Die Zündschnur brennt ...

1. Januar 2018, 17 Kommentare
Themen: Wetter

Der Jahreswechsel glich wettertechnisch eher einem Rohrkrepierer bzw. einem lauen Tischfeuerwerk. Aber seien Sie versichert, die Lunte an einer formidablen meteorologischen Feuerwerksbatterie glimmt bereits …

00:03 Uhr. Blick von Brunnen nach Süden. In der Zentralschweiz war es zum Jahreswechsel nahezu wolkenlos. Quelle Brunnentourismus unter www.foto-webcam.eu
00:03 Uhr. Blick von Brunnen nach Süden. In der Zentralschweiz war es zum Jahreswechsel nahezu wolkenlos. Quelle Brunnentourismus unter www.foto-webcam.eu

Zum Jahreswechsel Kaltfront ante portas

Den kalendarischen Jahreswechsel erlebte die Schweiz im Vorfeld einer schwachen Kaltfront, die zu jener Zeit knapp westlich der Schweiz lag. Erste schwache Niederschläge trübten bereits in einem Streifen vom westlichen Genfersee bis zur Nordwestschweiz den Jahreswechsel.

Alle Jahre wieder – hohe Feinstaubwerte zum Jahreswechsel

Vergrösserte Ansicht: Verlaufsgrafik der Feinstaubkonzentration in Zürich. Bereits in den Abendstunden des 31.12. stieg die Feinstaubkonzentration vorübergehend an (vermutlich die ersten Probeböller bzw. -raketen ) und fand ihr Maximum zum Jahreswechsel.
Verlaufsgrafik der Feinstaubkonzentration in Zürich. Bereits in den Abendstunden des 31.12. stieg die Feinstaubkonzentration vorübergehend an (vermutlich die ersten Probeböller bzw. -raketen ) und fand ihr Maximum zum Jahreswechsel.

Die rasche anschliessende Abnahme der Feinstaubkonzentration ist mit der guten Durchlüftung der Grundschicht erklärt. So wehte in weiten Teilen der Alpennordseite zu jener Zeit ein mässiger Südwestwind. Dieser Effekt offenbart sich uns noch viel eindrücklicher, wenn wir die Feinstaubkonzentration im gut durchlüfteten Zürich mit den Feinstaubwerten von Lugano vergleichen:

Vergrösserte Ansicht: Verlauf der Feinstaubkonzentration in Zürich und in Lugano.
Verlauf der Feinstaubkonzentration in Zürich und in Lugano.

In Lugano blieb es zum Jahreswechsel unterhalb einer Inversion in rund 900 Metern Höhe windschwach. Entsprechend nahm die Feinstaubkonzentration hier nur langsam ab.

Mit der beschriebenen Inversion konzentrierte sich im Süden der Feinstaub in einem deutlich kleineren Luftvolumen als im Norden, wo sich in der gut durchmischten Atmosphäre keine dauerhafte Inversion bilden konnte.

Tagsüber schwacher Zwischenhocheinfluss

Doch zurück zu unserer Kaltfront. Sie überquerte in den Nachtstunden die Schweiz langsam ostwärts, und löste am Vormittag im äussersten Osten letzte Niederschläge aus. Spätaufsteher waren heute im Vorteil, denn hinter der Kaltfront machte sich aus Westen ein Zwischenhoch über Mitteleuropa breit, und löste die ehemals kompakte Bewölkung weitgehend auf.

Die Freude war allerdings nur von kurzer Dauer, denn ab Mittag zog aus Westen zunehmend mittelhohe und hohe Wolkenfelder eines sich zunehmenden okkludierenden Frontensystems auf.

Wenig winterliches Temperaturniveau

Das Temperaturniveau war heute wenig winterlich. Mit auch tagsüber zeitweise mässigem Südwestwind war es im Norden mit 5 bis knapp 10 Grad recht mild. Im Süden hielt sich auch den Tag über kompakte mehrheitlich tiefe Bewölkung, darunter wurden Temperaturen zwischen 3 und 5 Grad verzeichnet.

Doch jetzt zurück zu unserer meteorologischen Feuerwerksbatterie mit der bereits brennenden Lunte …

Unsere Feuerwerksbatterie finden wir in Form der starken bis stürmischen westlichen Höhenströmung, welche in den folgenden Tagen in rascher Folge mehrere Randtiefs vom nahen Atlantik über die Britischen Inseln hinweg zur Ostsee steuern wird. Jene Randtiefs entfalten dann über der Schweiz ihre unterschiedlichen „Einzelentladungen“.

Die glimmende Lunte symbolisiert am Berchtoldstag im Tagesverlauf von West nach Ost aufkommender schwacher Zwischenhocheinfluss, doch ab Dienstagabend erfolgt die Zündung und es steigen in rascher Folge unsere meteorologischen Knall- und Lichteffekte gen Himmel:

Vergrösserte Ansicht: Vom europäischen Mittelfristmodell simulierte 72-stündige Niederschlagsmengen zwischen Dienstagmittag und Freitagmittag.
Vom europäischen Mittelfristmodell simulierte 72-stündige Niederschlagsmengen zwischen Dienstagmittag und Freitagmittag.
MeteoSchweiz

Schubweise erreicht feuchte Meeresluft die Schweiz, wo sie an den Alpen gestaut wird und anhaltende und teils ergiebige Niederschläge auslöst.

