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Nachlassende Niederschläge

16. Juli 2021, 12 Kommentare
Themen: Wetter

Die Feuchtezufuhr im Zusammenhang mit Tief «Bernd» nahm in den letzten Stunden langsam, aber stetig ab. Somit konnten die Regenwarnungen der Stufe 2 und 3 frühzeitig aufgehoben werden. Die Hochwasserlage bleibt aber bis auf weiteres angespannt. Neben einer Bilanz zu den Regenfällen der vergangenen Tage schauen wir auch kurz auf die Starkniederschläge in Deutschland zurück.

Es trocknet ab. Die Rebstöcke erfreuen sich über die kommenden Tage mit viel Sonnenschein und zügiger Bise. Foto: C. Schöpfer
Es trocknet ab. Die Rebstöcke erfreuen sich über die kommenden Tage mit viel Sonnenschein und zügiger Bise. Foto: C. Schöpfer

Hochwassergefahr

Die Regenfälle lassen zwar nach, die heikle Lage bezüglich Hochwasser bleibt aber bestehen, da die Pegelstände der Gewässer verzögert reagieren. Alle aktuellen Warnungen zu der Hochwassersituation des BAFU finden sie unter naturgefahren.ch oder auch auf unserer App.

 

 

Vergrösserte Ansicht: Steigender Wasserpegel am Murtensee mit einem schwachen Regenbogen im Hintergrund. Foto: B. Kunz
Steigender Wasserpegel am Murtensee mit einem schwachen Regenbogen im Hintergrund. Foto: B. Kunz

Eine ereignisreiche Woche neigt sich dem Ende zu.  In der folgenden Slideshow folgt ein kurzer Rückblick auf die vergangenen Tage:

Wochenrückblick

Intensive Regenfälle seit Mittwochabend

Seit Mittwoch befand sich die Alpennordseite also auf der Rückseite des Tiefs «Bernd». Mit der dazugehörigen Nordwestströmung nahm die Feuchteadvektion wiederum zu, womit nochmals verbreitet intensive Niederschläge aufkamen. Auch heute fiel im Tagesverlauf nochmals vielerorts Regen, jedoch war dieser von schauerartigem Charakter geprägt. Entsprechend waren die Niederschlagsmengen besonders im Flächenmittel nicht mehr sehr gross. Folglich wurden die Stufe 3 Warnungen am Alpennordhang sowie die Stufe 2 Warnung für das Mittelland frühzeitig aufgehoben.

Vergrösserte Ansicht:

Der Schwerpunkt der Niederschläge lag aufgrund der Nordwestströmung wie erwartet entlang der Voralpen. Die Regensummen bewegten sich verbreitet zwischen 40 und 80 mm. Die grossen Unterschiede sind in erster Linie durch den oft schauerartigen Niederschlag zu erklären. Andererseits haben wahrscheinlich teils auch topographische Effekte eine Rolle gespielt. Ein zweiter Schwerpunkt ist am Jurasüdfuss zwischen Grenchen und Wynau zu erkennen. Hier sorgte eine Windkonvergenz (der Südwestwind vom westlichen Mittelland traf auf den vom nördlichen Jura kommenden Nordwestwind) für zusätzliche Hebung und entsprechend stärkeren Niederschlägen.

Wetter heute

Vergrösserte Ansicht: Wer am Murtensee grillieren möchte bekommt vorerst noch nasse Füsse. Foto: B. Kunz
Wer am Murtensee grillieren möchte bekommt vorerst noch nasse Füsse. Foto: B. Kunz

Das heutige Wetter ist schnell zusammengefasst: Auf der Alpennordseite verlief der Tag oft bewölkt. Die Wolken hatten dabei eine für die Jahreszeit sehr tiefe Basis. Dies aufgrund der immer noch sehr feuchten Luftmasse und den nassen Böden, welche durch Verdunstung laufend für Feuchtenachschub sorgten. Im Tagesverlauf lockerte sich die Bewölkung durch die Erwärmung der unteren Schichten zeitweise auf, womit sich ab und zu auch die Sonne zeigte. Dies besonders am Nachmittag und gegen Westen hin (dank aufkommender Bise). Mit der Höhenkaltluft über unseren Köpfen blieb die Atmosphäre weiterhin labil geschichtet, entsprechend zogen von Nordosten her wiederholt teils kräftige Schauerzellen durch.

Sonniger Süden

Vergrösserte Ansicht: Tiefer Pegel und klares Wasser. In den meisten Regionen für den diesjährigen Sommer ein ungewohntes Bild. Der Beverin, welcher vom Val Bever in den Inn fliesst, führt seit der Ankunft von Tief "Bernd" wohl eher weniger Wasser, da die Schneeschmelze durch die kältere Luft in der Höhe eher stagniert. Foto: M. Karrerer Höhe eher stagniert. Foto: M. Karrer
Tiefer Pegel und klares Wasser. In den meisten Regionen für den diesjährigen Sommer ein ungewohntes Bild. Der Beverin, welcher vom Val Bever in den Inn fliesst, führt seit der Ankunft von Tief "Bernd" wohl eher weniger Wasser, da die Schneeschmelze durch die kältere Luft in der Höhe eher stagniert. Foto: M. Karrer

Anders zeigte sich das Wetter im Tessin. Dieses war im Schutz der Alpen und mit abtrocknendem Nordwind deutlich entlastet. So konnte man bei meist trockenen Verhältnissen einige Sonnenstunden geniessen. Dies bei Höchstwerten bis 28 Grad. Auch das Wallis und teils auch das Engadin waren durch den nördlichen Alpenkamm etwas geschützt und konnten von einigen Sonnenstunden profitieren.

