Bilanz ziehen

5. Januar 2018, 7 Kommentare
Themen: Wetter

Die vergangenen stürmischen und niederschlagsreichen Tage liegen hinter uns. In einer starken Westströmung eingelagert zogen zwei markante Randtiefs, "Burglind" und "Christine", über die Schweiz hinweg. Nebst kräftigen Sturmwinden fiel vor allem am Donnerstag auch anhaltend Niederschlag. Es ist Zeit, Bilanz zu ziehen.

Niederschlagsmessstation Oberiberg heute Morgen. Bild: M. Kopp
Niederschlagsmessstation Oberiberg heute Morgen. Bild: M. Kopp

Die vergangenen Tage waren aus meteorologischer Sicht sehr dynamisch. Über dem Nordatlantik entwickelte sich bereits zum Jahreswechsel ein kräftiges und recht umfangreiches Tief mit einem Kerndruck von unter 960 hPa. In der Höhe war es an einen starken Jetstream gekoppelt, der die weitere Entwicklung wesentlich mitsteuerte.

Sturmtief "Burglind"

Am 2. Januar entstand an der Kaltfront eine frontale Welle, die sich rasch zu einem Randtief intensivierte und gesteuert von der starken westlichen Höhenströmung über Schottland hinweg zur Nordsee zog, wo es am 3. Januar mit einem Kerndruck von 966 hPa seine stärkste Phase erreichte. Dieses Tief sorgte am letzten Mittwoch 3. Januar als „Burglind“ auch in der Schweiz für Sturmwinde. In der Folge zog das Sturmtief „Burglind“ weiter ostwärts nach Dänemark und begann sich aufzufüllen. Somit nahmen auch über der Schweiz die Windgeschwindigkeiten vorübergehend ab.

Sturmtief "Christine"

Über dem Nordatlantik blieb die stark ausgeprägte Frontalzone weiterhin bestehen, so dass sich bereits am Mittwoch eine nächste Randzyklone bildete. Sie verlagerte sich auf einer ähnlichen Zugbahn wie schon zuvor „Burglind“ über England hinweg zur Nordsee und vertiefte sich auf 982 hPa. Wiederum erfasste das Tief, genannt „Christine“,  an seinem Südrand die Schweiz mit stürmischen Winden, wenn auch weniger stark als am Tag zuvor. Markant war zudem auch die Warmfront von „Christine“, die die Zufuhr von milder und feuchter Meeresluft vom Atlantik zum Alpenraum einleitete. Dieser anhaltende Zustrom von feucht-milder Luft führte am Donnerstag den ganzen Tag zu teils recht intensiven Niederschlägen, die am Alpennordhang durch Staueffekte noch verstärkt wurden. Gleichzeitig stieg die Schneefallgrenze mit der wärmeren Luft schon am Donnerstagvormittag rasch von 600 auf über 2000 Meter an. In der Nacht auf heute Freitag zog das Tief „Christine“ unter einsetzender Auffüllung zur südlichen Ostsee weiter, und in der Schweiz setzte eine Wetterberuhigung ein.

Ergiebige Niederschläge

Seit Dienstag 2. Januar folgten, eingelagert in die starke Westströmung, mehrere Niederschlagsphasen. Die erste war an eine okkludierende Front gebunden, die unmittelbar dem Sturmtief „Burglind“ vorausging. Nach einer kurzen Wetterberuhigung folgte bereits am Mittwoch 3. Januar die markante Kaltfront von „Burglind“, die am späteren Vormittag die Schweiz überquerte, vereinzelt sogar von kleinen Gewittern begleitet. Nach längeren trockenen Abschnitten setzten in der Nacht auf Donnerstag 4. Januar erneut Niederschläge ein, verursacht von der Warmfront des sich annähernden Tiefs „Christine“. Da die Zufuhr von milder und feuchter Meeresluft während des ganzen Tages aufrecht erhalten wurde, hielten die Niederschläge fast ununterbrochen an. Erst in der Nacht auf Freitag 5. Januar fanden die Niederschläge dann ein Ende.

