Angriff aus Süden

9. Juli 2017, 5 Kommentare
Themen: Wetter

Nachdem gestern teilweise unwetterartige Gewitter vor allem das Mittelland heimsuchten, war der Alpenraum heute mit eher grossflächigeren Niederschlägen beschäftigt. Dennoch bestand auch heute ein grosses Potential für starke Gewitter und intensive Schauer. Die Annäherung eines Höhentiefs erlaubte aber nur wenig Sonne, was wiederum für den Aufbau der Gewitter weniger förderlich war. Zum Glück muss man sagen, denn starke Aufheizung ist oftmals einer der Hauptfaktoren für heftige Gewitter.

Auch in der Nacht zum Sonntag noch Gewitter

Nachdem sich die heftigsten Gewitter gestern Abend (siehe Blog vom Vortag) ostwärts entfernt hatten, beruhigte sich das Wetter vorübergehend. Bereits in der zweiten Nachthälfte entwickelten sich neue Gewitter zuerst über dem Neuenburger Jura, und etwas später zog eine organisierte Gewitterlinie von der Westschweiz her über die Alpennordseite hinweg. Auf ihrem Weg zur Deutschschweiz nahm die Blitzaktivität immer mehr ab. Vermutlich aufgrund der Abkühlung und Stabilisierung der Grundschicht, welche die heftigen Gewitter am Vorabend mit sich brachte. Innerhalb von 12 Stunden brachten diese Schauer- und Gewitterzellen auch kaum mehr als 15 mm Niederschlag.

Höhentief mit grossräumiger Hebung

Im Vergleich zu gestern gestaltete sich der Wettercharakter heute etwas anders. Natürlich bemerkte manch einer, dass es sich auch heute noch „drückend“ anfühlte, wenn auch nicht mehr so heiss wie am Samstag. Und dieser gefühlte Eindruck lässt sich auch mit Messungen bestätigen. Ein Mass dafür ist der Taupunkt, je höher desto „unangenehmer“. Heute lag der Taupunkt nördlich der Alpen am Nachmittag bei 17 bis 20 Grad und damit verbreitet 2 bis 4 Grad höher als gestern. Trotz deutlich geringerer Instabilität der Luftmasse gegenüber gestern, bedeutet dies nicht automatisch auch weniger Schaueraktivität.

Weil sich ein Höhentief von Frankreich her der Schweiz näherte, führte die damit verbundene grossräumige Hebung zur Entwicklung von ausgedehnteren, aber dafür weniger starken Schauer- bzw. Gewitterzellen. Damit fehlte auch eine länger andauernde Einstrahlung, welche zu kräftigeren gewittern hätte führen können. In den meisten Gebieten der Schweiz schien die Sonne kaum mehr als 2 bis 3 Stunden. Dies war sicherlich einer der Hauptfaktoren, dass die Höchsttemperaturen auf der Alpennordseite nur noch 25 bis 27 Grad erreichten, also rund 5 bis 7 Grad weniger als gestern.

Im Tagesverlauf zogen gestaffelt ausgedehntere Gebiete mit Schauern über die Schweiz hinweg. Für kräftigere Gewitter war eine vorübergehende Aufheizung nötig. So wie etwa Mitte Nachmittag, als eine Gewitterzone vom östlichen Teil des Genfersees über Fribourg und das Berner Seeland zum Basler Jura zog. Beachtlich dabei waren die mit der stärksten Gewitterzelle verursachten Windspitzen, welche in der Anfangsphase bis nach Fribourg in Böen 90 bis 100 km/h erreichte

Der Faktor Aufheizung

Im Gegensatz zu gestern war heute nicht zuletzt auch die fehlende starke Aufheizung der Grund dafür, dass die Gewitter weniger heftig ausfielen. Eine solche Entwicklung der Wetterlage ist im Sommer nicht so selten. In einer ersten Phase gelangt im Vorfeld eines Troges mit südwestlicher Anströmung subtropische Warmluft und eine starke Aufheizung, welche je nach Instabilität und Anfeuchtung zu heftigen Gewittern führen kann. In der zweiten Phase, mit dem Trogdurchgang dreht die Strömung meist auf westliche Richtung und führt weniger warme, dafür feuchtere Atlantikluft heran. Mit zunehmender Anfeuchtung nimmt die Instabilität etwas ab und die Schauerzellen sind weniger hochreichend.


Als einfache Regel daraus gilt: relativ trockene Grundschicht, hohe Labilität und hohes CAPE sowie tageszeitlich starke Aufheizung können zu heftigen Gewittern mit Hagel und/oder Sturmböen führen. Während feuchtere Schichtung auch in der Grundschicht, wenig oder kaum Aufheizung und weniger hohe Labilität bzw. CAPE, dafür grossräumige Hebung führen oft zu Gewittern mit weniger Blitzaktivität, dafür hohen Niederschlagsraten.

Hier noch ein imposantes Video der Gewitter vom 8. Juli 2017 im Raum Däniken (SO) / Oftringen (AG) von Greogory Käser

Kommentare (5)

  1. Christian Fitze, 10.07.2017, 07:30

    «Mit zunehmender Anfeuchtung nimmt die Instabilität etwas ab und die Schauerzellen sind weniger hochreichend.» steht im heutigen Blog. Bei höherer Feuchtigkeit der Umgebungsluft wird der Taupunkt bei der Hebung schneller erreicht >> Wechsel von trocken- zu feuchtadiabatischer Abkühlung (Wolkenbasis) liegt tiefer. Dies sollte nach meiner Ansicht die Instabilität erhöhen. ???

    1. MeteoSchweiz, 10.07.2017, 11:26

      Bei ungesättigter Luft ist die Temperaturabnahme grösser und damit die Labilität höher, weil die Umgebungsluft trockener ist. Damit steigt das Luftpaket schneller. Bei gesättigter Luft hingegen ist die Temperaturabnahme mit der Höhe kleiner und damit die Labilität auch geringer.

      Vergleicht man die beiden Diagramme am Ende des Blogs, erkennt man dort auch den Unterschied der Neigung im Temperaturverlauf.

      Wichtig ist aber auch der gesamte Zusammenhang in diesem Kontext, der hier beschrieben ist. Oft fliesst bei Eintreffen eines Troges im Sommer in den unteren Schichten kühlere Luft ein, wodurch die Labilität ebenfalls reduziert wird. Dies war hier vielleicht zu wenig deutlich erklärt worden.

  2. P.S:, 10.07.2017, 06:25

    "Angriff" ? (Titel) Kampfvokabular jetzt neuerdings auch im Wetterbericht ?

    1. Thai-fun, 10.07.2017, 17:57

      Nicht neuerdings, "Fronten" "Luftmassengrenzen" gibt es seit es Wetterkarten gibt.

  3. Baur H.P., 10.07.2017, 00:31

    Schon verrückt dass Teile des Aargaus in den Fluten versanken während wir hier in Glarus Nord, einer der sonst niederschlagsreichten Regionen der Alpennordseite immer noch auf ergiebigen Regen warten müssen. Heftige Gewitter werden hier bei uns immer mehr zur Mangelware. Schon der Juni war bei uns zu trocken. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.