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Rückblick: Gewitter mit Sturmböen und Hagel 2.0

22. Juni 2021, 14 Kommentare
Themen: Wetter

Das «Titelrecycling» zum gestrigen Blog scheint gerechtfertigt zu sein: Auch gestern zogen wieder teils heftige Gewitter von Südwesten her über die Schweiz. Besonders über dem Jura und entlang der Voralpen fiel nochmals viel Niederschlag in kurzer Zeit, gebietsweise in Form von Hagel. Die stärksten Gewitterzellen waren von stürmischem Wind begleitet, die höchste Böe wurde in Wädenswil mit rund 112.7 km/h registriert.

Superzelle in der Zentralschweiz mit Böenkragen und grünlichen Reflexen, ein Hinweis auf Hagel innerhalb der Gewitterwolke. Foto aufgenommen oberhalb von Mettmenstetten von U. Graf
Superzelle in der Zentralschweiz mit Böenkragen und grünlichen Reflexen, ein Hinweis auf Hagel innerhalb der Gewitterwolke. Foto aufgenommen oberhalb von Mettmenstetten von U. Graf

Wetterlage

Sowohl gestern – als auch heute – lag, beziehungsweise liegt der Alpenraum in einer kräftigen Südwestströmung auf der Vorderseite einer ausgeprägten Tiefdruckzone mit Zentrum über Westfrankreich. Mit den südwestlichen Winden wird fortwährend mässig warme, aber vor allem feuchte Luft zum Alpenraum transportiert. Ein Blick auf die Höhenwetterkarte zeigt, dass sich das Höhentief mit entsprechender Höhenkaltluft nicht weit weg über Frankreich befindet. Damit ist eine recht labile Schichtung der Troposphäre gegeben (labil = rasche Temperaturabnahme mit der Höhe). Zusätzlich fällt der Jetstream (Starkwindband in grösser Höhe) auf: Dessen linker Ausgangsbereich (in der Abbildung rot markiert) liegt jeweils ungefähr über dem Alpenraum. Dies ist relevant, weil in diesem Bereich dynamische Hebung der Luftmasse stattfindet. Damit haben wir das Erfolgsrezept (Zutaten fett markiert) für Gewitter beieinander.

Wetterlage Montag <--> Dienstag

Rückblick: Gewitter

Der Radarloop von gestern Donnerstag gibt uns wieder einen guten Überblick über die zahlreichen Gewitter von gestern Montag, 21. Juni. Nebst der oben beschriebenen dynamischen Hebung spielte gestern natürlich auch die Hebung an der Orographie eine Rolle. So entstanden die ersten Gewittter auch gestern wieder über den Bergen: Zuerst sorgten mehrere kräftige Gewitter über dem Jura und der Nordwestschweiz für ersten Starkniederschlag, teils in Form von Hagel.  Die stärkste Böe wurde bei der Partnerstation Laufen / Dittingen von DTN mit 96.5 km/h verzeichnet.

Sowohl über dem Jura, als auch etwas später entlang der Voralpen sind wie bereits gestern Gewitterzellen zu erkennen, welche mit einer etwas westlicheren Zugbahn, als dies bei der SSW Höhenströmung zu erwarten wäre, auffallen. Es handelte sich teils also wieder um Superzellen (Gewitter mit rotierendem Aufwindbereich).

Vergrösserte Ansicht: Hagelzugbahnen und Fotos, sowie 10-minütige Niederschlagssummen über 10 mm.
Hagelzugbahnen und Fotos, sowie 10-minütige Niederschlagssummen über 10 mm.

Voralpen-Superzelle

Vergrösserte Ansicht: Superzelle kurz vor dem Zürichsee. Foto: M. Sänger
Superzelle kurz vor dem Zürichsee. Foto: M. Sänger

Gut eine Stunde nach dem Auslösen der Gewitter über dem Jura ging es auch über den westlichen Alpen los. Die stärksten Gewitter bildeten sich im Raum Simmental/Gantrisch. Die Zellen verlagerten sich unter Verstärkung Richtung Nordosten über das Obere Emmental in Richtung Entlebuch, wo es kurz vor Luzern zum Zusammenschluss zweier kräftiger Zellen kam (ca. 16 Uhr UTC im Radarloop).

In der Folge zog das unwetterträchtige Gewitter mit Superzellencharakter vom Raum Luzern über Zug Richtung Zürichsee. Zu dieser Zeit erreichte das Gewitter die höchste Intensität. Die Partnermessstation Root des Kantons Luzern registrierte innerhalb von 10 Minuten ganze 36.5 mm: Ein rekordverdächtiger Wert für die Deutschschweiz! Nebst Starkniederschlag inkl. Hagel wurden in dieser Zeit auch die heftigsten Sturmböen gemessen. So registrierte die Station in Luzern 96 km/h, in Wädenswil wurden gut eine Stunde später sogar 113 km/h registriert.

