Ein anderer Blick auf den Himmel – Interview mit einem Stormchaser

10. Oktober 2018, 8 Kommentare
Themen: Über uns

Es gibt Menschen, die sich von Unwettern angezogen fühlen. Das sind sogenannte Stormchaser. Wir haben mit Herrn Dean Gill, Meteorologe in Genf, über sein Hobby gesprochen. Und auch die Schweiz ist ein Tornadoland.

Sturm auf dem Genfersee
Sturm auf dem Genfersee

Warum haben Sie mit dieser besonderen Freizeitbeschäftigung begonnen?

Das ist eine lange Geschichte. Es begann, als ich 5 Jahren alt war. Ich wohnte damals bei meinen Grosseltern in Italien. An einem Abend fegte 200 Meter von unserem Haus entfernt, ein Tornado über die Strassen. Ich konnte diesen zwar nicht sehen, weil es dunkel war, doch der Lärm war ohrenbetäubend. Am nächsten Morgen haben wir entdeckt, welche Schäden der Tornado angerichtet hatte. Bei diesem Ereignis sind insgesamt 36 Menschen ums Leben gekommen und Hunderte wurden verletzt. Obwohl ich erst 5-jährig war, kann ich mich immer noch sehr gut an dieses Ereignis erinnern.

Der Tornado, der am 11. September 1970 die Ortschaft Padua in Italien verwüstete, erzeugte einen 60km langen Graben zwischen dem Euganeischen Hügel und Jesolo, Italien. Mein Grossvater zeigte uns das Ausmass der Zerstörung am nächsten Tag. Ab diesem Zeitpunkt war meine Neugierde geweckt. Nach jedem Donner wartete ich sehnlichst auf einen Tornado oder ein Unwetter. Die Meteorologie und vor allem die von Tornados hat mich nicht mehr losgelassen.

Seit wann jagen Sie Tornados und Unwetter?

Ich habe im Jahr 2002 zusammen mit einem Kollegen in den USA begonnen, Tornados zu jagen. Seitdem war ich fast jedes Jahr in den USA, um meiner Lieblingsbeschäftigung nachzugehen. Gleichzeitig fotografiere ich auch Tornados in Europa. Es gibt mehr als man denkt.

Was fasziniert Sie an Tornados?

Es ist schwer zu beschreiben. Die Kraft des Sturms achtet nicht auf die Umgebung, Häuser, Bäume oder Menschen. Zudem fasziniert mich, dass Tornados als Einheit funktionieren, sie sind sehr organisiert. Ein Tornado schafft es, seine Umgebung mit einer erstaunlichen Kraft zu verändern, gegen die man als Mensch nicht ankommen kann.

Wie kombinieren Sie Hobby und Beruf?

Als ausgebildeter Meteorologe habe ich die Möglichkeit oder das Glück, schon einige Tage im Voraus zu erkennen, ob ein Sturm zu erwarten ist. Da ich Schichtarbeit leiste, kommt es vor, dass ich auch während der Woche freie Tage habe. Auf diese Weise ist es einfacher, Tornados zu jagen. Es ist eine hervorragende Kombination Meteorologe und Stormchaser zu sein.

Können Sie uns erklären, wie ein normaler Sturmjägertag aussieht?

Normalerweise fahren wir mit dem Auto herum und halten Ausschau nach der besten Möglichkeit zum Fotografieren. Im Allgemeinen erkennt man uns daran, dass wir aus dem Haus gehen, wenn alle anderen aufgrund eines Sturmes nach Hause flüchten. Wir sind immer draussen, wenn ein Sturm tobt. Auf der Genfer Seeseite gibt es einige Stellen, an welchen es günstig ist, Fotos von Gewittern und Wasserhosen zu schiessen. Manchmal befinden sich zwei, drei oder auch vier Stormchaser am gleichen Ort. Wir nennen es dann die „Storm-Chaser-Convergence“. Es ist immer ein Vergnügen, andere Sturmjäger zu treffen. Wir kennen uns alle, auch internationale Sturmjäger aus Italien, Spanien oder Deutschland.

Machen Sie Bilder von Tornados und Gewittern auf der ganzen Welt?

