Rosenmontagssturm "Ruzica"

8. Februar 2016, 4 Kommentare
Themen: Wetter

Ein Sturmtief bei Schottland sorgte für heute gebietsweise für einen turbulenten Tag. Es wurden sowohl vorhergesagte, als auch überraschende Sturmböen registriert. Mehr dazu erfahren Sie im heutigen Blog.

Der wetterbestimmende Tiedruckkomplex

Vergrösserte Ansicht: Bodenanalyse mit Fronten von heute Mittag 12 UTC. Der Tiefdruckkomplex zwischen der Nordseeküste und Grönland bestimmt das Wetter in weiten Teilen Europas.
Bodenanalyse mit Fronten von heute Mittag 12 UTC. Der Tiefdruckkomplex zwischen der Nordseeküste und Grönland bestimmt das Wetter in weiten Teilen Europas.
Quelle: Deutscher Wetterdienst, DWD

Das umfangreiche und kräftige Tief "Ruzica" war heute für das Schweizer Wetter verantwortlich. "Ruzica" hatte einen Kerndruck von etwa 963 Hektopascal und zog von der Nordspitze Schottlands über die Nordsee an die Norwegische Küste (s. Bild oben).

Das Hauptsturmfeld lag über dem Süden Englands und dem Norden von Frankreich sowie entlang der Nordseeküste. In der Bretagne und auf den Kanalinseln wurden Windspitzen von 120 bis knapp 150 km/h registriert. Vereinzelt gab es auch Blitzentladungen.

Starker Druckfall im Norden

Vergrösserte Ansicht: Gemessener (blau) und vorhergesagter (grau) Verlauf der Nord-Süd-Druckdifferenz Kloten - Lugano. Am Mittag war der Druck im Süden rund 10 Hektopascal höher als im Norden.
Gemessener (blau) und vorhergesagter (grau) Verlauf der Nord-Süd-Druckdifferenz Kloten - Lugano. Am Mittag war der Druck im Süden rund 10 Hektopascal höher als im Norden.

Die Schweiz lag heute im Randbereich des Sturmfelds in starken bis stürmischen westlichen Höhenwinden. Dementsprechend waren die Windspitzen an den meisten Orten - aber nicht überall -  tiefer. Dazu jedoch später. Der Luftdruck ist im Norden im Laufe des Tages um gut 10 Hektopascal gesunken, während er sich im Süden vorerst kaum änderte. Dementsprechend kam in den Alpen erneut Föhn auf, dieser war jedoch nur mässig ausgeprägt.

Am freundlichsten, sprich am sonnigsten war es heute in einem Streifen vom Alpstein über das Prättigau und Landwassertal bis ins Unterengadin. Hier wurden immerhin 4 bis gut 6 Sonnenstunden aufgezeichnet. Mehrheitlich trüb blieb es hingegen vielerorts in der West- und Nordwestschweiz und in Teilen der Alpensüdseite. Der Vormittag verlief mehrheitlich trocken, im Laufe des Nachmittags kamen auf der Alpennordseite und im Wallis mehr und mehr Schauer auf.

Wind - die vorhergesagten und die überraschenden Sturm- und Orkanböen

Vergrösserte Ansicht: Wetterkamera Sigriswil am Thunersee von 6.50 UTC. Am Morgen war die Welt noch in Ordnung, das Wolkenbild lässt die starken Höhenwinde jedoch bereits erahnen.
Wetterkamera Sigriswil am Thunersee von 6.50 UTC. Am Morgen war die Welt noch in Ordnung, das Wolkenbild lässt die starken Höhenwinde jedoch bereits erahnen.

Doch zurück zum Wind, dieser hatte heute die eine oder andere Überraschung parat. Dem Jura entlang sowie am Nordrand der Schweiz wurden - wie vorhergesehen - auch in den tiefen Lagen stellenweise Böen von 100 km/h oder etwas mehr registriert, so zum Beispiel in Delémont, Schaffhausen und Steckborn. In Rünenberg/BL, wo die Station auf 611m sehr gut auf Südwestwind anspricht, wurden sogar 120 km/h gemessen.

