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Extreme Wetterlage

3. Oktober 2020, 12 Kommentare
Themen: Wetter

Die anhaltende und starke südliche Strömung hat in 24 Stunden sehr hohe Niederschlagmengen auf der Alpensüdseite und in den Alpen verursacht. An einzelnen Standorten des westlichen Tessins fielen über 400 mm in den letzten 72 Stunden. Am Samstagvormittag ist diese Unwetterlage mit dem Durchzug einer Kaltfront zu Ende gegangen. Beim Frontdurchgang hat sich die Niederschlagsintensität nördlich der Alpen, besonders im Berner Oberland und in der Innerschweiz verstärkt. Damit sank die Schneefallgrenze in einzelnen Regionen vorübergehend auf 800 bis 1000 Meter.

Niederschlagsakkumulation der letzten 72 Stunden auf der Alpensüdseite
Niederschlagsakkumulation der letzten 72 Stunden auf der Alpensüdseite

Grosswetterlage

Im Laufe des Samstags verlagerte sich das Sturmtief «Brigitte» unter Auffüllung von der Biskaya nach Südengland. An der Ostflanke des Tiefs herrschte eine starke Südströmung, die feuchte und milde Luft vom westlichen Mittelmeerraum zu den Alpen führte. In der ersten Tageshälfte überquerte die dazugehörende Kaltfront die Alpen aus Süden. In den letzten 24 Stunden lag die Frontalzone quasi stationär quer über den Alpen und verursachte auf der Alpensüdseite, in den Walliser Südtälern, im Urserental und allgemein dem Alpenhauptkamm entlang extrem hohe Niederschlagsmengen.

Vergrösserte Ansicht: Bodenanalyse von Samstag 3. Oktober um 0 Uhr UTC
Bodenanalyse von Samstag 3. Oktober um 0 Uhr UTC
DWD

Auf der Kaltfrontrückseite liessen die Niederschläge in der zweiten Tageshälfte von Südwesten her merklich nach und die Bewölkung lockerte sich nach dem gleichen Muster ebenfalls auf. In den Bergen schwächte sich der Wind aus südlicher Richtung etwas ab, aber die Böenspitzen übertrafen weiterhin gelegentlich die 100 km/h Marke.

Bilder der starken Niederschläge auf der Alpensüdseite

Hochwasser des Flusses Melezza in Intragna am Samstagvormittag.

Starker Gradient der Schneefallgrenze

Da die Kaltfront über mehrere Stunden in Nord-Süd-Richtung quer über den Alpen lag, bildete sich ein aussergewöhnlich starkes West-Ost Gefälle bei der Schneefallgrenze. Bis etwa Samstagsmittag blieben die östlichen Landesteile vor der Kaltfront in der verhältnismässig warmen Luft.

Vergrösserte Ansicht: Schneefallgrenze am Samstagvormittag um 6 Uhr UTC (8 Uhr Lokalzeit).
Schneefallgrenze am Samstagvormittag um 6 Uhr UTC (8 Uhr Lokalzeit).
MeteoSchweiz

Am Samstagvormittag lag die Schneefallgrenze in Naluns im Unterengadin sowie auf dem Corvatsch und dem Berninapass zwischen 2700 und 3000 Metern. Richtung Westen sank die Schneefallgrenze stetig: Beim Gütsch ob Andermatt lag die Schneefallgrenze um 2200 Meter und auf den Jurahöhen zwischen 1400 und 1500 Metern. Beim Kaltfrontdurchgang sank die Schneefallgrenze in einzelnen Tälern aufgrund der Abkühlung durch die intensiven Niederschläge noch deutlich tiefer.

Vergrösserte Ansicht: Blick von Haldi ob Schattdorf auf etwa 1000 Metern. Der Schneeflaum zeigt eindeutig, dass die Schneefallgrenze vorübergehend unter 1000 Meter gesunken ist.
Blick von Haldi ob Schattdorf auf etwa 1000 Metern. Der Schneeflaum zeigt eindeutig, dass die Schneefallgrenze vorübergehend unter 1000 Meter gesunken ist.
https://haldi-uri.ch/webcams