Der nächste Knalleffekt ist der stürmische Westwind, der sich insbesondere am Mittwoch auch im Flachland bemerkbar machen wird. Der ohrenbetäubende Knaller wird in den Hochalpen der stürmische, am Mittwoch teils orkanartige Westwind sein.

Nebst jenen Knalleffekten beinhaltet unsere Feuerwerksbatterie noch einige überraschende Lichteffekte. Hier ist an erster Stelle die Schneefallgrenze zu nennen, welche in den kommenden Tagen eine wahre Berg- und Talfahrt vollführen und mehrheitlich zwischen 800 und 2000 Metern schwanken wird. Wahrlich „optische“ Spannung verheisst auch das Verhalten der Schneefallgrenze in den inneralpinen Regionen, namentlich im Wallis, wo sich die vorübergehend mildere Luft erst mit Verzögerung durchsetzen wird.

Wie im richtigen Leben gilt es auch bei unserem meteorologischen Feuerwerk gewisse Vorsicht walten zu lassen: Mit den stürmischen bis zeitweise orkanartigen Winden wird der zu erwartende Schnee verfrachtet, die teils bis gegen 2000 Meter ansteigende Schneefallgrenze führt zu erhöhten Abflussraten in den Flüssen. Unter http://www.naturgefahren.ch finden Sie die Gefahrenhinweise zu unserem meteorologischen Feuerwerk, sprich die publizierten Warnungen des Bundes.

Nach dem Feuerwerk verzieht sich der Rauch und es wird Zeit für die guten Vorsätze für das neue Jahr. Ihre „Vorsätze“ für das Wetter im Jahr 2018 nehmen wir gerne unter der Kommentarfunktion entgegen. Aber nicht vergessen … es ist wie im richtigen Leben … Vorsätze bleiben Vorsätze … für eine Erfüllung können wir nicht garantieren :-)

Kommentare (17)

  1. Franziska rauch, 02.01.2018, 18:53

    Witzig und sehr gut geschrieben. Unterhaltungseffekt der Knaller.

  2. Rolf Hefti, 02.01.2018, 17:21

    Eine Frage noch wegen der Klimaerwärmung: Kann 14 Tage Winterwetter am Stück, mit etwas Schnee, für das Schweizer Mittelland, eigentlich gar nie mehr erwartet werden ? Unser Los = Nur noch Nebel und Regen ?

    1. MeteoSchweiz, 04.01.2018, 08:47

      Selbstverständlich sind 14 Tage Winterwetter im Flachland nach wie vor ein Teil unseres Winterklimas. Der letzte Fall ist gar nicht lange her. Im Januar/Februar 2015 lag am Zürichberg (518 m ü.M.) ab dem 27. Januar bis am 14. Februar eine Schneedecke von rund 10 cm mit einer Tagesmitteltemperatur um 0 Grad oder tiefer. Auch die Kälteperiode vom Winter 2011/2012 ist noch in frischer Erinnerung. Vom 30. Januar bis am 14. Februar stieg die Tagesmaximumtemperatur am Zürichberg nicht über 0 Grad und es lag eine Schneedecke zwischen 4 und 11 cm. Längere Zeit winterlich war es auch im Januar 2009. Vom 1. bis am 17. Januar lag die Tagesmitteltemperatur am Zürichberg unter 0 Grad und die Schneedeckenhöhe lag bei 6 cm.

  3. Andres Zimmermann, 02.01.2018, 14:14

    Endlich einmal eine lebendige Sprache, welche das Wettergeschehen nicht nur nüchtern, als ein bloss physikalisches Ereignis erscheinen lässt, sondern zugleich als etwas qualitativ Beschreibbares und Wesenhaftes. Der Stil scheint bei den Lesenden und Kommentierenden auch sehr gut anzukommen. Also weiter so, damit die brennende Lunte der Schreibphantasie nicht ausgeht!

  4. Bene Detto, 02.01.2018, 13:38

    Für Januar Schnee und Dauerfrost
    Für Februar kalte Nächte und Sonnenschein
    Für März Regen von Mo-Mi, Sonne von Do-So
    Für April Sonne, Regen, Wolken und Wind
    Für Mai viel Grün und keine Spätfröste
    Für Juni Sonne und Sommergewitter
    Für Juli Hitze
    Für August blauen Himmel und sternenklare Nächte
    Für September Abkühlung und Bergwetter
    Für Oktober Omegahochs
    Für November Regen, Regen, Westwindwetter
    Für Dezember Regen, Schnee, Sonne und kein Weihnachtstauwetter

  5. Tom, 02.01.2018, 12:34

    Super unterhaltsam und informativ geschriebener blog! das lesen macht auch als laie sehr spass, weiter so!

