Bilanz der Niederschläge

11. Juni 2019, 14 Kommentare
Themen: Wetter

In der vergangenen Nacht kam es zu weiteren, teils von Gewittern begleiteten Niederschlägen. Wir ziehen eine Bilanz. Aus aktuellem Anlass richten wir den Blick noch nach Bayern ... Sie werden es nicht bereuen ...

Nach dem Starkregen ist der Pegel des Vierwaldstättersees gestiegen. Das Nadelwehr in der Reuss in Luzern, das den See reguliert, wurde heute fast vollständig geöffnet. Bild: Eugen Müller
Nach dem Starkregen ist der Pegel des Vierwaldstättersees gestiegen. Das Nadelwehr in der Reuss in Luzern, das den See reguliert, wurde heute fast vollständig geöffnet. Bild: Eugen Müller

Höhentief über Frankreich

Am Pfingstmontag koppelte sich ein Höhentief von der Höhenströmung ab, und nistete sich über Frankreich ein, es war gewissermassen franco-phil :-)  Auf seiner Vorderseite (sprich Ostflanke) wurde mit einer zunehmend von Südwest auf Süd drehenden Höhenströmung sehr feuchte und labile Luft in den Alpenraum geschaufelt.

Von Süd nach Nord übergreifende gewittrige Niederschläge

Die gewittrig durchsetzten Niederschläge dauerten in der zurückliegenden Nacht weiter an: Schwerpunkt war die Alpensüdseite, wo sich wiederholt Gewitterzellen bildeten, welche mit der Südströmung nach Norden zogen. Der Niederschlagsschwerpunkt erstreckte sich vom Valle Vigezzo im nahen Italien bis ins Bedretto, wo flächig über 100 Liter Niederschlag fielen. Im Verlauf der zweiten Nachthälfte liessen die Niederschläge nach.

Weiten wir unseren zeitlichen Horizont und betrachten die von Sonntagmittag bis Dienstagmittag gefallenen Niederschläge: In diesem Zeitraum  fielen im Norden zwischen 30 und 50 Liter Regen, im Süden und in den angrenzenden nördlichen Alpentälern prasselten teils um 180 Liter vom Himmel.

Vergrösserte Ansicht: Aus Radardaten und Bodenmessungen abgeleitete 48-stündige Niederschlagsumme zwischen Pfingstsonntag 12 UTC und Dienstag um 12 UTC.
Aus Radardaten und Bodenmessungen abgeleitete 48-stündige Niederschlagsumme zwischen Pfingstsonntag 12 UTC und Dienstag um 12 UTC.
MeteoSchweiz

Rekordverdächtige Niederschlagssummen?

Obige Werte sind keinesfalls rekordverdächtig, wurden im Tessin an einigen Stationen schon über 300 Liter in 48 Stunden gemessen. In Camedo fielen Ende August sogar 598 Liter in 48 Stunden, in Mosogno im Valle Onsernone waren es 612 Liter, nur Duschen ist schöner …

Ein ähnliches Bild bietet sich uns im Norden: In Göschenen benötigen wir für einen Einzug in die Top10 161 Liter in 48 Stunden (Rekord sind 232 Liter), in Meiringen im Haslital wären es 105 Liter (Rekord sind 205 Liter).

Erhöhte Abflüsse

Exemplarisch wenden wir uns der Reuss zu, in deren Quellgebiet anhaltende Niederschläge fielen. Abfluss und Wasserstand der Reuss in Seedorf (UR) reagierten ab gestern Mittag deutlich: In der zurückliegenden Nacht erreichte die Reuss vorübergehend Gefahrenstufe 3 (ocker).

Vergrösserte Ansicht: Abfluss und Wasserstand der Reuss in Seedorf. Quelle: BAFU
Abfluss und Wasserstand der Reuss in Seedorf. Quelle: BAFU

„War da was?“ dachte sich der Bodensee. Dessen Pegel reagiert wegen der sehr grossen Seefläche nur sehr träge.

Vergrösserte Ansicht: Wasserstand des Bodensees in Berlingen. Quelle: BAFU
Wasserstand des Bodensees in Berlingen. Quelle: BAFU

Gewaltige Superzelle am Pfingstmontag in Bayern

Gestern Nachmittag entwickelte sich im Allgäu eine Gewitterzelle, welche rasch zu einer Superzelle anwuchs. Jenes Gewitter zog direkt über München nordostwärts Richtung Bayerischer Wald. Meldungen von Hagel mit 5cm Durchmesser machten die Runde.