In den Alpen teilweise viel Neuschnee

Mit den ergiebigen Niederschlägen fiel in den Alpen natürlich auch viel Neuschnee. Betroffen waren aber hauptsächlich Höhenlagen oberhalb rund 2000 Metern, dort wo der Grossteil der Niederschläge in Form von Schnee fiel. Unterhalb fiel der Niederschlag wegen der angestiegenen Schneefallgrenze meist als Regen. Einzig in einigen inneralpinen Tälern, wo der starke Westwind nur schwer vorstossen und daher die Kaltluft nur zögerlich ausräumen konnte, fiel der Niederschlag noch länger als Schnee bis zum Talgrund, wie beispielsweise im Obergoms oder in Teilen der Surselva.

Stürmische Tage

Mit dem Sturmtief „Burglind“ zogen über einen Grossteil der Schweiz heftige Stumwinde. Sie erreichten im Flachland Böenspitzen von 80-100 km/h, an den Voralpen sogar 125 km/h (Thun und Luzern) resp. in Wädenswil gar 151 km/h! In erhöhten Lagen zeigte das Anemometer 120-160 km/h an. Auf dem Säntis waren es 171 km/h, auf dem Pilatus 195 km/h und auf dem Gütsch ob Andermatt sogar 201 km/h!

Das zweite Sturmtief „Christine“ brachte am Donnerstag 4. Januar zwar nochmals stürmische Winde, aber nicht mehr in der Stärke wie am Vortag. Im Flachland wurden Böenspitzen von 50-80 km/h verzeichnet, deutlich höhere Werte traten wiederum in Thun (96 km/h) und in Luzern (101 km/h) auf. An erhöhten Standorten wurden 80-110 km/h gemessen, auf einigen Bergstationen (Jungfraujoch, Titlis, Crap Masegn, Säntis) rund 150 km/h.

Warnungen

Die Wetterereignisse der vergangenen Tage wurden von MeteoSchweiz mit verschiedenen Warnugen bewarnt. Es wurden Warnungen Stufe 3 für Sturm sowie für intensiven Regen und für starken Schneefall ausgegeben. Für Teile der westlichen Schweizer Alpen wurden zudem noch Warnungen Stufe 4 für intensiven Regen und starken Schneefall gemacht.

Kommentare (7)

  1. Daniel Hernández, 06.01.2018, 17:42

    Liebes MeteoSchweiz-Team

    Ich bin selbst Meteorologe und Klimatologe und finde Herrn Kirsch's Kommentar im Kern absolut berechtigt.
    Im erweiterten Prognosezeitraum ab Ende Dezember bis aktuell von "jahreszeitüblichen Temperaturen" zu sprechen, ist, entschuldigen Sie die Deutlichkeit, weder durch die in der Zwischenzeit effektiv gemessenen Temperaturen seit Anfang Jahr noch durch die Normperiode 1981-2010 und noch weniger durch diejenige von 1961-1990 zu belegen. Von Anfang Jahr bis heute liegen die registrierten Temperaturüberschüsse, dort wo die Schweizer Bevölkerung zum allergrössten Teil lebt, nämlich in den Städten in Höhenlagen zwischen Basel und St. Gallen (260-670m) mit 6° bis 8°C massiv über der Norm 1961-1990 und immer noch 5° bis 7°C über der deutlich vom Klimawandel geprägten neueren Zwischennorm 1981-2010.
    Dass die positiven Abweichungen mit zunehmender Höhe abnehmen ist eine unter Fachleuten allgemein bekannte Tatsache. Diese hier aber als Argument gegen Herrn Kirsch's berechtigte Kritik anzuführen, ist sachlich mindestens fragwürdig.
    Denn es schleckt es keine Geiss weg, die positiven Temperaturabweichungen der letzten 6-9 Tage unterhalb 1000m liegen extrem über allen Normmitteln und erinnern sehr an den bisher wärmsten Jahrhundert-Mildwinter 2006/20007, wo z.B. viele Skilager mangels Schnee nicht stattfinden konnten.

