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Regen, der; -s, -;

13. Mai 2016, 2 Kommentare
Themen: Wetter

Nach einer verregneten Nacht brachte auch der Tagesanbruch keine wesentlichen Änderungen. Es blieb an den meisten Orten trüb und es fiel weiter Regen. Viel zu reden gab die Niederschlagsmessung an der Station SAE (Säntis): Die gemessene 48-h-Regensumme lag um 17 Uhr bei über 200 mm, ob so viel Niederschlag gefallen ist, ist aber nicht sicher.

Die Wetterlage

Vergrösserte Ansicht: Meteogramm, Modellrechnungen verschiedener Parameter an einem Ort im zeitlichen Verlauf. Ort: zentrales Mittelland
Meteogramm, Modellrechnungen verschiedener Parameter an einem Ort im zeitlichen Verlauf. Ort: zentrales Mittelland
MeteoSchweiz

Auslöser für die kräftigen Niederschläge der vergangenen Stunden war ein Tiefdruckgebiet über Osteuropa verbunden mit einer Gegenstromlage. Gegenstromlage bedeutet, dass der Wind in den unteren Luftschichten in der entgegengesetzten Richtung weht als in den oberen Luftschichten. Dies war heute und in der Nacht zuvor gegeben, wie nebenstehendes Meteogramm aus dem zentralen Mittelland zeigt. Es handelt sich dabei zwar um eine Modellrechnung, doch die heutigen Messungen zeigen, dass diese Prognose eintrat.

Die Auswirkungen

Vergrösserte Ansicht: Messdaten des Windprofiler Schaffhausen: Dargestellt sind die Winde in verschiedenen Höhen im zeitlichen Verlauf. Farbig sind die Messwerte, in schwarz die Messdaten eingetragen. Die Winddrehung mit der Höhe ist klar ersichtlich.
Messdaten des Windprofiler Schaffhausen: Dargestellt sind die Winde in verschiedenen Höhen im zeitlichen Verlauf. Farbig sind die Messwerte, in schwarz die Messdaten eingetragen. Die Winddrehung mit der Höhe ist klar ersichtlich.
MeteoSchweiz

Die Daten des Windprofiler Schaffhausen zeigen, dass der Wind in den unteren Luftschichten aus dem Sektor West weht, um dann mit der Höhe über Nord auf Nordost zu drehen. Gegenstromlagen sind in der Regel mit kräftigen Niederschlägen verbunden, die auch dieses mal auftraten.

Die untenstehenden Regensummenkarten zeigen einerseits, dass auf der ganzen Alpennordseite ordentlich Regen fiel, zum andern lassen sich zwei Schwerpunkte ausmachen: Der eine liegt im Kanton Solothurn, der andere in der Zentral- und Ostschweiz, insbesondere im Säntisgebiet.

Im Tessin liessen die Niederschläge nach, auch dies lässt sich durch den Vergleich von 24-h-Summen zu 48-h-Summen schnell feststellen. Die 48-h-Niederschlagssummen in Zahlen sind der untenstehenden Grafik zu entnehmen.

Ein kleines Detail am Rande: Die Regensummenkarten zeigen bei Beznau ein Loch. Der Regenmesser an diesem Standort litt unter einer blockierten Wippe, weshalb kein Niederschlag aufgezeichnet wurde. Für klimatologische Betrachtungen werden deshalb solche ‚Fehlmessungen‘ in der Datenbank gekennzeichnet, so dass sie nicht in entsprechende Berechnungen einfliessen.

In Zahlen

Vergrösserte Ansicht: Niederschlagssummen der letzten 48 h (bis 13.05.2016, 14.00 UTC)
Niederschlagssummen der letzten 48 h (bis 13.05.2016, 14.00 UTC)
MeteoSchweiz

Die farbigen Regensummenkarten lassen einen sehr raschen Überblick über die Situation zu. Schnell kann man die Regionen mit den höchsten Summen ausmachen und das räumliche Muster ist ebenfalls rasch erkannt. Die obenstehende Karte drückt das Ganze dann noch in Zahlen aus, Werte über 50 mm sind mit rötlichen Farbtönen gekennzeichnet. Man beachte die Spitze von Grenchen mit über 100 mm in 24 Stunden, noch mehr sticht aber der Saentis heraus, wo in den letzten 48 Stunden 206 mm gemessen wurden. Rund 162 davon fielen innert 24 Stunden.

Niederschlagsmessung Säntis

Wir haben es hier an dieser Stelle bereits diskutiert, aber es sei nochmals darauf hingewiesen. Eine Messung ist eine Messung. Sie muss nicht mit der Realität übereinstimmen. Messgeräte können zwar „falsche“ Werte liefern (um das zu verhindern werden sie aufwändig geeicht), doch die Messung an sich ist korrekt. Das Gerät hat tatsächlich etwas gemessen und zeigt einen entsprechenden Wert an. Tönt vielleicht spitzfindig, aber wenn im Sommer der Thermometer an der Sonne steht, so zeigt der Thermometer 60 Grad an. Er misst auch 60 Grad. Aber es wäre vermessen zu sagen, in der Schweiz ist es 60 Grad warm.

