Arktische Kälte

6. Januar 2017, 9 Kommentare
Themen: Wetter

Das heutige Titelbild wurde nicht, wie vielleicht auf den ersten Blick vermutet, am Nordpol aufgenommen, sondern stammt von heute morgen und wurde in der Schweiz geknipst. Das Messgerät, welches die wagemutige Person in der Hand hält zeigt -34.9 Grad an. Wo dieses Bild aufgenommen wurde und warum es heute morgen zu diesen tiefen Temperaturen gekommen ist, erfahren Sie im heutigen Blog.

Nördliche Höhenströmung führt weiterhin arktische Kaltluft zur Schweiz

Vergrösserte Ansicht: Die Analyse der Bodendruckwerte des DWD zeigt, dass sich heute Mittag ein kräftiges Hoch über Deutschland befindet.
Die Analyse der Bodendruckwerte des DWD zeigt, dass sich heute Mittag ein kräftiges Hoch über Deutschland befindet.
DWD

Ein Hochdruckgebiet über Deutschland war heute für das Wetter in der Schweiz bestimmend und sorgte für meist sonnige Verhältnisse. Die Schweiz befand sich am Südrand dieses Hochs in einer schwachen bis mässigen Bisenströmung. In der Höhe herrschten weiterhin starke bis stürmische Nordwinde vor. Die ohnehin schon kalten Temperaturen fühlten sich mit der Bise oder mit dem Nordwind in der Höhe noch um einiges kälter an.

Auf eine arktisch kalte Nacht...

Das sich annähernde Hoch aus Norden sorgte bereits in den Abendstunden von gestern dazu, dass die Bewölkung grösstenteils aufgelöst wurde. Damit herrschten in der Nacht optimale Abstrahlungsbedingungen, wodurch die Temperaturen stark sinken konnten. Am kältesten (bezogen auf die MeteoSchweiz-Stationen) wurde es letzte Nacht in La Brévine im Jura. Dort sank die Quecksilbersäule auf fast -30 Grad. Dieser Wert ist allerdings noch weit entfernt von den bisher aufgezeichneten Rekordwerten. Am 12. Januar 1987 wurde es an diesem Standort -42.5 Grad kalt. Auch im Mittelland konnten die Temperaturen in den zweistelligen Minusbereich fallen. Die kältesten Stationen sind Zürich / Kloten und Egolzwil mit -13.6 Grad. Weiter Richtung Westen war es etwas weniger kalt, da dort zeitweise die Bise wehte und so eine noch stärkere Abkühlung verhindert wurde.

...folgt ein frostiger Tag.

Auch tagsüber erreichten die Temperaturen die Nullgradgrenze um einige Grad nicht. -1 bis -5 Grad waren heute die gemessenen Höchsttemperaturen im Mittelland. Etwas milder war es auf der Alpensüdseite mit bis zu 6 Grad am Nachmittag. Doch diese Temperaturen fühlten sich bei den vorherrschenden Winden (im Mittelland Bise, in den Bergen Nordwind) um einiges kälter an. Diesen Effekt nennt man Windchill-Effekt. Weitere Informationen dazu finden Sie hier.

Neuschneemengen heute morgen

Die Nordstausituation mit labiler Höhenkaltluft, welche gestern noch zahlreiche und in den Alpen und Voralpen auch anhaltende Schneefälle brachte, ging heute zu Ende. Darum werfen wir erneut einen Blick auf die gefallenen Neuschneemengen bis heute morgen. Den meisten Neuschneezuwachs verzeichnete die Station Iltios beim Chäserugg im Toggenburg: 35 cm. In den zentralen und östlichen Alpen und Voralpen wurden verbreitet 10 bis 25 cm gemeldet. In den übrigen Alpen fielen weitere 2 bis 10 cm. Richtung Alpensüdseite nahmen die Neuschneemengen kontinuierlich ab

Der MeteoSchweiz-Mitarbeiter S. Vogt (Titelbild) machte sich heute auf die Suche nach möglichst ausgeprägten Kaltluftseen. Beste Voraussetzungen für die Ausbildung eines Kaltluftsees bietet das Gräppelental im westlichen Alpstein. In diesem Tal liegt eine geschlossene Senke, wo heute morgen eine Minimumtemperatur von -35.8 Grad auf einem Handthermometer abgelesen werden konnte. Mehr Informationen zur Topografie des Tals und weitere spannende Fakten finden Sie auf seiner Internetseite.

Kommentare (9)

  1. Jens Paulsen, 07.01.2017, 15:02

    Danke für die Zeitrafferfilme, die vieles verstndlich machen, was mit Text allein umständlich zu beschreiben wäre!
    Die Sache erinnert mit an ein Erlebnis aus meiner RS, wo wir bei typischem Infanteriewetter im Spätherbst (tagsüber Schneeregen, nachts aufklarend) aus taktischen Gründen an der tiefsten Stelle der Sèche oder Combe des Amburnex im waadtländischen Hochjura kampieren mussten. Auf der Wache oben war es einigermassen auszuhalten, aber unten im Loch wurde es erbärmlich kalt.

