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30 Jahre in die Vergangenheit – ein Meteorologe berichtet

28. Juni 2022, 10 Kommentare
Themen: Über uns

Seit 1881 beschäftigen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei MeteoSchweiz mit der Meteorologie. Seither hat sich viel getan: Wettermodelle wurden stark verbessert, neue Messgeräte entwickelt, Wetterkarten digitalisiert. Insbesondere in den letzten dreissig bis vierzig Jahren hat sich die Digitalisierung und Automatisierung stark weiterentwickelt. Gemeinsam mit dem MeteoSchweiz Meteorologen Stefano Zanini werfen wir einen Blick zurück in die Vergangenheit der Wetterprognose.

Die ehemalige Computerzentrale von MeteoSchweiz.
Die ehemalige Computerzentrale von MeteoSchweiz. Bild: MeteoSchweiz.

Meteorologie der 90er Jahre

Stefano Zanini ist Meteorologe durch und durch – seit 31 Jahren arbeitet er bei MeteoSchweiz, zunächst am Standort Zürich, später in Locarno. Ein Einblick in seine Arbeitsgeschichte legt offen, wie sich die Meteorologie, ihre Messsysteme und Methoden in etwa 30 Jahren verändert haben. Anfang der 1990er Jahre, als Stefano seinen ersten Job bei MeteoSchweiz antrat, war die meteorologische Welt der Schweiz noch eine andere: Ohne ein grosses Messnetz, Server zur Datenverarbeitung und leistungsstarke Computer waren Wetterprognosen wesentlich umständlicher und ungenauer. Anders als heute, wo jede und jeder den aktuellen Wetterbericht in der MeteoSwiss App abrufen kann, wurde er in den 70er Jahren noch in Lochstreifen gestanzt. Die Wetterkarten der Modelle wurden noch von Hand ausgeschnitten, gelocht und aufgehängt. «Als ich bei MeteoSchweiz angefangen habe, mussten wir die Punktwerte von Hand auf den Modellkarten eintragen», berichtet Stefano.

Auch Satellitenbilder landeten noch als Ausdruck auf dem Tisch der Meteorolog/-innen – und das bereits damals jede halbe Stunde. Entwickelt wurden die Bilder vor Ort in der Wetterzentrale auf Fotopapier. Heute sehen die Wetterdaten aus dem All anders aus. Ende 2022 geht eine neue Generation geostationärer Satelliten an den Start, die den Meteorologinnen und Meteorologen in wenigen Minuten neue Informationen bereitstellen wird.

Messnetz in der Entwicklung

Ein Blick auf das meteorologische Messnetz der Schweiz zeigt mit wie vielen Unsicherheiten die Wetterprognose vor 30 Jahren verbunden war: 1991 lieferten gerade einmal zwei Radarstationen auf dem Albis nahe Zürich und der La Dôle bei Genf Daten zu Niederschlag und Gewitter. Stefano erinnert sich noch gut daran, wie umständlich die Gewitterprognose damals ablief: «Mit nur zwei Radarstationen hatte man kaum eine Sicht auf die Alpensüdseite und konnte sozusagen nur die «Köpfe» der Gewitter in Locarno erkennen». Seither sind drei zusätzliche Radare mit Standorten im Tessin, in Graubünden und im Wallis hinzugekommen, welche auch die Prognosen und die Wetterüberwachung für den gesamten Alpenraum wesentlich verbessert haben. Ebenso hat sich die Digitalisierung und Automatisierung der Messstationen weiterentwickelt. Zu Beginn wurden die Niederschlagsmessstationen einmal täglich geleert, die Daten von Hand in Tabellen geschrieben und einmal im Monat an MeteoSchweiz per Briefpost gesendet. Heute laufen diese Prozesse mehrheitlich automatisch ab und fast in Echtzeit.