Weshalb nun diese Einleitung? Nun, die Station SAE (Säntis) registrierte innerhalb eines Tages (Morgen 12.5. bis Morgen 13.5.) 162 mm Niederschlag. In der 132-jährigen Niederschlags-Messreihe des Säntis wurde ein solcher oder höherer Tageswert bisher sechsmal aufgezeichnet:

  • 22.08.2005          186.7 mm
  • 14.06.1910          183.3 mm
  • 14.05.1933          171.6 mm
  • 03.11.1921          167.7 mm
  • 12.05.2016          162.0 mm
  • 14.02.1990          160.0 mm

 

Zu beachten ist, dass es sich um Tagesniederschläge handelt, die Periode dauert traditionell von rund 6 Uhr bis 6 Uhr UTC. Die Messstation registrierte also ein ordentliche Menge Niederschlag. Verwendet man unsere Extremwertstatistik, und berechnet den Bereich 145 mm bis 175 mm (Analysebereich wie im Handbuch +/- 10% des gefallenen Wertes), so ergibt sich eine Wiederkehrperiode von 30 bis 150 Jahren. Damit kommt man zur folgenden Aussage:

Der auf dem Säntis registrierte Tageswert von 162 mm wird über einen langen Zeitraum betrachtet etwa alle 30 bis 150 Jahre erreicht oder überschritten.

Bleibt die Frage, die sich alle Meteorologen immer wieder stellen: Ist die Niederschlagsmessung am Säntis richtig? Meine Meinung dazu ist klar: Ja, die Messung ist korrekt, aber es fiel niemals so viel Niederschlag.

Die Causa Säntis

Vergrösserte Ansicht: Verlauf verschiedener Wetterparameter an der Station Säntis: Wind, Temperatur, Feuchte und Niederschlag
Verlauf verschiedener Wetterparameter an der Station Säntis: Wind, Temperatur, Feuchte und Niederschlag
MeteoSchweiz

Niederschlagsmessungen im Hochgebirge sind mühsam. Einerseits stellen die klimatischen Bedingungen hohe Ansprüche an die Geräte, zum andern beeinflussen die oft extremen Bedingungen die Messungen.

Es wehen starke Winde und der Niederschlag fällt oft in der Form von Schnee. Wenn man sich einen Niederschlagsmesser vorstellt, so wird dieser vom Wind um- und überströmt, Niederschlagstropfen werden weggeblasen, andere wieder hinein geblasen.

Noch schlimmer wird es bei Temperaturen unter 0 Grad. Der Schnee wird weggeblasen oder er wird hineingeblasen (ein Grund, weshalb im Hochgebirge auch an sonnigen Tagen Niederschlag gemessen werden kann). Oder es bildet sich eine Schneekappe, welche die Öffnung des Niederschlagsmessers verkleinert oder verschliesst. Oder ein angefrorener Schneeblock fällt in den Messkübel.

Zwar sind die Stationen beheizt, aber es dauert seine Zeit bis der Schnee schmilzt. Wollte man die Station stärker beheizen, so würde einfach mehr Niederschlag verdunsten. Es kommt auch drauf an, wie der Wind weht, wie stark und aus welcher Richtung.

All das beeinflusst die Messung, die wohl korrekt ist, die aber nicht eine repräsentative Aussage über die gefallenen Niederschlagsmengen zulässt. Wenn man das Regenereignis von Pfingsten 2016 also analysiert, so sollte man sich für dessen Einschätzung besser nicht einzig auf den Wert vom Säntis abstützen.

Hochwasser

Vergrösserte Ansicht: Die Tössfälle bei Winterthur-Wülflingen
Die Tössfälle bei Winterthur-Wülflingen
Andreas Hostettler

Viel Regen bedeutet meist auch Hochwasser. Dementsprechend haben die Bundesstellen auch ein Naturgefahrenbulletin ausgegeben. Einen Überblick davon können Sie sich auf http://www.naturgefahren.ch verschaffen.

Kommentare (2)

  1. Joachim Schug, 14.05.2016, 10:15

    Messung des Niederschlages im Hochgebirge ist sehr heikel. Auf dem Säntis wird die Schneehöhe unterhalb des Gipfels in einer windgeschützten Mulde neben der Stütze/Haltestelle Girenspitz gemessen. Meteocentrale Station Schwägalp hatte übrigens eine 24-h Regensumme von 62 mm, Wasserauen und Wildbad je 57 mm.

  2. Ziereisen Martin, 13.05.2016, 23:49

    Neben dem Niederschlag in flüssiger Form wird auch die Schneehöhe Gemessen. der Schneezuwachs betrug Gemäss Messstation "nur" 21cm was ca 10 bis 20mm Regen bedeutet. Auch die Schneemessung wird stark durch den Wind beeinflusst welcher in Böen über 80 km/h erreichte.
    aber 168mm Regen würden einen Schneezuwachs abhängig von Temperatur, Feuchte und Wind von 1.68 bis 3.4m bedeuten. Bei so vielen einwirkenden Faktoren kann man gar nicht so exakt messen, man kann die Werte höchstens noch mit den Radaraufzeichnungen abgleichen, wobei auch dies mit Unsicherheiten behaftet ist.