Klimatololgische Einordnung Starkniederschlag Oktober 2020

Das Niederschlagsereignis begann in der Nacht vom 1. auf den 2. Oktober 2020. Allerdings waren die Niederschlagsintensitäten gering und das Ereignis beschränkte sich auf die Alpensüdseite. Im Laufe des Vormittags des 2. Oktober (Freitag) nahmen die Intensitäten der Niederschläge zu und erreichten in der Nacht auf den 3. Oktober (Samstag) ihren Höhepunkt. Am Vormittag des 3. Oktober liessen die Niederschläge zumindest vorübergehend nach. Das Niederschlagsereignis wird demnach durch eine Analyse des 1-Tagesniederschlags vom 2. Oktober (2. Oktober Morgen 6 Uhr bis 3. Oktober Morgen 6 Uhr UTC!) sehr gut abgedeckt, weshalb sich die Auswertungen auf diese Klimagrössen fokussieren. Sollten die Niederschläge auch am 3. Oktober tagsüber oder bis in die Nacht auf den 4. Oktober mit bedeutenden Mengen anhalten, wird dies in einem Update am 4. Oktober (Sonntag) festgehalten.

Niederschlagsereignis 2. Oktober Morgen 8 Uhr bis 3. Oktober Morgen 8 Uhr (1-Tages Ereignis)

Das Niederschlagsereignis betraf in seiner stärksten Ausprägung hauptsächlich die Alpensüdseite sowie die Gebiete des westlichen und zentralen Alpenhauptkamms. Mit dem z.T. orkanartigen Südwind wurden aber auch in den angrenzenden Gebieten wie z.B. Teilen des Berner Oberlandes, des Kantons Obwalden und dem Kanton Uri beträchtliche Niederschlagsmengen registriert.

In den Hauptniederschlagsgebieten der Alpensüdseite und in den angrenzenden Gebieten vom Wallis (Alpenhauptkamm, Oberwallis) über das Gotthardgebiet bis nach Nordbünden erreichten die Niederschlagsmengen verbreitet 100 bis 250 mm. Im westlichen Tessin wurden sogar Niederschlagsmengen von bis zu 400 mm in 24 Stunden registriert. Den höchsten Wert erreichte Camedo mit 421 mm (erste flächige Analyse vergl. unten angeführte Abbildung).

Vergrösserte Ansicht: 1-Tages Niederschlagssummen vom 2. Okt bis 3 Okt. 2020, jeweils 08:00 Uhr Lokalzeit (=intensivste Phase des Ereignisses)
1-Tages Niederschlagssummen vom 2. Okt bis 3 Okt. 2020, jeweils 08:00 Uhr Lokalzeit (=intensivste Phase des Ereignisses)
MeteoSchweiz

Niederschlagsmengen in Rekordhöhe

An einigen Messstationen wurden ausgesprochen hohe 1-Tages Niederschlagsmengen nahe den Rekordwerten oder gar neue Niederschlagsrekorde registriert.

Seltenes Niederschlagsereignis

Die statistische Einordnung der 1-Tagesniederschläge in die langjährigen klimatologischen Messreihen von MeteoSchweiz zeigt, dass Niederschlagssummen dieser Grössenordnung sehr selten auftreten. In den eingangs erwähnten Hauptniederschlagsgebieten kann von einer Auftretenshäufigkeit von etwa 10 bis 30 Jahren ausgegangen werden. In einem Dreieck «Simplon – Gotthardregion – Locarno» muss sogar von einem extremen 1-Tagesniederschlagsereignis ausgegangen werden, das regional seltener als alle 50 Jahre auftritt.

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Südsturm

Zusätzlich zu den aussergewöhnlichen Niederschlägen traten auch heftige Sturmböen auf. Die höchsten Windgeschwindigkeiten wurden in den Berglagen und in den Föhntälern der Alpennordseite registriert. Die Windgeschwindigkeiten betrugen in den Kammlagen verbreitet 120 bis 160 km/h lokal auch noch höher. Die stärkste Böe wurde auf dem Matro (Kt. Tessin) mit 181.1 km/h gemessen. Die grösste Windgeschwindigkeit auf der Alpennordseite wurde mit knapp 160 km/h in Elm verzeichnet. In den verhältnismässig kurzen Zeitreihen von Elm (seit 1997) und Matro (seit 1993) entsprechen die Messwerte in Elm Rang 1 und auf dem Matro Rang 2. Erwähnenswert sind sicher auch die stürmischen Winde in den Niederungen des Tessins. Hier wurden in der Nach vom 2. auf den 3. Oktober verbreitet Windgeschwindigkeiten von 70 bis 100 km/h registriert.

