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Zeit zum Abstauben

5. Februar 2021, 22 Kommentare
Themen: Wetter

Warmluftzufuhr kann ein heikles Thema sein in der Wettervorhersage. So ist das Überraschungspotenzial seit gestern eigentlich schon gegeben. Heute betrat aber noch ein zusätzlicher Unsicherheitsfaktor die Bühne: Saharastaub.

Auf der Alpensüdseite hat sich bereits eine schwache Staulage etabliert. In den unteren Schichten ist es nahezu windstill. Bild: roundshot.com
Auf der Alpensüdseite hat sich bereits eine schwache Staulage etabliert. In den unteren Schichten ist es nahezu windstill. Bild: roundshot.com

Beginnen wir beim "Warum"? Saharastaubpartikel sind in den meisten Wettermodellen nicht direkt erfasst, tragen aber massgebend zur Konzentration von Kondensationskeimen in der Atmosphäre bei. Wird also eine grosse Menge Saharastaub herangeführt, kann es durchaus sein, dass die Sonnenscheindauer stark eingeschränkt ist aufgrund dessen, dass sich dichte hohe Eiswolken bilden. Der Prognostiker versucht dann mit seinem Wissen diesen Faktor zu antizipieren.

Machen wir weiter mit dem "Woher"? Ursachen für das Aufwirbeln gibt es einige; so können zum Beispiel Tiefdrucksysteme durch die Sahara ziehen. Bekannt dafür sind die so genannten Sharav-Zyklonen. Oft lenkt dabei ein blockierendes Hoch die Zyklonen weit nach Süden durch die nördliche Sahara und erst dann nach Osten ab. Eine weitere Ursache für das Staubaufwirbeln können Mesoscale-Convective-Systems sein. Die grossräumigen Gewittercluster (grösser als 100 km Durchmesser) sorgen mit ihren Böen-Fronten an der ausfliessenden Kaltluft für starkes Staub-Aufwirbeln. Diese ausfliessende Kaltluft kann teils weit in die Sahara vorstossen. Man könnte noch ein paar andere Ursachen aufzählen wie Orographic Density Currents, Nocturnal Low Level Jets, Deep Dry Convection und so weiter. Ähnlich zahlreich sind dann die Transportwege bis zu uns. Meist aber sind die Förderbandsysteme (sogenannte Conveyor Belts) eines Tiefdrucksystems involviert, oft saugen diese dann eine bereits aufgegleitete Luftmasse an (siehe nächster Abschnitt).

Nachdem wir etwas abgeschweift sind, schauen wir uns das Ganze doch einfach bildlich an.

Vergrösserte Ansicht: Rückwärtstrajektorien vom Jungfraujoch mit Ankunft heute um 12 Uhr UTC. Sie zeigen den Ursprung der Luftmasse aus der Sahara. Einige der Trajektorien entspringen in den Niederungen der Sahara.
Rückwärtstrajektorien vom Jungfraujoch mit Ankunft heute um 12 Uhr UTC. Sie zeigen den Ursprung der Luftmasse aus der Sahara. Einige der Trajektorien entspringen in den Niederungen der Sahara.

Die 675 hPa Trajektorie im Detail

Vergrösserte Ansicht: Die Rückwärtstrajektorie, welche heute um 12 UTC auf 650hPa beim Jungfraujoch ankam.
Die Rückwärtstrajektorie, welche heute um 12 UTC auf 650hPa beim Jungfraujoch ankam.

Betrachtet man die Trajektorien mit Ankunft auf 650 hPa beim Jungfraujoch im Detail, fallen zwei typische Eigenschaften auf. Das Luftpaket verweilte zuerst lange über der Sahara und bewegte sich in den Passatwinden nur langsam westwärts. Kommt das Luftpaket aber einmal in den Einfluss der starken Dynamik eines Tiefdrucksystems (Kern aktuell in Spanien), so geht es dann ziemlich rasch bis es in der Schweiz landet. Man beachte dafür die beiden 48 Stunden langen Abschnitte der Trajektorie. Gleichzeitig ist es typisch, dass die warme/heisse Saharaluft knapp bevor sie das Meer erreicht, auf der kühleren Atlantikluft aufgleitet. Man beachte dafür die Pfeile mit Aufgleiten.

Elevated Mixed Layer - das Payerne Sounding im Detail

Vergrösserte Ansicht: In der Sondierung von Payerne, heute um 12 UTC ist der Elevated Mixed Layer eingezeichnet.
In der Sondierung von Payerne, heute um 12 UTC ist der Elevated Mixed Layer eingezeichnet.

Im Sounding von Payerne war zwischen rund 825 und 700 hPa ein "Elevated Mixed Layer", eine abgehobene, durchmischte Schicht erkennbar. Diese ist ein typisches Anzeichen von Saharaluft, welche auf der darunter liegenden kälteren Luftmasse nördlicheren Ursprungs aufgegleitet ist. Dabei wurde die Luft in der Sahara konvektiv durchmischt, daher die Gerade in der Temperaturlinie.