  2. B. Rothkegel, 07.01.2017, 00:44

    Danke für die interessante Erklärung. Bin gespannt, was dieser Winter noch so zu bieten hat. Im Februar 1985 hatten wir morgens mal minus 24 Grad (Zentralschweiz), der Diesel im Tank war nur noch Pudding und der Ofen glühte..Ein richtiger Winter wär wieder mal schön!

  3. Heinz Forter, 06.01.2017, 20:14

    Endlich ist es in der Schweiz jetzt kälter geworden. In den vergangenen zwei Wochen weilte ich in Orsk am Südende des Ural, geografische Breite ca. wie Köln. Wir hatten in den letzten Tagen Temperaturen zwischen -10 und 0 Grad. Eigentlich wären ca. -20 Grad zu erwarten. Für Irkutsk am Baikalsee - also im tiefsten Sibirien stiegen laut Meteocentrale.ch die Temperaturen tagsüber auf bis -7 Grad und das ist m.E. entschieden viel zu warm. Besteht zwischen den zwei Temperaturbewegungen ein Zusammenhang?

    1. Matthias Göring, 07.01.2017, 09:53

      Guten morgen Herr Forter, ich sah per Zufall, dass Sie in Russland - Ural - Sibirien - Baikalsee waren. Wir wollen auch dorthin... Es würde mich freuen von Ihnen mehr zu hören. matt.goering@bluewin.ch. Freundliche Grüsse Matthias Göring

    2. Heinz Forter, 07.01.2017, 22:21

      Guten Abend Herr Göring

      Mit Ihrer Mail-Adresse scheint etwas nicht zu stimmen.

      Ihr Interesse freut mich sehr. Meine Frau (Russin) und ich sind in Basel daheim. Sollten Sie nicht allzuweit weg wohnen (für schweizerische Entfernungsverhältnisse), könnte man ja vielleicht einmal zusammensitzen. Das wäre bestimmt interessanter, als wenn ich jetzt einfach etwas schreibe. Aber eines ist sicher: Russland ist ein grossartiges Land!

      Gerne höre ich wieder von Ihnen,
      E Gruess
      Heinz Forter

      heinz.forter@bluewin.ch

    3. MeteoSchweiz, 08.01.2017, 10:37

      Wir haben für sie die grossräumigen Temperaturanomalien etwas genauer angeschaut. Tatsächlich betrug die positive Abweichung vom langjährigen Mittel (1981-2010) zwischen dem 24.12.16 und dem 4.1.17 in weiten Teilen Russlands je nach Höhenlage 4 bis 10 Grad. Einzig in Nordsibirien lagen die Temperaturen 6 bis >10 Grad unter dem langjährigen Mittel. Die Gründe für dieses Muster lassen sich nicht einfach eruieren und bedürften weiterer Abklärungen. Ein für unsere Breiten wesentlich bestimmender Faktor dürfte der kräftige Höhenkeil über Westeuropa gewesen sein. Dieser blockierte die allgemeine Zirkulation über Wochen, sodass die polaren und arktischen Kaltluftmassen nicht bis nach Mitteleuropa vorstossen konnten. Mit der Westwärts-Verlagerung dieses Hochs auf den Atlantik wurde nun in den letzten Tagen der Weg frei für den Vorstoss der arktischen Kaltluft aus den polaren Gebieten Sibiriens. Siehe dazu auch die Trajektorien-Karte (Luftmassenherkunft) im Blogbeitrag.

  4. Marc Geissmann, 06.01.2017, 19:05

    Guten Tag

    Vielen herzlichen Dank für die sehr interessanten Ausführungen rund um den Kaltluftsee Hintergräppelen. Und jeweilige Temperatur-Minima finde ich eindrücklich. Soviel ich weiss, setzt Meteoschweiz grösstenteils Temperatur-Messgeräte der Firma Rotronics ein. Weshalb wird bei der besagten Station in Hintergräppelen eine andere Station (von Lambrecht) verwendet? Hat dies mit den besonderen Bedingungen in dieser Senke (bildender See, Schneehöhe, etc) zu tun?

    Viele Grüsse aus dem ebenfalls kalten Goms, die Station in Ulrichen hat vergangene nach (noch) kapp die -20Grad-Marke verpasst.

    Marc Geissmann

    1. Laura, 07.01.2017, 14:46

      Herrlich! :)
      Was die Klima-Märchen-Onkel wohl dazu sagen? Wieder so eine "Anomalie"?

    2. Stephan Vogt, 08.01.2017, 01:05

      Guten Tag Herr Gassmann, die Station auf der Alp Hintergräppelen ist bezüglich Know-How durch die Erfahrungen an der MeteoSchweiz inspiriert, wird jedoch auf privater Basis betrieben. Die gewählten Komponenten (Datenlogger, Messfühler, Strahlungsschutz), welche unter https://kaltluftseen.ch/daten-von-kaltluftseen/hintergraeppelen/ beschrieben sind, sind aufeinander abgestimmt und stellen einen Kompromiss zwischen Messgenauigkeit, Funktionstüchtigkeit bei tiefen Temperaturen und Anschaffungskosten dar.

      Freundliche Grüsse, Stephan Vogt