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Aktualisierung der Unwettersituation

2. Oktober 2020, 11 Kommentare
Themen: Wetter

Update 17:30 Uhr: Ein umfangreiches Tiefdruckgebiet liegt über dem Ärmelkanal. Auf dessen Vorderseite gelegen, hat sich im Alpenraum eine Unwettersituation eingestellt. Es muss gebietsweise mit stürmischem Wind und intensiven Niederschlägen gerechnet werden.

24 stündiger Niederschlag bis Samstagmittag, modelliert von unserem Lokalmodell COSMO.
24 stündiger Niederschlag bis Samstagmittag, modelliert von unserem Lokalmodell COSMO.

Allgemeine Wetterlage

Vergrösserte Ansicht: Bodenanalyse 8 Uhr. Das Sturmtief "Brigitte" (im Französischen Sprachraum "Alex") lag heute um 8 Uhr über dem Ärmelkanal. Über der Schweiz hat sich eine starke bis stürmische Südströmung etabliert.
Bodenanalyse 8 Uhr. Das Sturmtief "Brigitte" (im Französischen Sprachraum "Alex") lag heute um 8 Uhr über dem Ärmelkanal. Über der Schweiz hat sich eine starke bis stürmische Südströmung etabliert.
Deutscher Wetterdienst, bearbeitet durch MeteoSchweiz

Ein Sturmtief namens «Brigitte» (im Französischen Sprachraum «Alex») mit einem Kerndruck von 975 hPa lag heute Morgen über dem Ärmelkanal. Die dazugehörige okkludierte Front lag über Frankreich und kam bisher nur langsam ostwärts voran. Auf der Alpensüdseite stellte sich mit starkem bis stürmischem Südwind eine Staulage ein. Die Niederschläge griffen auch auf die nördlich angrenzenden Gebiete über. Weitere Details zur allgemeine Wetterlage finden Sie auch im gestrigen Meteoblog.

Am Vormittag in den Bergen stürmischer Südwind

Der heutige Freitag startete in der gesamten Schweiz bewölkt. Auf der Alpensüdseite hatte sich bereits der Südstau etabliert. Von Westen her näherte sich eine Kaltfront, welche aber kaum ostwärts vorankam, weil sie nahezu parallel zur südlichen Strömung lag. Auf der Alpennordseite lagen zudem am Morgen noch Hochnebelfelder.

Niederschläge fielen am Vormittag vor allem im westlichen Tessin. Diese wurden mit der südlichen Höhenströmung auch über den Alpenkamm nach Norden getragen. Auf der Alpensüdseite und im Oberengadin fielen bis zum Mittag 10-25 mm, im westlichen Tessin, im Urserental sowie in der Simplonregion 20-40 mm (lokal mehr).  Die Schneefallgrenze lag zwischen 2600 bis 2900 Meter.

Der Südwind nahm zunächst auf den Alpen- und Voralpengipfeln zu und erreichte Sturmstärke. Um die Mittagszeit wurde auf dem Gütsch bei Andermatt eine Böe von 167 km/h registriert.  Im Laufe des Vormittags drang der Föhn in einigen Alpentälern durch, beispielsweise aus Altdorf, Glarus oder Quinten wurden Böen von 40 bis 70 km/h gemeldet. So richtig in Fahrt kam er allerdings noch nicht. Die Temperatur stieg in den Niederungen der Föhnregionen über die 20 Grad-Marke. Ohne Föhn bewegte sich die Temperatur in den Niederungen im Bereich von 12 bis 15 Grad. Dazu wehte ein schwache bis mässige Bise.  

Auf der Alpennordseite wurden stellenweise kurze Aufhellungen registriert. Die Abräumer in Sachen Sonnenschein waren die Stationen Schaffhausen, Beznau, Meiringen oder das Hörnli. Dort kamen am Vormittag akkumuliert sagenhafte 60 bis 80 Minuten Sonnenschein zusammen.