Vergrösserte Ansicht: Eindrücklicher Aufzug der Superzelle über dem Zugersee. Foto: Gary Soskin / www.garysoskin.ch
Eindrücklicher Aufzug der Superzelle über dem Zugersee. Foto: Gary Soskin / www.garysoskin.ch
Gary Soskin

Dieses gefährliche Gewitter hatte aus rein optischer Sichtweise auch seine Vorzüge, wie obiges Foto von G. Soskin und folgende Zeitrafferaufnahmen von U. Graf und M. Sänger beweisen:

Zeitraffervideo der Voralpen-Superzelle, aufgenommen oberhalb von Mettmenstetten. U. Graf

Etwas später zog die Superzelle mit voller Wucht über den Zürichsee. Zeitraffervideo: M. Sänger.

Vergrösserte Ansicht: Hagelkörner mit Durchmesser um 4 cm. Foto aus Wädenswil: R. Grabherr
Hagelkörner mit Durchmesser um 4 cm. Foto aus Wädenswil: R. Grabherr

Über dem Zürcher Oberland schwächte sich die Zelle vorübergehend deutlich ab, bevor sie kurz vor Wil SG nochmals an Stärke gewann. Die letzten Hagelkörner des langlebigen Gewitters gingen im Raum Zuzwil nieder.

Kurze Zusammenfassung des heutigen Wetters

Nach einer vorübergehenden Beruhigung in der Nacht auf heute Dienstag schwankte in den Morgenstunden ein schwach ausgeprägter Teiltrog über die Westschweiz. Dies reichte aus, um eine neue Schauerlinie auszulösen, welche im Laufe des Vormittags von Westen her mit nur geringer Blitzaktivität über die Alpennordseite hinweg zog.

Vergrösserte Ansicht: Niederschlagssumme zwischen 04 und 10 Uhr (links), sowie 10 und 16 Uhr Lokalzeit (rechts). Das Fadenkreuz rechts markiert die Grenzgemeinde Verrières-de-Joux. In dessen Nähe wurde auf Twitter ein Tornado vermeldet.
Niederschlagssumme zwischen 04 und 10 Uhr (links), sowie 10 und 16 Uhr (rechts). Das Fadenkreuz rechts markiert die Grenzgemeinde Verrières-de-Joux. In dessen Nähe wurde auf Twitter ein Tornado vermeldet.

Hinter der Schauerlinie konnte sich besonders im Westen rasch wieder die Sonne durchsetzen. Dabei "kochte" die feuchtlabile Luftmasse rasch wieder auf. In der Folge bildeten sich über dem nördlichen Jura bereits gegen Mittag kurzlebige, aber teils heftige neue Gewitter. In der Nähe der Grenzgemeinde Verrières-de-Joux (FR) wurde laut einer Meldung auf Twitter sogar ein Tornado gefilmt.

In Graubünden meist sonnig

In den östlichsten Landesteilen blieb es bis am Nachmittag trocken. Auch bezüglich Sonnenschein war Graubünden bis Redaktionsschluss klar Spitzenreiter:

Vergrösserte Ansicht:

Kommentare (14)

  1. Wolfgang, 23.06.2021, 07:58

    Ihre Fotogalerie ist einmal mehr phänomenal. Danke fürs Zeigen! 👍🏻

  2. Pierre Rust, 22.06.2021, 23:45

    Sehr beeindruckende Bilder der Gewitter Superzellen !
    Die Uhrkraft von Mutter Natur bietet uns täglich ein danteskes Schauspiel !
    Im französischen Jura ging es heute Mittag laut den Filmaufnahmen scheinbar um ein "Kategorie 1" Tornado (Windgeschwindigkeit zwischen 120 und 150 km/h). Ein komplettes Scheunendach wurde in 200 Meter Höhe geschleudert !

    1. Eugen Perger, 23.06.2021, 00:17

      Gibt es evtl. eine Quelle oder Bilder? Gut dokumentiert sind ein Tornado nahe Reims vom Samstag und einer in Belgien .....

