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Winterwärme auf Rekordkurs

18. Februar 2020, 21 Kommentare
Themen: Klima

Die Schweiz blickt auf den vermutlich mildesten Winter seit Messbeginn 1864 zurück. Eine ähnliche extreme Winterwärme mit landesweit über Null Grad gab erst viermal in der über 155-jährigen Messgeschichte der Schweiz. In einigen Regionen der Schweiz sind extreme Winterwerte deutlich über den bisherigen Rekorden zu erwarten.

Extremwinter immer häufiger

Extreme Warmwinter mit einem landesweiten Mittel über 0 °C sind ein Phänomen der letzten 30 Jahre. Vor 1990 bis zum Messbeginn 1864 zurück blieb die landesweite Wintertemperatur immer deutlich im Minusbereich. In den letzten 30 Jahren wurden die Zeitabstände zwischen extremen Warmwintern zudem immer kürzer. Waren es zunächst siebzehn und zehn Jahre mit deutlich kühleren Wintern dazwischen, liegt der letzte extreme Warmwinter mit landesweit über 0 °C erst vier Jahre zurück.

Vergrösserte Ansicht: Abb. 1: Landesweit gemittelte Wintertemperatur (Dezember bis Februar) seit Messbeginn 1864. Der Winter 2019/2020 erreicht nach den aktuellen Berechnungen 0,7 °C (Stand 18.02.2020). Die roten Linien zeigen die 30-jährigen Standard-Normperioden 1871‒1900 (vorindustriell) und 1991‒2020.
Abb. 1: Landesweit gemittelte Wintertemperatur (Dezember bis Februar) seit Messbeginn 1864. Der Winter 2019/2020 erreicht nach den aktuellen Berechnungen 0,7 °C (Stand 18.02.2020). Die roten Linien zeigen die 30-jährigen Standard-Normperioden 1871‒1900 (vorindustriell) und 1991‒2020.

Regional deutliche Rekorde

Am Messstandort Locarno-Monti auf der Alpensüdseite überragt der aktuelle Extremwinter mit 6,7 °C den bisherigen Rekordwinter 2006/07 um deutliche 0,4 °C. In Genf werden für den aktuellen Rekordwinter 5 °C erwartet. Die bisherigen Höchstwerte der Winter 2006/07 und 2015/16 bewegten sich in Genf um 4,4 °C. In Château d’Oex liegt der aktuelle Rekordwinter mit 1,9 °C sogar rund 1 °C über dem bisherigen Höchstwert von 2015/16.

Neue Temperaturdimension

Während der letzten 30 Jahre lag die durchschnittliche Schweizer Wintertemperatur bei knapp −2 °C. In der Zeit davor galt dieser Wert als milder Winter. Damals pendelte der Schweizer Winterdurchschnitt um −3 °C. Mit Extremwerten über 0 °C stossen die Winter der letzten 30 Jahre in eine neue Temperaturdimension vor. Gleichzeitig sind kalte Winter mit landesweit deutlich unter −4 °C aus dem heutigen Klima der Schweiz verschwunden.

Seit der vorindustriellen Periode 1871−1900 bis zur Normperiode 1991−2020 ist der Schweizer Winter knapp 2 °C milder geworden. Der massive Anstieg der winterlichen Normtemperatur, Extremwinter über 0 °C und das Verschwinden wirklich kalter Winter sind eindrückliche Signale der laufenden Klimaänderung.

In Zukunft mehr Warmwinter

Die Wintererwärmung der letzten Jahrzehnte wird sich gemäss den neuen Klimaszenarien CH2018 auch in Zukunft fortsetzen. Ein weiterer Anstieg der winterlichen Normtemperatur um 3,5 °C mit nur noch einem Viertel der heutigen Schneebedeckung in den Niederungen zählen zu den Hauptveränderungen, die das Klima in der Schweiz Mitte Jahrhundert ohne verstärkten weltweiten Klimaschutz prägen werden.

Doch liessen sich mit konsequentem Klimaschutz bis Mitte Jahrhundert etwa die Hälfte, bis Ende Jahrhundert sogar zwei Drittel der möglichen Klimaveränderungen in der Schweiz vermeiden. Dies folgt aus einem weiteren Treibhausgas-Szenario, das Klimaschutzmassnahmen einbezieht und den globalen Temperaturanstieg auf 2 Grad gegenüber dem vorindustriellen Zustand begrenzt. Es zeigt sich, dass Klimaschutz durchaus wirkt und sich konsequentes Handeln auszahlt.