Vergrösserte Ansicht: Blick auf die Wetterstation in Rünenberg. Im Hintergrund lassen sich ein paar Wolkenlücken erkennen.
Blick auf die Wetterstation in Rünenberg. Im Hintergrund lassen sich ein paar Wolkenlücken erkennen.
M. Kopp

Selbst in den Föhngebieten war also nichts mit eitel Sonnenschein, es fiel sogar trotz Föhn auch etwas Niederschlag (sogenannter Dimmerföhn). Grund für den Dimmerföhn waren die hochreichend angefeuchtete Atmosphäre sowie die hochreichend stürmische Südströmung.

Vergrösserte Ansicht: Föhnstimmung in Brunnen. Viel Sonnenschein konnte man allerdings nicht geniessen.
Föhnstimmung in Brunnen. Viel Sonnenschein konnte man allerdings nicht geniessen.
A. Hostettler

Zeitraffer vom Hafen in Brunnen, Blick nach Südosten. Oben und talaufwärts der Föhn, unten saugt das Föhntief aus Norden feuchte Kaltluft an, die über den Ingenbohler Wald nach unten strömt und abgetrocknet wird.

Am Nachmittag sich intensivierender Südstau

Nachdem am Vormittag vor allem das westliche Tessin mit Niederschlag bedient wurde (wobei sich die Mengen noch in Grenzen hielten), nahm am Nachmittag die Intensität des Niederschlags auf der Alpensüdseite allmählich zu. In Mosogno oder Camedo beispielsweise fielen während 3 Stunden 30 bis 40 mm Niederschlag. Die Kaltfront kam indessen weiterhin nicht recht nach Osten voran. Nur der Jura wurde schubweise mit etwas Niederschlag bedient.

Weitere Niederschlagswerte des Tages finden Sie weiter unten im Kapitel "was bisher geschah".

Aktuelle Warnsituation

Aktuell (Stand Freitag 2.10.2020, 17:30 Uhr) sind folgende Wetterwarnungen aktiv:

Niederschlag:

Vergrösserte Ansicht: Warnkarte Niederschlag.
Warnkarte Niederschlag.
MeteoSchweiz

Eine Warnung der Stufe 4 vor intensivem Niederschlag ist für grosse Teile des Kantons Tessin und nördlich angrenzende Regionen sowie für Teile des Engadins und die Simplonregion aktiv. Bis Samstagmittag werden rund 100 bis 150 mm Regen erwartet, am meisten Niederschlag dürfte im westlichen Tessin fallen. Dort sind 150 bis 300 mm möglich. In den nördlich angrenzenden Regionen ist eine Warnung der Stufe 3 bzw. der Stufe 2 aktiv. Die Schneefallgrenze liegt anfangs bei 2700 bis 3000 Meter und sinkt bis am Samstag auf 1500 bis 1900 Meter.

Änderung zu gestern:

  • Heraufstufung der Warnung in der Aletschregion von Stufe 3 auf Stufe 4.
  • Erhöhung der zu erwartenden Niederschläge im westlichen Tessin von 150 bis 250 mm auf 150 bis 300 mm.

Eine Warnung der Stufe 3 vor stürmischem Wind ist auf der Alpensüdseite, in den Alpen sowie in den Föhntälern der Alpennordseite aktiv. In den Niederungen der Alpensüdseite können an exponierten Orten Windgeschwindigkeiten von 90 bis 110 km/h auftreten, oberhalb 1200 Metern 130 bis 140 km/h. In den Alpen und Voralpen muss oberhalb 1800 Metern mit maximalen Windgeschwindigkeiten von 130 bis 170 km/h gerechnet werden, in den Föhntälern können Böen von 80 bis 120 km/h auftreten.

Änderungen zu gestern:

  • keine.

 

Details zu den Warnungen finden Sie auf unserer Gefahrenkarte oder im Naturgefahrenbulletin.

