Starker Wintersturm fegt über die Schweiz hinweg

3. Januar 2018, 23 Kommentare
Themen: Wetter

Ein Sturmtief über der Nordsee steuerte am Mittwochvormittag eine Kaltfront über die Schweiz hinweg. In den Niederungen der Alpennordseite wurden Böenspitzen von 80 bis 130 km/h gemessen. In den höheren Luftschichten erstreckte sich der Jetstream momentan vom Nordatlantik bis zum Alpenbogen, so dass in den Berglagen ein orkanartiger Westwind mit Geschwindigkeiten von 140 bis 180 km/h wehte. Sturmtief "Burglind" ist als starker, aber nicht extremer Sturm zu werten. Die heute gemessenen Böenspitzen kommen in den Bergen regelmässig vor.

 Foto: E. Müller
Foto: E. Müller

Zwischenbilanz Stand Mittwochmittag 3. Januar 2018 und weitere Entwicklung

Mit Durchgang der Kaltfront am Vormittag erreichte der Sturm in den Niederungen der Alpennordseite seine grösste Stärke. Es wurden verbreitet Böenspitzen von 80 bis 130 km/h gemessen. Die stärkste Böe wurde in Wädenswil mit 150 km/h verzeichnet. Auf den exponierten Funkturm-Stationen St. Chrischona bei Basel, Bantiger bei Bern und auf dem Üetliberg bei Zürich wurden 150 bis 170 km/h registriert.

Auf den exponierten Gipfelstationen des Juras sowie der Voralpen und Alpen wurden bislang 130 bis 180 km/h gemessen. Am stärksten wehte der Wind auf dem Gütsch ob Andermatt, wo eine Böenspitze von 200 km/h gemessen wurde.

 

Vergrösserte Ansicht: Abbildung 2: Vorläufige Böenspitzen in km/h, Stand 3. Januar 2018 um 17:00 Uhr, Messnetz der MeteoSchweiz.
Abbildung 2: Vorläufige Böenspitzen in km/h, Stand 3. Januar 2018 um 17:00 Uhr, Messnetz der MeteoSchweiz.

Der Westwind lässt in den Niederungen am Mittwoch in der zweiten Tageshälfte sukzessive nach, weht aber am Nachmittag weiterhin stark, in erhöhten Lagen teils stürmisch. In den Alpen dauert der orkanartige Nordwestwind noch weiter an, im Verlauf der Nacht zu Freitag flaut der Wind dann auch hier allmählich ab.

 

Ein starker, aber kein extremer Sturm

In Neuchâtel wurde mit 115 km/h die zweitstärkste Böe seit Messbeginn registriert. Auf dem Pilatus (2106 m) wurde mit 195 km/h ein neuer Rekord registriert, der noch etwas höhere Wert von 200 km/h auf dem Gütsch (2283 m) ist der siebthöchste Wert der Messreihe (alle drei reichen bis 1981 zurück). Windmessungen in dieser Grössenordnung unterliegen jedoch messtechnisch bedingt gewissen Unsicherheiten und sind insbesondere wegen der exponierten Lage auch nur bedingt repräsentativ.

Das Sturmereignis von heute gehört in der Schweiz nicht zu den ganz Grossen. Vor allem in Berglagen ist regelmässig mit den heute gemessenen Böenspitzen zu rechnen. In mittleren Lagen ist die heutige Sturmstärke etwa alle 5 Jahre, auf den Jurahöhen etwa alle 2 bis 5 Jahre  zu erwarten.

In den tiefen Lagen der Alpennordseite  zeigt sich ein unterschiedliches Bild. Regional war der Sturm kräftig und ist nur alle 10 bis 20 Jahre zu erwarten, so in Neuchâtel, Luzern und Schaffhausen. An mehreren Messstandorten des Flachlands ist die heutige Sturmstärke hingegen häufiger als alle 2 Jahre zu erwarten.