Wettermodelle in Hochauflösung

Die Entwicklung der Wettermodelle und ihre Auflösung schritten in nur 40 Jahren rasant voran. Stefano erinnert sich: «Vor meiner Zeit bei MeteoSchweiz, in den 80er Jahren, hatte das globale Wettermodell eine Auflösung von etwa 190 km, heute sind wir bei gerade einmal 9 km». Ein Vergleich macht diesen wichtigen Fortschritt deutlich: Die horizontale Auflösung des alten Wettermodells entsprach somit der Luftlinie von Zürich bis Bellinzona. In weniger als 40 Jahren hat sich diese Distanz auf die Luftlinie Zürich-Stadt bis Zürich-Flughafen reduziert. Auch der meteorologische Blick auf die Schweiz und die lokale Wetterprognose entwickelte sich weiter. Ein Schweizer Wettermodell gab es in Stefanos ersten Jahren als Meteorologe nämlich noch gar nicht. Erst 1994 wurde ein solches Modell operationell eingeführt, damals noch mit einer Auflösung von 14km. Die heutigen Modelle COSMO-1E und COSMO-2E liefern Prognosen in einer horizontalen Auflösung von etwa 1 bzw. 2 km.

Meteorologie im Wandel

Insgesamt schätzt Stefano die Entwicklung in der Meteorologie sehr positiv ein – insbesondere die vergangenen Jahre zeigen eine rasante Entwicklung. «Was mich besonders beeindruckt, ist die Entwicklung im Bereich der Unwetterwarnungen. Diese wurden erst mit Beginn der 2000er systematisch herausgegeben und waren dann weitgehend an Behörden oder auf das Flugwetter gerichtet. Heute können wir über die MeteoSwiss App Warnungen auf jedes Smartphone senden», so Stefano. Auch in Zukunft wird sich die Welt der Meteorologie mit neuen Satellitendaten, schnellen Kommunikationskanälen und verbesserter Rechenleistung weiterentwickeln, optimieren und automatisieren.

Wettermodelle kurz erklärt

Wettermodelle bestehen heute aus sogenannten «numerischen Wettervorhersagen». Diese basieren auf computergestützten Berechnungen zum Zustand der Atmosphäre und sollen zukünftige Wetterentwicklungen vorhersagen. Es kann zwischen globalen, also weltweiten, Modellen und genaueren, lokalen Modellen unterschieden werden. Für die Berechnung eines Modells wird die gesamte Erdkugel oder ein lokaler Ausschnitt mit Hilfe eines Gitternetzes unterteilt und Messwerte für jeden Schnittpunkt des Netzes (Gitterpunkt) erhoben. Die Auflösung wird durch die sogenannte «Maschenweite», also die Entfernung der Gitterpunkte zueinander, bestimmt. Bei einer hohen Auflösung liegen die Gitterpunkte nahe beieinander, eine geringe Auflösung zeichnet sich durch eine weitere Entfernung der Gitterpunkte aus. Aufgrund der riesigen Mengen an erhobenen und ausgewerteten Daten werden Wettermodelle heute von modernsten Computern mit besonders hoher Rechenleistung erstellt.

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Kommentare (10)

  1. Y.Lupi, 15.07.2022, 11:33

    Grazie Stefano!
    Es war interessant, deinen Bericht über die Entwicklung der Neteo in den letzten 30 Jahren zu lesen.
    Che belli i tempi passati a Zurigo!
    Un caro saluto! Yvonne

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  2. Urs Keller, 10.07.2022, 17:51

    Ja, das waren noch Zeiten! Vielen Dank, Stefano, für die Einblicke in die Zeit der „Landeswetterzentrale“. So wie im zweiten Bild sah es in der Zentrale am Zürichberg aus, wo ich meine Schichten als junger Co-Meteorologe machte. Telex und Telefon dominierten die Kommunikation. Das Haupt-Informationsmittel war die von Hand analysierte Synopkarte. Ab 1981 kam das Anetz dazu, die stündlichen Messwerte der automatischen Messtationen der Schweiz. Zunächst als Liste auf den Telexstreifen. Datensichtgeräte (Bildschirme) für die Anetz- und Metardaten sowie die Radarbilder kamen erst allmählich auf. Erinnerst du dich noch an die endlos spannbaren Telefonkabel?
    Damals gab es aktuelle Wettermeldungen nur in der Zentrale. Heute reicht das MeteoSchweiz App um bestens informiert zu sein und das Wetter bis ins Detail zu verfolgen. Besten Dank auch für die meist sehr informativen täglichen Blogartikel! Viel Spass und Erfolg den jungen Meteorologen, die heute im Dienst sind!