Das Schweizer Wetter heute

Im Vergleich zur restlichen Zeit seit Jahresbeginn kann für einmal das Wettergeschehen etwas einfacher zusammengefasst werden. Mit einer teils klaren Nacht hatten wir da und dort ein paar Nebelfelder am Morgen. In der Folge wurden auf Grund der starken Warmluftzufuht zeitweise dichtere hohe und mittelhohe Wolkenfelder zur Alpennordseite geführt. Diese beinträchtigten nicht nur die Sonnenscheindauer teils massgebend, sondern sorgten auch für ein paar Tropfen. Im Süden gab es auf Grund der bereits schwachen Staulage nur wenig Sonne. Im Groben und Ganzen waren die Modelle nicht schlecht für heute, hatten allerdings gegen Westen, wo die Wolken meist dicht waren, die Sonnenscheindauer etwas überschätzt.

Ausblick

Zum Schluss noch ein kurzer Ausblick. Morgen Samstag stellt sich eine markante Südstaulage mit starkem Schneefall auf der Alpensüdseite und einer stürmischen Föhnlage am Alpennordhang ein. Am Sonntag erfasst eine Kaltfront die Schweiz. Mit deren Niederschlag und Luftmassenwechsel wird dann der Staub wieder aus der Atmosphäre über der Schweiz entfernt, mit ihrem Druckanstieg die Stau- und Föhnlage beendet.

Vergrösserte Ansicht: Sonnenscheindauer in Stunden bis heute 16 UTC. Beschrieb siehe Text.
Sonnenscheindauer in Stunden bis heute 16 UTC. Beschrieb siehe Text.

Kommentare (22)

  1. Andreas Burri, 07.02.2021, 16:24

    Diese Verfärbungen des Schnees durch Sahara-Staub sind eindrücklich. Gibt es Abschätzungen, wie viel
    Masse von der Sahara in die Schweiz herantransportiert
    und deponiert wurden?

    1. MeteoSchweiz, 07.02.2021, 17:23

      Guten Abend Herr Burri
      Interessante Frage: Kurz und unverbindlich über den Daumen gerechnet gab es in etwa mindestens 300mg Staubablagerung pro m2, das sind 0.3g. Die Schweiz hat ein Fläche von rund 41000 km2, das ergibt insgesamt um die 12'300 Tonnen oder über 300 Lastwagen à 40 Tonnen.
      Mit freundlichen Grüssen MeteoSchweiz

  2. PB, 06.02.2021, 18:05

    Ihr Bericht ist ja sehr interessant, lenkt aber komplett von den Fehldiagnosen ab. In Basel wurde für Do und Sa Sonnenschein gemeldet, es gab keine Sonne, gestern gerade umgekehrt. Weiter scheinen mir ihre mittlere Prognosen ziemlich undeutlich. Für Do/Fr heisst "wahrscheinlich" und was bedeutet ziemlich kalt? Unter Null?

  3. Müller Susann, 06.02.2021, 16:51

    Ich war heute in St. Moritz ( Corviglia ) Snowboard fahren. Der Himmel war gelblich und sogar der Schnee hat sich gelblich verfärbt vom Saharastaub. Es gab interessante Bilder, da sich dieser Staub in den Furchen mehr angesammelt hat. Dank euch wusste ich, dass dies Saharastaub ist. Danke.

  4. Reto, 06.02.2021, 16:13

    Im Fricktal im Aargau war es den ganzen Tag ziemlich orange/braun und ist es jezt noch. Hoffe der Regen heue Nacht wäscht das meiste wider herunter.... Denke an unsere älteren und Corona-geschädigeten Mitmenschen, usw. das atmen währe wieder besser....

  5. Leonhard Fritze, 06.02.2021, 15:45

    Im Nordwesten des Kt. SH ist der Himmel ockerfarbig. Davor schien er gelblich, wie vor einem Hagelsturm.
    Können wir schon nicht in die Ferien, kommen die Ferien zu uns :-)

  6. Daniel, 06.02.2021, 14:34

    Wie lange dauert das bis der staub weg ist

  7. Jörg Ziefle, 06.02.2021, 13:59

    Bin zurzeit im Schwarzwald -- hier hat sich der Himmel komplett gelblich verfärbt.

    Besten Dank an Meteo Schweiz für die interessanten Blog-Artikel, insbesondere die mit technischem Hintergrund!

  8. Markus Jordi, 06.02.2021, 13:43

    Heute kurz vor Mittag mahnte mich das staubbedingt rötlich-bräunliche Zwielicht fast ein wenig an eine Marslandschaft https://photojournal.jpl.nasa.gov/jpegMod/PIA23624_modest.jpg
    (Ich wohne im oberen Baselbiet)

  9. MeteoSchweiz, 06.02.2021, 13:04

    Guten Tag und Danke für Ihre Nachricht.
    Ihr Sinne täuschen Sie nicht. Die Färbung des Himmels ist tatsächlich auf den in der Luft schwebenden Saharastaub zurückzuführen.
    Mit freundlichen Grüssen
    MeteoSchweiz

  10. Pascal K., 06.02.2021, 12:55

    Nachdem ich euren -- sehr spannenden -- Blog-Eintrag gelesen habe, kommt mir der bedeckte Himmel heute in Zürich leicht rötlich vor... Einbildung, oder hat's auch heute noch viel Sahara-Staub bei uns?

