(Früher) Start in die Gewittersaison

3. April 2017, 2 Kommentare
Themen: Wetter

Der für die Jahreszeit sehr frühe Startschuss in die Gewittersaison ist bereits gestern Sonntagabend gefallen. Entsprechend blicken wir im heutigen Blogartikel zunächst auf gestern Abend zurück.

Gewitterstimmung letzte Nacht in Bischofszell TG (Foto: B. R. Kälin)
Gewitterstimmung letzte Nacht in Bischofszell TG (Foto: B. R. Kälin)

Nächtliche Ruhestörung in der Ostschweiz

Nach einem ruhigen und vorwiegend sonnigen Sonntag mit angenehmen Temperaturen und etwas Bise deutete bis am Abend kaum etwas auf spannendes Wetter in der Ostschweiz hin. Doch am späten Abend entwickelten sich wie aus dem Nichts Schauer- und wenig später Gewitterzellen. Wie konnte es zu diesen kräftigen und langlebigen nächtlichen Gewittern kommen? Wir begeben uns auf Spurensuche.

Heikle Gewitterprognose

Wie üblich zu Beginn der warmen Jahreszeit, sind die ersten Gewitterlagen schwierig zu prognostizieren, dies war insbesondere gestern Sonntag einmal mehr explizit der Fall.

Die Hauptgewitterzeit nördlich der Alpen dauert von Anfang Mai bis Anfang September. Tatsächlich sind Gewitter aber regelmässig schon ab März zu beobachten. Allerdings bilden sich diese frühen und meist nur wenig aktiven Gewitter oft bei Südwestlagen im Bereich des schneefreien Juras und der Voralpen. Häufig unterstützt durch dynamische Hebungsvorgänge in den oberen Atmosphärenschichten.

In der Regel reichen die thermischen Vorgänge, bedingt durch den noch relativ tiefen Sonnenstand, sowie das limitierte Feuchteangebot nicht zur Bildung von organisierten Gewitterkomplexen.

Dies war gestern Abend ganz anders. Tatsächlich deuteten kräftige Niederschlagssignale in unseren hochaufgelösten Wettermodellen auf Gewitter in den östlichen Landesteilen hin. So sollten sich, ausgehend aus dem Rheintal, im Laufe des Nachmittags kräftige konvektive Zellen bilden. So weit so gut. Bis am Abend tat sich aber abgesehen von einem lokalen Gewitter im Gebiet des Comersees erstmal nichts.

 

Rasche Entwicklung von Gewitterzellen

Nördlich der Alpen blieb es recht sonnig, und die ausgedehnte Bewölkung westlich der Reuss lockerte sich immer besser auf.  Die Bise führte in der Grundschicht recht trockene Luft heran und so stand einem ruhigen und milden Abend eigentlich nichts mehr im Weg. Erst am späten Abend entwickelte sich im Grenzgebiet von Allgäu und Vorarlberg eine kleinräumige, aber giftige Gewitterzelle, welche über längere Zeit ortsfest blieb.

Diese Zelle bildete den Startschuss für die Entwicklung über der Ostschweiz. So schossen gegen 21 Uhr Lokalzeit von den Churfirsten über den Alpstein bis in den Grossraum St. Gallen gleich mehrere Quellwolken in die Höhe. Bereits eine halbe Stunde später wurden über Mörschwil auch schon die ersten Blitze registriert.

Aus diesen Einzelzellen entwickelte sich dann rasch ein eigentlicher Gewitterkomplex, welcher im nördlichen Teil, im Grenzgebiet der Kantone Thurgau und St. Gallen, für die Jahreszeit aussergewöhnlich blitzaktiv war.  Mit südöstlichen Höhenwinden bewegte sich das Gewitter westwärts und erreichte in seiner westlichsten Ausdehnung auch die Stadt Winterthur. Dort sorgten mehrere Naheinschläge kurz vor Mitternacht ebenfalls  für eine Nachtruhestörung.

Der Gewitterkomplex bewegte sich in der Folge gegen Norden und über Süddeutschland wurden die letzten Blitze morgens um 02 Uhr vernommen.

