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Neuschnee in St. Gallen - und das im Mai

12. Mai 2020, 9 Kommentare
Themen: Wetter

Heute ziehen wir eine kurze Bilanz über die Niederschlagsphase der vergangenen 48 Stunden und machen uns ein paar Gedanken zu den Schneefällen der letzten Nacht. Danach betrachten wir die Wetterunterschiede zwischen Alpennordseite und Alpensüdseite, die die Luftmassengrenze über den Alpen mit sich brachte.

Heute Morgen wurden in St. Gallen 2 cm Neuschnee gemessen. Am späteren Vormittag waren davon bereits nur noch Spuren zu erkennen. Foto: Webcam Restaurant Scheitlinsbüchel mit Blick Richtung St. Gallen
Heute Morgen wurden in St. Gallen 2 cm Neuschnee gemessen. Am späteren Vormittag waren davon bereits nur noch Spuren zu erkennen. Foto: Webcam Restaurant Scheitlinsbüchel mit Blick Richtung St. Gallen

Die Niederschläge der letzten 48 Stunden

Zwischen Sonntagmittag und Dienstagvormittag kam es im Alpenraum zu einer stärkeren Niederschlagsphase, während welcher die allermeisten Regionen der Schweiz zu teils kräftigeren Niederschlägen kamen. Nur in Teilen des Zentralwallis und Mittelbünden sowie dem Unterengadin blieb es ganz oder meist trocken.

Zunächst sorgte eine Südstauphase auf der Alpensüdseite und dem Jura entlang für kräftige Niederschläge, über die bereits am Montag an dieser Stelle ausführlich berichtet wurde. (Lesen Sie dazu den Wetterblog von gestern.) Gegen Montagabend sorgte der aufkommende Nordwind auf der Alpensüdseite für eine rasche Abtrocknung der Atmosphäre und die Niederschläge wurden dabei rasch beendet.

Gleichzeitig erfasste aus Norden eine Kaltfront die Alpennordseite und sorgte verbreitet für Niederschlag und eine deutliche Abkühlung. Zusammen mit den Schauern und Gewittern vom Sonntag und Montag brachte die Kaltfront auf der Alpennordseite verbreitet 10 bis 20, lokal bis 30 mm. Dem Jura entlang lagen die Niederschlagsmengen teils sogar noch etwas höher.

Vergrösserte Ansicht: Niederschlagsmengen vom Sonntag- bis Montagvormittag abgeleitet aus Mess- und Radardaten.
Niederschlagsmengen vom Sonntag- bis Montagvormittag abgeleitet aus Mess- und Radardaten.
MeteoSchweiz

Die Schneefallgrenze sank dabei von 2000 bis 2600 Metern bis am Dienstagmorgen auf 700 bis 1000 Meter, lokal sogar bis 500 Meter. Oberhalb von etwa 700 Metern blieben dabei am östlichen und zentralen Alpennordhang lokal einige cm Neuschnee liegen, die am Morgen bei der 6 UTC Messung zu Buche schlugen.

Die Schneefälle in der Nacht zu Dienstag

Vergrösserte Ansicht: Neuschneemengen und Gesamtschneehöhen von heute Morgen um 8 Uhr Lokalzeit. Dem östlichen und zentralen Alpennordhang wurden heute Vormittag lokal 1 bis 3 cm Neuschnee (orange Zahlen) gemessen. (Die blauen und rosa Zahlen geben die aktuelle Gesamtschneehöhe an.)
Neuschneemengen und Gesamtschneehöhen von heute Morgen um 8 Uhr Lokalzeit. Dem östlichen und zentralen Alpennordhang wurden heute Vormittag lokal 1 bis 3 cm Neuschnee (orange Zahlen) gemessen. (Die blauen und rosa Zahlen geben die aktuelle Gesamtschneehöhe an.)

Am Dienstagmorgen um 8 Uhr Lokalzeit wurden vor allem am zentralen und östlichen Alpennordhang sowie in Teilen von Nord- und Mittelbünden lokal einige cm Neuschnee gemessen.

Auch an der Messstation St. Gallen auf 802 m ü.M. wurden 2 cm Neuschnee registriert. Dass es hier im zweiten Mai-Drittel noch Neuschnee gibt ist zwar noch lange nicht rekordverdächtig aber kommt dennoch nur selten vor. Das letzte Mal gab es das im Winter 1994/1995.