Ein eindrückliches Video des Gewitters am Ammersee finden Sie hier. Quelle: Kai Zorn

 

Das Gewitter traf auch den Flughafen München. Hier meldete der Beobachter um 16:20 UTC ein schweres Gewitter mit Hagel und eine Sicht von nur noch 450 Meter. Bemerkenswert auch der Südwestwind mit 36 Knoten Mittelwind und Böen von 47 Knoten (67 bzw. 87 km/h). Die gesamte METAR-Meldung:

EDDM 101620Z 24036G47KT 0450 R26R/P2000N R26L/1900N +TSRAGR SCT010 BKN025CB 17/16 Q1011 BECMG 24015G25KT 8000 TSRA=

Im Blog vom März 2017 wird ausführlicher auf METAR-Meldungen eingegangen.

Zurück zum heutigen Wetter

Bei all der Dynamik der Pfingsttage mutet das Wetter des heutigen Tages beinahe langweilig an.

An der grossräumigen Wetterlage tat sich wenig bis nichts, unser franco-philes Höhentief machte tagsüber keinerlei Anstalten sich wegzubewegen bzw. sich aufzufüllen. Hinter einem kurzwelligen Teiltrog stabilisierte sich die Luftmasse im Norden am Vormittag vorübergehend: Die Sonne zeigte sich kurz, anschliessend übernahm wieder feuchtlabile Luft das Zepter. Mit 7 bis 9 Stunden war es in den Tälern Nord- und Mittelbündens am sonnigsten, schwachen Föhneffekten sei’s gedankt.

Kommentare (14)

  1. Ulrike, 12.06.2019, 13:21

    Und dann ist der Bodensee doch nicht ganz sooooo träge: der Pegel stieg 9 cm von gestern bis heute und 33 cm innerhalb einer Woche. Der Alpenrhein ist bereits übergelaufen, also kommt da noch mehr. https://vowis.vorarlberg.at/seewasserstand
    Es gab aber schon Schlimmeres... im Juni 2016 war der Pegel auf über 5 Meter... auch nach heftigen Regenfällen!

  2. Gabriele Anger, 12.06.2019, 11:34

    Da mein Mann aus Konstanz stammt, unser Sohn in Zürich arbeitet und lebt, ist die Schweizer Wetter App für uns selbstverständlich (natürlich auch die DWD App🙂).
    Mit großem Interesse verfolgen wir die Beiträge, Berichte, Bilder, Wetteranalysen und besonders gern den Blog.
    Vielen Dank für die ausgezeichnete Arbeit!
    Viele Grüße Familie Anger

  3. Patrick, 12.06.2019, 09:35

    Liebes Meteo Team, danke für die interessante Berichterstattung. Ich habe in letzter Zeit oft die Regenprognose in der Region Basel kritisiert. Nun habe ich mal eine konkrete Frage, gestern um 11.14 Uhr wurde die Regionalprognose aktualisiert, da war von anhaltendem Regen die Rede. Fakt war, dass es "Null" geregnet hat und zwar von Morgen bis tief in der Nacht. Wenn man den Niederschlagsradar angeschaut hätte, war einem klar, das der Regen wieder mal an Basel vorbei zieht. Wieso ist es nicht möglich, eine genauere Kurzzeitprognose (nicht mal ein paar Stunden im voraus) abzugeben? Und wieso zieht der Region mit Ausnahme vom Sonntag immer an der Region Basel vorbei?

    1. MeteoSchweiz, 12.06.2019, 13:33

      Da wir nicht genau wissen, auf welche Applikation Sie sich beziehen, hier ein Ausschnitt aus dem Wetterbericht, vom Montag, 10.6., Bulletin von 09.30 Uhr:
      "Am Pfingstmontag in der ersten Tageshaelfte gebietsweise noch kurze sonnige Abschnitte, sonst veraenderlich bis stark bewoelkt und aus Suedwesten einige, teils kraeftige Schauer oder Gewitter, besonders am Nachmittag. Dem zentralen Alpenhauptkamm entlang aus Sueden uebergreifend ergiebige, gewittrig durchsetzte Niederschlaege"
      Vermutlich beziehen sie sich auf unsere Wetter-App, welche automatisierte, nicht von einem Meteorologen überprüfte Daten liefert.
      In Bezug auf Niederschläge empfehlen wir ihnen die Konsultation der Niederschlagsanimation. Diese Daten, von unserem Wettermodell COSMO-1, werden alle drei Stunden aktualisiert.