Was bisher geschah

In den vergangen 24 Stunden sind bis heute Freitag 17 Uhr bisher folgende Niederschlagsmengen gefallen: Auf der Alpennordseite blieb es grösstenteils trocken oder es fiel nur wenig Regen. Auf der Alpensüdseite und in Teilen des Kantons Uri fielen rund 30 – 60 mm, im westlichen Tessin und in der Simplonregion 60 – 80 mm, stellenweise über 100 mm.

Einige Niederschlagswerte (24h bis 17:20 Uhr):

  • Mosogno 128.9 mm
  • Robiei 83.0 mm
  • Airolo 79.9 mm
  • Simplon 69.1 mm
  • Binn 67.1 mm
  • Göscheneralp 50.9 mm

 

  

Vergrösserte Ansicht: 24-stündige Niederschlagssumme bis heute Freitag 17 Uhr (vom Radar abgeleitet, mit Bodenmessdaten kombiniert).
24-stündige Niederschlagssumme bis heute Freitag 17 Uhr (vom Radar abgeleitet, mit Bodenmessdaten kombiniert).

Auf den Voralpen- und Alpengipfeln hat der südliche Wind zugenommen. Die Böen erreichten Geschwindigkeiten von 100 bis 150 km/h, stellenweise mehr. In den Alpentälern ist zudem der Föhn aufgekommen. Die Böen erreichten bis jetzt Werte von 70 bis 100 km/h.

Einige Böenspitzen bis 17:30 Uhr:

  • Lauberhorn 172 km/h (Quelle kachelmannwetter.ch)
  • Gütsch 167 km/h
  • Titlis 144 km/h
  • Jungfraujoch 130 km/h
  • Elm 112 km/h
  • Cimetta 106 km/h
  • Glarus 100 km/h
  • Meiringen 93 km/h
  • Gersau 86 km/h
  • St. Gallen 73 km/h

 

 

Vergrösserte Ansicht: Höchste Böenspitzen in km/h bis Freitag 17:30 Uhr.
Höchste Böenspitzen in km/h bis Freitag 17:30 Uhr.

Wo kann ich mich informieren?

Weitere, laufend aktuelle und detailliertere Informationen finden Sie zudem auf den folgenden Kanälen und in der App von MeteoSchweiz:

 

Kommentare (11)

  1. Hannes, 05.10.2020, 20:20

    Guten Tag
    Können Sie mir erklären warum es keine Warnung vor starkem Wind für die Region Romanshorn/Amriswil am Freitag, 02. Oktober gegeben hat? Zwischen 18 und 21 Uhr bliess der Föhnsturm sehr stark. Meines Erachtens stärker als übrige Unwetter der letzten zwei Jahre. Im Romanshorner Wald sind zahlreiche grosse Äste abgeknickt. Auf dem Balkon hat es Blumenkübel umgeworfen, welche sonst stehen geblieben sind.
    Freundliche Grüsse,
    Hannes

    1. MeteoSchweiz, 05.10.2020, 21:28

      Guten Abend

      Für eine Windwarnung der Stufe 2 braucht es flächig Böenspitzen über 70 km/h. In der Region um den Bodensee sind allerdings nur Windspitzen zwischen 50-65 km/h gemessen worden. Die stärkste Böe in Güttingen war am 02.10.2020 mit 53 km/h. Im Zeitraum 2018-2020 waren an über 90 Tagen die Windspitzen höher, so zum Beispiel mit Sturmtief Sabine am 10.02.2020 oder mit Sturmtief Petra am 04.02.2020 mit jeweils 95 km/h.

      Mit freundlichen Grüssen

      Ihre MeteoSchweiz

  2. Wolfgang, 03.10.2020, 13:52

    Hoffentlich kommen die armen Menschen auf der Alpensüdseite glimpflich mit dem Unwetter davon.
    Verkehrte Welt, diesmal war es im Norden schön und warm...