Spurensuche

Gewitter sind, nebst Nebel- und Hochnebellagen, am schwierigsten zu prognostizieren. Das ändert sich auch mit viel Rechenpower und hochaufgelösten Wettermodellen nicht. Diese labilen Gebilde reagieren chaotisch auf kleinste Veränderungen von Wind, Labilität und Luftmasse. Auch letzte Nacht war dies nicht anders. Ein wichtiger Indikator bei der Gewitterbildung ist die Thermik, welche durch die tageszeitliche Erwärmung der Erdoberfläche im Zusammenspiel mit der Orographie zustande kommt. Zudem fühlen sich Gewitter bei grossem Feuchteangebot pudelwohl. Beide Ursachen können für die Gewitterbildung der letzten Nacht ausgeschlossen werden. Die Grundschicht war zur fortgeschrittenen Stunde bereits abgekühlt und recht trocken.

Nebst Thermik und Orographie spielt aber auch der Wind eine entscheidende Rolle bei der Gewitterbildung. Wie auf untenstehender Grafik zu erkennen ist, waren gestern am späten Abend die Windrichtungen über der Grundschicht auf rund 500 Meter gegenläufig, sprich konvergent. Ein konvergentes Windfeld führt zu Hebungsvorgängen in der Atmosphäre. Damit wird die Luft zum Aufsteigen gezwungen, kühlt sich ab und kondensiert. Gerade im Zusammenspiel mit der Topographie spielen damit Windkonvergenzen oft eine entscheidende Rolle bei der Bildung von Gewitterwolken.

Zudem wurde über der Grundschicht mit südöstlichen Höhenwinden feuchte Adrialuft herangeführt, was die instabile Luftmasse in der Höhe zusätzlich labilisierte und so die Gewitterbildung zusätzlich förderte.

Fortsetzung der Gewittertätigkeit

Auch heute befand sich die Schweiz nach wie vor in recht feuchter und labil geschichteter Luft. Die Feuchtigkeit war daran zu erkennen, dass die Sichtverhältnisse am Morgen im Mittelland zum Teil sehr eingeschränkt waren, lokal waren auch noch ein paar Nebelfelder dabei. Die Labilität war daran zu erkennen, dass sich im Laufe des Tages vermehrt Quellwolken bildeten.

Im Gegensatz zu gestern wehte der Wind in den höheren Schichten aber nicht mehr aus südöstlicher, sondern aus nördlicher Richtung. So verlagerten sich die Schauer und lokalen Gewitter, welche ab frühem Nachmittag über dem Relief (Schwarzwald, Vogesen, Voralpen) vermehrt entstanden sind, südwärts. Auslöser der Schauer und Gewitter war heute zudem in erster Linie die Topographie sowie natürlich erneut Windkonvergenzen, die sich an bzw. wegen der Topographie entwickelten.

Über dem Flachland blieb es nämlich bis am frühen Abend trocken, gegen Westen hin dank etwas besser organisierter Bisenströmung und damit etwas stabileren Verhältnissen sogar noch oft wolkenlos. Erst ab ca. 17 Uhr konnten sich vor allem zwischen dem Aargauer und Zürcher Mittelland Schauer sowie auch Gewitter bilden, ausgelöst vermutlich besonders aufgrund von lokalen Windkonvergenzen.

Südlich des Alpenhauptkamms sowie im Zentralwallis blieb es heute bis Redaktionsschluss um ca. 18 Uhr trocken und sogar meist sonnig. Dank der Winddrehung auf Nordost bis später Nord und einem leichten Nordüberdruck von rund 5 hPa blieb man dort wetterbegünstigt.

Kommentare (2)

  1. Karl Zürrer, 04.04.2017, 00:44

    Die Gewitter welche von Ost nach West ziehen sind in der Regel recht giftig.
    Anfang der Siebzigerjahre gab es einmal ein Sommer, wo eine solche Wetterlage sehr häufig war.

  2. Peter Bernet, 03.04.2017, 21:24

    Tröstlich ist, dass niemand eine brauchbare Prognose zur Entstehung
    der Gewitterzellen stellte. Auch die einströmende Höhenkaltluft aus
    Nordost spielte dabei eine wesentliche Rolle. Dies hatte zur Folge,
    dass alle Computermodelle unbrauchbare Resultate lieferten.
    Ich könnte mir vorstellen, dass das hochmoderne Drohnenprojekt
    von Martin Fengler bessere Ergebnisse geliefert hätte. Vor allem für
    Kurzzeitprognosen über 12 bis 24 Stunden könnte dieses
    Drohnenprojekt eine grosse Zukunft haben.