Heiss und Rekordgewitter in Adelboden

19. Juli 2017, 10 Kommentare
Themen: Wetter

Heute führten südwestliche Winde gegenüber dem Vortag nochmals wärmere Luft in den Alpenraum. Mit viel Sonnenschein stiegen die Temperaturen in den Niederungen auf rund 32 Grad, lokal wurden sogar 34 Grad gemessen. Am späten Abend entwickelten sich im Berner Oberland kräftige Gewitter, eines davon brachte in Adelboden einen 10-minütigen Niederschlag von 27.5 mm.

Schon am frühen Morgen zeigten sich über dem Pilatus sogenannte Altocumulus castellanus Wolken - quasi als Vorboten für das heftige Gewitter am Abend, welches auch Luzern traf. Bild: Eugen Müller.
Schon am frühen Morgen zeigten sich über dem Pilatus sogenannte Altocumulus castellanus Wolken - quasi als Vorboten für das heftige Gewitter am Abend, welches auch Luzern traf. Bild: Eugen Müller.

Altocumuls castellanus Wolken zeigen schon am Morgen Instabilität der Atmospäre an

Nach den Gewittern von gestern Abend trat auf heute Morgen eine allmähliche Wetterberuhigung ein. Die Atmosphäre war allerdings immer noch instabil geschichtet. Man konnte dies am Morgen an den Wolken erkennen. Beispielsweise in Luzern konnte man sogenannte Altocumuls castellanus Wolken erkennen. Diese sind, wenn sie am Morgen auftreten, oftmals Vorboten von nachmittäglichen oder abendlichen Schauern und Gewittern. Zu diesen Schauern und Gewittern kam es dann am Nachmittag auch.

32 bis 34 Grad - nichts Besonderes? Oh doch, wenn man in die früheren Jahrzehnte zurückblickt

Die Luftmasse, welche heute in die Schweiz floss, war auch sehr warm, aber man kann auch sagen heiss. In etwa 1500 Metern Höhe lag in der freien Atmosphäre die Temperatur heute bei etwa 20 Grad. Dies ist ein Wert, welcher auch im Hochsommer im Normalfall nicht allzu häufig vorkommt. Eine solche Temperatur bringt im Mittelland bei voller Sonneneinstrahlung eine Temperatur von etwa 32 bis 33 Grad. Da die Sonne heute im Mittelland bis am Nachmittag praktisch uneingeschränkt schien, erreichten die Temperaturen auch die zu erwartenden Werte. in Buchs  Arrau wurden 32.8 und in Payerne 32.7 Grad aufgezeichnet, in Basel reichte es sogar für 33.4 Grad. Noch wärmer war es in Sion mit 33.9 Grad und in Chur, wo wie schon gestern der Föhn mitspielte, mit 33.8 Grad. Diese nicht sonderlich beeindruckenden Zahlen - wir hatten in den letzten Jahren schon deutlich höhere Werte - täuschen darüber hinweg, dass solche Temperaturen in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts durchaus keine Selbstverständlichkeit waren. So erreichte man in Basel zwischen 1978 und 1982 nie 33 Grad, 1980 kam man gerade einmal auf 32.3 Grad. Am Zürichberg, wo heute 30.9 Grad gemessen wurden, kam man sogar zwischen 1977 und 1982 nicht auf diesen Wert. 1978 und 1981 gab es dort nicht einmal einen Hitzetag.

Auch im Tessin können Hitzetage Mangelware sein

Recht krass können die Verhältnisse auch in den Niederungen des Tessins sein. In Locarno-Monti beispielsweise gab es seit 1935, dem Messbeginn dieser Station, zwölf Jahre, an welchen 30 Grad nicht ein einziges Mal überschritten wurde. Geradezu lausig waren die Jahre 1960 und 1977, als nur gerade 28 Grad erreicht wurden. Temperaturen über 35 Grad sind in den Niederungen des Tessins - vielleicht entgegen einer verbreiteten Annahme - sehr selten. Wenn man wiederum Locarno Monti heranzieht, so ist ersichtlich, dass dies zwischen 1935 und dem Jahre 2000 nicht mehr als dreimal vorkam, nämlich am 23. Juli 1945 mit 36.0 Grad und dann am 21. Juli 1983 mit 35.5 Grad und nur 8 Tage später, am 29. Juli 1983 mit 37.3 Grad. Immer hatte der Nordföhn seine Hand im Spiel.

Wolkenbruchartiger Niederschlag in Adelboden

Am späteren Nachmittag kam es dann - wie bereits gestern - zur Entwicklung von zum Teil kräftigen Gewittern. Bis Redaktionsschluss traf es vor allem das Berner Oberland. In Adelboden gingen innert einer Stunde fast 60 mm nieder, wovon innert nur 10 Minuten 27.5 mm. Eine Statistik, welche die Jahre 1983 bis 2015 in Betracht zieht, ergibt einen höchsten 10-Minuten-Wert von 19.3 mm, gemessen am 27. Juli 2003.  Der heute gemessene Wert von 27.5 mm hat an dieser Station eine Wiederkehrperiode von über 200 Jahren. Solche extremen Niederschlagsmengen sind allerdings schwierig zu messen, da ein Grossteil des Niederschlags als Hagel fällt und daher für die Messgeräte eine erhebliche Belastungsprobe darstellt.