 

Sturm Burglind in Zug. Hohe Wellen und Gischt während des starken Wintersturms Burglind an der Seepromenade der Stadt Zug. Video: Andreas Hostettler

Intensivierung der Niederschläge in den Alpen

Die Niederschläge haben am Mittwoch vorübergehend nachgelassen, intensivieren sich in der Nacht auf Donnerstag aber wieder. Bis Freitagmittag werden in Teilen des Juras, am Alpennordhang sowie in Nordbünden 70 bis 140 mm Niederschlag erwartet, im südlichen Jura und in den Westschweizer Voralpen sind gebietsweise über 140 mm möglich. Die Schneefallgrenze sinkt in der Nacht auf Donnerstag auf 800 bis 1300 Meter, steigt am Donnerstag besonders in den westlichen Alpen und Voralpen aber rasch wieder auf 2000 Meter an. In den östlichen Alpen erfolgt der Anstieg mit Verzögerung im Verlauf des Donnerstags. In Berglagen oberhalb von 1500 bis 1800 Metern sind in den Walliser und westlichen Berner Alpen 100 bis 140 cm Neuschnee zu erwarten.

 

Sturm-, Niederschlags-, Abfluss- und Lawinenwarnungen weiterhin aktiv

Vergrösserte Ansicht: Abbildung 8: Gesamtniederschlag des Europäischen Wettermodells bis Freitagmittag in mm. Diese Modellrechnung ordnet sich ungefähr in der Mitte verschiedener vorliegender Szenarien ein und wird derzeit als realistischste Prognose bewertet.
Abbildung 8: Gesamtniederschlag des Europäischen Wettermodells bis Freitagmittag in mm. Diese Modellrechnung ordnet sich ungefähr in der Mitte verschiedener vorliegender Szenarien ein und wird derzeit als realistischste Prognose bewertet.

Die Wettersituation wird permanent von MeteoSchweiz überwacht und mit Hilfe der aktuellsten Vorhersagerechnungen und Messwerte laufend neu beurteilt. Aktuelle Wetterprognosen sind auf unserer Website www.meteoschweiz.ch sowie auf der MeteoSchweiz-App verfügbar. Die vollständige Übersicht über alle laufenden Warnungen der zuständigen Bundesbehörden vor Naturgefahren steht auf dem Portal www.naturgefahren.ch zur Verfügung.

 

Kommentare (23)

  1. Wolfisberg Monika, Combremont, VD., 04.01.2018, 17:44

    Wir wohnen hier auf 650m Höhe in eigentlich stark windausgerichteter Lage.Ich persönlich fand die Einteilung 3 sehr gut,denn wir haben schon einige heftige Stürme in den letzten 30 Jahren erlebt, ohne Vorwarnung und vielen Schäden. Mein Sohn arbeitete während des Sturmes ca. 25 km nördlicher und auf 420 m Höhe. Er erzählte uns von vielen Schäden und Stromausfällen. Wir selber hätten unsre Gemeinde zu jeder Zeit verlassen können,was bei Lothar nicht möglich war (alle 4 Strassen führen durch einen Wald), auch Dachschäden und Stromausfällen blieben aus. Waren wir wohl schon am Rand dieses Sturmes. Was ich anders empfinde, sind die nun tagelangen anhaltenden starken Winde. Ich möchte wieder einmal schlafen ohne Windgeräusche!

    1. Chorsängerin, 04.01.2018, 22:26

      Wann der Wind vorbei ist kann man genau auf der Startseite nachschauen. Bei uns am Bodensee am Freitagmorgen.

  2. Heinz Forter, 04.01.2018, 17:24

    Vor einigen Jahren bin ich mehrmals als Passagier mit kleinen Frachtern zur See gefahren - bei verschiedensten Wetterlagen. Aber Hut ab: Die Wellen auf dem Video von Andreas Hostettler sind nicht von Pappe!
    Nachtraeglich noch dem Team von Meteo Schweiz vielen Dank fuer die spannende Arbeit und alles Gute im neuen Jahr!

  3. Denis, 04.01.2018, 13:42

    "Burglind" ich wär au hässig!

  4. Wolfgang aus Vorarlberg/Bregenz, 04.01.2018, 11:43

    Die Vorhersage (Gefahrenkarte vom 03.01.18) von Meteo Schweiz 24 Stunden vor eintreffen des Ereignisses war ein Volltreffer. Auch die ZAMG hatte das Gefahrenpotenzial sehr gut eingestuft.
    Auch die Gefahrenkarte für Heute 04.01.18 trifft denn Punkt.

