Vorhang auf

24. September 2018, 6 Kommentare
Themen: Wetter

Bereits gegen Mitte der letzten Woche begann der Vorverkauf der Tickets für die gestrige Vorstellung, als die Modelle den genaueren Programmverlauf preisgaben. Mit Vorfreude kauften sich die Meteorologen und andere Begeisterte ihr Ticket und versammelten sich gestern Sonntag gespannt im Freilichttheater.

Lenticularis Wolke im Wallis. Bild: S. Maret
Lenticularis Wolke im Wallis. Bild: S. Maret

Der Hauptdarsteller

Der brillierende Hauptdarsteller der gestrigen Aufführung war unumstritten der Wind. Es ist ihm eine Glanzleistung gelungen. Vorhang auf:

Akt 1: Joran

Der Joran betrat die westliche Bühne bereits früh und sorgte gestern mit Böenspitzen in Neuenburg von 102.2 km/h für Sturmfrisuren im französisch sprechenden Publikum.

Akt 2: Kaltfront

Vergrösserte Ansicht: Äquivalentpotentielle Temperatur gestern um 18 UTC. Die scharfkantige Front liegt noch im Nordwesten der Schweiz.
Äquivalentpotentielle Temperatur gestern um 18 UTC. Die scharfkantige Front liegt noch im Nordwesten der Schweiz.

Die gestrige Kaltfront lieferte der Höhepunkt auf der Bühne. Von Nordwesten her näherte sie sich im Tagesverlauf der Schweiz an und machte sich im Radarbild durch erste Signale kurz nach 14 UTC am östlichen Alpenhauptkamm bemerkbar. Zu dieser Zeit war die scharfkantige Luftmassengrenze noch knapp nördlich der Bühne; dies sieht man in der Verteilung der ThetaE (ein Mass für Temperatur und Feuchte einer Luftmasse). Begleitet wurde die Front von einer Squall-Line, welche sich bereits im Laufe des Nachmittags über Deutschland und Frankreich organisierte.

Der Durchgang der Front von Nordwesten her zeigt sich am deutlichsten im Temperatur- und Druckverlauf in Basel, Kloten und am Flughafen in Altenrhein. Dabei wurden in Basel 69.5, in Altenrhein 76.7 und in Kloten gar 89.3 km/h Böenspitzen erreicht. Auch in Genf lässt sich der Frontdurchgang in der obenstehenden Abbildung dann gegen 21 UTC erkennen in einem abrupten Windsprung.

Die sich annähernde Front kündigte mit einer absinkenden Wolkenbasis, Blitzaktivität in der Ferne und zuletzt aufkommender Schaueraktivität an. Eindrücklich ist die leichte Unruhe im Zeitraffer aus Mannenbach am Bodensee auf Grund des böigen Windes. Quelle: Andreas Hostettler.

Akt 3: Westföhn

Vergrösserte Ansicht: Verlauf von Temperatur in ° C, Windrichtung in Grad und Windgeschwindigkeit in km/h in Interlaken, Thun und Basel.
Verlauf von Temperatur in ° C, Windrichtung in Grad und Windgeschwindigkeit in km/h in Interlaken, Thun und Basel.

Zu diesem Zeitpunkt wäre tosender Applaus für diese Vorstellung angebracht gewesen. Aber von der phänomenalen Darbietung der Front im nördlichsten Teil der Bühne, vergass so manch einer, das im Hintergrund der Westföhn seinen Auftritt hatte. Während es in den nördlichsten Teilen der Schweiz mit dem Durchgang der Front schon stark abgekühlt hatte, wehte im Berner Oberland noch der Westföhn. Somit waren die Temperaturen hinter der Front im Norden der Schweiz (Basel) bereits unter 16 Grad, während in Interlaken noch 26.9 °C herrschten.

Heute kam die Schweiz zunehmend unter Einfluss eines Hochdruckgebietes mit Zentrum über Irland. Dieses sorgte einerseits für eine Bisenströmung im Mittelland und anderseits für eine allmähliche Bewölkungsauflockerung, wobei am Nachmittags schon Vielerorts wieder die Sonne zum Vorschein kam.

Südlich des Alpenhauptkammes wehte heute der Nordföhn mit Böenspitzen von bis zu 92.2 km/h in Simplon Dorf und in Magadino mit Böenspitzen bis zu 76 km/h.

Kommentare (6)

  1. m. blanchard, 25.09.2018, 14:48

    "Der Joran betrat die westliche Bühne bereits früh und sorgte gestern mit Böenspitzen in Neuenburg von 102.2 km/h für Sturmfrisuren im französisch sprechenden Publikum."

    ich lerne immer wieder dazu: die welschen haben also die frisur "inside"?

    simile und danke für den humorvollen beitrag!

  2. Beni Kälin, 24.09.2018, 22:44

    Danke für den Bericht.
    Mir scheinen die 26.9 Grad in Interlaken aussergewönlich, vor allem nach dem Eindunkeln ende September. Können sie das einordnen?
    Noch krasser empfinde ich die markante Abkühlung auf 12 Grad durch die Kaltfront. Wie selten ist ein Rückgang von 15 Grad bei einer Kaltfront?

    1. MeteoSchweiz, 25.09.2018, 11:24

      Das Tagesmaximum von 26.9. Grad ist in Interlaken für die zweite Septemberhälfte der dritthöchste Wert seit Messbeginn 1958. Im Jahr 1987 gab es 27.3 Grad am 16. September und 27.0 Grad am 17. September. Abkühlungsraten nach Kaltfrontdurchgängen werden statistisch nicht standardmässig ausgewertet.

  3. Alex Borer, 24.09.2018, 22:28

    Gratulations für die tolle Kritik dieses Theaterstücks am Himmel von gestern Sonntag, tolle Bilder, gut beschrieben, klare Handlung, einfach und schön. Applaus! Applaus!

  4. Alex Schmid, 24.09.2018, 21:37

    Danke für den guten und unterhaltend geschriebenen Bericht. Bin auch froh, dass die SMA bei der Prognose der Regenmenge für Baden (ca. 0.7 Liter) zum Glück ziemlich daneben lag, und wir stattdessen doch rund 7 Liter erhielten.

    1. Peter Gisler, 28.09.2018, 22:24

      Ich habe diesen Blog erst jetzt gelesen. Beim Bild über die Böenspitzen sind die Zahlen etwas zu klein. Man kann sie fast nicht lesen (und ich leide nicht an Weitsichtigkeit). Es bräuchte nicht viel. 20 oder 25 % ige Vergrösserung der Zahlen (Bei Temperaturkarten der Temperaturwerte) würde wohl reichen.

      Peter Gisler