Immer weniger Schnee

18. April 2019, 12 Kommentare
Themen: Klima

Vor 50 Jahren lag die winterliche Nullgradgrenze in einer Höhe von rund 600 m. Heute bewegt sie sich als Folge der Wintererwärmung auf einer Höhe von rund 850 m. Der Anstieg der winterlichen Nullgradgrenze um 250 m liess die Dauer und die Mächtigkeit der Schneedecke in den Bergen vor allem in mittleren Höhen arg schrumpfen.

Blick von Arosa auf Medergen im Januar 2019. Foto: Daniel Gerstgrasser
Blick von Arosa auf Medergen im Januar 2019. Foto: Daniel Gerstgrasser

Weniger lang weiss

Bei höher liegender Nullgradgrenze fällt der Niederschlag zu Beginn und am Ende des Winter vermehrt als Regen und nicht als Schnee. Zudem beschleunigt eine höher liegende Nullgradgrenze die Schneeschmelze im Frühjahr. Mit der Wintererwärmung und dem damit verbundenen Anstieg der Nullgradgrenze reduzierte sich die jährliche Zahl der Tage mit einer Schneedecke in den Schweizer Alpen je nach Standort um etwa 20 bis 30.

Vergrösserte Ansicht: Abbildung 1: Anzahl Schneetage (Schneedecke ≥ 1cm) in der Periode August bis Juli an den Messstationen Elm (958 m ü.M.), Grächen (1605 m ü.M.), Arosa (1878 m ü.M.) und Weissfluhjoch (2540 m ü.M.). Die rote Linie zeigt das 10-jährige gewichtete Mittel. Daten: MeteoSchweiz / SLF Davos.
Abbildung 1: Anzahl Schneetage (Schneedecke ≥ 1cm) in der Periode August bis Juli an den Messstationen Elm (958 m ü.M.), Grächen (1605 m ü.M.), Arosa (1878 m ü.M.) und Weissfluhjoch (2540 m ü.M.). Die rote Linie zeigt das 10-jährige gewichtete Mittel. Daten: MeteoSchweiz / SLF Davos.

Der Winter kommt später

Die Folgen der Wintererwärmung auf den winterlichen Schneedeckenverlauf werden am Messstandort Arosa sehr gut sichtbar. Auf 1800 m Höhe in den Ostalpen der Schweiz gelegen, ist Arosa eine klassische Ski-Destination. In der für den Wintersport relevanten Winterperiode November bis April sank hier die Neuschneesumme von knapp 7 m (Mittel 1961‒1990) auf 6 m (Mittel 1991‒2018) und die mittlere Schneehöhe von 80 cm auf 60 cm. Der Aufbau der Winterschneedecke erfolgt heute um einen Monat verzögert (Abb. 2). In der Periode 1961‒1990 wurde eine Schneedecke von 40 cm im Mittel Anfang Dezember erreicht. Heute dauert dies im Mittel bis Ende Dezember.

Vergrösserte Ansicht: Abbildung 2: Mittlerer Verlauf der Schneehöhe von Oktober bis Juni in Arosa für die Normperioden 1961‒1990 und 1981‒2010 sowie  die laufende Normperiode ab 1991.
Abbildung 2: Mittlerer Verlauf der Schneehöhe von Oktober bis Juni in Arosa für die Normperioden 1961‒1990 und 1981‒2010 sowie die laufende Normperiode ab 1991.

Der Schnee schmilzt früher

In Arosa hat sich die grösste Schneehöhe um einen Drittel reduziert. Sie sank von durchschnittlich rund 120 cm (Mittel 1961‒1990) auf durchschnittlich 80 cm (Mittel 1991‒2018). Der mittlere Zeitpunkt der grössten Schneehöhe verschob sich um einen Monat vom letzten Märzdrittel auf das letzte Februardrittel. Der Abbau der Winterschneedecke beginnt heute im Mittel also einen Monat früher als in der Vergleichsperiode 1961‒1990. Die Ausaperung hat sich in Arosa im Mittel ebenso um einen Monat von Ende Mai auf Ende April vorverschoben.