Im Vorfeld der Gewitter starke Windböen

Im Gegensatz zu gestern lösten die Gewitter von heute zum Teil starke Windböen aus. Insbesonders in der Innerschweiz waren die Böen sehr stark. Besonders hervorzuheben ist Luzern, wo Windspitzen von 110 km/h registriert wurden. Kräftige Sturmböen traten auch in Schmerikon auf, wo 92 km/h ermittelt wurden.

Kommentare (10)

  1. Kurt Aeberli, 20.07.2017, 16:19

    Bei mir in Zürich Unterstrass hat der Wind einen Sonnenstoren aus der Verankerung an der Mauer gerissen und auf dem Balkonboden und Gelände deponiert.

  2. Christian Eugster, 20.07.2017, 07:26

    Interessanter Beitrag. Die Grafikunterschrift zu Adelboden - "Werte von 19 mm entsprechen Wiederkehrperioden von über 200 Jahren" ist allerdings nicht richtig, falls die Grafik stimmt. Erst 24 mm entsprechen über 200 Jahren.

    1. Christian Eugstet, 20.07.2017, 19:51

      Danke, perfekt korrigiert :-)

  3. Rollo Buser, 20.07.2017, 07:08

    Spannend, dann liegt es tatsächlich nicht an meiner veränderten Wahrnehmung, dass ich das Wetter in meiner Teenager-Zeit nicht so heiss wie heute empfand!

    Merci für die vielen interessanten Hintergrundinfos!

    1. Dieter Walker, 20.07.2017, 09:36

      Geht mir (und meiner Frau) und wenig anderen auch so. Viele aber verwedeln dies und tun so als wäre 40 bis 45 Grad im Mittelmeerraum und 35 Grad bei uns schon immer so gewesen also ganz normal. Fast fanatisch wird das manchmal behauptet.

  4. Kälin Beni, 20.07.2017, 06:46

    Hallo Blog Team,
    Wieso hatte es gestern am Amisbühl auf 1300m um 13.00 Uhr sozusagen keine Thermik und auch keine Cumulswolken im Berner Oberland? Am Vortag hatte es extrem schnell wachsende Cumuli und super Thermik, wir konnten mit den Gleitschirmen sehr gut aufdrehen aber gestern war nicht mal oben bleiben möglich um die selbe Zeit...
    Der einzige Unterschied den ich an den Meteobedingungen fand ist, das laut euren Messtationen die Temperatur auf 2000-3000m 1-2 grad höher als am vortag war.
    Das Nachmittags Emagramm zeigt nur eine Isothermie auf 900-1300m, aber keine Inversion. Nach meiner Erfahrung kann man da bei perfekter Einstrahlung immernoch steigen...
    Auch die sehr plötzlichen Gewitter aus Adelboden kamen wie aus dem nichts, vorher war der himmel sozusagen heiter! Danke für einen Erklärungsversuch.

    1. MeteoSchweiz, 20.07.2017, 15:31

      Das ist schwierig zu beantworten. Möglicherweise wirkte der schwache Höhenrücken, welcher von West nach Ost durchzog, zuerst etwas stabilisierend, ebenso auch die in der Höhe vorübergehend stattfindende Warmluftadvektion. Im Weiteren am Vormittag teilweise bewölkt durch hohe Wolkenfelder, was die Strahlung besser streute und daher die Hänge gleichmässiger bestrahlt wurden, nicht einseitig praktisch nur die der Sonne zugewandte Hänge. Damit brauchte es vielleicht eine lange Zeit, bis die Konvektion einsetzte, wenn dann die Isothermie einmal weggeheizt war, konnte die Konvektion beginnen, dies dann verbreitet und rasch. Dies umsomehr, dass hinter dem Höhenrücken in der aufkommenden Südwestströmung wieder grossräumig Hebung einsetzte. Möglicherweise spielt auch noch die Vorgeschichte eine Rolle. Es kommt nämlich darauf an, welchen Feuchtegehalt ein Boden aufweist. Wenn die Böden gut mit Wasser gesättigt sind, verringert sich der sensible Wärmestrom, was die Konvektion auch herabsetzt. Immerhin gab es am Vorabend in der weiteren Umgebung Niederschläge, was die Böden teilweise aufsättigte. Durch den möglicherweise geringen sensiblen Wärmefluss dauerte es relativ lange, bis die Konvektion einsetzten konnte.