Auch wenn die Winde lokal orkanartig ausfielen, waren sie grossräumig betrachtet deutlich weniger aussergewöhnlich als die Niederschlagsmengen. Im vorliegenden Analysezeitraum bis 3. Oktober 2 Uhr Lokalzeit zeigen sich Auftretenshäufigkeiten von 1 bis 3 Jahre. Regional ergaben sich in den Föhntälern und auf der Alpensüdseite auch seltenere Ereignisse mit einer Jährlichkeit von ca. 3 bis 8 Jahren.

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Kommentare (12)

  1. georg ulmer, 04.10.2020, 17:52

    Aus dem Titelfoto geht hervor das das Aostatal wesentlich weniger Regen abbekommen hat. Gibt es eine Erklärung dafür?

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    1. MeteoSchweiz, 04.10.2020, 19:03

      Die Ursache liegt darin, dass die Topographie in dieser Region einerseits nicht zulaufend ist sowie im Tessin, die Luftmassen also nicht so stark zum Aufstieg (und Ausregnen) gezwungen werden können. Da das Aostatal bei südlichen Höhenwinden queer zur Anströmung liegt, dürfte über dem Tal etwas Entlastung im Lee der ersten Bergkette entstehen. Weiter nördlich trifft die Luftmasse dann auf den Alpenhauptkamm, dort ist die Staukomponente dann erneut höher.

    2. Flavio, 05.10.2020, 00:01

      Auch Aostatal würde tatsächlich stark betroffen von Unwetter: in dem östlichsten Teil der Region wurden 200 bis 400mm in 24h registriert und in einigen Tälern war die Situation besonders kritisch (u.a. Val di Gressoney und Val di Champorcher). Trotz der geringen Grösse der Region weist Aostatal eine beachtliche meteorologische Variabilität von West (Monte Bianco) bis Ost (Monte Rosa) auf und dieses Ereignis stellt ein klassischen Beispiel dar.

  2. Hans-Urs, 04.10.2020, 16:37

    Zu den Wassermassen der Melezza: Ohne Isorno aus dem Onsernone ist das Einzugsgebiet gar nicht so riesig. Das Tal ist etwa 20 km lang bis Intragna und nicht gerade breit.
    Frage an meteoschweiz: Warum ist so oft gerade Camedo von solch heftigen Regenfällen betroffen? Liegt das an der Lage zwischen den steilen Gipfeln Gridone und Pizzo Ruscada?

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    1. MeteoSchweiz, 04.10.2020, 17:36

      Es sind vermutlich zwei Faktoren, die neben der Menge an niederschlagbarem Wasser zu dieser Niederschlagsmenge führten: Einerseits die Orographie, also der Einfluss des Reliefs und die Richtung der starken Anströmung der Luft, die in 2000 bis 2500 Metern über Meer eine südöstliche Komponente aufwies. Die "Eintrittspforte" lag also eher zwischen der Tamaro-Kette im Osten und dem Gridone im Westen.

  3. A. Heusser, 04.10.2020, 14:02

    Wusstet ihr, dass fast alles Wasser vom ganzen Kanton Tessin in den Lago Maggiore läuft? auch der Luganersee!

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  4. Stefan ULRICH, 04.10.2020, 09:16

    Die stärkste Windböe wurde auf dem Matro (Kt. Tessin) gemessen.
    Welcher "Matro" ist damit gemeint? Im Centovalli? Bei Biasca? Oder sonstwo?

    Trotzdem vielen Dank für die hervorragend aufbereiteten Informationen!

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    Antworten auf Stefan ULRICH

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    1. MeteoSchweiz, 04.10.2020, 09:53

      Damit ist jener Gipfel oberhalb von Biasca gemeint.

  5. P.B., 03.10.2020, 22:34

    Das Tessin war schon immer ein Regenloch. Die Niederschläge in der CH sind sehr ungleichmässig verteilt, während in der NWS Bäume und Wälder aufgrund der Trockenheit absterben, gibt es in der Innerschweiz und im Tessin Niederschlag en masse.

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    1. anneliese hofer, 04.10.2020, 12:26

      ohne die regenmengen wäre der tessin nicht so grün und vielseitig in sachen pflanzen. ich empfinde den tessin nicht als regenloch

  6. Barbla Tanner, 03.10.2020, 19:56

    Sehr eindrücklicher Film von den grossen Wassermengen im Centovalli!

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    1. Bigler, 04.10.2020, 09:20

      Sehen wir mal das Riseneinzugsgebiet der Wassermenge im Tessin, so muss der Ticino und die Maggia ja solches Ausmass an Wasser führen.