. Dies ist der Grund, warum nicht alle Jahre gleich korrigiert sind und Rekordjahre die Plätze tauschen. Eine unabhängige Homogenisierung stellt die in der Weltwoche zitierte Dissertation dar. In der Jahresmittel-Temperatur zeigt sich dort eine sehr ähnliche Temperaturzunahme zwischen 1864 und 1990 wie von uns heute angegeben. Die Behauptung im Beitrag der Weltwoche, es zeige sich in der alten Bearbeitung keine Temperaturzunahme, ist nicht korrekt.

      Freundliche Grüsse, MeteoSchweiz

    2. Chrigu, 17.07.2019, 15:00

      Liebe Meteoschweiz
      Danke für das geduldige Beantworten all der Einwände insb. zu Sion. Wären Sie bereit, eine nachvollziehbare Dokumentation zu allen Brüchen in der Messreihe dieser Station zu liefern? Viele Fragen sind ja nach wie vor nur allgemein, nicht aber konkret beantwortet. Der Betrag der totalen Korrekturdifferenz zwischen einigen der nach unten und einigen der nach oben korrigierten Jahren beträgt immerhin rund 3°C. Fraglich ist z.B., warum das erste Messjahr so viel massiver korrigiert wurde als das zweite. Eine weitere Frage ist auch, was der "undokumentierter Bruch" war - denn immerhin war er doch so dokumentiert, dass man ihn bei der Homogenisierung berücksichtigen durfte.
      Mit besten Grüssen
      Chrigu

    3. MeteoSchweiz, 18.07.2019, 07:45

      Hallo Chrigu

      Ja, das Interesse an der Homogenisierung von Sion würde die Veröffentlichung einer nachvollziehbare Dokumentation rechtfertigen - wir werden uns überlegen, ob und wie wir das tun wollen. Vielleicht in einem zusätzlichen Blog. Zu Ihren konkreten Fragen: In der Grafik der Originaldaten von Sion ist der Jahreswert von 1864 gleich 0 und somit nicht zu sehen. Aus diesem Grund sieht es so aus, als wäre das erste Jahr unplausibel stark korrigiert. Zum undokumentierten Bruch: Inhomogenitäten werden durch die Analyse der Stationsgeschichte UND durch den Vergleich mit Nachbarstationen auf Basis von statistischen Verfahren gesucht. Es gibt Fälle, wo die statistischen Tests etwas finden, ohne dass ein plausibler Grund in der Geschichte aufgeführt ist. Im Fall von Sion ist nur dokumentiert, dass eine Inspektion der Station stattgefunden hat, nicht aber, was genau getan wurde. Die Korrektur ist übrigens positiv, will heissen, frühere Werte werden in diesem Fall leicht erhöht.
      Freundliche Grüsse, MeteoSchweiz

  5. D. Keller, 15.07.2019, 06:50

    Könnten Sie den Fall Sion genauer erläutern?
    Dieser wurde aktuell in der Weltwoche erwähnt (am Ende des Artikels).

    https://www.weltwoche.ch/ausgaben/2019-28/artikel/menschengemachte-schwankungen-die-weltwoche-ausgabe-28-2019.html

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    1. MeteoSchweiz, 16.07.2019, 09:01

      Die Stationsgeschichte von Sion ist wie diejenige von Bern geprägt von verschiedenen Ereignissen, welche einen Einfluss auf die Vergleichbarkeit der Daten haben. Die mit Abstand grösste Inhomogenität entstand bei der Verlegung vom Kapuzinerkloster zum Flughafen im Zuge der Automatisierung 1978. Die Verschiebung zusammen mit der Automatisierung führte zu Jahresmitteltemperaturen, die neu rund 1 Grad tiefer lagen als beim Kloster. Parallelmessungen zwischen alter und neuer Installation aus dem Jahre 1978 bestätigen die grosse Differenz. Die Korrektur dieser Differenz ist der Hauptgrund, warum die originale und die homogene Messreihe so unterschiedlich aussehen.

      Freundliche Grüsse, MeteoSchweiz

    2. D. Keller, 16.07.2019, 12:16

      @Meteoschweiz: Danke für die Antwort. Offensichtlich wurde viele Jahrzehnte im Kloster eine zu hohe Temperatur gemessen. Was war denn der Hauptgrund für die Differenz? Standort? Messgerät? Menschliches Versagen?
      Da die Differenz doch massiv ist (1 Grad übers Jahr), verstehe ich nicht, dass diese Fehlmessungen nie aufgefallen sind. Sie schreiben ja selbst, dass man Vergleiche mit Messstationen in der Nähe macht, z.B. bei der Homogenisierung der Daten.
      Wie konnten die Fehlmessungen in Sion so lange unter dem Radar der Meteorologen durch?