Ja. Sehr oft in den USA, Italien und in der Schweiz. Vor ein paar Wochen schoss ich Fotos nicht weit von Luzern. Ich war auch schon in Zentralfrankreich oder in Spanien, um Tornados zu fotografieren. Sobald es meteorologisch interessant wird, mache ich mich auf den Weg. In Asien hingegen war ich noch nie. Dort sind die Gewitter mit viel Regen verbunden und daher schwieriger zu fotografieren. Ein weiterer Ort, den ich noch besser erkunden möchte, ist der Staat Arizona in den USA. Im Juli und August entstehen dort starke Gewitter. Arizona ist ein sehr trockener Staat mit viel Wüste. Gewitter in der Wüste sind sehr fotogen. Das steht auf jeden Fall auf meiner To-Do-Liste für die nächsten Jahre.

Wie lange dauert es, ein perfektes Bild zu schiessen?

Vergrösserte Ansicht:
Dean Gill

Das ist eine Frage des Glücks. Es gibt immer wieder sehr fotogene Stürme. Trotzdem kommt es oft vor, dass es bei Unwettern sehr viel regnet und die Sichtweite schlecht ist. Da gibt es keine gute Aufnahme. Von Zeit zu Zeit wird ein meteorologisch kaum interessanter Sturm von den Modellen vorhergesagt. Bin ich dann vor Ort, ist die Aufnahme oft fabelhaft.

Dies passiert beispielsweise auch in den USA. Oft bin ich positiv überrascht. Wenn der nationale Wetterdienst beispielsweise von einem geringen Sturmrisiko ausgeht, bedeutet dies sehr isolierte Gewitter. Das führt zu sehr guten Motiven. Hingegen bei hohem Risiko vereinen sich oft viele Gewitter und es entsteht ein grosses Durcheinander. Daher bevorzuge ich kleinere Tornados. Es kann einige Stunden dauern, bis ich das perfekte Bild ablichten kann. Dann kommt es schon mal vor, dass ich sechs oder sieben Stunden unterwegs bin.

Der 31. Mai 2010 war ein spezieller Tag für mich, an dem ich sogar über 13 Stunden unterwegs war. Obwohl für Nebraska in den USA ein riesiger Sturm vorhergesagt wurde, entschied ich mich nach Colorado zu reisen. Dieser Entscheid erwies sich als richtig, denn es entstand das schönste Foto bisher.

Ist es nicht gefährlich, während eines Gewitters Fotos zu machen?

Es hängt von der Entfernung zwischen dem Fotografen und dem Sturm ab. Denn gute Sturmfotos können nicht mitten im Tornado gemacht werden. Manchmal kann jedoch ein Blitzschlag 10km weit aus einem Sturm gehen, welcher aus heiterem Himmel auftaucht. Wir versuchen natürlich eine solche Situation zu vermeiden, dennoch kann sie vorkommen.

Ich erinnere mich, dass ich in den Bergen um Genf unterwegs war, um Blitze zu verfolgen. Ich konnte sehen, dass Blitzschläge 10-15km von meiner Position entfernt einschlugen. Dann passierte lange nichts, es gab für eine Weile keine Blitze mehr, aber ich konnte Blitze innerhalb der Wolkenbasis sehen. Und plötzlich schlug ein Blitz fast neben mir ein. Ich wusste also, da war ein riesiger Blitz über mir. Gleichzeitig hörte ich ein elektrisierendes Geräusch und sah, dass eine Antenne links neben mir stand. Das Risiko für einen Blitzschlag war enorm hoch. Also eilte ich in mein Auto. Genau in diesem Moment, in dem ich meine Autotür schloss, schlug ein riesiger Blitz ungefähr 100 Meter neben meinem Fahrzeug ein. Manchmal kann es also durchaus gefährlich werden. Es ist daher wichtig, sich bewusst zu sein, was um einen herum passiert, weil ein Sturm sehr schnell kommen kann.

Ist der Klimawandel verantwortlich für extreme Wetterereignisse?

Vergrösserte Ansicht:
Dean Gill

Das ist die 10-Tausend-Dollar-Frage. Nun, es ist nicht klar, ob der Klimawandel die Häufigkeit von Tornados erhöht. Warmes Wetter beinhaltet mehr Feuchtigkeit. Bei heissem Wetter steht dadurch mehr Energie für Stürme und Tornados zur Verfügung. So können vermehrt stärkere Stürme entstehen. Es ist nicht mit Sicherheit bewiesen, aber es ist wahrscheinlich, dass extreme Wetterphänomene auf den Klimawandel zurückzuführen sind.

Gibt es Tornados auch in der Schweiz?