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  3. Brudi, 09.07.2022, 12:14

    Nice

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  4. Wolfgang, 04.07.2022, 07:24

    Weil ich gerade über die Forschungsaktivitäten u.a. von DeepMind „gestolpert“ bin: Wird in der Meteorologie künstliche Intelligenz - z. B. Deep/Reenforcement Learning - für Simulation und Prognose eingesetzt?

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    1. MeteoSchweiz, 06.07.2022, 17:26

      Guten Tag Wolfgang
      Ja, auch im Bereich Wetterprognosen werden zur Zeit verschiedene Methoden der künstlichen Intelligenz erforscht und entwickelt. Gut möglich, dass Sie in künftigen Beiträgen in unserem Blog vom einen oder anderen Beispiel lesen, wie solche Methoden eingesetzt werden, um die Vorhersagen zu verbessern.
      Freundliche Grüsse
      MeteoSchweiz

  5. H.Jucker, 03.07.2022, 22:54

    ....das waren noch Zeiten, als mir bei meinem Einritt in die MZA 1986 der Techniker von Siemens vorgestellt wurde, Paul Mäder hiess er, welcher gerade das Hydrauliköl der Festplattenantriebe wechseln musste. Das ist kein Witz, sondern war bei den Hardisk's, auf dem ersten Foto im Vordergrund, noch nötig. Zum Glück wurde ich auf der Nachfolgeanlage Meteor 2, welche um 1987 in Betrieb ging, als Operateur und Schichtleiter ausgebildet.... ;-).
    Beste Grüsse
    Hansruedi Jucker

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  6. Karl Huber, 30.06.2022, 22:15

    Ihre Bilder vom Rechenzentrum der meteorologischen Zentralanstalt an der Krähenbühlstrasse in Zürich erinnern mich an meine Zeit als EDV-Servicetechniker bei Siemens. In den Jahren 1970-1977 war ich regelmässig in der MZA für Wartungsarbeiten oder Störungsbehebung an ihren Rechnern und Peripheriegeräten. So kommen mir die Zentraleinheiten und die Grossspeicherlaufwerke auf den Fotos sehr bekannt vor. Es war eine interessante Zeit und vom Hardwarevolumen her nicht vergleichbar mit heutigen Anlagen. Besten Dank für diesen Artikel: 30 Jahre in die Vergangenheit.

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  7. A. Lombardi, 28.06.2022, 23:00

    Vielen Dank. Ich musste fast weinen, weil ich über meinen Alter bewusst geworden bin. Wie schnell sind fast 40 Jahren vergangen... Ich kenne sehr gut, was Stefano beschreibt. Ich war in Locarno-Monti wärend meiner Kantizeit und durfte von drei Gurus (Kappenberger, Spinedi und Ambrosetti) viel lernen. Ich werde nie die "Nase" von Kappenberger vergessen, denn er ohne viele Instrumente (von einem Wetterradar hatte man geträumt) konnte unglaublichen zuverlässigen Prognose herstellen. Es gab wenigen Modelle, welche, wenn ich richtig liege, vom DWD (aber auch aus England?) zur Verfügung gestellt wurden. Danke Stefano für die vielen "Flash Backs"... (P.S.: weiss Du noch Stefan die WK's als Wettersoldaten, welche wir zusammen mit Pittini verbracht haben?). Beste Grüsse, A.

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    1. MeteoSchweiz, 01.07.2022, 17:54

      Vielen Dank A., für die schönen Erinnerungen! So schnell vergeht eben die Zeit. Seit unseren WK-Zeiten hat sich eben im Alltag des Meteorologen sehr, sehr viel geändert. Die guten alten Erfahrungsregeln der Generation meiner Vorgänger sind aber nach wie vor ein wertvoller Schatz, der mich heute immer wieder bei der Erstellung von Prognosen sowie in der Modellinterpretation unterstützt.
      Viele Grüsse, MeteoSchweiz/Stefano Zanini

    2. Brudi, 09.07.2022, 12:12

      Ich find es krass das es so viel Aufwand ist