  5. MeteoSchweiz, 04.01.2018, 10:36

    Danke für die zahlreichen Kommentare. War die Warnstufe angemessen? Es wurde eine flächige Windwarnung der Stufe 3 ausgegeben und damit wurden im Flachland 80 bis 110 km/h, in leicht erhöhten Lagen 110 bis 130 km/h, in Berglagen 130 bis 160 km/h und in den Hochalpen bis zu 200 km/h erwartet. Rückblickend kann gesagt werden, dass unsere Windwarnung der Stufe 3 sehr gut erfüllt wurde. Wie bei einem Windereignis üblich, wurden auch am 03.01.17 lokal höhere Windgeschwindigkeiten registriert. Für eine flächendeckende Windwarnung der Stufe 4 müssten im Flachland verbreitet über 110-120 km/h auftreten. Dies war bei diesem Ereignis nicht der Fall.

    1. B. Zürcher, 05.01.2018, 11:49

      Vielleicht bin ich Nutzer weniger an abstrakten Windgeschwindigkeits-Zahlen interessiert, sondern ob ich von umstürzenden Bäumen und umherfliegenden Ziegeln am Leben bedroht werde. Insofern wirkte die Farbe orange (Stufe 3) etwas harmlos. Vergleicht man übrigens Ihre Ausführungen auf „Naturgefahrenportal“ hat es sich wohl eher um Stufe 4 gehandelt, oder?
      http://www.naturgefahren.ch/home/umgang-mit-naturgefahren/wind/gefahrenstufen-wind.html
      Beste Grüße!

    2. MeteoSchweiz, 05.01.2018, 17:47

      @ B. Zürcher:
      Wir haben einen Blogartikel mit einer Einschätzung publiziert:
      http://www.meteoschweiz.admin.ch/home.subpage.html/de/data/blogs/2018/1/lothar-deutlich-staerker-als-burglind.html

      Die auf der Website von MeteoSchweiz publizierten Warninformationen werden 1:1 auch dem Naturgefahrenportal geliefert. Somit sind die Warninformationen identisch. Einzig die "Vorwarnungen" (gestreifte Warnregionen) publizieren wir ausschliesslich auf unserer Website und App.
      Auch auf der Website MeteoSchweiz haben wir die Verhaltensempfehlungen publiziert:
      http://www.meteoschweiz.admin.ch/home/wetter/gefahren/verhaltensempfehlungen/wind.html

      oder die Erläuterungen zu den Gefahrenstufen:
      http://www.meteoschweiz.admin.ch/home/wetter/gefahren/erlaeuterungen-der-gefahrenstufen/wind.html

  6. Chorsängerin, 04.01.2018, 09:17

    Danke für den interessanten, ausführlichen Blog. Nun eine Frage: wo ist denn der Gütsch (2283 m), den habe ich auf der Landeskarte nicht gefunden. Und was ist ein "Windfieder"???

    1. MeteoSchweiz, 04.01.2018, 12:19

      Der Gütsch liegt oberhalb von Andermatt (http://www.meteoschweiz.admin.ch/home/wetter/messwerte/messwerte-an-stationen.html?param=wind-combination&station=gue ). Eine Windfieder ist ein „Windpfeil“, der die Windrichtung und –stärke angibt. Im folgenden Blog werden Windfiedern näher erklärt: http://www.meteoschweiz.admin.ch/home/aktuell/meteoschweiz-blog/meteoschweiz-blog-suche.subpage.html/de/data/blogs/2017/9/daher-weht-der-wind--.html?query=windfieder&topic=0&dateRange=all&dateFrom=&dateTo.

  7. Andrej, 04.01.2018, 01:42

    Ich ging extra wandern, allerdings blieb es bis jetzt bei einem relativ unspektakulären Lüftchen :(

    1. Narr_99, 04.01.2018, 11:25

      Ou dieser Kommentar - entweder übertrieben witzig-ironisch oder Lebensmüde. Danke an alle die während dem Sturm gestern draussen unter gefährlichen Bedingungen ihre Arbeit trotzdem verrichtet haben, ohne noch blöde Kommentare abzugeben. Und danke für die vorgängigen Warnungen (egal ob Gefahrenstufe 3 oder 4) - so wusste ich Bescheid und konnte Gefahrengebiete (Wald, See usw.) bewusst meiden.