Ja, es gibt Tornados in der Schweiz. In einigen Regionen, wie der Jura, haben wir sogar sehr starke Wirbelstürme. Dort gibt es sogar eine Art Tornado-Gasse, wo bereits einige entstanden sind. Der erste wurde im Jahr 1890 dokumentiert. Es handelte sich dabei um einen Wirbelsturm, der sich in Frankreich gebildet hatte und im Kanton Waadt endete. Der entstandene Graben war über 90km lang. Der Wirbelsturm tötete in Frankreich einige Leute und richtete einen riesigen Sachschaden an.

Im Jahr 1971 formierte sich wiederum in Frankreich ein Wirbelsturm an der Grenze zur Schweiz. Der Verlauf des Tornados erfolgte mehr oder weniger gleich wie der Tornado im Jahr 1890. Manche Leute trugen Verletzungen davon. Zeugen berichteten, dass ein Paar, welches sich in einem Auto befand, vom Tornado mitgerissen und durch die Luft geschleudert wurde. Das Fahrzeug landete glücklicherweise unversehrt wieder auf dem Boden.

Was ist der Wissenschaft noch unbekannt über Gewitter und Tornados?

Nun, wir wissen viele Dinge über Tornados und Stürme, aber es gibt immer noch Einzelheiten, die schwer zu prognostizieren sind. Wir können einen Sturm noch nicht ganz genau vorhersagen. Wir wissen nicht, an welchem Ort ein Sturm auftreten wird, lediglich die Region. Wir müssen in Zukunft mehr über Tornados und Gewitter in Erfahrung bringen, aber genau das mag ich an der Meteorologie, man weiss nie alles und kann stetig Neues dazulernen.

Herzlichen Dank.

_______________________________________________________________________

Wie entsteht ein Tornado?

Gewitter entstehen, wenn feuchtwarme und somit energiereiche Luft in Bodennähe von instabiler Luft in darüber liegenden Schichten überströmt wird. „Instabil“ bedeutet dabei, dass die Temperatur mit der Höhe verhältnismässig stark abnimmt. Ist der Feuchtegehalt der Luft aussergewöhnlich hoch und ändert der Wind bezüglich Richtung und Stärke mit der Höhe stark, dann können Superzellen entstehen, ein Gewittertyp der auch Tornados produzieren kann.

Wasserhosen, per Definition ebenfalls zu den Tornados gehörend, entstehen ebenfalls in feuchter und instabiler Luft über relativ warmen Wasserflächen. Der Wind darf jedoch nur schwach bis mässig wehen, um die filigranen Strukturen nicht zu zerreissen. In der Schweiz sind Wasserhosen insbesondere im Herbst regelmässig über den Seen zu beobachten. Superzellen-Tornados werden seltener beobachtet.

Kommentare (8)

  1. Pascal Karrer, 31.10.2018, 22:19

    Danke für die Präsentation ihres Berufskollegen. Geniale Aufnahmen der gewaltigsten Momente der Elemente.

  2. Heiner Graafhuis, 20.10.2018, 09:52

    Sehr spannender Artikel mit super Fotos.
    Vielen Dank.
    Auf dem unteren Zürichsee durfte ich mal zusehen wie ein Finn-Dinghy-Segler auf Kollisionskurs mit einer Wasserhose von ihr links und rechts "geohrfeigt" wurde.
    Wir waren zum Glück schon an Land...

    1. Nicolas Jenny, 31.10.2018, 10:00

      Finn ist immerhin olympische Klasse. Ein Finnsegler ist in der regel Segelsportler und ist halt dann wenns grenzwertig wird ab und an immer noch auf dem Wasser anzutreffen wie ja auch der Wind oder Kitesurfer. Einige von Ihnen sind ebenfalls Sturmjäger oder eben Stormrider. Während der Yachtsegler schon längst zurückmotort ist und mit trockenen Füssen im gemütlchen Yachtclub sitzt wir draussen immer noch gerockt. Da kann das halt schon mal passieren.

  3. Horst Naujoks, 11.10.2018, 22:00

    Interessant und spannend. Aber ein bisschen 'offtopic' für unsere Region und Zeit, ;-)
    How ever, merci für die fundierten Beiträge!

    1. Robin, 17.10.2018, 00:18

      Unsere Kinder und Enkel werden sicher häufiger Gelegenheit haben solche Bilder aus dem eigenen Stubenfenster aufzunehmen...

  4. Blumer, 11.10.2018, 17:26

    Sehr spannendes Hobby und unglaublich schöne Fotos!

  5. Brauchli süss, 11.10.2018, 16:57

    Fantastische Aufnahmen

  6. Joe Catania, 10.10.2018, 22:28

    Ein riesen grosses Kompliment an die atemberaubenden Fotos! Einfach fantastisch!