Nicht immun

25. März 2020, 16 Kommentare
Themen: Wetter

Man möge uns verzeihen, dass wir auch noch auf den Coronazug aufspringen (müssen). Aber auch die Wettermodelle kriegen die Auswirkungen der Coronakrise zu spüren. Welche, das lesen Sie im heutigen Blog.

Bodenmessstationen - wie hier in Salen-Reutenen - liefern wichtige Daten für die Erfassung des Grundzustands von Wettermodellen; M. Kopp
Bodenmessstationen - wie hier in Salen-Reutenen - liefern wichtige Daten für die Erfassung des Grundzustands von Wettermodellen; M. Kopp

Coronakrise beeinflusst auch die Wettermodelle

Die Berechnungen der Wettermodelle haben mehrere mögliche Fehlerquellen. Eine davon ist, dass man den Grundzustand der Atmosphäre nie ganz genau kennt. Wenn bereits der Grundzustand schlecht erfasst ist, wird die Prognosequalität mit allergrösster Wahrscheinlichkeit auch kein besseres Zeugnis erhalten. Um den Grundzustand der Atmosphäre möglichst genau zu bestimmen, ist es also wichtig, möglichst viele und möglichst gute Messungen in die Analyse einfliessen zu lassen. Unter anderem werden Bodenmessdaten, Radiosondierungen, Messdaten von Satelliten, Schiffen, Flugzeugen und Boyen oder auch Windprofiler verwendet.

(Verkehrs-)Flugzeuge sind mit vielerlei Sensoren ausgestattet, unter anderem Temperatur-, Druck- und teilweise Feuchtigkeitssensoren. Mit dem unglaublich dichten Flugverkehrsaufkommen werden eine Fülle von interessanten Daten gemessen. Diese Chance für zusätzliche meteorologische Messdaten wurde von Seiten der Meteorologie erkannt. Seit 1991 existiert ein Projekt namens Aircraft Meteorological Data Relay (AMDAR), welches genau für diese Art von Datengewinnung steht. In der untenstehenden Grafik sehen Sie ein Beispiel einer AMDAR-Meldung von heute Morgen von einer Maschine, welche in München gestartet ist.

Wie Sie sicher mitbekommen haben, ist der Flugverkehr unter anderem in Europa stark zurückgegangen. Somit stehen deutlich weniger Messdaten zur Verfügung. Laut einem Bericht des European Centre for Medium Range Weather Forecasts (ECMWF) ging die Anzahl Flugzeugmessungen am 23. März im Vergleich zum 3. März in Europa um rund 65% zurück. Global betrug der Rückgang rund 42%.

Die Auswirkungen

Das ECMWF hat im vergangenen Jahr getestet, wie sich die Prognosequalität ihres Globalmodells verändert, wenn man keinerlei Flugzeugmessungen benützt. Verglichen wurde die Prognose mit einer Vorhersage, bei welcher Flugzeugmessungen miteinbezogen wurden. Das Ergebnis zeigte einen Rückgang der Prognosequalität. Folglich muss zumindest in der näheren Zukunft mit einem leichten Qualitätsrückgang der Wettermodelle gerechnet werden. Dies vor allem in der Kurzfrist sowie in Höhen von 10 bis 12 km. Den vollständigen Bericht (in Englisch) und weitere Details finden Sie hier.

Mehr Radiosondierungen

Um den Datenverlust wenigsten ein kleines bisschen zu reduzieren, finden in Payerne (und auch an anderen Standorten im Ausland) nicht nur zwei Radiosondierungen pro Tag (um 0 und 12 Uhr UTC), sondern deren vier (0, 6, 12, 18 Uhr UTC) statt. Die zusätzlichen Radiosondierungen von Payerne werden wahrscheinlich in den kommenden Tagen auch auf der Website und App zu sehen sein.  

Tiefdruckgebiet über dem Mittelmeer

Vergrösserte Ansicht: Bodendruckanalyse um 7 Uhr. Die Schweiz lag heute am südwestlichen Rand eines Hochdruckgebiets mit Zentrum über Weissrussland.
Bodendruckanalyse um 7 Uhr. Die Schweiz lag heute am südwestlichen Rand eines Hochdruckgebiets mit Zentrum über Weissrussland.
Deutscher Wetterdienst

Somit sind wir beim heutigen Wetter angelangt. Die Schweiz lag zwischen einem Hochdruckgebiet mit Zentrum über Weissrussland und einem besonders in der Höhe ausgeprägten Tiefdruckgebiet über dem Mittelmeer in einer nordöstlichen Höhenströmung.

Kalter Morgen und sonniger Vormittag

Die Nacht auf heute Mittwoch verlief meist klar. Durch die folglich gute Abstrahlung sank die Temperatur vielerorts wieder auf frostige Werte. Im Mittelland wurden Temperaturminima von -1 bis -5 Grad registriert. Knapp über dem Gefrierpunkt blieb die Temperatur lediglich an einigen Stationen am Genfersee, Lago di Lugano und Lago Maggiore.

Das Wetter zeigte sich am Vormittag wie bereits gestern von der sonnigen Seite, zumindest in vielen Teilen der Schweiz. Eine Bewölkungszunahme erfolgte jedoch im Tessin. Ein Höhentief mit Zentrum über Norditalien führte nämlich feuchtere Luft aus Osten zur Alpendsüdseite.

Aber auch entlang der Voralpen der Alpennordseite nahm die Bewölkung allmählich zu. Verantwortlich dafür war die zunehmende Hebung auf der Vorderseite eines Teiltroges, dessen Achse kommende Nacht über die Schweiz hinwegschwenkt.