    Gerade als Mann vom Fach wünsche ich mir von MeteoSchweiz mehr Mut zur Selbstkritik.

    Freundliche Grüsse
    Daniel Hernández

    1. MeteoSchweiz, 08.01.2018, 09:10

      Die klimatologische Analyse erfolgt jeweils Ende Monat mit einem Blogartikel bzw. mit dem Klimabulletin am 10. des Folgemonats:
      http://www.meteoschweiz.admin.ch/home/klima/gegenwart/klima-berichte.html.

      Im Kommentar wird auf eine klimatologische Analyse Bezug genommen, welche im Kommentar, worauf er sich bezieht, nicht enthalten ist.
      Im Beitrag zur 8-14 Prognose wurde erklärt, dass diese sehr milde Periode eben 1 bis 2 Wochen im Voraus nicht in diesem Ausmass vorausgesagt wurde. Da wurde eben angeführt, dass es sich bei der 8-14 Prognose um eine mögliche Entwicklung handelt, wobei derart extreme und langandauernde Wetterereignisse wie die aktuelle milde Periode sich 7-14 Tage im Voraus kaum vorhersagen lassen.

  2. Louis, 06.01.2018, 16:36

    Seit wann liegt Dänemark östlich der Schweiz? Ich hätte es eher nördlich erwartet..

  3. Andreas Kirsch, 05.01.2018, 23:01

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    wie kommt ihre Redaktion nur auf die Idee seit 10 Tagen von „jahreszeitüblichen Temperaturen „ zu sprechen.
    Nicht dem Zeitgeist verfallene Meteorologen wie Jörg Kachelmann und
    viele andere passen ihre Normwerte nicht dem Durchschnitt der letzten fünf wärmsten Januare seit Menschengedenken an. Ein Januar mit viel zu milden 10-12 Grad plus seit Tagen auf 500 Meter üNN kann doch nicht als jahreszeitübliche Temperatur bezeichnet werden. Wenn sie ihre Normwerte weiter so anpassen, sind in 10 Jahren im Januar Tages-Temperaturen um 20 Grad jahreszeitüblicher Durchschnitt !! Wenn man das Klima als Referenz nimmt, warum dann nicht weiterhin die vorliegenden Messdaten seit 1881
    heranziehen. Klima ist kein Zeitraum von 10 Jahren. Sämtliche Wetterredaktionen sprechen von „extrem milden Temperaturen „. Außer Sie.
    Was sind dann Januar Tages-Temperaturen von - 5 Grad zukünftig? Arktische Werte weit jenseits jeglicher Normalität, oder wie werden sie das bezeichnen ? Solche Bewertungen sind schlicht unerträglich und werden die Anomalie menschlich veränderten Klimas nicht normaler machen.
    Schade dass solche Kommentare nicht von ihnen veröffentlicht werden.

    Mit freundlichen Grüßen

    Andreas Kirsch

    1. MeteoSchweiz, 06.01.2018, 08:46

      Wir bestätigen Ihnen, dass wir alle Kommentare/Fragen in unserem Blog publizieren. Einzig Kommentare, die nicht der Netiquette nicht entsprechen, werden abgelehnt.

      Hier die Antwort, die wir gestern haben:

      Unter dem Abschnitt "mögliche Entwicklung ab Tag +8 bis +14" wird die wahrscheinlichste Witterung über eine Periode von einer Woche beschrieben. Dabei ist die angegebene Strömungslage als das häufigste Windregime in der Höhe während dieser Periode zu verstehen, was aber nicht unbedingt für alle 7 Tage zutreffen muss, denn in unseren Breiten kann die Strömungsrichtung auch von Tag zu Tag ändern.
      Bei Temperaturangabe handelt es sich um einen durchschnittlichen Wert, der sich ebenfalls auf die ganze Periode bezieht, mit Akzent auf die tieferen Höhenlagen.
      Zuletzt sei noch zu erwähnen, dass extreme Wetterlagen, wie zum Beispiel der Sturm oder die Starkschneefälle der vergangenen Tagen, sich mit einer bis zwei Wochen Vorlaufzeit nicht prognostizieren lassen.