    2. Patrick, 12.06.2019, 15:12

      Besten Dank für Ihre Antwort. Ich habe auf ihrer HP bei der Wetterübersicht geschaut. Hier zeigt es oftmals Niederschläge an, die so nie eintreffen. Dies ist vor allem ein Phänomen der Region Basel, oftmals ziehen die Regenwolken westlich oder östlich vorbei oder die Gewitter lösen sich vor Basel auf. Ich verfolge das Wetter nun seit 20 Jahre und diese Phänomen trifft die letzten zwei, drei Jahre des öfteren ein. Daher sieht die Jahres-Niederschlagsbilanz mit etwas über 200 mm in der Stadt oder vllt. 250 mm an der Messstation in Binningen gravierend aus. In fast allen Regionen der Schweiz vllt. bis auf Teile des Wallis ist bedeutend mehr Niederschlag gefallen.

    3. MeteoSchweiz, 12.06.2019, 17:46

      Sie haben recht. Wenn man die Niederschlagsmesswerte der Station Basel-Binningen betrachtet, liegen wir mit 267 mm seit Jahresbeginn, unter der Norm. Das gleitende Mittel der vergangenen 12 Monate ergibt ein Defizit von rund 1/3, das heisst 575.9 mm vs. 842.1 mm Normniederschlag (Referenzperiode 1981-2010).

    4. Heinz F., 12.06.2019, 22:11

      Ich vertraue dem Niederschlagsradar mehr, als den Balkendiagrammen der Lokalprognose. Aber die Frage, warum sich die Wolken von Süden oder Südwesten kommend, vor Basel teilen, sodass Basel oft kaum Regen erhält, ist noch nicht beantwortet. Dieses Phänomen hätte ich auch gerne noch erklärt. Vielen Dank schon jetzt.

  4. Gyr Ernst, 12.06.2019, 09:19

    Der Grundwasserspiegel war letztes Jahr Besorgniserregend tief. Ist das nun vorbei? Hat er sich vollständig erholt? Wäre doch interessant zu wissen! Danke.

    1. MeteoSchweiz, 12.06.2019, 14:18

      Besten Dank für ihre interessante Frage. Hier ein Auszug aus dem Grundwasserbulletin des BAFU:
      "Normale, teilweise immer noch tiefe Grundwasserstände und Quellabflüsse mit uneinheitlicher Tendenz"
      Weitere Informationen:
      https://www.hydrodaten.admin.ch/de/grundwasserbulletin.html

  5. Benedikt Braumann, Horgen, 12.06.2019, 08:30

    Gibt es eine Erklärung dafür, warum trotz starker Südwinde diese Woche auch nördlich der Alpen sehr viel Regen fällt? Und weshalb der Föhn nicht richtig wirkt, im Gegensatz zur Vorwoche?

    1. MeteoSchweiz, 12.06.2019, 20:47

      Der Grund für die Niederschläge nördlich der Alpen war die in den Niederungen der Alpennordseite aus Westen eingeflossene Kaltluft. Die Kaltluft verhinderte, dass nördlich der Alpen der Föhn einsetzte. Die feuchte Luft auf der Alpensüdseite konnte nach dem Überqueren des Alpenkamms nicht absinken. Vielmehr glitt sie auf die Kaltluft auf, so dass es auch nördlich der Alpen, wenn auch in abgeschwächter Form, zu Niederschlägen kam. Die Gewitter der Alpensüdseite überquerten also den Alpenkamm und schwächten sich nördlich der Alpen oberhalb der Kaltluft nur langsam ab. So kam es auch, dass sich die Gewitter, welche auf der Alpensüdseite entstanden, zum Teil bis in den Raum Zürich bemerkbar machten.

  6. Harry Potter, 11.06.2019, 21:42

    Unglaublich wie dicht der Nebel kann sein! Fast wie in Harry Potter

  7. Wolfgang, 11.06.2019, 21:24

    Vielen Dank, dass Sie auch die Gewitterzelle bei uns im Allgäu erwähnten. Das war wirklich schlimm. Ich brauche das so schnell nicht mehr.

  8. Joachim Seitz Lindau-Bodensee, 11.06.2019, 19:45

    Es ist mir immer wieder eine Freude, die Wetterereignisse aus der europäischen Großwetterlage bis zum regionalen Drei-Länder-Eck, so anschaulich beschrieben zu bekommen. Vielen herzlichen Dank für die tolle Arbeit.