Am Nachmittag weitere Bewölkungszunahme

Vor allem in den Alpen und entlang der Voralpen nahm die Bewölkung am Nachmittag weiter zu. Im Tessin fiel stellenweise wenig Niederschlag. In den restlichen Regionen verlief aber auch der Nachmittag sonnig. Mit einer weiterhin mässigen Bise stieg die Temperatur auf 6 bis 8 Grad.

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Kommentare (16)

  1. Jürg Zürcher, 26.03.2020, 13:13

    Danke für die jeweils sehr guten und interessanten Berichte!

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  2. Jeanne Peter, 26.03.2020, 10:44

    Guten Tag
    Es wäre schön, wenn Sie auch die Auswirkungen auf den Himmel, auf die Atmosphäre, die Luftqualität etc dank dem reduzierten Flugverkehr beobachten und kommunizieren könnten.
    Es ist auffällig, wieviel klarer der Himmel ist, weniger Dunststreifen, die Sonnenuntergänge wirken ganz anders als sonst. Zudem hat die Lichtverschmutzung abgenommen, zugunsten der besseren Sichtbarkeit vom Nachthimmel. All die bemerke ich als Laie. Was zeigen die wissenschaftlichen Messungen?

    Besten Dank und freundliche Grüsse

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    1. MeteoSchweiz, 26.03.2020, 11:31

      Guten Tag, der klare Himmel der letzten Tage ist hauptsächlich auf die Wetterlage zurückzuführen. Die herangeführte Kaltluft war vor allem in den höheren Schichten extrem trocken. Somit konnten sich keine Kondensstreifen bilden. Im Laufe des heutigen Tages erfolgt aus Südosten eine Anfeuchtung, zudem ist Saharastaub in der Strömung eingelagert. Somit erwarten wir eine deutliche Verschlechterung der Sichtverhältnisse.

    2. B Müller, 26.03.2020, 15:09

      Ich glaube mal gelesen zu haben, dass wenn der Flugverkehr von einem auf den anderen Tag abgestellt wird, würde sich das Klima Kurz- bzw. Mittelfristig erwärmen durch das Fehlen der Kondensstreifen/Verschmutzung der Atmosphäre. Langfristig natürlich nicht.

  3. Susann, 26.03.2020, 08:18

    Ich bevorzuge den Rückgang des Flugverkehrs auf Kosten der Prognosequalität :-) ... welch wunderschönes Bild der Schwäne!

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  4. Hansueli, 26.03.2020, 08:10

    Vielen Dank für den wie immer sehr interessanten Beitrag.
    Mich würde noch interessieren, was genau mit dem weissen Lasergerät der Bodenmessstation Salen-Reutenen (1. Bild im Beitrag) gemessen wird?

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    1. MeteoSchweiz, 26.03.2020, 08:35

      Guten Tag, es handelt sich hier um ein Ceilometer, damit wird die Menge und die Höhe der Bewölkung gemessen.
      Mit freundlichen Grüssen, MeteoSchweiz

  5. Natpos, 26.03.2020, 07:54

    Sehr informativ. Vielen Dank.

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  6. Baur, 26.03.2020, 04:11

    Kann die jetzige, und auch die ab Sonntag erneut bevorstehende kühle Wetterphase, nebst der Wetterlage, auch mit dem drastischen Rückgang des Flugverkehrs in Verbindung gebracht werden? Immerhin ist ja jetzt deutlich weniger Kerosin-Dreck in rund 11‘000 Metern Flughöhe vorhanden?

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    1. MeteoSchweiz, 26.03.2020, 07:18

      Inwiefern der in so kurzer Zeit noch nie dagewesene markante Rückgang der Kerosin-Emissionen einen Einfluss auf unser Wetter hat, können wir nicht beurteilen.
      Tatsache ist, dass bei uns mit einer Bisenströmung kalte Luft aus dem hohen Norden in unsere Breiten gelangt, was selbst noch im April immer wieder vorkommt. Andernorts auf der Nordhalbkugel ist es gleichzeitig wärmer als üblich.

    2. Vulkanologe, 26.03.2020, 10:26

      Wäre interessant, dies mit dem Eyjafjallajökull-Ausbruch von 2010 zu vergleichen, damals war der Luftraum über Europa ja auch einige Tage komplett geschlossen.

  7. David, 25.03.2020, 21:55

    Es gibt immer Vor-und Nachteile.
    Weniger Flugverkehr, besser für die Umwelt. Weniger Flugverkehr, weniger Messdaten.

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  8. Urs, 25.03.2020, 21:38

    Naja, man wird echt nur noch mit corona zugespammt...

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    1. Michael Zimmermann, 26.03.2020, 05:18

      Sie müssen nach der Überschrift und der Einleitung schon noch weiterlesen.
      Spam erhält man unaufgefordert, während Sie die Infos in Zeitungen und diesem Blog aktiv holen müssen. Schalten Sie ihr Gerät aus und gehen Sie in den Wald spazieren, wenn Sie die Coronaflut überfordert.

    2. Urs, 26.03.2020, 09:18

      Ja danke für die Belehrung, sehr hilfreich.

    3. basti, 26.03.2020, 15:59

      Kann mich nur michael zimmermann anschliessen. Wen es stoert, der soll doch bitte gar nicht erst reinschauen und noch mehr unmut verbreiten. Der artikel ist interessant und lehrreich.