Weniger Schnee

Der verzögerte Schneedeckenaufbau und der frühere Schneedeckenabbau haben eindrückliche Folgen auf die Dauer von Schneedeckenperioden. Eine Schneedecke von mindestens 40 cm konnte in Arosa früher im Mittel von Anfang Dezember bis gegen Mitte Mai erwartet werden. Heute liegen in Arosa im Mittel noch von Ende Dezember bis Anfang April mindestens 40 cm Schnee. Die Periode mit einer Schneedecke von mindestens 40 cm hat sich also von fünfeinhalb Monaten auf etwas mehr als drei Monate verkürzt. Eine Schneedecke von mindestens 80 cm lag früher in Arosa im Mittel von Mitte Januar bis Ende April. Heute wird diese Schneehöhe in Arosa im Mittel nur noch im Februar während knapp zweier Wochen erreicht.

Gipfellagen weniger betroffen

In grösseren Höhen hatte die bisherige Wintererwärmung mit dem Anstieg der Nullgradgrenze einen deutlich geringeren Einfluss auf den Schneedeckenverlauf (Abb. 3). Am Messstandort Weissfluhjoch, wenig nordöstlich von Arosa auf 2540 m Höhe gelegen, zeigte sich in den vergangenen 60 Jahren keine Änderung beim Aufbau der winterlichen Schneedecke. Die grösste Schneehöhe reduzierte sich unwesentlich von durchschnittlich 2,2 m (Mittel 1961‒1990) auf durchschnittlich 2,1 m (Mittel 1991‒2018). Der Zeitpunkt der grössten Schneehöhe von Mitte April hat sich nicht verschoben.

Der Abbau der Winterschneedecke beginnt auf dem Weissfluhjoch heute im Mittel also zur gleichen Zeit wie während der Vergleichsperiode 1961‒1990. Wegen der kräftigen Frühlingserwärmung erfolgt der Schneedeckenabbau heute hingegen schneller. Im Mai liegt die mittlere Schneehöhe auf dem Weissfluhjoch heute 20 bis 40 cm, im Juni rund einen halben Meter tiefer als während der Vergleichsperiode 1961‒1990. Die Ausaperung hat sich im Mittel um knapp einen Monat von der ersten Augusthälfte auf die zweite Julihälfte vorverschoben.

Vergrösserte Ansicht: Abbildung 3: Mittlerer Verlauf der Schneehöhe von Oktober bis August auf dem Weissfluhjoch für die Normperioden 1961‒1990 und 1981‒2010 sowie  die laufende Normperiode ab 1991.
Abbildung 3: Mittlerer Verlauf der Schneehöhe von Oktober bis August auf dem Weissfluhjoch für die Normperioden 1961‒1990 und 1981‒2010 sowie die laufende Normperiode ab 1991.

Zukunft mit noch weniger Schnee

Die Klimaszenarien CH2018 erwarten bis 2060 ohne Klimaschutz einen Anstieg der Nullgradgrenze um weitere 400 bis 650 m. Sie liegt dann auf einer Höhe von rund 1300 bis 1500 m. Auf der Höhe von Arosa ist mit einer Reduktion der Gesamtschneemenge von 40 bis 50 % gegenüber heute zu rechnen. Für die Höhenlage von 2500 m wird im Vergleich zu heute eine Abnahme der Gesamtschneemenge von rund 30 % berechnet.

 

Weiterführende Informationen

Wintersport und Klimawandel

CH2018 - Klimaszenarien für die Schweiz. Eine zusammenfassende Broschüre.

CH2018 - Klimaszenarien für die Schweiz. Grafiken und Daten

 

Kommentare (12)

  1. Roland Freyenmuth, 16.06.2019, 16:34

    Liebes Meteo Team
    War gestern auf Flüelapass
    hatte noch viel sehr viel Schnee -2m

  2. Lars, 25.04.2019, 16:18

    Ich persönlich bin sehr froh, dass es im Wjnter nicht mehr so viel Schnee. Unterhalb von 2000 hat der Schnee und Winter überhaupt nichts verloren.

  3. Walter Baumann, 24.04.2019, 16:20

    Sorry Quellen vergessen: Bericht ORF , Studie https://www.zukunft-skisport.at/site/assets/files/1019/studie_tirol_forum-zukunft-skisport_nov2018.pdf

  4. Walter Baumann, 24.04.2019, 15:53

    Wieso kommen die Österreicher auf andere Ergebnisse? Liegt ja in der Nähe und sie haben sogar eine Schweizer Station dabei. ((Ein Teil des Kommentars wurde aufgrund Verstoss gegen die Netiquette gelöscht)).