    3. MeteoSchweiz, 16.07.2019, 16:08

      Hier liegt ein Missverständnis vor, was die Homogenisierung tut: Sie korrigiert nicht falsche Messungen, sondern gleicht Messungen, die unter verschiedenen Messbedingungen entstanden sind, aneinander an. Das Kloster liegt am Walliser Südhang rund 60m über dem Talgrund. In dieser Lage sind die Temperaturen im Mittel höher als im Talgrund, insbesondere im Winter (Kaltluftseebildung). Um die Daten über die gesamte Periode von 1864 bis heute miteinander vergleichen zu können, müssen die Unterschiede zwischen Hanglage und Talboden bestimmt und ausgeglichen werden. Die Homogenisierung passt also die Werte des Klosters so an, als wären sie über die gesamte Zeit im Talgrund gemessen worden.

      Freundliche Grüsse, MeteoSchweiz

  6. Uwe Döpper, 14.07.2019, 20:25

    In der Weltwoche-Ausgabe vom 11.07.2019, in der Beilage, ist u.a. das Beispiel von Sion aufgeführt, also warum es nach der Homogenisierung zu einem sprunghaften Temp.Anstieg kam.
    Ich finde es komisch, das hier im Blog nicht darauf eingegangen wird, obschon es hier offensichtlich nicht mit rechten Dingen zugehen kann.

    Wie schreibt die Weltwoche doch: das Ganze ruft nach einer unabhängigen Untersuchung!

    Antworten

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    1. MeteoSchweiz, 16.07.2019, 09:34

      Hallo Herr Döpper

      Die Korrektur der Stationsverschiebung im Zusammenhang mit der Automatisierung auf Beginn 1978 führte zu einer grossen Inhomogenität in der Messreihe von Sion (vgl. Antwort auf D. Keller). Der sprunghafte Anstieg der Temperatur, der am Ende des Blogs thematisiert wird, erfolgte allerdings erst Ende der 1980er Jahre. Er ist keine Folge der Homogenisierung und Sie finden ihn auch in den Temperaturreihen von Frankreich, Deutschland und Österreich.

      Freundliche Grüsse

      MeteoSchweiz

    2. MeteoSchweiz, 16.07.2019, 16:11

      Unseres Wissens gibt es noch keine allgemein akzeptierte Erklärung für den abrupten Temperaturanstieg Ende der 1980er Jahre, der sich übrigens im Alpenraum besonders stark im Winterhalbjahr zeigt. Mehrere Studien mutmassen, dass eine Überlagerung verschiedenster Effekte (Erwärmung durch Treibhausgase, Vulkanausbruch des El Chicón, El Niño, Dimming-Brightening) zu diesem abrupten Temperaturanstieg geführt haben könnte. Aktuelle, noch nicht publizierte Untersuchungen, zeigen, dass alleine die Überlagerung der Erwärmung durch Treibhausgase mit den zum grössten Teil wohl natürlichen Schwankungen des Luftdruckfeldes (etwas salopp: Schwankungen von Wetterlagen) den abrupten Anstieg im Alpenraum gut erklären können.

      Freundliche Grüsse, MeteoSchweiz

  7. Mike (Basel), 14.07.2019, 01:55

    "Beim Vergleich der homogenen Schweizer Messreihen mit denjenigen unserer Nachbarstaaten stellen wir zudem fest: Die Daten im grenznahen Ausland zeigen die gleiche Entwicklung wie diejenigen in der Schweiz." Welche sollen das seien?
    Hoffentlich wird sich dabei nicht auf die HISTALP-Reihe bezogen. Da stimmt so vieles nicht. Das wird in einigen Wetterforen schon seit 10 Jahren! kontrovers diskustiert. Die offensichtlichen Ungereimtheiten die dort zu finden sind, stehen dort wie im Fall von Freiburg im Brsg. immer noch falsch da, obwohl einige versucht haben mittels Emails zu intervenieren.
    http://www.wzforum.de/forum2/read.php?6,1605197,1605489#msg-1605489

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    1. MeteoSchweiz, 16.07.2019, 11:05

      Hallo Mike

      Doch, wir beziehen wir uns auch auf die HISTALP-Datenbank, weil sie die offizielle Datenquelle des österreichischen Wetter- und Klimadienstes ZAMG ist. Dazu nehmen wir aber nicht nur einzelne Messreihen, sondern auch die Landesmitteltemperatur von Österreich, wie sie unter https://www.zamg.ac.at/cms/de/klima/informationsportal-klimawandel/klimavergangenheit/neoklima/lufttemperatur publiziert ist. Allfällige Unzulänglichkeiten in einzelnen Reihen fallen hier kaum ins Gewicht. Der intensiv diskutierte Temperatursprung Ende der 1980er Jahre findet sich allerdings genauso in den Messreihen des DWD und von MeteoFrance.