  11. Federico, 06.02.2021, 12:38

    Très intéressant. Bientôt en français aussi? E in italiano?

    Autre question: dans l'app, on peut voir le blog seulement en allemand (alors que sur le site web, il existe dans les autres langues aussi). C'est juste moi qui n'a pas compris comment changer ça dans les préférences... ou bien c'est voilà un autre office fédéral, qui pense qu'en Suisse on ne parle que allemand ?

    1. MeteoSchweiz, 06.02.2021, 12:59

      Guten Tag Frederico.
      Doch, in der App können Sie auch die Sprache ändern: Im Homescreen rechts oben den «Homescreen anpassen» auswählen, anschliessend je nach Betriebssystem am linken Bildschirmrand via «Einstellungen» die Sprache einstellen bzw. erst den «Wetterbericht» auswählen und anschliessend die «Einstellungen» selektieren und die Sprache setzen.
      Bitte beachten Sie, dass unsere Zentren in Genf, Locarno und in Zürich-Kloten thematisch unabhängig voneinander bloggen.
      Viele Grüsse, MeteoSchweiz

  12. Maya Blanchard, 06.02.2021, 12:35

    Schönen guten Samstag

    Wie immer vielen Dank für Euren immer interessanten Blog.

    Heute habe ich zum ersten Mal - nach einem kurzen und sanften Niederschlag - jedes einzelne Tröpfli in braun/rotbraun gesehen. Ich denke mal, dass sich die Waschanlagen in den nächsten Tagen nicht über mangelnden Umsatz beklagen werden.

    Noch ein schönes Weekend!

  13. R. Sommerhalder, 06.02.2021, 12:33

    Ist dieser Staub auch für diesen Gelbstich verantwortlich, der heute in der Luft zu sein scheint? Oder gibt es da eine Erklärung für das?

    1. MeteoSchweiz, 06.02.2021, 12:50

      Guten Tag R. Sommerhalder. Ja, es ist immer noch Saharastaub in der Luft, eher noch mehr als gestern. Viele Grüsse

  14. Marcus Glinz, 06.02.2021, 07:00

    Guten Tag
    Das war wieder einmal ein speziell interessanter Blog. Ist es tatsächlich so dass der Staub der zu uns kommt aus dem Bereich Nord Mali ist? Kann man eventuell anhand der Zusammensetzung des Staubes sagen woher er stammt? Oder sind das einfach bekannte Luftströmungen?
    Freundliche Grüsse, Marcus Glinz

    1. MeteoSchweiz, 06.02.2021, 07:35

      Guten Morgen Herr Glinz und vielen Dank für Ihre Frage.

      Bei der Herkunft des Staubes beziehen wir uns jeweils auf Trajektorien, welche uns nach Höhe aufgeschlüsselt zeigen woher der Staub, bzw. die Luftmasse kommt.
      Betreffend Saharastaub Ereignissen können wir Ihnen die Seite der Universität Athen empfehlen.
      https://forecast.uoa.gr/en/forecast-maps/dust/europe
      Auf der Seite erkennen Sie allfällige Ereignisse und die Herkunft des Staubes.
      Über die Zusammensetzung des Staubes können wir Ihnen leider nicht viel Genaues sagen, da diesbezüglich andere Stellen sich damit beschäftigen.
      Mit freundlichen Grüssen
      MeteoSchweiz

    2. Franz Loosli, 06.02.2021, 08:17

      Guten Tag Herr Glinz
      Die Herkunft der Luftmassen ist in dieser Jahreszeit durch den Harmatan bestimmt. Ein starker Nord-Ostwind der von Saudi Arabien her der gesamten Sahelzone eine 300m hohe staubige Luftschicht beschert. Sichtweite manchmal wie bei uns im Nebel.
      In diesem Fall hier dann in Mali, Senegal durch das Tief über Spanien weggesogen und nach Mitteleuropa verfrachtet. Sonst weht der Staub weitet westwärts über den Atlantik nach Süd und Mittelamerika.

  15. RS, 05.02.2021, 23:23

    Lieber ein paar Rechtschreibefehler im Wetterbericht als eine falsche Wettervorhersage :-)

    1. MeteoSchweiz, 06.02.2021, 01:43

      Grüezi RS
      Danke für Ihren Kommentar. Da sind wir Ihrer Meinung, optimalerweise natürlich auch ohne Rechtschreibefehler. In diesem Blog haben sich tatsächlich etwas zu viele eingeschlichen, tut uns leid. Was uns in der Nachtschicht aufgefallen ist, haben wir korrigiert.
      Freundliche Grüsse
      MeteoSchweiz

    2. Schneller Heinz, 06.02.2021, 18:07

      Sind Lehrer von Beruf? Einer der sein ganzes Leben immer recht hat? Da lobe ich mir die MeteoSchweiz, die einen super guten Job machen, danke