    1. Walter Baumann, 25.04.2019, 09:53

      Ich habe aus meiner Sicht absolut niemand angegriffen und die Wortwahl war auch Anständig.
      Ich wundere mich und werde keinen Kommentar mehr schreiben.

    2. MeteoSchweiz, 25.04.2019, 16:31

      Grüezi Herr Baumann

      Eine ganz aktuelle Analyse der Österreichischen Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) zeigt vor allem für West-Österreich Richtung Schweiz eine überwiegende Anzahl von Messstandorten mit einer signifikanten Abnahme der Gesamtschneehöhe (Winterperiode November bis April) für den Analysezeitraum 1961-2018. Es liegt also eine deutliche Übereinstimmung mit unserer Analyse von Arosa vor.

      Freundliche Grüsse

      MeteoSchweiz

  5. Reto, 24.04.2019, 10:08

    Und es geht immer noch Leute, die den Kopf in den Sand stecken. Die gemessen Daten in den letzten 150 Jahre plus Forschung zum Klimas davor, zeigen, dass die Temperaturen noch nie in so kurzer Zeit so stark angestiegen sind. Der Co2 Gehalt in der Atmosphäre war seit 3 Millionen Jahre nicht mehr so hoch. Und die Forschung ist sich einig, dass diese rasende Erwärmung praktisch ausschliesslich durch uns Menschen verursacht wird. Die Frage ist nicht mehr ob die Klimakatastrophe eintrifft, sondern nur noch wie stark. Wir stecken nämlich bereits mittendrin. Einfach Augen öffnen und jeder kann es sehen, so man denn will, z.B. sind "richtige Winter" mit Schnee und Eis aus dem Flachland praktisch verschwunden. Dafür sind die Sommer unerträglich geworden mit vorher nie gekannter Wärme und Hitze. Was vor 30-40 Jahren noch "normal" war, wird heute als "kalt" empfunden. Und es wird leider noch viel schlimmer werden, da niemand etwas gegen die Klimakatastrophe unternimmt.

    1. Peter, 24.04.2019, 11:42

      Bitte nicht allzu sehr uebertreiben. Es stimmt z.B. nicht, dass es im Flachland keinen Schnee mehr gibt. Sogar im April hat es noch geschneit.

    2. Lüthi, 28.05.2019, 19:25

      Wiso zum Teufel gibt es diesen Frühling neue rekorde in sachen Schneehöhen und wiso waren die Jahre 1947 und 1949 trockener als jedes andere Jahr bis 2019

  6. Urs Imhof, 19.04.2019, 19:04

    Das sieht man nicht nur im Winter sondern auch in einzelnen Regionen zwischen Frühling und Herbst.
    Weniger Gewitter dafür mehr Wind - und Nebeltage wie im Bezirk Zurzach im Aargau ist es deutlich sichtbar die Klimaveränderung.

  7. Paul Grunder, 19.04.2019, 15:17

    Ich würde die Grafiken mal zusammenfassen von 1960 bis 2018 und dann anschauen.
    Bei uns im Sertig auf 1890 müM war sowohl 1961 wie 2018 Mitte Mai schneefrei. Gemäss meinen Messungen liegt durchschnittlich wöhrend dieser Zeit der Schnee ziemlich gleich hoch. Mein Grossvater erzählte, dass man früher - er lebte von 1913 bis 1956 in Davos - erst nach Weihnachten mit richtig Schnee rechnete und dass er oft im Vorwinter und sogar im Winter mit Ross und Wagen über den Flüela gefahren ist
    Freundliche Grüsse Paul Grunder 1947

    1. Adrian, 23.04.2019, 20:37

      Ich denke in etwa gleich. So geht mir dieser momentane Klimahype auch so ziemlich auf den Geist. Wäre wirklich die Menschheit in Gefahr, würden per sofort 75 Prozent aller Flüge gestrichen, an Sa und So wäre es weltweit verboten Auto zu fahren, ect.. Aber was macht man stattdessen?! Man redet, und redet, und redet, und redet vermutlich in 100 Jahren noch...