      Freundliche Grüsse, MeteoSchweiz

  8. Carlo, 11.07.2019, 10:21

    Warum fehlen in den Diagrammen jeweils die Jahre ab 2010?

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    1. MeteoSchweiz, 11.07.2019, 13:50

      Hallo Carlo

      Die konventionellen Stationen (Bsp. Koppigen) im Messnetz von MeteoSchweiz wurden nach 2010 ebenfalls automatisiert. Für den Vergleich von Bern mit einer Station ohne Korrekturen können deshalb nur die Jahre bis 2010 berücksichtigt werden. Da es dort um den Temperatursprung Ende der 1980er Jahre geht, ist dies aber kein Problem. Die übrigen dargestellten Zeitreihen gehen bis 2018.

      Freundliche Grüsse, MeteoSchweiz

  9. Jürg Brechbühl, Diplombiologe UniBE, 11.07.2019, 08:32

    Die Krux ist in einem einzigen Satz versteckt: "Es stehen statistische Methoden zur Verfügung, um solche Nachbarstationen miteinander zu vergleichen und um entscheiden zu können, in welcher Messreihe eine Veränderung vorliegt, die keinen natürlichen Ursprung hat."

    Wer wie ich eine solide stastische Ausbildung zur Analyse natürlicher Vorgänge hat, weiss, dass Statistik keine Wissenschaft ist, sondern eine Kunst. Sie ist zwingend mit einer Reihe subjektiver Entscheidungen befrachtet.

    In dem Sinn ist die Aussage "MeteoSchweiz homogenisiert ihre Messreihen auf Basis objektiver Methoden, " eine dreiste Lüge. Statistische Behandlung natürlicher Systeme ist NIE objektiv. Sie ist im besten Fall reproduzierbar, gut dokumentiert und plausibel für die Insider einer bestimmten Forschergemeinschaft.

    Antworten

    Antworten auf Jürg Brechbühl, Diplombiologe UniBE

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    1. stefan, 11.07.2019, 10:36

      Sehr geehrter Herr brechbühl.
      Sie kennen sich mit Statistik gut aus.
      Hingegen weniger damit
      was die Aussage bedeutet
      :Dreiste Lüge.
      Trotzdem danke für die Präzisierung

    2. MeteoSchweiz, 11.07.2019, 12:05

      Grüezi Herr Brechbühl

      Statistik ist keine Kunst, sondern eine auf mathematischen Prinzipien beruhende Methodik, um aus Daten etwas zu lernen. Die zur Homogenisierung verwendeten statistischen Methoden bestimmen die Wahrscheinlichkeit und Grösse von Inhomogenitäten objektiv aus einem systematischen Vergleich mit Nachbarstationen. Parallelmessungen bestätigen die Resultate der statistischen Methoden.

      Freundliche Grüsse

      MeteoSchweiz

  10. Patrick Bucher, 10.07.2019, 21:13

    Vielen dank für den Bericht! Im Artikel steht, dass erst seit 1978 automatisiert (alle 10 Minuten) gemessen wurde und vorher nur drei mal pro Tag. Meine Frage ist nun, wie man mit drei Messungen pro Tag die Minima und Maxima eines Tages eruieren kann, selbst mit 6 Messungen pro Stunde sind die Messlücken ja schon frappant. Mich interessiert dies insbesondere, da in den Medien hierzulande häufig von den heissesten je gemessenen Temperaturen reden. Dies relativiert sich jedoch, wenn man weiss, dass vor 1978 nur dreimal pro Tag gemessen wurde, oder nicht? Danke für Ihre Antwort.

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    1. Hieronymus Humpe, 11.07.2019, 07:51

      Sie verwechseln die Messung eines Momentanwertes mit der Nessung eines Periodenwertes. Mit einem Minimum- bzw. Maximumthermometer aus Quecksilber konnten die Extremwerte bestimmt werden. Der deutsche Wetterdienst erklärt auf Seite 47/48 der folgenden Publikation die Funktionsweise: https://www.dwd.de/DE/leistungen/pbfb_verlag_leitfaeden/pdf_einzelbaende/leitfaden6_pdf.pdf?__blob=publicationFile

    2. U. Toggenburger, 11.07.2019, 07:59

      Damals wurden sog. Minimum- bzw Maximumthermometer in den Wetterhütten verwendet. Entsprechende Beschreibungen gibt Wikipedia, diese Messwerte entsprechen den effektiven Messungen, abzüglich Strahlungsfehler und instrumentelle Trägheit. Diese Messvorrichtungen sind auch heute vielfach noch im Einsatz. Es gibt auch kombinierte Minimum- Maximumthermometer in einem "Gerät", die oft auch von Landwirten verwendet werden. Diese alten Messsysteme sind bei bei privaten, nicht "computerisierten Stationen durchaus noch alltäglich.