Heftige Gewitter im Südtessin

25. Juni 2017, 10 Kommentare
Themen: Wetter

Heftige Gewitter überquerten heute Morgen früh das Südtessin. Nebst intensiven Niederschlägen fiel auch Hagel. Die grössten Niederschlagsmengen wurden dabei in der Region von Lugano gemessen. Lokale Überschwemmungen und Erdrutsche waren die Folge. Beinahe einen Rekord der 10 Minuten Niederschlagsmenge konnte an der Wetterstation von Crana-Torricella verzeichnet werden. Fleissig meldeten die Tessiner ihre Hagelbeobachtungen über das MeteoSchweiz-App.

Am frühen Morgen überquerte eine Störungszone die Schweiz ostwärts. Dabei entstanden auf der Alpensüdseite zahlreiche Gewitterzellen, die mit der westlichen Höhenströmung über das Tessin zogen und dort gebietsweise intensive Regenfälle brachten. Voraussetzung für solch heftige Gewitter war eine warm-feuchte und genügend labil geschichtete Luftmasse, wie sie auf der Alpensüdseite vorhanden war. Ein gutes Mass um den Wärme- und Wassergehalt einer Luftmasse abzuschätzen ist der sogenannte Taupunkt, also diejenige Temperatur, auf die die Luft abgekühlt werden muss, bis Kondensation eintritt. Auf der Alpensüdseite betrug der Taupunkt 20 bis 22 Grad, zum Vergleich nördlich der Alpen lag er bei 14 bis 16 Grad. Im Süden war also der Wärme- und Feuchtegehalt der Luft deutlich höher. Für die Auslösung der Gewitter sorgte eine Störung in der Höhenströmung, ein sogenannter kurzwelliger Höhentrog.

Kurz von 03 Uhr Lokalzeit (01 UTC) setzte die Entwicklung der Gewitter auf der Alpensüdseite ein. Rasch zogen sie mit der westlichen Höhenströmung über das Tessin hinweg. Mehrere heftige Gewitterzellen hintereinander überquerten das Südtessin. Mit dem ostwärts abziehenden Höhentrog beruhigte sich das Wetter im Laufe des Vormittages dann rasch wieder.

Beachtliche Niederschlagsmengen

Die kombinierte Analyse aus Radar- und Stationsmessungen zeigt die grossen Niederschlagsmengen, die am frühen Morgen besonders im Südtessin fielen. Südlich des Ceneri wurden verbreitet 50 bis 100 mm registriert. Am meisten Niederschlag fiel in der Region zwischen Monte Ceneri und Lago di Lugano, wo 100 bis 120 mm Regen gemessen wurden, mit einem lokalen Maximum am Monte Tamaro. Dort wurden mit dem Pluviometer an der MeteoSchweiz Niederschlagsstation von Crana-Torricella (1002 m Höhe) eine Regenmenge von 134.9 mm aufgefangen!

Bemerkenswert an der Messstation von Crana-Torricella war nicht nur die Gesamtmenge des Niederschlags, sondern auch die aussergewöhnlich hohe Niederschlagsintensität. Innerhalb von 10 Minuten fielen bis zu 33.5 mm Regen! Dies war fast Schweizer Rekord. Der bisherige und immer noch gültige 10 Minuten-Niederschlagsrekord wurde am 29. August 2003 in Locarno-Monti mit 33.6 mm registriert.

Aktive Tessiner Hagelbeobachter

Nebst intensivsten Regenfällen waren die Gewitter auch von Hagel begleitet. Mit  Auswertungen der Radarmessungen kann die Grösse der Hagelkörner abgeschätzt werden. Aufgrund dieser Analysen wiesen die Hagelkörner einen Durchmesser von 4 bis 6 cm auf.

Diese Fernerkundungsmessungen wurden durch direkte Beobachtungen bestätigt. Zahlreiche Meldungen von Hagelbeobachtungen gingen heute Morgen bei MeteoSchweiz über das Crowdsourcing ein. Dabei kann jeder auf dem Handy über das MeteoSchweiz-App seine Hagelbeobachtung eingeben, die dann direkt an MeteoSchweiz übermittelt wird.

