Inhaltsbereich

Kriminalmeteorologie – Tim Whirlwinds II Fall

31. Oktober 2018, 12 Kommentare
Themen: Wetter

Tim Whirlwind ist gestern ins Büro gekommen. Er hatte sich gefreut, denn er wusste, es würde langsam wieder entspannter werden im Büro und zudem waren viele Teile der Schweiz schön verschneit. Er freute sich besonders auf das kommende Weekend, denn er hatte ein kriminalmeteorologisches Treffen im Churer Rheintal, wo er seinen letzten Fall vorstellen würde.

Kapelle St. Georg vor dem Föhnhimmel. Bild: D. Gerstgrasser.
Kapelle St. Georg vor dem Föhnhimmel. Bild: D. Gerstgrasser.

Tim Whirlwind letzten Fall finden Sie hier: Tim Whirlwinds I Fall.

Schnee geklaut!

Vergrösserte Ansicht: Verhältnis von Nullgrad- und Schneefallgrenze. Die Schneefallgrenze liegt dort, wo der Niederschlag aus 50% Schnee und 50% Regen besteht, also unter der Nullgradgrenze.
Verhältnis von Nullgrad- und Schneefallgrenze. Die Schneefallgrenze liegt dort, wo der Niederschlag aus 50% Schnee und 50% Regen besteht, also unter der Nullgradgrenze.
Quelle: MeteoSchweiz, Ausbildungsunterlagen

Wie gewohnt trifft er Dienstagabends seine Kollegin Jane Halo schon an der S-Bahn-Station für den gemeinsamen Weg zur Nachtschicht. Jane Halo berichtete ihm nachdem sie in den Zug stiegen umgehend, dass der ganze Schnee im Rheintal weg sei und niemand wisse wieso. "Es ist als hätte ihn jemand gestohlen". Da war die Stimmung im Keller! Wieso immer an den Tagen, wo ihm Zuhause der Kaffee ausgeht; und das Ganze vor der Nachtschicht!? Er wusste noch von seiner letzten Nachtschicht, dass am Talboden bei den positiven Temperaturen zuletzt der Niederschlag noch als Regen aufgetroffen sein musste, aber die Schneefallgrenze liegt bekanntlich unterhalb der Nullgradgrenze. Dies kann also nicht der Grund sein, dass über Nacht bis in erhöhte Lagen der ganze Schnee verschwunden ist.

Vergrösserte Ansicht: Webcam in Landquart von Montag um 12 UTC (oben) und gestern Dienstag um 9 UTC (unten). Man kann erkennen, dass der Schnee grossteils über Nacht verschwunden ist.
Webcam in Landquart von Montag um 12 UTC (oben) und gestern Dienstag um 9 UTC (unten). Man kann erkennen, dass der Schnee grossteils über Nacht verschwunden ist.

Wie kann es sein, dass so viel Schnee, bis oben an die Hügelketten verschwindet über Nacht!? Schweigend liefen Tim Whirlwind und Jane Halo von der S-Bahn bis zum Büro, wo Tim sich gleich als erstes Kaffee aufsetzte und zwar eine ganze Kanne.

Als der PC gestartet war, suchte er zuerst nach Webcambildern in Landquart. Enttäuscht stellte er fest: Fast der ganze Schnee im Churer Rheintal ist in der Nacht auf gestern um Landquart herum verschwunden!  Ein erster Blick fällt auf die Sonnenscheindauer auf gestern Dienstag. Ganze 4 Minuten. Da kann von Schmelzen keine Rede sein! Zuerst mal Abflüsse checken, die steigen ja bekanntlich bei Schneeschmelze. Abflüsse der meisten Bäche und Flüsse in der Region gingen nach Ende der Niederschläge schnell zurück, die Plessur, der Felsenbach und sogar der Rhein. Es ist als hätte sich der Schnee in Luft aufgelöst.

Der Schnee hat sich in Luft aufgelöst

Tim Whirlwind nimmt einen Schluck des viel zu heissen Kaffees und verbrennt sich die Zunge. Autsch, er bläst über den Kaffee und achtsam auf Details, wie Tim Whirlwind ist, schaut er dem Wasserdampf zu, wie er ihn vom Kaffee wegbläst! Da kommt der Geistesblitz! Der Schnee hat sich tatsächlich in Luft aufgelöst! Ja, es muss der Föhn da gewesen sein im Sarganserland. Denn nur der Föhn kann mit seiner trockenen Luftströmung solche Unmengen an Feuchte aufnehmen. In diesem Fall strömt die trockene Luftmasse des Föhns über den Schnee und durch Sublimation geht die Eisphase direkt in die (Wasser-)Dampfphase über und wird abtransportiert. Fall gelöst!

