Gewittersturm in der Zentralschweiz

6. Juli 2019, 25 Kommentare
Themen: Wetter

Auf der Rückseite des Höhenrückens, der heute nach Osten abgezogen ist, kam es in der aus Westsüdwest einfliessenden und sehr labilen Luftmasse zu Hebungsprozessen und in der Folge zu kräftigen Gewittern. Hauptmerkmal dieser Gewitter waren nicht so sehr die grossen Niederschlagsmengen, sondern die hohen Windgeschwindigkeiten. Betroffen davon war hauptsächlich die Zentralschweiz. In Luzern zeigte der Windmesser maximal 135 km/h an, auf dem Pilatus wurden sogar 162 km/h aufgezeichnet. Gleichzeitig sank die Temperatur in Luzern innert 20 Minuten von 24 auf 16 Grad.

Die Gewitterzone erfasste heute die Zentralschweiz mit voller Wucht, wie dieses Bild von der Rigi zum Voraus schon erahnen lässt. Bildquelle: http://www.roundshot.ch.
Die Gewitterzone erfasste heute die Zentralschweiz mit voller Wucht, wie dieses Bild von der Rigi zum Voraus schon erahnen lässt. Bildquelle: http://www.roundshot.ch.

Zunächst noch ziemlich warm

Heute Vormittag war es zum Teil bereits bewölkt und besonders gegen den Jura hin kam es auch zu Schauern. Dennoch zeigte sich hin und wieder die Sonne. Die Temperaturen stiegen dabei besonders in der Region Basel, aber auch im Mittelland vom Kanton Aargau an ostwärts auf 27 bis 29 Grad. Weniger warm wurde es - mit Ausnahme von Genf - im Mittelland von Solothurn südwestwärts bis zum Genfersee, wo verbreitet 23 bis 25 Grad aufgezeichnet wurden.

Gewitterzone überquerte am Nachmittag die Alpennordseite ostwärts und löste kräftige Windböen aus

Am frühen Nachmittag bildete sich über der Westschweiz eine ausgedehnte Gewitterzone, welche sich in der Folge rasch ostwärts verlagerte. Da die unteren Luftschichten zunächst noch eher trocken waren, verdunstete ein ansehnlicher Teil der Niederschläge. Die Folge war, dass sich die bodennahen Luftschichten stark abkühlten. Dies wiederum bewirkte in diesen Gebieten einen kräftigen Druckanstieg. So zeigte der auf Meereshöhe reduzierte Druck am Nachmittag um etwa 15 Uhr im zentralen Mittelland einen Wert von über 1017 hPa an, ebenso zum Teil im Berner Oberland. In den Regionen Luzern und Zürich wurden dagegen nur Werte von 1011 hPa ermittelt. Es entstand somit ein Druckgradient von 6 hPa auf etwa 30 bis 40 km Distanz. Dies liess vermuten, dass bald heftige Windböen auftreten würden.

Lothar-ähnliche Zustände heute Nachmittag in Luzern

Und so war es dann auch. Innert kurzer Zeit lebte der Wind in der Zentralschweiz auf. In Luzern wurde eine Böe von 135 km/h aufgezeichnet. Dies ist der dritthöchste Wert seit Beginn von einheitlichen Messungen. Stärker waren bisher der Weststurm Lothar mit 142 km/h und der Weststurm vom 26. Januar 1995, welcher es auf 140 km/h brachte.  Bemerkenswert ist, dass die höchste Böe im Sommerhalbjahr bisher nur 117 km/h brachte, gemessen am 21. August 1992. Dies unterstreicht die Heftigkeit des heutigen Gewittersturms in aller Deutlichkeit. Böenspitzen von mehr als 130 km/h werden bei Gewittern hin und wieder gemessen. Das Problem bei Gewittern ist trivialerweise ihre Kleinräumigkeit, wodurch viele heftige Gewitterböen durch die Messnetze nicht erfasst werden.

