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Gewitter und Schneefall - wie passt das zusammen?

7. Juni 2020, 4 Kommentare
Themen: Wetter

Cut-Off-Bildung – Genuatief – «verwellende» Frontalzone - Präfrontale Konvektion – Starkniederschlag - Niederschlagsabkühlung: Das Wettergeschehen im Alpenraum stand heute ganz im Zeichen von spannenden und teils überraschenden Prozessen. Weiterlesen lohnt sich! :)

Nicht nur die Kühe sind vom Schneefall überrascht worden. Angezuckerte Landschaft unterhalb vom Klausenpass auf etwa 1600 Metern. Foto: D. Gerstgrasser
Nicht nur die Kühe sind vom Schneefall überrascht worden. Angezuckerte Landschaft unterhalb vom Klausenpass auf etwa 1600 Metern. Foto: D. Gerstgrasser

Der Cut-Off-Prozess

Bereits gestern Samstag lag der Alpenraum auf der Vorderseite eines umfangreichen Höhentiefs (in der Meteorologie oft als Trog bezeichnet), dessen Achse von Skandinavien bis nach Nordfrankreich reichte. Heute Sonntag zog sich der Trog noch weiter auseinander und dehnte sich weiter südwestwärts Richtung Iberische Halbinsel aus. Auf Montag vollzieht sich der «Abschnürprozess» weiter, so dass sich über Südostfrankreich ein abgeschlossenes Höhentief (Cut-Off) bildet und den Abtropfprozess beendet (siehe Animation unten).

Der beschriebene Abtropfprozess führte dazu, dass sich der Trog zwar südwärts ausdehnen konnte, jedoch kaum Richtung Osten vorangekommen ist. Der Alpenraum verharrte somit über längere Zeit auf der aktiven Trogvorderseite. Dabei konnte feuchtwarme Luft aus dem Mittelmeerraum auf nördlich der Alpen vorstossende Kaltluft aufgleiten, so dass sich die Niederschlagsprozesse intensivieren konnte. Gleichzeitig haben sich in der labilen Warmluft auf der Alpensüdseite auch bereits präfrontal wiederholt Gewitter gebildet, die eingelagert teils auch über den Alpenhauptkamm hinweggezogen sind (siehe Radaranimation unten).

Vergrösserte Ansicht: Bodenanalyse für heute Sonntag 7. Juni 06:00 UTC mit der verwellenden Front über dem Alpenraum. Quelle: DWD
Bodenanalyse für heute Sonntag 7. Juni 06:00 UTC mit der verwellenden Front über dem Alpenraum. Quelle: DWD

Die Cut-Off-Bildung hat die Westwinddrift stark verlangsamt bzw. unterbrochen, so dass sich die Kaltfront nur langsam ostwärts verlagerte - man spricht in diesem Fall auch von einer wellenden oder schleifenden Front.

Ergiebige Niederschläge

All die oben erwähnten dynamischen Prozesse führten dazu, dass insbesondere vom Tessin über das Gotthardgebiet, die Glarneralpen bis zum Alpsteingebiet beachtliche Niederschlagssummen zusammengekommen sind. Die folgende Grafik fasst die gefallenen Niederschlagsmengen bis Redaktionsschluss zusammen.

Vergrösserte Ansicht: 24-stündige Niederschlagssummen bis 15:00 UTC. Im Tessin sowie im Gotthardgebiet fielen verbreitet 40 bis 70 mm, im Sottoceneri 110 bis 160 mm. Von der Surselva über die Glarner Alpen bis zum Alpstein fielen 30 bis 50 mm, lokal bis 65 mm.
24-stündige Niederschlagssummen bis 15:00 UTC. Im Tessin sowie im Gotthardgebiet fielen verbreitet 40 bis 70 mm, im Sottoceneri 110 bis 160 mm. Von der Surselva über die Glarner Alpen bis zum Alpstein fielen 30 bis 50 mm, lokal bis 65 mm.

Im Mittel- und Südtessin traten sogar einige Flüsse und Bäche über die Ufer. Dies ist auch nicht erstaunlich, wenn man z.B. die Niederschlagssummen von Lugano betrachtet. Innerhalb von 2 Stunden fielen in Verbindung mit einem kräftigen Gewitter 70 mm Niederschlag (vergleiche Verlauf der Stundensummen von Lugano unten). In 24 Stunden kamen 130 mm zusammen.