Kommentare (21)

  1. Willy von Ins, 08.03.2020, 10:54

    Die Klimaveränderung hat in meiner kurzen Lebenszeit einen interessanten Verlauf hinterlassen. 1956 hatten wir Minustemperaturen von -30 Grad. Dabei wurde die Schule geschlossen, weil der Ofen im Schulzimmer die Wärme nicht mehr hergab. Die Fenster inkl. Vorfenster hatten Eisblumen, so dass kein Durchblick mehr möglich war. Schnee hatten wir im Mittelland mehr als genug. Was passierte von 1956 bis 2020? Vom Transportwesen mit Kühen und Pferden wurde umgestellt auf Verbrennungsmotoren. Holzheizungen wurden durch Ölheizungen ersetzt. Millionenfache Technik, die Wärme produziert und die Umgebungsluft musste diese Warme immer wieder aufnehmen und abkühlen. In diesen 64 Jahren wurde so viel Wärme produziert, dass das Klima aus dem Gleichgewicht gedrückt wurde. Und wenn jetzt dennoch behauptet wird, dass es immer wieder Klimaveränderungen gegeben hat, kann ich dem zustimmen. Aber niemals in so kurzer Zeit. Hier hat der Mensch in 64 Jahren total übertrieben. Heute braucht es einen SUV mit 2.5 Tonnen Gewicht für die eigenen 75 Kg. von A nach B zu transportieren! Für mich ist es nach wie vor interessant, die Meteodaten zu verfolgen. Was mir sorge bereitet, ist die Zukunft unserer Enkeln!

  2. Michael, 01.03.2020, 18:39

    Guten Abend
    Mich würden noch die absoluten Minima des Winters interessieren. Bei einem Nachbarn haben sogar die Geranien an der Hauswand überlebt. Ich denke kälter als -5 Grad dürfte es wahrscheinlich nie gewesen sein.
    Freundlicher Gruss

  3. Gabor, 24.02.2020, 06:48

    Guten Morgen,

    Was mich interessiert:
    Gestern Abend um 22:00Uhr war es noch 16c. Was ich nicht verstehe:
    -wieso kühlt die Luft nicht ab, wenn es so turbulent ist und mit den oberen Lufschickten in Berührung kommt?
    -worum gibt keine Abstrahlung über die Nacht?
    -wo hat sich die Luft derart aufgewärmt dass auch in der Schweiz so warm war?

    1. Rüegg, 25.02.2020, 18:53

      Bist du sicher?

    2. MeteoSchweiz, 26.02.2020, 14:10

      Guten Tag Gabor

      Es handelte sich um milde Meeresluft vom Atlantik, die mit einer zügigen West- bis Südwestströmung in die Schweiz geführt wurde. Abstrahlung gab es kaum, da es recht bewölkt war.

      Freundliche Grüsse
      MeteoSchweiz

  4. Andreas, 20.02.2020, 07:02

    Am meisten überrascht mich, dass hier noch kein "So einen Winter habe ich anno 1472 auch schon erlebt, alles natürlich!" Kommentar vorzufinden ist :)

    1. Karl, 20.02.2020, 13:08

      So 1800 in der kleinen Eiszeit würde schon reichen.

    2. D. Keller, 26.02.2020, 08:48

      Nun, es ist schon eine Tatsache, dass das vorindustrielle Referenzklima zeitlich genau mit dem Ende der kleinen Eiszeit zusammenfällt. Gelinde gesagt: suboptimal.
      Die Wenigsten in der Schweiz würden sich wohl ein Klima anno 1870-1900 wünschen.

  5. Eugen Perger, 19.02.2020, 14:08

    Besten Dank für den Beitrag. Als Wetterelement scheint das kontinale Kältehoch (Russland/Sibirienhoch) zu fehlen. Möglich dass es an Grösse verlieren und Mitteleuropa nur noch selten beeinflussen wird mit fortschreitender Erwärmung. Es werden ja auch vermehrt warme Luftmassen über den Pol hinweg oder den Ural hinweg in die Polargegend und nach Sibirien verfrachtet und stören dort wohl den Aufbau des Kälterreservoirs. Anfang 1990er Jahre wurde nach Vivian und Wiebke die Intensivierung der Stürme diskutiert. Da gibt es wohl keinen eindeutigen Trend; Mehr Wärme bedeutet mehr Energie, der Temperaturgradient zwischen Polarregion und Suptropen nimmt mit zunehmender Erwärmung aber wohl ab.

  6. Stefan, 19.02.2020, 09:57

    Mich würde interessieren, wie der Durchschnitt aussieht, wenn man statt von Dezember bis Februar, von Februar bis April vergleichen würde. Wenn man sich die letzten 20 Jahre etwas genauer anschaut, habe ich das Gefühl, dass sich der Winter einfach verschoben hat. Soll jetzt nicht heissen, dass das besser ist, sondern anders.