    2. MeteoSchweiz, 23.06.2021, 00:38

      Guten Abend Herr Perger. Auf Twitter finden Sie u.a. unter https://twitter.com/Meteovilles/status/1407313597378801667 ein Video. Viele Grüsse

  3. Adrian, 22.06.2021, 23:04

    Was ich, vermutlich zum x-ten Male nicht verstehe; wieso ist nach einem klatsch nassen Mai und den heftigen und regenintensiven Gewittern die Waldbrandgefahr noch immer gegeben, auch wenn nur 1. Warnstufe. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass die vom Bund jetzt ein Feuer in Pfadfinder-Manier zum entfachen bringen, mit diesem triefend nassen Holz…

    1. MeteoSchweiz, 22.06.2021, 23:46

      Guten Abend Adrian. Das Bundesamt für Umwelt BAFU informiert und warnt in Zusammenarbeit mit den Kantonen vor Waldbrandgefahr. Die Kantone sind zuständig für das Ergreifen von Massnahmen.
      Für Nachfragen wenden Sie sich bitte an das BAFU bzw. die entsprechenden Kantone.
      Viele Grüsse MeteoSchweiz

    2. Herbert, 23.06.2021, 06:13

      Guten Tag Reto
      Es regnet nicht überall. Im Wallis ist der Regen unterdurchschnittlich. Am Montag spürte ich nur 15 Regentropfen. Das war alles. Tagsüber bis 23 Grad.
      Auch der Mai war nicht sehr nass. Ich denke, schon, dass die Gefahrenkarte ihre Richtigkeit hat.

    3. Timo Stammwitz, 23.06.2021, 06:18

      In weiten Teilen GR nach wie vor sehr trocken. Nur wenig Regen. Und tagelang Föhn. Waldbrandgefahr ist real.

    4. Adrian, 23.06.2021, 09:23

      Guten Morgen MeteoSchweiz, Herbert, Timo
      Als erstes auch von meiner Seite her mehrere 👍🏻👍🏻👍🏻 für eure ausführlichen Berichte zum Wettergeschehen. Immer äusserst interessant und die Bild/Videos von top Qualität… Dann danke für die Antwort zur Waldbrandgefahr. Ich werde da mal beim BAFU nachfragen.
      Zu Herbert und Timo; sicher gibt es Regionen wo es wenig regnete und es Sinn macht eine gewisse Gefahrenstufe auszusprechen. Doch in meiner Region, Jura/Jurasüdfuss-Bogen, wo sich zur Zeit oft Gewitter entleeren (siehe gestern Abend Region Cressier), kann ich mir schlicht nicht vorstellen, dass man hier ein Feuer zustande bringt. Aber wie gesagt, ich werde mal beim BAFU nachfragen, was die Kriterien sind, das trotz viel Regen eine Waldbrandgefahr herrschen kann…
      Beste Grüsse und einen schönen Tag
      Adrian

  4. Reto Grischott, 22.06.2021, 20:09

    Geschätztes Blog- Team
    Es kann einen noch so verregnen auf dem Heimweg mit dem Velo, aber den publizistisch und wissenschaftlich hochstehenden Blog liest man trotzdem sehr gerne, vielen Dank!
    Eine Frage zu den rotierenden Aufwinden, welche ich im Radarloop auf Gegenuhrzeigersinn (wie die mesoskaligen Tiefs) identifiziert habe, korrekt? Anhand der Corioliskraft wäre auch Uhrzeigersinn plausibel.
    Vielen Dank und weiter so!
    Grüsse R. Grischott

    1. MeteoSchweiz, 22.06.2021, 21:09

      Guten Tag Herr Grischott,
      Die Mehrheit der Superzellen rotiert im Gegenuhrzeigersinn, also zyklonal. Aber es ist auch eine Rotation im Uhrzeigersinn möglich. Die Corioliskraft spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Weitere Details zu Superzellen finden Sie hier: https://www.meteoschweiz.admin.ch/home/wetter/wetterbegriffe/gewitter/wie-wird-ein-gewitter-zur-supperzelle.html
      Mit freundlichen Grüssen, MeteoSchweiz

  5. Ernst Kern, 22.06.2021, 19:06

    Aktuell sehr hoher Sonnenstand und lange Tage zum Geniessen
    in dieser Jahreszeit kommt es plötzlich zur Unruhe...heftige Gewitter entladen sich

  6. Emma, 22.06.2021, 18:29

    Suuuuper Blog, sensationelle Fotos

    1. Lilli, 22.06.2021, 21:14

      Grandios, suuuuper!!! Habe noch selten sooo ausdrucksstarke Bilder von Gewitterzellen gesehen aus unserer Schweiz. Man sieht und spürt fast die unheimliche Kraft der Unwetter die daraus entstehen können. Kompliment den Fotographen 👍🏼🥺😳🤭