  8. Loli, 03.01.2018, 18:25

    Ich bin gespannt auf Ihre Antworten. In Adliswil kam es nämlich zu sehr starkem Wind!! Mit freundlichen Grüßen Loli

  9. Chris, 03.01.2018, 17:49

    Das war m.E. kein Vergleich mit Lothar, der hat eine echte Schneise der Verwüstung hinterlassen, ganze Waldteile wurden plattgemacht, heute beim surfen in Berlingen war's eigentlich nur um ca. 10h wirklich heftig, danach war's kontrollierbar, mehr als 7-8bft Grundwind waren nicht.

  10. MeteoSchweiz, 03.01.2018, 17:12

    Danke für ihre Fragen und Hinweise. Wir sind daran, das Sturmtief "Burglind" weiter zu analysieren und einzuordnen. Wir beantworten Ihre Fragen in einem weiteren Blogartikel.

  11. Marco Bertschinger, 03.01.2018, 17:03

    Guten Tag, wie sind denn die 151km/h in Wädenswil zu interpretieren?
    Bestätigt oder Messfehler? Es war hier sehr strub einige Minuten, wobei ich erstaunt war, als ich die 150.8 sah. War dem wirklich so?
    Des weitern bin ich mit den anderen Kommentatoren einig, vom Gefahrenpotential hat man den Sturm eher unterschätzt und zu optimistisch bewarnt, wie ist da ihre Einschätzung?
    MfG MB

  12. Tobias S., 03.01.2018, 15:49

    Ich frage mich: Warum nur Stufe 3? Was braucht es denn damit endlich mal die Stufe 4 ausgerufen wird? 500km/h?

  13. Manfred und Christina, 03.01.2018, 15:35

    Unterschätzt

    Schaut man die Gefahrenkarte von Meteoschweiz des heutigen Tages an, so sieht man als höchste Gefahrenstufe nur die Farbe orange (Stufe 3 = erheblich).
    Wir beide haben auch den Orkan Lothar (26.12.99) am gleichen Ort erlebt. Unser Urteil: Der heutige Wintersturm war mit seiner enormen Wucht nur wenig von Lothar entfernt, wenn man das so sagen darf. Dass das Gefahrenpotential nicht in die Klasse 4 (rot) eingeteilt wurde, ist unserer Meinung nach eine klare Fehleinschätzung von Meteoschweiz. In unserem östlichen Nachbarland wurde das Gefahrenrisiko übrigens realistischer erkannt (ZAMG).

    1. Loik G., 03.01.2018, 16:40

      Auf welchen objektiven Fakten basiert denn Ihr Urteil? Menschliche Wahrnehmung ist leider kein objektives Instrument, die Fehlergrösse ist nicht bestimmbar. Dennoch möchte ich Ihnen zustimmen, es fühlte sich recht heftig an :)

    2. Sturmsegler, 03.01.2018, 18:34

      Ich bin der Meinung, dass die Warnung eher übertrieben statt untertrieben war. In den Medien wird auch etwas zu dramatisch über die "steife Brise" berichtet. Hauptsache man hat etwas zu berichten... In unsere nördlichen Nachbarländern ist das ganz normaler Wind ;-) Aber wie schon gesagt das eigene Empfinden ist immer objektiv, darum ist es gut gibt es MeteoSchweiz mit seinen harten Fakten...Der Blog gefällt mir sehr, weiter so!

    3. Daniel M., 03.01.2018, 22:18

      Heute im Alptal (zwischen 11 und 14 Uhr) konnte live zusehen wie etliche Tannenbäume bei heftigsten Windböen umgefallen sind! Die Strasse zur Brunnibahn musste sogar wegen mehreren, auf der Strasse liegenden Bäumen, gesperrt werden. Das Gefahrenpotential für diese Region hätte sicherlich Stufe 4 verdient und wurde somit unterschätzt. Dies ist jedoch nicht als Vorwurf gemeint, denn auch der beste Meteorologe kann keine 100 % Vorhersage machen, ohne das perfekte Wettermodell.

    4. Hans Wiesendanger, 04.01.2018, 18:11

      Das Geschehen war zwar grossräumig, aber meines Erachtens nicht "Stufe 4 - würdig". Lokal habe ich in meinem Leben schon viele strube Sachen erlebt, auch dort, wo es normalerweise keine grösseren Ereignisse gibt. Also z.B. zwischen Davos Glaris und dem Schmelzboden, wo ein sehr selten vorkommender Sturm (Sagen wir mal eine spezielle Art von Föhn) reihenweise Bäume gefällt bzw. in der Mitte geknickt hat.