    1. Eugen Perger, 19.02.2020, 19:40

      Lieber Stefan was erwartest Du denn? Wäre die Überraschung gross wenn es annähernd zum gleichen Resultat käme? Die Blühperioden der Frühblüher deuten zumindest in die gleiche Richtung, ebenso das Verhalten von Zugvögeln, Insekten etc.

    2. MeteoSchweiz, 20.02.2020, 12:01

      Guten Tag Stefan

      Eine Verschiebung des Winters ist nicht beobachtbar. Im Gegenteil: Die Märztemperatur ist ab den 1990er-Jahren stark angestiegen. Der Frühling beginnt heute früher als vor diesem Erwärmungsschub. Das sehen wir auch eindrücklich bei der früheren Vegetationsentwicklung.

      Freundliche Grüsse
      MeteoSchweiz

  7. Reto, 19.02.2020, 09:01

    Krass wie sich innert einer halben Generation das Klima durch die menschengemachte Klimakrise verändert hat. Das Winterklima, welches noch in den 80-er Jahren im Mittelland üblich war, ist mittlerweile in Bergdörfern wie Grindelwald oder Engelberg zu finden. Und es wird so weitergehen: 2050 wird Schneefall wohl auch schon in Grindelwald zur Seltenheit werden, wer weiss wegen Rückkoppelungen im Klimasystem vielleicht sogar früher. Diese Entwicklung wurde schon vor 40 Jahren von Wissenschaftlern genau so vorausgesagt. Diese Prognosen sind mittlerweile Realität, auch wenn die Erwärmung eher noch unterschätzt wurde. Wenn man sich die Klimaentwicklung der letzten Jahre anschaut, muss man eher befürchten, dass die Klimakatastrophe noch einen Gang zulegen wird und alles sehr schnell noch viel schlimmer wird. Dies weil auch die Emissionen weiterhin ungebremst steigen.

    1. Yanick, 19.02.2020, 10:59

      Wer sagt den das es schlechter ist für uns, wenn es wärmer wird? Für mich z.B. überwiegen die Vorteile (nicht nur weil man nicht mehr so weit weg in die Ferien gehen muss :)).

    2. John, 20.02.2020, 11:30

      Die Erwärmung wurde nicht unterschätzt, sondern überschätzt. Der Temperaturanstieg der letzten Jahrzehnte liegt am unteren Ende der vielen IPCC-Szenarien.

    3. Marco, 20.02.2020, 14:59

      Wärmere Temperaturen in unseren Breitengraden mögen auf den ersten Blick ja romantisiert werden können. Wenn man aber über unsere Landesgrenzen hinweg sieht wirken sie sich katastrophal auf Flora und Fauna aus! Wälder verbrennen, der Meeresspiegel steigt und die Klimapuffer unserer Erde werden noch weniger. Man kann sich vorstellen, dass sich diese Entwicklungen negativ auf die Kapazität für das Leben auf der Erde auswirkt. Also lieber ein kalter und garstiger Winter als Palmen in der Nordschweiz.

  8. Anna G., 18.02.2020, 23:33

    Ich finde, dass MeteoSwiss in den kommenden Wochen eine Pressekonferenz zu diesem Thema organisieren sollte - zu viele SchweizerInnen wissen nicht, wie außergewöhnlich die Zeiten sind, in denen wir leben, oder wenn sie es wissen, ignorieren sie die Ursachen und setzen ihr Leben fort . In ihrer Pflicht, die Öffentlichkeit zu informieren und aufzuklären, sollte Ihre Institution viel aktiver werden.

    1. Ruedi H., 19.02.2020, 18:05

      Das Leben fortzusetzen ist eine gute Strategie. Aber mal Spass beiseite, Sie haben völlig recht. MeteoSchweiz hat hier eine wichtige Funktion wahrzunehmen. Nur wird es dann halt schnell einmal heissen: "Jetzt machen die auch noch auf Panik".

    2. Pius, 20.02.2020, 10:37

      @Anna Absolut da bin ich gleicher Meinung. Als Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie, erwarte ich schon eine aktivere Rolle, gerade in der Öffentlichkeit. Mit dem präsentieren der Daten ist es nicht getan!

  9. Jürg, 18.02.2020, 20:36

    Also los! Reissen wir uns ein jeder am Riemen 💪!

    1. Baur, 20.02.2020, 03:11

      Die Menschheit ist viel zu träge als dass die Klimaerwärmung noch gestoppt werden könnte. CO2 runter dann verlangsamt sich die Erwärmung vielleicht noch etwas.