  3. georg ulmer, 02.10.2020, 22:27

    Guten Abend,
    Können Sie mir erklären wieso wir in der NO-Schweiz O-Wind hatten trotz dem starken S-Wind in den Alpen.
    Danke und Gruss
    g.ulmer

    1. MeteoSchweiz, 03.10.2020, 07:39

      Guten Tag,
      Bei Südföhn in den Alpen ist der Druck meist nicht nur im Süden höher als im Norden, sondern gleichzeitig auch höher im Osten als im Westen, was im Mittelland bei einer Südföhn-Lage vielfach eine Bisenströmung bewirkt.
      Freundliche Grüsse, MeteoSchweiz

  4. Stefan, 02.10.2020, 20:27

    Wir hatten heute von 10 bis 12 Uhr in der Nähe vom hörnli sogar knapp 2 Std Sonnenschein. Sprich mehr als 50 Prozent der Max. Möglichen Globalstrahlung.

  5. Raphael Rüegger, 02.10.2020, 20:21

    Guten Abend und vielen Dank für die tägliche Wetteranalyse. Ich beobachte schon zum x-ten Mal, dass sich eine Südstaulage immer irgendwie auf das Tessin beschränkt sind. Auch auf den Niederschlagskarten erscheinen Niederschläge wie auf das Tessin zentriert. Liegt das an der Wetterbetrachtung aus der Schweiz gesehen, dass halt einfach das Tessin als einzige Region südlich der Alpen jeweils betroffen ist?
    Wie ist das an anderen Alpen-Südlagen wie z.B. Südtirol oder Südlich der Grenzen zum Wallis im Piemont?

  6. Patrick, 02.10.2020, 19:25

    Ich bin gespannt, ob die ca. 20mm in Basel eintreffen. Soviel Niederschlag wie die Alpensüdseite in drei Tagen abbekommt, da braucht es in Basel ca. 7 Monate. Der Jahresniederschlag liegt hier bisher erst um die 500mm.

  7. Peter Oschwald, 02.10.2020, 13:56

    Ich bin gespannt auf den Update-Blog heute Abend um 17:30 Uhr!

    1. Emma, 02.10.2020, 23:01

      Geschätztes MeteoTeam, beim Lesen der Wetterprognosen, denke ich oft, wir im Säuliamt- Knonaueramt, wohnen an einer bevorzugten Lage.Im Sommer ganz wenig Gewitter, keine Ueberschwemmungen. Auch jetzt, keine krassen Niederschläge, gibt es dafür eine logische Erklärung? Einzig stelle ich fest, die Bise bläst etwas stärker als anderswo. Vielen Dank, Emma

    2. MeteoSchweiz, 06.10.2020, 12:53

      Guten Tag Emma
      Eine klimatologische Einschätzung zum Säuliamt haben wir leider nicht. Gewitter entstehen aber oft an den Bergen, d.h. entweder den Voralpen entlang oder am Jura. Häufig ziehen sie mit der südwestlichen Strömung und verschonen daher teilweise das Mittelland. Das Säuliamt wie auch das übrige Mittelland bleibt in solchen Südwestlagen häufig gewitterfrei. Allerdings gibt es auch Regionen in der Schweiz mit deutlich geringerer Gewitterhäufigkeit. Weitere Informationen zu den Gewittern finden Sie hier:
      https://www.meteoschweiz.admin.ch/home/wetter/wetterbegriffe/gewitter/gewitter-und-blitzhaeufigkeit-in-der-schweiz.html
      Grössere Niederschlagmengen fallen oft mit sogenanntem Stau den Bergen entlang (am Alpennordhang oder auf der Alpensüdseite). Das Mittelland bleibt daher auch hier aufgrund der Topografie oft verschont. Ausnahmen sind aber natürlich auch immer mal wieder möglich.
      Freundliche Grüsse