Auf der Alpensüdseite noch recht heiss

Auf der Alpensüdseite herrschte eine etwas stabilere Luftmasse vor, so dass es bis in den Nachmittag hinein noch ziemlich sonnig war. Dementsprechend stiegen die Temperaturen auf hochsommerliche Werte. In den Niederungen reichte es verbreitet für einen weiteren Hitzetag, wobei die Höchsttemperatur mit 32.1 Grad in Biasca gemessen wurde. Am späteren Nachmittag entwickelte sich dann aber auch auf der Alpensüdseite eine Gewitterzelle, nämlich im Gebiet von Bosco Gurin. Gegen Abend weiteten sich die Gewitter auf weitere Teile der Alpensüdseite aus.

Kommentare (25)

  1. Tobias, 07.07.2019, 15:09

    Vielen Dank für den interessanten Artikel und die detailliert beschriebenen Wettergeschehnisse. Was ich mir aber nicht eklären kann ist die Tatsache, dass durch das Verdunsten des Regens und die dadurch erfolgte Abkühlung ein Druckanstieg erfolgen konnte, der zu dem Sturm geführt hat. Entsteht der durch den Wasserdampf, der mehr Volumen hat wie flüssiges Wasser? Kalte Luft ist ja an sich komprimierter wie warme Luft oder?

    1. Patrick, 07.07.2019, 17:22

      Nicht so kompliziert denken: Kaltes Luftvolumen = schwer, warmes Luftvolumen = leicht.

  2. Rolf Hefti, 07.07.2019, 12:32

    Ich bin mit den Wetterapps sehr zufrieden. Mit den Wetterfröschen übrigens auch. So viel Wahrheit wie in den Wetterprognosen, möchte man sehr gerne in den übrigen Nachrichten sehen und hören können. Am optimalsten wären Wetterprognosen zu Beginn der Nachrichten, so könnte man sich den Rest ersparen.

  3. Peter Voser, 07.07.2019, 07:05

    Erst Westwind, dann zwischendurch ein recht kräftiger Föhn auf der Gegenrichtung und dann das tropische Gewitter. Abenteuerlich war es auf dem See vor der Ufenau. Zum Glück erreichten wir ein paar Minuten vorher den Hafen. Wo trat der Föhn auf?

    1. MeteoSchweiz, 07.07.2019, 08:59

      Dabei handelte es sich nicht um Föhn, sondern um die Abwinde der vorbeiziehenden Gewitter.

  4. Amalia, 07.07.2019, 04:53

    Hallo
    War Lothar nicht im Jahr 1999?

    Ich finde diese Blogs super, sehr informativ.
    Vielen lieben Dank.

    Weiter so.

    1. Michel, 07.07.2019, 07:11

      Ja genau, wie im Blog beschrieben, am 26.12.1999.

    2. Statistiker, 07.07.2019, 08:23

      laut der Tabelle Zehnminutenmittel muss es am 27.02.1990 auch einen Lothar gegeben haben. Gut möglich. Was mir aber die Haare zu Berge stehen lässt, ist die Tabelle Böenspitze wo uns der namenlose Gewittersturm von heute angeblich am 21.08.1992 schon einmal heimsuchte.
      Sind aber nur Details die dem gesunden Menschenverstand keinen Abbruch tun sollten, schliesslich ist irren menschlich.

    3. MeteoSchweiz, 07.07.2019, 08:54

      Vor lauter Weststürmen wurde unserem Blogschreiber ganz Sturm im Kopf. Besten Dank für die Rückmeldung, wir haben die Korrekturen angebracht.

  5. Baur, 07.07.2019, 01:54

    Der heutige Nutzen von 48 h Radar-Vorhersagen für Niederschlag bei Gewitterlagen wie aktuell, ist in der Tat zweifelhaft: Wer die Radar App von der TV-Konkurrenz SRF Meteo mit der Radar App von MeteoSchweiz vergleicht, kommt schon bei „Niederschlag in 12 Stunden“ zu vollkommen anderen Niederschlags-Vorhersagen in den beiden Apps!