  6. Peter, 02.01.2018, 10:26

    Vielen Dank, gut geschrieben und informativ. Weiter so.

  7. Eiszeit jetzt, 02.01.2018, 09:47

    Oh! Wir dürfen dem Wetter Vorsätze auferlegen? Oder uns selbst bezüglich unserer Allwettertauglichkeit?
    Also vom Wetter wünsche ich mir viel fröhliches Grau, Hitzewellenverbot im Sommer, keine Nächte über 15°, ausreichend Regen, aber nicht soviel, dass die Schnecken ins Wohnzimmer flüchten, und einen langen bunten Herbst mit anständigen Stürmen, so dass niemand die Weihnachtsdekoration vor dem 20. Dez. raushängen kann.
    Und mein Vorsatz ist es, mich entweder hitzeresistent zu machen, wenn es doch wieder so kommt (bloss wie?!), oder endlich die Auswanderung konkreter ins Auge zu fassen.
    Glückliches neues Jahr dem Meteo-Team!

    Eine Frage noch: im Dezember hat es bei uns zweimal aus wolkenlos blauem, sonnigem Himmel geschneit. Sehr hübsch anzusehen. Jemand sagte, das sei Industrieschnee. Wir haben nur einen einzigen Industriebetrieb in unmittelbarer Nähe. Kann das trotzdem sein? Oder ist das ein normales Wetterphänomen?

    1. MeteoSchweiz, 05.01.2018, 17:50

      Eine detaillierte Antwort ist schwierig, da uns die genaue Orts- bzw. Zeitangabe fehlt. Aber generell lässt sich sagen, dass solch schwacher Schneefall aus nahezu wolkenlosem Himmel durchaus vorkommen kann. Wir benötigen dazu sehr kalte Temperaturen und leichte Hebungsprozesse, dann kann es zum Ausfallen jener Eiskristalle kommen

    2. Eiszeit jetzt, 06.01.2018, 09:04

      Herzlichen Dank für Ihre Antwort. "Sehr kalt" war es seit 20 Jahren nicht, erst recht nicht in der Sonne. Der letzte "sehr kalte" Winter, an den ich mich erinnere, war irgendwann zwischen 92 und 96 - wo einem der Rotz in der Nase und der Schinken im Sandwich einfror, ach schön wars.
      Aber immerhin "relativ kalt" gegenüber dem, was da jetzt gerade abläuft. Ich nehme an, dass es für diesen Spezialschnee vor allem weiter oben in der Atmosphäre kalt sein muss.

  8. Wolfgang, 01.01.2018, 23:26

    Ein ganz hervorragend geschriebener Blog zum Jahreswechsel. Ich wünsche Ihnen allen ein gesundes neues Jahr 2018!

  9. Katrin, 01.01.2018, 21:37

    Schreibt der begnadete Wetterfrosch-Blogger auch über andere Themen? Ich mag seinen Schreibstil und Humor, muss aber gestehen, dass ich vom Thema jeweils nicht all zu viel verstehe...

  10. Maja B., 01.01.2018, 20:40

    Mein Vorsatz ist gepaart mit Vorfreude. Ich hoffe im Jahre 2018 möglichst oft ihre interessanten Blogbeiträge und die schönen Fotos zu geniessen. Herzlichen Dank für die vielfältigen Beiträge des vergangenen Jahres.

  11. schneider elisabeth, 01.01.2018, 19:37

    Danke für die informative Unterhaltung an einem zeitungsfreien Tag!

  12. Heinz Forter, 01.01.2018, 18:08

    Schnee, Schnee, Schneeeeeee. Als es neulich in der Schweiz ueberall viel Schnee gab, blieb er in Basel am Morgen bloss wenige Stunden liegen, dann war er wieder weg. Jetzt bin ich in die suedoestlichste Ecke von Europaeisch-Russland gereist, um endlich Winter zu erleben (natuerlich nicht nur). Kalt ist es zwar (am Freitag wird -25 erwartet), aber es hat nur noch wenige graue Schneereste. Aber bald zurueck in Basel wird richtiger Winter fuer diesen Winter wohl nur noch ein frommer Wunsch bleiben. Diese Nichterfuellung wird das Meteo-Team bestimmt erfuellen koennen...
    Nun ja, Orsk liegt an der Kasachischen Grenze, und da ist das Klima halt doch eher trocken.

    1. Daniel Hernández, 02.01.2018, 12:04

      Nur 150-250m über der Stadt in Bettingen blieb der Schnee 3 Tage lang liegen und es gab 7cm Pulverschnee...
      Also öfters mal das 6er-Tram nehmen und an der Bettingerstrasse mit dem 32er-Bus rauf nach Bettingen und St. Chrischona fahren, da herrscht ein anderes Klima als in der Stadt!
      Frohes neues Jahr!

    2. Heinz Forter, 04.01.2018, 17:35

      Vielen Dank fuer den Tipp, Daniel Hernandez. Eigentlich haben Sie voellig recht. Auch Ihnen ein frohes neues Jahr!