Auch in einigen Voralpentälern und am Sempachersee wurden 90 km/h überschritten. Überraschend waren insbesondere die 126 km/h in Thun, die während einer Phase mit Südwestföhn auftraten. Es handelte sich um eine einzelne kurze Böenspitze, welche um 13.40h gemessen wurde:

Ein Erklärungsversuch...

Stutzig macht hier vor allem die gleichzeitig gemessene relativ tiefe mittlere Windgeschwindigkeit von 35 bis 40 km/h (10-Minuten-Mittel).

Normalerweise beträgt der Böenfaktor, also das Verhältnis von Böenspitze zu Mittelwind, etwa 2:1. Höchstwahrscheinlich handelt es sich aber nicht um einen Messfehler, da an anderen Stationen ähnliche Phänomene aufgetreten sind. So lag beispielsweise in Aigle eine Böenspitze bei 96 km/h und der Mittelwind gleichzeitig bei 24 km/h.
 

Vergrösserte Ansicht: Wetterkamera Sigriswil am Thunersee von 12.50 UTC. Am rechten Bildrand ist der verdunstende Niederschlag zu erkennen (rote Ellipsen). Links eine Grafik, die den thermodynamischen Vorgang illustriert: Die Feuchtigkeit verdunstet unterhalb der Wolkenbasis, dadurch wird der Umgebung Energie entzogen und die Luft kühlt ab. Damit steigt aber die Luftdichte, das Luftpaket wird nach unten beschleunigt und produziert einen starken Abwind.
MeteoSchweiz Wetterkamera Sigriswil am Thunersee von 12.50 UTC. Am rechten Bildrand ist der verdunstende Niederschlag zu erkennen (rote Ellipsen). Links eine Grafik, die den thermodynamischen Vorgang illustriert: Die Feuchtigkeit verdunstet unterhalb der Wolkenbasis, dadurch wird der Umgebung Energie entzogen und die Luft kühlt ab. Damit steigt aber die Luftdichte, das Luftpaket wird nach unten beschleunigt und produziert einen starken Abwind.
Grafik: Renee A. McPherson et al (2011): A climatological analysis of heatbursts in Oklahoma (1994-2009); Int. J. Climatol.

Eine mögliche (spekulative) Erklärung des Phänomens liefern die Radarbilder: Über beiden Stationen waren zum Zeitpunkt der maximalen Böen Niederschlagssignale zu sehen. Der Regen und Schnee ist dann aber in den tieferen, föhngetrockneten Luftschichten verdunstet.

Dadurch wird die Luftsäule abgekühlt und es können starke Abwinde auftreten. Diese sind in der Lage, den starken Höhenwind nach unten zu transportieren und ungewöhnlich hohe Windspitzen auszulösen.

Übersicht der Böenspitzen

Vergrösserte Ansicht: Übersicht der gemessenen Böenspitzen im Messnetz von MeteoSchweiz und MeteoGroup von heute bis 17.20 UTC.
Übersicht der gemessenen Böenspitzen im Messnetz von MeteoSchweiz und MeteoGroup von heute bis 17.20 UTC.

In den vom Wind beeinflussten Gebieten wurde es sehr mild, am mildesten natürlich dort wo zusätzlich noch Föhneffekte aufgetreten sind. Spitzenreiter ist mit 15.7 Grad die Station Giswil, vor Interlaken, Luzern und Thun. Alles Stationen, an welchen der (nicht alpenüberquerende) West- bzw. Südwestföhn wirkte:

Kommentare (4)