Vergrösserte Ansicht: Auftreten des jeweils spätesten Schneefalls der Saison an der Station St. Gallen. Die Grafik zeigt auf wann im Jahr (y-Achse) der späteste Neuschnee in den einzelnen Jahren (x-Achse) gemessen wurde. Das Jahr 2019/2020 ist noch  nicht vermerkt, würde aber einen Balken bis mindestens zum 12. Mai hoch erhalten.
Auftreten des jeweils spätesten Schneefalls der Saison an der Station St. Gallen. Die Grafik zeigt auf wann im Jahr (y-Achse) der späteste Neuschnee in den einzelnen Jahren (x-Achse) gemessen wurde. Das Jahr 2019/2020 ist noch nicht vermerkt, würde aber einen Balken bis mindestens zum 12. Mai hoch erhalten.
MeteoSchweiz

Seit Beginn der Aufzeichnung im Winter 1937/1938 wurde in St. Gallen nach dem 10. Mai nur gerade viermal Neuschnee gemessen, wie die obere Grafik zeigt. Der späteste letzte Schnee wurde im Jahr 1962 verzeichnet und zwar am 1. Juni!

Dass Neuschnee in St. Gallen im zweiten und dritten Mai-Drittel doch sehr selten ist, das zeigt auch die zweite Grafik (unten), die alle Schneefälle an dieser Station bis ins Jahr 1959 mitberücksichtigt. Der stärkste Mai-Schneefall brachte im ersten Monatsdrittel in St. Gallen sogar 19 cm Neuschnee. Im zweiten und dritten Monatsdrittel fielen dann wie heute nur noch einzelne cm Neuschnee.

Die Luftmassengrenze über den Alpen

Vergrösserte Ansicht: Bodenwetterkarte von heute Morgen 8 Uhr Lokalzeit. Während sich ein Hochausläufer aus Nordwesten bis zum Alpenraum ausgedehnt hat, lag die Frontalzone noch über den Alpen.
Bodenwetterkarte von heute Morgen 8 Uhr Lokalzeit. Während sich ein Hochausläufer aus Nordwesten bis zum Alpenraum ausgedehnt hat, lag die Frontalzone noch über den Alpen.
Quelle: Deutscher Wetterdienst

Hinter der Kaltfront, die gestern Abend die Alpennordseite überquerte, stellte sich vorübergehend eine Nordstaulage ein. Die Niederschläge am Alpennordhang dauerten dabei noch bis am Dienstagvormittag an. Dahinter sorgte dann ein Hochdruckkeil, der sich aus Nordwesten bis zum Alpenraum ausdehnte, für eine allmähliche Abtrocknung und am Nordrand der Schweiz sowie in den inneralpinen Regionen für eine Bewölkungsauflockerung. Am Südostrand dieses Hochausläufers stellte sich heute auf der Alpennordseite in den bodennahen Luftschichten eine Bisenströmung ein.

Vergrösserte Ansicht: Temperatur- und Druckverteilung auf etwa 1400 m ü.M.. Die Grenze zwischen der Kaltluft (blaue Flächen) und der deutlich wärmeren Luft (grüne Flächen) lag heute Morgen um 8 Uhr genau über den Alpen.
Temperatur- und Druckverteilung auf etwa 1400 m ü.M.. Die Grenze zwischen der Kaltluft (blaue Flächen) und der deutlich wärmeren Luft (grüne Flächen) lag heute Morgen um 8 Uhr genau über den Alpen.
MeteoSchweiz

Wie auf der Bodenwetterkarte von heute Morgen zu erkennen ist, lag die Luftmassengrenze genau über den Alpen. Während die Alpennordseite in der frischen Kaltluft lag, befand sich die Alpensüdseite immer noch in der deutlich wärmeren und labileren Luftmasse. So lag die Temperatur heute Morgen um 6 Uhr Lokalzeit in den Niederungen der Alpennordseite trotz ausgedehnter Bewölkung bei kühlen 3 bis 5 Grad, in den Niederungen der Alpensüdseite bei etwa 10 Grad.

Vergrösserte Ansicht: Temperatur an ausgewählten Stationen heute Morgen um 6 Uhr Lokalzeit. Auf der Alpensüdseite lag die Temperatur in den Niederungen deutlich höher als auf der Alpennordseite.
Temperatur an ausgewählten Stationen heute Morgen um 6 Uhr Lokalzeit. Auf der Alpensüdseite lag die Temperatur in den Niederungen deutlich höher als auf der Alpennordseite.
MeteoSchweiz

Im Tagesverlauf stieg das Thermometer bis Redaktionsschluss im Norden je nach Besonnung auf 9 bis 14 Grad, im Süden mit bis zum Mittag meist sonnigen Verhältnissen auf 20 bis 24 Grad. Im Laufe des Nachmittags bildeten sich im Süden den Alpen entlang erneut Schauer.

Kommentare (9)

  1. Wolfgang, 13.05.2020, 11:41

    Meine Empfehlung wäre nicht mehr Winterreifen von Oktober bis Ostern sondern bis Pfingsten. Das käme der Realität näher.