      Dass die letzten Tage deutlich zu warm war ist unbestritten. Eine solch milde Phase mit einer derart starken Dynamik (es gab auf 9000 Meter Winde mit bis zu 300 km/h) wird sich auch in Zukunft kaum 8 - 12 Tage im Voraus absehen lassen. In der Prognose gültig für die Tage um den Jahreswechsel, welche kurz vor Weihnachten ausgegeben wurde, liess sich eine Erwärmung in diesem Ausmass nicht voraussagen. Es war zunächst von normalen, nach Weihnachten dann von überdurchschnittlichen Temperaturen die Rede. Auf eine quantitative Angabe der Temperaturabweichung von der Norm wird auf Grund der grossen Unsicherheit bewusst in den meisten Fällen verzichtet.

      Es sei zuletzt noch erwähnt, dass winterliche Westwindlagen vor allem in den tiefen Lagen für einen grossen Wärmeüberschüss sorgen, während dieser mit zunehmender Höhe abnimmt und bei normal milden Westlagen in der Höhe wird er oft sogar durch zu kalte Temperaturen abgelöst.
      Dies lässt sich anhand der aktuellen Wetterlage veranschaulichen: Betrachtet man die Temperaturabweichungen der 7-tägige Periode vom 29. Dezember 2017 bis zum 4. Januar 2018, so lag die mittlere Temperatur in Kloten 5.5 Grad, auf dem Hörnli (1100 m) 2.1 Grad, auf dem Säntis lediglich noch ganz knapp (0.6 Grad) über dem langjährigen Durchschnitt.

    2. Jasmin R., 06.01.2018, 10:42

      Dass (auch) die diesjährigen Wintertemperaturen schon fast absurd hoch sind zeigt sich auch in meinen Naturbeobachtungen (Standort Bülach). Der uralte schwarze Holunder im Garten fängt bereits an auszuschlagen, an nicht wenigen Tagen brummen Schmeissfliegen um den Grünkontainer, das Spatzenpaar, welches jedes Jahr im Storenkasten brütet, räumt seit ein paar Tagen ihr Nest auf und bestückt es mit neuem Nistmaterial und gestern Nacht um 21.00 Uhr habe ich tatsächlich einen grossen Nachtfalter um die Aussenbeleuchtung tanzen sehen. Wohlgemerkt; Anfang Januar. Wer etwas Gespühr für die Natur besitzt und aufmerksam beobachtet kommt nicht umhin festzustellen, wie sehr sich die Jahreszeiten in den letzten Jahren verändert haben, was sich besonders in den (extrem) warmen Wintern zeigt.

      Auch ich empfinde die Aussagen „jahreszeitübliche Temperaturen“ unter diesen Aspekten deshalb manchmal als unpassend. Allerdings ist mir auch bewusst, dass sich das erlebte Wetter von dem wissenschaftlich-analysierten, auf reine Messwerte und Durchschnitte basierenden unterscheidet.

      Nun, es ist, wie es ist und darüber, ob die Klimaveränderungen aufgrund natürlichen Schwankungen oder des Menschen Raubbau an Mutter Erde entstehen, lässt sich vortrefflich streiten. Die Natur adaptiert sich sowieso und wird den Menschen (hoffentlich!) überleben. Ob wir allerdings genug flexibel und weitsichtig sind, um uns an (kommende) Veränderungen und die damit einhergehenden Herausforderungen anzupassen wird sich zeigen.

    3. Friedhelm Frey, 06.01.2018, 18:59

      Ich wünsche mir die Meteologen haben Recht mit der Formulierung: jahreszeitüblichen Temperaturen. Ich brauche keine kalte, vereiste Winter, denn diese sind teuer, durch Heizung, Frostschäden, Winterdienst, Unfälle, usw.! Wenn ich weniger Kleidungsstücke tragen kann, bin auch froh!