  1. Kälin Beni, 09.02.2016, 21:28

    Danke für die wiederum interessante Analyse. Mir ist Gestern Nachmittag in Interlaken auf kleinstem Raum über fast zwei Stunden 180 Grad entgegengesetzter Wind aufgefallen: So blies auf der Höhenmatte im Zentrum von Interlaken schon der warme Westwind mit bis zu 58km/h (Messstation von Windline), während 2 Km östlich am Brienzersee die ganze Zeit ein konstanter kalter Ostwind blies mit bis zu 20km/h.
    Meine Vermutung ist dass dies durch ein markanter Kaltluftsee der bis ins Haslital reichte zustande kam. In Meiringen war es um 15.00 Uhr ca. sieben Grad kalt während es in Interlaken auf der Höhenmatte schon 14 Grad warm war. Der Westwind erreichte den Brienzersee dann auch erst um ca. 17.00 Uhr. Ich nehme an der kalte Ostwind ist eine Ausgleichsströmung von kalt zu warm, also von höherem zu tieferem Druck. Wohin bläst es dann aber die schwere Kaltfluft die irgendwo auf den warmen Westwind trifft?

    1. MeteoSchweiz, 10.02.2016, 14:55

      Hallo Beni,

      das war in der Tat eine sehr interessante Wetterlage. Ich würde deine Beobachtung folgendermassen interpretieren: Das Zentrum von Interlaken (und das Gebiet westlich davon) war vom Südwestföhn beeinflusst (nicht zu verwechseln mit Südföhn) und die Temperatur war hoch. Dies führt zur Bildung von einem lokalen Tief, das auch in den Messwerten abgebildet ist. Das Tief hat nun die Kaltluft von Osten (also vom Brienzersee her) angesaugt. Dies ist eigentlich genau derselbe Prozess, wie wir ihn bei einer Südföhnlage an der Föhngrenze beobachten. Die Kaltluft kann man sich als Keil vorstellen, der sich unter die Warmluft schiebt. An der Grenzfläche erfolgt eine gewisse Durchmischung der Luft. Zudem können in der Kaltluft Rotoren entstehen (ist genug Feuchte vorhanden, so werden diese als zerrissene Stratocumuli sichtbar). Die Kaltluft wird also nach oben umgelenkt und kann in der Höhe nach Osten zurückfliessen. Diese Konstellation kann durchaus ein paar Stunden stationär bleiben.

  2. Eduard Kainz, 09.02.2016, 07:55

    Sehr interessant, wie immer.
    Eine Frage, wie erkennt man den verdunstenden Niederschlag (rote Ellipsen)?

    1. MeteoSchweiz, 09.02.2016, 16:09

      Das Kamerabild ist etwas klein dargestellt, die verdunstenden Niederschläge sind daher schwierig erkennbar. Zum Einen machen sich anhand einer Trübung der Sicht auf die ansonsten klar im Bild in Erscheinung tretenden Berge am Horizont erkennbar. Die Wolken, welche mit der Ellipse rechts markiert sind, weisen ausserdem eine etwas unscharfe, diffuse Struktur insbesondere an der Wolkenbasis auf, was typisch für einen sogenannte "Virga" ist (Niederschlag, welcher unterhalb der ihn produzierenden Wolke in trockener Luft verdunstet). Die Diagnose "verdunstender Niederschlag" konnten wir auch mit zusätzlichen Daten erstellen bzw. verifizieren: In den Radarmessungen, welche den Niederschlag in der Höhe erfassen, waren stets schwache Echos der Niederschlagsteile in den Wolken vorhanden. Anhand zusätzlicher Webcam-Bilder konnten wir feststellen, dass kurz nach der Spitzenbö zumindest in der Nähe der Station etwas Niederschlag den Boden erreichte (auf Grund des starken Windes wurde dieser in unseren Bodenmessgeräten jedoch nicht registriert). Die Verdunstungsabkühlung konnte also über die gesamte Fallhöhe der Luft aus der Wolke bis zum Boden wirken und somit einen Beitrag zur Beschleunigung des Fallwindes leisten. Wichtig ist sicher die Feststellung, dass zusätzlich zu diesen mikrophysikalisch-thermodynamischen Vorgängen eine generelle lokale Absinkbewegung der südwestlichen Höhenströmung von der Stockhornkette hinab ins Aaretal, bekannt und im Beitrag oben erwähnt als "Südwest-Föhn", überlagert ist. Es waren also mindestens zwei relevante Prozesse an der Entstehung dieses stürmischen Fallwindes beteiligt.