Kriminalmeteorologie – Tim Whirlwinds VII Fall

7. April 2020, 13 Kommentare
Themen: Wetter

Tim Whirlwind schlurfte gemütlich von der Küche über den rauen Arvenholz- Fischgrätparkett seiner Zürcher Dachstock-Wohnung. Diese wurde in den letzten Tagen tagsüber bereits wieder grenzwertig warm bei geschlossenen Fenstern. Tim Whirlwind hatte soeben die Kolumbianischen Kaffeebohnen ausprobiert, welche ihm sein guter Freund Danny-B. Steelbreaker vor drei Wochen von seiner Südamerikareise mitgebracht hatte. Äusserst ungewohnt hatte Tim Whirlwind heute Morgen früh zuerst die kalte Milch in die Tasse gegeben und dann den Kaffee aus der Espresso-Maschine darüber laufen lassen. Da hatte das Telefon bereits geklingelt.

Morgenrot entlang der Bergekette welche den Silsersee flankiert. Bild: Roundshot
Morgenrot entlang der Bergekette welche den Silsersee flankiert. Bild: Roundshot

Ganz zu Tim Whirlwinds Freude war der Polizei-Kommandant von Neuenburg, Kommissar Sir Sam Askalot am anderen Ende der Leitung. Kommissar Askalot und Tim Whirlwind waren enge Freunde, seitdem sie im trockenen Sommer 1997 die Gebrüder Treelighter überführten, die eine Serie an Waldbränden im Schweizer Nationalpark verbrochen hatten.

«Tim, écoute! Tu est mon dernier espoir – du bist meine letzte Hoffnung! Wir haben hier bereits den 3. Fall von Food-Littering (Lebensmittelentsorgung im Freien) im grossen Stil! Drei ganze Lastwagenladungen sind auf der Jurahöhe zwischen Les Verrières und La Sagne entsorgt worden. Die Forensiker gehen davon aus, dass die Lebensmittel maximal 2-3 Tage alt sein können, uns fehlt aber jeglicher Hinweis und die Webcambilder der letzen 3 Tage zeigen keine Lastwagen in der Region».

Etwas verwirrt, was dies mit Meteorologie zu tun habe, versprach Tim Whirlwind sich darüber Gedanken zu machen, analysierte aber vorerst einmal die Wetterlage in der Schweiz.

Die Wetterlage

Ein umfangreiches Hochdruckgebiet erstreckt sich zurzeit über weite Teile Mittel- und Osteuropas. Mit einer trockenen und milden Luftmasse bestimmt es das Wetter in der Schweiz. Die Sonnenscheindauer war praktisch uneingeschränkt.

Vergrösserte Ansicht: Sonnenscheindauer bis 14:35 UTC. Ohne Einschränkungen war es heute sonnig in der Schweiz.
Sonnenscheindauer bis 14:35 UTC. Ohne Einschränkungen war es heute sonnig in der Schweiz.

Tim Whirlwind nahm einen Schluck Kaffee, er war zu heiss; er hätte ihn umrühren und die Milch am Kaffetassengrund vermischen sollen. Egal, dachte er sich und analysierte die Radiosondierungen in Payerne: Die starke Einstrahlung tagsüber heizt die unterste Schicht der Atmosphäre, die sogenannte Grenzschicht, ordentlich auf. Dem gegenüber steht eine starke Auskühlung in der Nacht, da die Erdoberfläche ungestört abstrahlen kann.

Vergrösserte Ansicht: Radiosondierung in Payerne um 00 UTC in Grün und 12 UTC in Schwarz.
Radiosondierung in Payerne um 00 UTC in Grün und 12 UTC in Schwarz.

Tim Whirlwind nahm einen weiteren, eher zu heissen Schluck Kaffee. Er schweifte mit den Gedanken kurz zur Lebensmittelverschwendung im Kanton Neuenburg, bei seinem guten Freund Sir Sam Askalot ab. Abermals nahm Tim Whirlwind einen grossen Schluck Kaffee und merkte, wie er nun zur kalten Milch am Grund seiner Kaffeetasse kam...!!! DAS . . . IST . . . DIE LÖSUNG!

Tim Whirlwind kam soeben der Geistesblitz: Die Lösung des Falles ist die kalte Milch am Boden seiner Kaffeetasse: zwischen den beiden Ortsangaben von Kommissar Askalot liegt La Brévine, ein Ort der bekannt ist dafür, dass sich die kalte Luftmasse über Nacht in einer Muldenlage sammelt.

Tim Whirlwind analysierte kurz noch die Station in La Brévine, bevor er Kommissar Askalot anrief:

Vergrösserte Ansicht: Temperaturverlauf in la Brévine seit 1. April. Seitdem sich das Hochdruckgebiet bei uns etabliert hat sinkt die nächtliche Temperatur am Abend immer schnell und weit ins Negative ab, da die nächtlichen (ab-) Strahlungsbedingungen optimal sind.
Temperaturverlauf in la Brévine seit 1. April. Seitdem sich das Hochdruckgebiet bei uns etabliert hat sinkt die nächtliche Temperatur am Abend immer schnell und weit ins Negative ab, da die nächtlichen (ab-) Strahlungsbedingungen optimal sind.