    2. Waldis Rolf, 20.07.2017, 15:40

      Dasselbe habe ich auch festgestellt. Ich bin um 11.00 vom Burgfeldstand bei markanten Thermikablösungen (!) gestartet und keiner der bekannten Hotspots gab etwas her, ausser auf etwa 1300 beim Luegibrüggli kräftige Turbulenzen. Ich bin um 11.30 auf der Höhe bei etwa 10-15 Ostwind gelandet - eher ungewöhnlich für die Zeit. Um 13.00 beobachtete ich steigende Schirme oberhalb Amis und einen Flieger, dessen Schirm kollabierte und ca 100 Meter fiel, bis er sich öffnete. Meine Vermutungen: Es herrschte 4 hp Südüberdruck, der via Grimsel nach Interlaken reichte. Dazu ein verschleierter Himmel und die Wärme allüberall.

  5. Heinz Forter, 19.07.2017, 22:07

    Die vergleichenden Messreihen Basel und Zürich Fluntern (siehe oben) beginnen mit dem Jahr 1977. 1976 war jedoch bereits ab Juni ein trockener und heisser Sommer. Wochenlang fiel kein Regen, die Bauern im Raum Basel (und vermutlich auch in anderen Gegenden) mussten die Felder mit Druckfässern künstlich bewässern. An die gemessenen Temperaturen kann ich mich nicht mehr erinnern. Wie hoch waren 1976 die Maximaltemperaturen?

    1. MeteoSchweiz, 20.07.2017, 11:06

      1976 war zwar sehr trocken, aber besonders im Juni nicht extrem heiss. Immerhin wurde in Basel eine Höchsttemperatur von 34.0 Grad verzeichnet (homogenisiert, das heisst, auf heutige Messbedingungen mit ventiliertem Thermometer korrigiert) . Wesentlich weniger heiss war es etwa in Bern und Zürich, wo nur 31.0 Grad bzw. 31.2 Grad aufgezeichnet wurden. Grund für die eher tiefen Temperaturen war die Bisenströmung, welche aus Nordosten zwar trockene, aber nicht extrem heisse Luft herantransportierte. Bei extremer Hitze sind meist Höhenwinde aus Süd bis West verantwortlich. Zum Vergleich die bisherigen Höchstwerte in Basel:

      13.08.2003 38.6
      31.07.1983 38.4
      28.07.1921 38.4
      02.07.1952 37.4
      27.07.2013 37.3
      29.07.1947 37.1
      21.08.1943 37.1
      07.08.2015 37.0
      08.08.2003 37.0
      10.08.2003 36.9
      06.07.1957 36.9
      28.07.1947 36.9
      27.06.1947 36.9
      07.08.2003 36.8
      19.08.1943 36.8
      12.08.2003 36.7
      09.08.2003 36.7
      26.07.1945 36.7
      05.08.2003 36.6
      05.07.2015 36.5
      20.07.2003 36.3
      26.07.1947 36.3
      13.07.1949 36.1
      31.07.1947 36.1
      30.07.1947 36.1
      27.07.1947 36.1
      04.07.2015 35.9
      23.06.2003 35.9
      16.08.1974 35.9
      18.08.1943 35.9
      11.08.2003 35.8
      27.07.1983 35.8
      26.07.1983 35.8
      07.07.2015 35.7
      03.07.2015 35.7
      14.07.2010 35.7
      06.08.2003 35.7
      04.08.2003 35.6
      20.08.1943 35.6
      02.07.2015 35.5
      09.06.2014 35.5
      03.08.1986 35.5
      14.08.1985 35.5
      26.07.1985 35.5


      und in Zürich (homogenisiert):

      13.08.2003 36.0
      31.07.1983 35.8
      29.07.1947 35.8
      28.07.1921 35.5
      27.07.1983 35.3
      30.07.1947 35.2
      27.07.2013 35.1
      23.06.2003 34.7
      11.07.1984 34.7
      13.07.1949 34.7
      07.08.2015 34.6
      07.07.2015 34.6
      06.07.1957 34.5
      27.07.1928 34.5
      12.08.2003 34.4
      10.08.2003 34.4
      07.08.2003 34.4
      04.07.1905 34.4
      05.07.2015 34.3
      11.08.2003 34.3
      05.07.1952 34.3
      26.06.1947 34.3
      19.08.1943 34.3
      23.07.1911 34.3
      04.07.2015 34.2
      05.08.2003 34.2
      02.07.1952 34.2
      06.08.2015 34.1
      09.08.2003 34.1
      18.06.2002 34.1
      21.08.1943 34.1
      20.08.1943 34.1
      08.08.2003 34.0
      04.07.1952 34.0
      27.06.1947 34.0
      10.08.1923 34.0
      26.07.1983 33.9
      31.07.1947 33.9
      22.07.2015 33.8
      02.07.2015 33.8
      18.06.2013 33.8
      04.08.1947 33.8
      17.07.1918 33.8
      24.07.1911 33.8
      06.08.2003 33.7
      18.08.1943 33.7