Kommentare (10)

  1. Roland Posnett, 26.06.2017, 07:21

    Typo: Grösse der Hagelkörner wohl 4 - 6 mm und nicht cm ...

    1. MeteoSchweiz, 27.06.2017, 10:40

      Es sind wirklich 4-6 cm gemeint, wobei diese gemäss Grafik wohl nur ganz lokal aufgetreten sein dürften. Überwiegend handelte es sich um Hagel mit Durchmesser 2 cm oder kleiner.

  2. Michael von Arx, 25.06.2017, 23:33

    Was ist ein kurzwelliger Hoehentrog? Betreffend ihrem Beitrag, Ausloesung des Gewitters ueber dem Suedtessin

    1. MeteoSchweiz, 27.06.2017, 10:55

      Nach Meyers "Kleines Lexikon Meteorologie" ist ein Höhentrog eine zyklonale (auf der N-Hemisphäre gegen den Uhrzeiger drehend) Ausbuchtung in der Höhenströmung. Dieser nach Süden ausgreifenden Ausbuchtung (U-förmig) sind Hochdruckkeile vor und nachgelagert, so dass das Ganze als Welle erscheint.

      Diese Welle ist mit unterschiedlicher Geschwindigkeit unterwegs, in der Regel in unseren Breiten von West nach Ost. Je nach West-Ost-Ausdehnung des Gebildes nennt man es kurz-oder langwellig. Auf der Vorderseite des Troges wird aus Südwesten warme Subtropenluft nach Norden transportiert, auf der Rückseite gelangt kalte Polarluft aus Nordwesten in südlichere Gebiete. Typischerweise entstehen auf der Vorderseite eines Höhentroges Tiefdruckgebiete. Dies besonders bei kurzwelligen Trögen, die schnell von West nach Ost wandern und einen veränderlichen Wettercharakter von kurzen warme oder gar heissen und dann wieder kühleren Phasen bringen. Begleitet ist das Ganze von schauerartigen Niederschlägen, im Sommerhalbjahr oft zusammen mit Gewittern.

  3. Ruedi Lehner, 25.06.2017, 21:44

    Wann lernen wir endlich mit dem Klimawandel umzugehen. Ich denke, es wäre langsam an der Zeit, sich vermehrt Gedanken darüber zu machen, wie wir unsere Natur wieder zu spüren und achten beginnen . Dies muss nicht in grossen Schritten passieren, sondern im Kleinen.
    Ich bin nun bald am Zenit des Lebens angelangt und hoffe, dass ich es noch erleben werden, dass wir Menschen mehr Sorgfalt walten lassen.

  4. A.Lombardi, 25.06.2017, 21:20

    Guten Abend
    Im "Bild" mit der Beschriftung "Stationsmessungen der Niederschläge im Tessin" wird ein Punkt mit der Name "TICAR" angegeben. Ich gehe davon aus, dass diese auch eine Messstation ist. Darf ich erfahren, welche Station ist und welche Grösse wird gemessen? Ich habe nach "Meteoschweiz und TICAR" gegoogelt aber hatte ich keinen Erfolg.
    Danke für Ihre Hilfe.
    Beste Grüsse
    Angelo Lombardi

    1. MeteoSchweiz, 26.06.2017, 10:45

      Bei "TICAR" handelt es sich um eine Messstation im Besitz des Kantons Tessin. Sie liegt in Carena, im Valle Morobbia, und misst automatisch alle 10 Minuten Niederschlag.

  5. Beat Brodbeck, 25.06.2017, 20:32

    Wie ist es möglich, dass trotz grossflächigem Kaltfrontdurchzug weite Teile des Mittellandes, so auch bei uns im Seeland, praktisch niederschlagsfrei ausgingen?

    1. Sandra, 26.06.2017, 13:29

      Genau diese Frage stelle ich mir auch!

    2. Andi, 26.06.2017, 19:25

      Das selbe auch bei uns südlich von Schaffhausen