  6. Roe, 06.07.2019, 23:39

    Punkto Regenradar: Ich habe den Eindruck, dass dieser, seit der aktuellen Hitzewelle, sehr häufig und auch über einen Zeitraum von nur zwei bis drei Stunden völlig daneben liegt. Heute wurden für Stäfa so um halb zwölf baldige Niederschläge bis ca. 14h angesagt. Und anschliessend trocken bis am Abend. Nun, es kam ganz anders. Um 12h ein paar Tropfen, doch dann am Nachmittag ein Gewitter mit happigen Böen und Starkniederschlag. Irgendwie scheint Wärme für kleinräumige Prognosen sehr ungünstig zu sein.

  7. Roberto Binswanger, 06.07.2019, 23:38

    In Zürich-Höngg war es ein eigenartiges Unwetter: Starker Wind und Regen. Aber weder Blitz noch Donner. Wie erklärt sich das?

  8. Zettie, 06.07.2019, 23:34

    Das war heute so ein schöner Sommertag in der Region Zofingen. Sonne, etwas Regen und wieder Sonne dabei nie mehr als 23 Grad. Ich könnte diesen Sommer noch lieben lernen :-)

    Ist das jetzt das typische Wetter das vor der Industrialisierung hier im Juli normal war?

  9. Josef Schuler, 06.07.2019, 21:09

    Als Gleitschirmflieger beschäftige ich mich schon über 30 Jahren intensiv mit dem Wetter. Heute konnte ich mind. 3 neue Sachen lernen:
    - Der Böenkragen (auch schon gesehen aber noch nie so benannt)
    - Dass Schlangen Gewitter spüren und sich nochmals aufwärmen.
    - Die kleinräumigen Druckdifferenzen aufgrund der Abkühlung und der darauffolgenden Ausgleichswinde.
    Vielen Dank für die vielen Informationen.

  10. Meister, 06.07.2019, 20:34

    Wie schon vergangenes Wochenende für die Region Nordschweiz zwischen Basel und dem Kanton Schaffhausen eine krasse Fehlprognose. Beide Male wurden während Tagen grössere Regenmengen vorausgesagt, gefallen ist aber kein Tropfen. Das Phänomen der Voraussage von zu grosser Regenmengen für dieses Gebiet besteht schon seit langer Zeit und wir fragen uns, wieso die Prognosen bzw. die zu grunde liegenden Modelle nicht endlich angepasst werden?

    1. MeteoSchweiz, 06.07.2019, 21:22

      Die Fehlprognosen beschränken sich bestimmt nicht nur auf die erwähnten Gebiete der Nordschweiz. Die Modelle hatten generell Mühe mit der Positionierung bzw. dem Timing der heutigen Gewitter.
      Die numerischen Vorhersagemodelle, welche die Radaranimation in der App bzw. auf der Website speisen, und uns Meteorologen als wichtigste Datengrundlage dienen, werden laufend verbessert. Die Natur ist jedoch derart komplex, und die Fehler die man bei der Simulation dieses chaotischen Systems machen kann, derart vielfältig und sich gegenseitig beeinflussend, dass die Prognose nur in kleinen Schritten (aber stetig!) besser wird.
      Die MeteoSchweiz investiert in Zusammenarbeit mit diversen internationalen Kooperationen enorm viel in die Weiterentwicklung der Modelle und kann sich diesbezüglich durchaus mit den führenden Wetterdiensten weltweit messen. Dennoch: Es wird letztendlich nur mit Wasser gekocht, und auch in ferner Zukunft wird ab und zu die Menge Salz im Kochwasser nicht perfekt stimmen.

    2. Meisterbelehrer, 06.07.2019, 21:35

      Also in der Nordwestschweiz hatte es heute sehr wohl Gewitter, zum Teil ging's ordentlich zur Sache. So etwa auf der Linie Dittingen - Arlesheim - Pratteln - Rheinfelden. Dass Gewitter nun einmal nicht alle gleich treffen, liegt wohl in der Natur der Sache. Die Bezeichnung krasse Fehlprognose ist mehr als ungerechtfertigt. Bitte Wortwahl überdenken.