  2. Stefan, 13.05.2020, 10:09

    Guten Morgen

    Also selbst auf der kleinen Scheidegg bei Grindelwald lag nur der Restschnee vom letzten Winter :-D. Aber es gab dort schon mal Schnee diesen Monat.
    Besonders im Saanenland war das Wetter dann besser als verbreitet im Wallis. Die Sonnenzeiterfassung in Frutigen weiss ich nicht ob das richtig funktioniert. 4 Stundenmittelwerte von über 700 Watt Strahlung. Und daraus resultierten dann 21 Minuten. Ich hab selbst für Kandersteg 2 Stunden 50 Minuten berechnet mit der Station.
    Die schlägt unter 650 Watt Globalstrahlung Mittags noch nicht an. Das sind über 2/3 der Maximalen Leistung um die Jahreszeit. Jedenfalls sah man wieder wie nichtssagend die Sonnenzeit ist. Strahlung ist gerade April bis September deutlich aussagekräftiger. Während 4-6 Stunden war der Einduck recht freundlich.

  3. Jens Paulsen, 13.05.2020, 08:23

    Ist diese rote Struktur der Niederschlagskarte mit Zentrum im westlichen Centovalli, die wie ein Bild einer Explosion aussieht, ein Artefakt der Messungen oder entspricht dies den tatsächlichen Verhältnissen?

    1. MeteoSchweiz, 13.05.2020, 16:38

      Sehr geehrter Herr Paulsen

      Vielen Dank für Ihre Frage

      Es kann sein, dass bei tiefen Schneefallgrenzen in der Schmelzschicht Radar-Artefakte entstehen. Daher ist beim Ermitteln der Niederschlagsmengen auf Radar basierenden Messwerten Vorsicht geboten, weshalb es nötig ist, die am Radar ermittelten Werte mit den Werten der umliegenden Stationen zu vergleichen. Am von Ihnen geschilderten Tag scheinen allerdings die Radarwerte ziemlich genau zu sein, da sie in etwa den tatsächlich gemessenen Werten entsprechen. Normalerweise weist ein Radar-Artefakt, ohne Einfluss der Topgrafie, eine eher runde Form auf.

  4. Christoph B., 12.05.2020, 22:05

    Anzumerken bleibt noch, dass heute morgen auch im östlichen Jura oberhalb von ca. 900 m eine Schneedecke von 1 - 3 cm lag. Diese Werte sind aber nicht in der Schneehöhenkarte ersichtlich, weil es in diesem Gebiet keine Messstationen in dieser Höhenlage gibt.

  5. Stefan V., 12.05.2020, 20:59

    Danke für den einmal mehr ausführlichen Bericht.
    Ich wohne in Chur und muss sagen, dass hier sowohl gestern als auch heute (bis 18h) kein einziger Regentropfen gefallen war. An was liegt das? Es war sowohl im Wetterbericht als auch auf dem Radar immer wieder von Regen in Chur die Rede für den Montag und auch Dienstagmorgen.
    Danke für Ihre Antwort.

    1. MeteoSchweiz, 12.05.2020, 21:20

      In Chur war gestern noch längere Zeit der Föhn im Spiel. Die anschliessende Kaltfront «versandete» mehr oder weniger am Alpennordhang, so dass die inneralpinen Talschaften des Bündnerlandes nur wenig oder gar teils keinen Niederschlag mehr erhielten.

  6. Patrick Hächler, 12.05.2020, 20:50

    Betr. Schneedaten von St.Gallen wäre noch zu beachten, dass die Messstelle zur Zeit auf 802 m/M liegt, also deutlich oberhalb der Stadt. Das war in der Vergangenheit längst nicht immer der Fall, zeitweise wurde bis zu etwa 150 m tiefer gemessen. Die Schnee-Messreihe ist ja vermutlich nicht höhenkorrigiert, oder doch?

    1. MeteoSchweiz, 13.05.2020, 16:48

      Lieber Patrick

      Deine Feststellung als langjähriger ehemaliger Prognostiker ist natürlich richtig. Seit der Automatisierung 1981 befindet sich der Messstandort St. Gallen auf der Notkersegg in einer Höhe von 779 m. Davor (1954-1981) lag der Messstandort beim Botanischen Garten am Ostende der Stadt auf 663 m Höhe, und von 1937-1954 am Westende der Stadt auf 678 m Höhe. Wanderfreudige Messstandorte mit höheren Zielen haben wir auch an anderen Orten wie z.B. in Zürich. Die Zürcher Messungen stammten vor 1949 aus dem Stadtgebiet. Seither liegt der Messstandort am Zürichberg. Die Schneemessstelle ist vor einigen Jahren sogar noch etwas höher gewandert. Im Gegensatz zu den klassischen Parametern wie Temperatur oder Niederschlag erfolgt bei den Schneemessreihen keine Homogenisierung an die Bedingungen des aktuellen Standortes.


      Herzliche Grüsse und alles Gute
      Ein alter Klima-Kollege von MeteoSchweiz