Vergrösserte Ansicht: Gemessene Stundensummen für die Station Lugano für den 7. Juni 2020.
Gemessene Stundensummen für die Station Lugano für den 7. Juni 2020.

Unerwarteter Neuschnee teils bis in mittlere Lagen

Mit den intensiven Niederschlägen kam es insbesondere in der Surselva sowie im Gotthardgebiet zu einer massiven Niederschlagsabkühlung (Erklärung zur Niederschlagsabkühlung finden Sie hier). Dabei sank die Schneefallgrenze etwas unerwartet teils bis gegen 1500, lokal wie z.B. in Andeer sogar auf 1000 Meter ab. In den übrigen Regionen lag die Schneefallgrenze bei rund 2000 Metern. Trotz Schafskälte (vergleiche hierzu den Blog "Nachhaltige Schafskälte?") ist Schnee anfangs Juni in diesen Höhenlagen doch nicht jedes Jahr zu erwarten.

Einige Impressionen zum Schneefall in den Bündner und Urner Alpen sind hier für Sie zusammengestellt:

Mit Genuatief in den kommenden Tagen weiterhin kühl

Mit der vorstossenden Kaltluft bis zum Mittelmeer konnte sich im Lee der Alpen im Bodenfeld zudem ein Genuatief bilden, in dessen Einflussbereich wir auch bis Mitte der kommenden Woche verbleiben werden (vergleiche Animation am Anfang des Blogs). Am Nordrand des Tiefs über Genua dreht die Strömung zunehmend auf nordöstliche Richtung, so dass weiterhin kühle und schubweise feuchte Luft zum Alpenraum geführt wird.

Vergrösserte Ansicht: 15-Tages-Vorhersage der Tagesmaxima- (rot) und Tagesminima-Temperaturen (blau) für Zürich vom europäischen Globalmodell IFS (ENSEMBLE). In Farbe hinterlegt ist das Modellklima. Gut ersichtlich ist, dass bis mindestens Mitte Woche die Tagesmaxima eher unter den für die Jahreszeit zu erwartenden Temperaturen von 20 Grad liegen.
15-Tages-Vorhersage der Tagesmaxima- (rot) und Tagesminima-Temperaturen (blau) für Zürich vom europäischen Globalmodell IFS (ENSEMBLE). In Farbe hinterlegt ist das Modellklima. Gut ersichtlich ist, dass wohl bis mindestens Mitte Woche die Tagesmaxima eher unter den für die Jahreszeit zu erwartenden Temperaturen von 20 Grad liegen.

Kommentare (4)

  1. Andy, 08.06.2020, 17:23

    Immer wieder spannend, danke!

  2. Pierre Rust, 07.06.2020, 23:57

    Vielen Dank für diese interessanten Erklärungen.
    Das Wettergeschehen wird immer spannender dieses Jahr. Seit dem Jahresbeginn wurden immer wieder neue Rekorde geschlagen was die Durchschnittstemperaturen und die Sonnenscheindauer im Norden Europas betrifft. Jetzt steuern wir wieder gerade in die Gegenrichtung !
    Der heutige Blog deutet wieder einma sehr gut auf die wesentliche Rolle die die Gestaltung der Alpenkette für das Wettergeschehen in Nordwest und Mitteleuropa spielt. Man kann manchal davon träumen welches das Klima der Schweiz oder Norditaliens wäre, ohne dieses mächtige Gebirgsmassiv...

    1. Voser Peter, 08.06.2020, 06:41

      Wetter ohne Alpenbarriere? Immerhin haben wir immer häufiger im Limmattal wärmeres Wetter als im Locarnese.
      Und an den Sonnenscheinstunden ist auch kein Mangel.
      Wir liegen wieder einmal auf der Schoggiseite des Klimawandels, wie lange noch?

  3. Peter Braun, 07.06.2020, 23:21

    Einmal mehr..... trotz meteorologischen Fachausdrücken. ...prägnant formuliert, verständlich, spannend und vor allem mit topaktuellen Bildern dokumentiert.
    Herr Gerstengasser ist wohl stundenlange unterwegs, die Kamera immer bereit. Ich frage mich manchmal: Wer inspiriert den Blogverfasser mehr? Die Fotos von Monsieur Gerstengasser den Blogschreiber oder der Blogschreiber den Monsieur Gerstengasser bei seinen Foropirschen in der Natur in den Kantonen Schwyz und im Urner- und Glarnerland?