Heutiger Wetterverlauf

Vergrösserte Ansicht: Böenspitzen in der Schweiz in km/h. Der Gütsch mit 152.3 km/h ist der Spitzenreiter dieser Grafik, aber am Lauberhorn wurden sogar 172.3 km/h registriert. In den klassischen Föhntälern wie im Hasli-, Urner Reusstal und Glarus wurden auch hohe Werte registriert. Ein wenig schwächer blies der Föhn im Sarganserland.
Böenspitzen in der Schweiz in km/h. Der Gütsch mit 152.3 km/h ist der Spitzenreiter dieser Grafik, aber am Lauberhorn wurden sogar 172.3 km/h registriert. In den klassischen Föhntälern wie im Hasli-, Urner Reusstal und im Sernftal wurden auch hohe Werte registriert. Ein wenig schwächer blies der Föhn im Sarganserland.

Die Schweiz ist im heutigen Tagesverlauf auf der Vorderseite einer Tiefdruckzone auf dem nahen Atlantik unter eine zunehmend stürmische Südströmung gelangt. Dabei hat der Föhn heute Sturmböen sowohl in Kamm- und Gipfellagen, wie auch in den klassischen Föhntälern erreicht. Aufgrund der Südstaulage haben sich im Tagesverlauf die Niederschlagsmengen auf der Alpensüdseite wieder intensiviert.

Föhnfenster

Vergrösserte Ansicht: Hier das Föhnfenster von der Hochwacht aus Fotografiert. Bild: Markus Haerri.
Hier das Föhnfenster von der Hochwacht aus fotografiert. Bild: Markus Haerri.

Ein weiteres, schönes Phänomen das heute am Himmel der Schweiz beobachtet werden konnte, war das Föhnfenster. Die Föhnströmung taucht auf der Leeseite (also der windschattigen Seite) des Gebirges wellenförmig ab und  wieder auf. Dies ist auch als hydraulischer Sprung der Föhnströmung bekannt. In ihrer Absinkbewegung erwärmt sich die Luft und dabei lösen sich die Wolken auf. Beim folgenden Aufstieg kühlt sie sich dann erneut ab und dabei formen sich die Wolken wieder.

Kommentare (12)

  1. Tommy Furrer, 01.11.2018, 15:05

    Wetterphänomene einmal anders erklärt - sehr gut!

  2. MeteoSchweiz, 01.11.2018, 13:01

    Vielen Dank für die freundlichen Rückmeldung. Dies erfreut uns sehr. Wir können versichern, kriminal-meteorologische Fälle werden auch in Zukunft genauestens von Tim Whirlwind untersucht.

  3. AnnaS, 01.11.2018, 12:45

    Tim Whirlwind

  4. chrigi, 01.11.2018, 11:03

    Hallo,
    danke für die spannende Erklährung dieser seltenen Wetterereignisse.
    Ich hoffe, dass wenigstens ein Teil des verschwundenen Schnees in die Böden gesickert ist. Denn vermutlich haben sich einige Standorte in der Schweiz noch immer nicht erholt von der Trockenheit. In Zürich gab es vorerst genügend Niederschlag.
    Sonnigen Tag euch

  5. Gilbert Delley, 01.11.2018, 10:47

    Ich kann die Geschichte vom sublimierten Schnee nicht glauben: So viel Schnee kann in dieser kurzen Zeit unmöglich sublimieren. Ich vermute, der grösste Teil des Schnees ist geschmolzen und im Boden versickert. Der Boden ist nach der langen Trockenheit noch nicht gesättigt und so blieb das Wasser dort und floss nicht in die Bäche und Flüsse ab.
    Sonst finde ich die Beiträge immer ausgezeichnet und sehr informativ; und ich lese sie mit grossem Interesse. Die Bilder sind super! Auch wenn persönliche und phantasievolle Ausschmückungen (wie die Detektivgeschichte) vorkommen, gefällt mir dies sehr. Weiter so!

    1. MeteoSchweiz, 01.11.2018, 14:35

      Ja, auch wir haben heute Morgen darüber diskutiert. Durchaus wird sicher (auch) ein grosser Teil des Schnees in die Böden geschmolzen sein.

  6. Sabine, 01.11.2018, 10:39

    Lustige Idee und sehr nett geschrieben. Danke schön dafür!:)

  7. Gerhard Spengler, 01.11.2018, 10:00

    Sehr gut, zum Schmunzeln der Wetterkrimi. Das könnt nur ihr Schweizer!

  8. Regula Leuthold, 01.11.2018, 07:32

    Toll gemacht! Vielen Dank für die unterhaltsame und doch interessante Präsentation von Wetterphänomenen. Bin gespannt auf Ihre weiteren Fälle....

  9. Torsten Wendler, 01.11.2018, 06:41

    Ein toller Beitrag von euch.
    Sehr gut und spannend geschrieben,
    und doch informativ. Die derzeitige Wetterlage lässt in kurzer Zeit immer wieder neue Wetterbebachtung zu.

  10. Hans-F. Vögeli, 01.11.2018, 05:55

    Danke für diese herrliche Geschichte! Das ist Meteorologie zum anfassen resp. für Laien verständlich erklärt.
    Nur weiter so, ich lese Ihre Berichte täglich.

  11. Bianca Schaffert, 31.10.2018, 20:33

    Herzlichen Dank für den kurzen gut geschriebenen Krimi.
    Ich habe mich köstlich darüber amüsiert.