    3. Patrick, 06.07.2019, 21:52

      Meister bin absolut ihrer Meinung. Die Niederschlags- respektive Gewitterprognosen für Basel stimmen schon seit Jahren nicht. Ständig ziehen die Niederschläge an Basel vorbei. Aber nicht nur Meteoschweiz sondern ganz viele Wetterportale liegen meist für Basel
      Komplett falsch. Andere Regionen scheinen besser vorhersehbar. Langsam macht einem die Trockenheit in der Region Basel Angst.

    4. Meister, 06.07.2019, 22:04

      Viele Dank für die differenzierte Antwort. Es steht mir fern, Kritik an der zweifellos hohen Expertise der Mitarbeitenden von MeteoSchweiz zu formulieren. Die Projektion des Regenradars erweckt beim Betrachtenden halt einfach eine Erwartungshaltung, die oft entäuscht wird. Dazu kommt, dass das die Regenvoraussage manchmal stündlich von einem Extrem ins andere wechselt. Man fragt sich dann als User, ob es nicht gescheiter wäre, die Prognose gar nicht anzuschauen.

    5. MeteoSchweiz, 06.07.2019, 22:12

      @ Meister: Sie haben absolut Recht. Die scheinbare Präzision der "Radarprognosen" ist verfänglich und stimmt im Detail in den wenigsten Fällen, mit halb zugekniffenen Augen aber oft gut, und selten sogar sehr gut.
      Was ist die Alternative? Fachlich korrekt wäre es, mit Unsicherheiten zu arbeiten, denn diese können wir mit unseren Ensemble-Modellen oft gut quantifizieren. Die attraktive Visualisierung von Wahrscheinlichkeitsprognosen ist allerdings wieder eine Herausforderung für sich, und ob sie alle Nutzer wirklich wollen und dann auch richtig interpretieren ist zumindest fraglich. Wir arbeiten aber an genau dieser Thematik und möchten diesen Teil der Information, der in den Modellen steckt, in Zukunft an die Nutzer weitergeben.

    6. N. Brunner, 06.07.2019, 23:07

      Eigentlich sollte man doch wissen, dass es schwer zu prognostizieren ist, wo die Gewitter genau niedergehen. Ein Luftstoss und das Gewitter trifft das Dorf nebenan.
      Ans Meteo-Team: Danke für eure tolle Arbeit!

    7. Meister, 06.07.2019, 23:10

      @MeteoSchweiz: Nach vielen Blogbeiträgen in meiner Sache habe ich heute zum ersten Mal Verständnis von ihrer Seite signalisiert bekommen und (ohne Belehrungen) erfahren, wie die Herausforderung angegangen wird. Dafür herzlichen Dank.

    8. Mirjam, 07.07.2019, 00:01

      Mein Kompliment für diese differenzierte Diskussion 👍 Und selbstverständlich verstehe ich alle Basler, die sich sehnlichst Regen wünschen.

    9. Stefan L., 07.07.2019, 10:03

      Ja die Trockenheit nimmt wieder stark zu. Durch die Hitzewelle entstehen überalle braune Grasflecken. Der letzte flächendeckende Regen gab es in weiten Teilen des west und nordwestlichen Flachlandes am 15. Juni. Seither nur kleine Mengen. Tropfen auf den heissen Stein. Auch in weiten Teilen im Flachland des Kantons Bern ist es sehr trocken.
      Ich frage mich, wo sind die aktiven Störungszonen mit Warm- und Kaltfronten geblieben? Seit Wochen warten wir darauf! In früheren Jahren gab es auch in den Sommermonaten regelmässig aktive Warm-und Kaltfronten. Scheint auch eine direkte Folge des Klimawandels zu sein...oder?

    10. MeteoSchweiz, 07.07.2019, 10:35

      Immerhin gab es in den vergangenen 24 Stunden relativ flächendeckend Niederschlag (5-15, lokal 20 mm). Insgesamt besteht im Flachland an den meisten Stationen aber weiterhin ein Niederschlagsdefizit, das ist korrekt. Informationen zu den Auswirkungen des Klimawandels auf die Sommerniederschläge finden Sie in den Klimaszenarien CH2018: https://www.nccs.admin.ch/nccs/de/home/klimawandel-und-auswirkungen/schweizer-klimaszenarien.html