Tim Whirlwind griff zum Hörer seines Drehscheibentelefon und wählte die Nummer aus seinem Adressbuch. Er fragte ob die drei Ladungen Lebensmittel in Muldenlagen entsorgt wurden und erklärte dann Sir Sam Askalot, dass sich durch die Ansammlung der nächtlichen Kaltluft die Lebensmittel viel länger hätten halten können. Sie müssten daher weiter in die Vergangenheit recherchieren.

Gerade als Tim Whirlwind seinen Computer heruntergefahren hatte, klingelte das Telefon und Kommissar Askalot teilte ihm mit, dass Sie den Übeltäter mit seinem Lastwagen am 1. April auf Kamerabilder ausmachen konnten und bereits überführt hätten.

Beruhigt und entspannt stellte sich Tim Whirlwind auf einen weiteren Abend auf dem Balkon seiner Zürcher Stadtwohnung ein. In letzter Zeit hatte er das Gefühl die Welt entschleunigte sich etwas. Er genoss es und nutzte diese Zeit um alte, ungelöste Fälle zu überarbeiten.

 

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Kommentare (13)

  1. Safta, 09.04.2020, 07:31

    Ganz toll! Mal was Neues! Danke!

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  2. Islème, 08.04.2020, 12:47

    Ganz herzig! Da kommen mir lang verflossene Geographiestunden in den Sinn… Danke!

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  3. Kiri73, 08.04.2020, 11:08

    Coole Geschichte! Toll geschrieben! Bitte mehr!
    Herzliche Grüsse

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  4. Heidi, 08.04.2020, 10:14

    Hat Spass gemacht die Geschichte zu lesen. Und man nimmt sich die Zeit, mit zu rätseln.Eine tolle Idee. Schöne Ostern und bleibt gesund um weiterhin so tolle Bilder und Berichte zu machen.

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  5. Felix Hermann, 08.04.2020, 08:22

    Noch ein Tip für Tim Whirlwind ... in der Gegend hat es einen perfekten Kühlschrank: die glacière de monlesi mit ihrem unterirdischen Eisklotz und gerade im Frühling wunderschönen Eis-Stalagmiten. Dort schlummern sicher noch einige ungelöste Fälle...
    Ich habe mich gewundert, dass die Temperaturen auf dem Piz Corvatsch praktisch keinen Tagesgang aufweisen. Hat dies mit dem besprochenen Feuchtigkeitstransport zu tun?

    LG Felix

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  6. Christian Lorenz, 07.04.2020, 23:18

    Sensationeller Bericht. Wohne im Schwarzwald und daher verfolge ich eure, auch die für uns, sehr zutreffenden vorhersagen sehr sehr intensiv. Macht bitte weiter so 🙋‍♂️👌
    Liebe Grüße

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    1. Michael Großekemper, 08.04.2020, 16:26

      Welch wunderbare Idee! Schöner und spannender lassen sich Wetterphänomene kaum erklären. Vielen lieben Dank!
      Michael Großekemper

  7. Natalie, 07.04.2020, 22:57

    Cool geschrieben!
    Frage: ist Tim einfach nostalgisch wenn es ums Telefonieren geht oder warum hat er gleichzeitig ein Drehscheibentelefon und einen Computer? ;-)

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  8. Ursula Herrmann, 07.04.2020, 21:27

    Grosses Kompliment für diese tolle Idee! Gerade in dieser speziellen Zeit ist so eine "harmlose" und gleichzeitig informative Unterhaltung sehr willkommen. Wir freuen uns bereits auf die nächste Folge. Danke vielmals

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  9. Christoph Schmid, 07.04.2020, 21:14

    Congrats zu Tim Whirlwinds Fall VII. Eine Mischung von Professionalität, Ideenreichtum und Charme. Der Besuch auf Meteo Schweiz macht jedesmal Freude.

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  10. Sebastian, 07.04.2020, 20:17

    Vielen Dank für diesen tollen Bericht! Grosses Lob an euch. Finde die Idee mit den „Wetterkrimis“ sehr toll, ich hoffe es wird in Zukunft mehr solche Beiträge geben!


    Liebe Grüsse aus einer Zürcher Dachstock Wohnung😉

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  11. Gabriele, 07.04.2020, 19:00

    Lieber Tim

    Ich habe alle Achtung vor Ihrer Fantasie! Einfach genial wie Sie die meteorologischen Fälle gut verständlich beschreiben!

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  12. Andy, 07.04.2020, 18:18

    Wetterbericht als Krimi, so gut

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