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Anhaltende Trockenheit

23. April 2020, 5 Kommentare
Themen: Klima

Seit rund 40 Tagen fiel praktisch kein Regen in der Schweiz. Eine derart ausgeprägte Niederschlagsarmut der Monate März und April ist sehr selten in der über 150-jährigen Messgeschichte der Schweiz. Auf der Alpensüdseite reicht die extreme Niederschlagsarmut bereits vier Monate zurück. Im Tessin fehlt seit Jahresbeginn die Niederschlagsmenge von rund drei durchschnittlichen Monaten.

Seit 40 Tagen kaum Regen

Der laufende April brachte in der Schweiz verbreitet gar keinen Niederschlag. Das betrifft vor allem das Mittelland sowie die Nord- und Nordwestschweiz. Entlang des Alpennordhangs und in den Ostalpen erreichen die bisherigen Aprilmengen vielerorts magere 2 bis 7 mm. Lokal gab es auch über 10 mm. Auf der Alpensüdseite liegen die Aprilmengen regional zwischen 15 und 25 mm, lokal auch über 30 mm. Im landesweiten Mittel liefert ein durchschnittlicher April knapp 100 mm Niederschlag. In Basel liegt der Aprildurchschnitt bei 64, in Zürich bei 83 und in Lugano bei 156 mm (Norm 1981−2010).

Die anhaltende Niederschlagsarmut in der Schweiz betrifft nicht nur den April. Sie reicht weit in den März zurück und dauert mittlerweile rund 40 Tage. Die letzten grösseren Regenmengen fielen in den ersten zehn Märztagen. Somit fehlt der Schweiz momentan die Regenmenge von deutlich mehr als einem Monat.

Auf Rekordkurs

Eine der längsten Perioden ohne Niederschlag nördlich der Alpen registrierte Neuchâtel mit 52 Tagen. Sie dauerte vom 19. März bis am 9. Mai 1893. Sonst liegen nördlich der Alpen die längsten Perioden ohne Niederschlag an Messstandorten mit über 100-jährigen Messreihen bei maximal 45 Tagen.

In Genf erreichte die aktuelle Periode ohne Niederschlag bereits 41 Tage, also die volle Dauer der anhaltenden Niederschlagsarmut seit dem 13. März 2020. Die in Genf bisher längste Periode ohne Niederschlag vom Januar und Februar 1896 dauerte ebenfalls 41 Tage. Ob der Rekord von Neuchâtel gebrochen wird, bleibt abzuwarten.

Im Süden der Alpen sind längere Perioden ohne Niederschlag häufiger als im Norden. Perioden ohne Regen, die länger als einen Monat dauern, treten im Durchschnitt alle zweieinhalb Jahre auf. Die bisher längsten Perioden ohne Niederschlag dauerten 60 bis knapp 80 Tage. Letztmals war dies vom Dezember 1988 bis Februar 1989 der Fall. Mit den Niederschlägen in der zweiten Aprilhälfte stehen solche Werte momentan nicht zur Diskussion.

Seltenes Ereignis

Die März-April Regensumme erreichte im landesweiten Mittel nur rund 40 % im Vergleich zur Norm 1981−2010. März-April Regensummen von deutlich unter 50 % sind seit Messbeginn 1864 nur in acht Jahren aufgetreten. Etwas niederschlagsärmer mit nur 36 % der Norm war letztmals die März-April Periode 2011. Dann muss man bis ins Jahr 1955 zurückgehen, um auf eine vergleichbare März-April Niederschlagsarmut zu treffen (Abb. 1).

Vergrösserte Ansicht: Abb. 1: Landesweite März-April Niederschlagssumme seit Messbeginn in Prozent zur Norm 1981‒2010. Überdurchschnittliche Mengen sind grün, unterdurchschnittliche Mengen braun dargestellt. Die schwarze Kurve zeigt den über 30 Jahre gemittelten Verlauf. Stand März-April 2020: 21.04.2020.
Abb. 1: Landesweite März-April Niederschlagssumme seit Messbeginn in Prozent zur Norm 1981‒2010. Überdurchschnittliche Mengen sind grün, unterdurchschnittliche Mengen braun dargestellt. Die schwarze Kurve zeigt den über 30 Jahre gemittelten Verlauf. Stand März-April 2020: 21.04.2020.

Massiv negative Wasserbilanz

Die in den letzten Wochen anhaltend sonnige und überdurchschnittlich warme Witterung kurbelte die Evapotranspiration kräftig an (Verdunstung durch Pflanzen und aus dem Boden). Am Messstandort Chur ergeben die Berechnungen für die Evapotranspiration im April bisher rund 70 mm Wasser. Der Nachschub durch Niederschlag belief sich auf magere 3,4 mm. Die Wasserbilanz aus Wassergewinn (Niederschlag) und Wasserverlust (Evapotranspiration) ist also massiv negativ. Die aktuellen Werte bewegen sich an einigen Orten der Schweiz Richtung Trockensommer 2018 (Abb. 2). Die Region Chur bzw. Nordbünden gehörte im Sommer 2018 zu den niederschlagsärmsten der Schweiz.

Langes Leiden auf der Alpensüdseite

Die Alpensüdseite leidet seit vier Monaten unter einer massiven Niederschlagsarmut. Ab Januar 2020 fielen extrem geringe Monatssummen (Abb. 3). In den davorliegenden drei Monaten Oktober bis Dezember wurde die Alpensüdseite hingegen mit reichlich Niederschlag versorgt. In den beiden Jahren 2019 und 2020 waren Monate mit unterdurchschnittlichen oder weit unterdurchschnittlichen Niederschlagssummen jedoch deutlich in der Überzahl.

Vergrösserte Ansicht: Abb. 3: 
Monatliche Niederschlagssummen 2019 und 2020 in Locarno-Monti in % zur Norm 1981‒2010. Überdurchschnittliche Mengen sind grün, unterdurchschnittliche Mengen braun dargestellt.
Abb. 3: Monatliche Niederschlagssummen 2019 und 2020 in Locarno-Monti in % zur Norm 1981‒2010. Überdurchschnittliche Mengen sind grün, unterdurchschnittliche Mengen braun dargestellt.

Im Mittel über die beiden Messstandorte Lugano und Locarno-Monti erreichte die Niederschlagssumme der Monate Januar bis April nur gerade 30 % der Norm 1981−2010. Vergleichbar niederschlagsarm waren letztmals die Januar-April Perioden 2003 und 1982 (Abb. 4).

Vergrösserte Ansicht: Abb. 4: Langjähriger Verlauf der Januar-April Niederschlagssumme in Prozent zur Norm 1981‒2010, gemittelt über die Messstandorte Lugano und Locarno-Monti. Überdurchschnittliche Mengen sind grün, unterdurchschnittliche Mengen braun dargestellt. Die schwarze Kurve zeigt den über 30 Jahre gemittelten Verlauf.
Abb. 4: Langjähriger Verlauf der Januar-April Niederschlagssumme in Prozent zur Norm 1981‒2010, gemittelt über die Messstandorte Lugano und Locarno-Monti. Überdurchschnittliche Mengen sind grün, unterdurchschnittliche Mengen braun dargestellt. Die schwarze Kurve zeigt den über 30 Jahre gemittelten Verlauf.

Kommentare (5)

  1. Kelvin, 27.04.2020, 18:32

    @Peter @Timo
    Wenn man die Abbildungen 1 und 4 betrachtet, stellt man fest, dass es auch früher, z.B. vor 1900 und von ca. 1940 bis ca.1970, noch trockenere lange Phasen gab als in den letzten Jahren. Deshalb fehlt im Kommentar von Meteoschweiz richtigerweise der Begriff Klimawandel.
    Im übrigen wird es in den nächsten Tagen wahrscheinlich mehrmals regnen bzw. bis weit hinunter schneien.

  2. fm, 24.04.2020, 06:19

    Danke für die beschreibenden Statistiken.
    Was ist der Grund dafür, dass der April nicht macht, was er will?
    Sind Höhenwinde anders? Ist etwas wie El Ninio?
    Das wäre sehr interessant, merci.

    1. MeteoSchweiz, 24.04.2020, 18:18

      Guten Tag fm

      Abweichungen vom durchschnittlichen Gang der Witterung sind Teil unseres Klimas. Dazu gehören auch extreme Abweichungen. Es darf nicht erwartet werden, dass jeder April nach demselben Muster abläuft. Die Wechselhaftigkeit ist vielleicht das häufigste April-Muster, das wir aus der Vergangenheit gut kennen. Die Niederschlagmengen haben sich über lange Zeit betrachtet nicht signifikant verändert. Perioden mit niederschlagsreicheren und niederschlagsärmeren Aprilmonaten wechselten sich in den letzten Jahrzehnten recht regelmässig ab. Das alles hängt vor allem mit der Höhenströmung in der Atmosphäre zusammen, welche sehr variabel ist. Der Verlauf der Höhenströmung wird über eine Vielzahl von Faktoren beeinflusst, welche in einem komplexen Wechselspiel miteinander stehen. Warum im einzelnen Fall die Höhenströmung die eine oder andere Ausprägung annimmt, ist deshalb nicht wirklich erklärbar.

      Freundliche Grüsse
      MeteoSchweiz

    2. Peter, 24.04.2020, 22:24

      Warum nennt es nie jemand beim Namen? Schon mal was von der sogenannten Klimakrise gehört? Das ist diese seit über 40 Jahren von der Wissenschaft eindringlich gemahnte, menschengemachte Erwärmung der Atmosphäre mit immer stärker werdenden Wetterextremen...

    3. Timo Stammwitz, 27.04.2020, 09:44

      Die immer kleiner werdende Packeisbedeckung im Norden schwächt die Tiefdruckaktivität im Frühling, Sommer und Herbst. Es fehlt an hochreichender Polarluft meist schon im März. Das Aprilwetter findet deshalb heute in Januar und Februar statt, der April zeigt durch einen regelmässigen Zirkulationskollaps immer häufiger Dürre und Junitemperaturen. Einzig der Eisschild Grönlands wird im Norden die Wetterküche weiterhin antreiben, meist für uns aber mit der Folge warmer SW-Strömungen. In Zukunft wird‘s deshalb noch unangenehmer, d.h. trockener. 2013, 2017, 2018 und 2019 waren diesbezüglich typisch und eine Vorschau auf den Durchschnitt von morgen.