Blick über die Grenzen: Starkniederschläge in Teilen Deutschlands

Tief «Bernd» beschäftigte in den vergangenen Tagen grosse Teile Mitteleuropas: Nebst schweren Gewittern an dessen Ostflanke sorgten besonders die Starkniederschläge vom Mittwoch an dessen West- bzw. Nordwestflanke für starke Unwetter. Besonders schwer betroffen waren dabei die Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz sowie die östlichen Teile der BeNeLux-Staaten. In den genannten Regionen wurden von Mittwoch auf Donnerstag innerhalb von 24 Stunden verbreitet zwischen 100 bis 150 mm gemessen. In Köln registrierte eine Messstation in 12 Stunden sogar 144.6 mm.

Ursache der heftigen Niederschläge waren zum einen das Heranführen von sehr feuchten Luftmassen, zum anderen starke Hebungsprozesse. Ersteres kann man gut im modellierten Wassergehalt der gesamten Luftsäule («niederschlagbares Wasser») erkennen. Ein Band mit sehr hohen Werten von verbreitet über 40 mm reichte am Mittwoch von Süditalien über Osteuropa Richtung Polen bis hin zur Ostsee. Mit der zyklonalen Strömung (Gegenuhrzeigersinn) lag die betroffene Region somit in einer Zone mit ausserordentlich starker Feuchteadvektion aus nördlicher Richtung.

Die zweite «Zutat» für die heftigen Niederschläge waren starke Hebungsprozesse. Die Hebung der Luftmasse wurde durch verschiedenste Prozesse ausgelöst, wahrscheinlich waren folgende Punkte entscheidend:

  • Aufgleiten der feuchtwarmen Subtropenluft von Nord- bis Nordost über die kältere, vom nahen Atlantik stammende Luft, welche im Vorfeld aus Nordwesten eingeflossen war.
  • Dynamische Hebung durch das Höhentief, bzw. einem dazugehörigen kleinen Randtief (siehe «Delle» im Höhendruckfeld über Nordfrankreich)
  • Orographische Hebung am deutschen Mittelgebirge (hauptsächlich an der Eifel).

Der Ursprung der Luftmassen und dessen Hebung ist auch mit sogenannten Rückwärtstrajektorien zu erkennen (Erklärungen in der Bildlegende):

Vergrösserte Ansicht: Die Abbildung zeigt die Herkunft der Luft über Köln am Mittwochabend in verschiedenen Höhen über die letzten 3 Tage. Rechts ist ausserdem der Höhenverlauf der Luftpakete zu sehen. Ganz rechts (kurz vor Ankunft der Luft in Köln) erkennt man, wie die Luftpakete im bzw. vor dem Unwettergebiet stark angehoben wurden.
Die Abbildung zeigt die Herkunft der Luft über Köln am Mittwochabend in verschiedenen Höhen über die letzten 3 Tage. Rechts ist ausserdem der Höhenverlauf der Luftpakete zu sehen. Ganz rechts (kurz vor Ankunft der Luft in Köln) erkennt man, wie die Luftpakete im bzw. vor dem Unwettergebiet stark angehoben wurden.

Ähnliche Wetterlagen haben bereits in der Vergangenheit zu Starkniederschlägen und Überschwemmungen in Mitteleuropa geführt. Wer mehr über die atmosphärischen Prozesse während solchen unwetterträchtigen Wetterlagen mit Höhentief über Mitteleuropa erfahren möchte, dem können wir die hier verlinkte (wissenschaftliche) Literatur zu den Überschwemmungen vom Juni 2013 empfehlen.  

Kommentare (12)

  1. H.Grob, 17.07.2021, 09:42

    Ich habe den Eindruck, dass die Regenprognosen bei langanhalternder solcher Lage zu 'optimistisch' sind, d.h. es dauert länger als erwartet, weil die Modelle den Einfluss des rückverdampften Wassers von der Erde nicht berücksichtigen.

  2. P. Bernet, 17.07.2021, 00:06

    Im Meteo-Blog vom 1.Juli 2021 war zu lesen:
    In jüngster Zeit ist nach Statistik der 16.Juli der sonnigste
    Tag im ganzen Jahresverlauf.
    In diesem Jahr machte diese Regel allerdings Pause.
    Trotzdem ist es besonders schön, wenn man an diesem
    speziellen Tag seinen Geburtstag feiern darf.

  3. Peter Andreas Sager, Aeugst am Albis, 16.07.2021, 22:08

    Nochmals mein letzter Aufruf für das Beten für weniger Niederschläge. Es ist nun wirklich genügend passiert und Schaden / Todesfälle (Deutschland) entstanden, wir haben eine Schönwetterperiode verdient. Ich Bete für die Einhaltung des Wetterbericht wie er heute nun hier drin steht.

    1. Elli, 17.07.2021, 17:59

      @ Hr. Sager: Ich bete mit! Sitze gerade im Garten unter dem Tomatendach und warte darauf, dass der Regen aufhört...

    2. Wolfgang, 18.07.2021, 01:21

      Es reicht wirklich. So einen grässlichen „Sommer“ habe ich 54 Jahren nicht erlebt.

    3. ungarin, 18.07.2021, 09:08

      @Wolfgang 🤣 vor kurzem haben sie auf den Regen gefreut, und alle, der nicht mitgemacht haben, als Jammerlappe bezeichnet. Was jetzt??
      Es regnet, so wie ihr das gewollt habt, seid bloss froh! Ich habe keine Mitleid.
      (Ich bins allerdings, dass ich nicht dort bin 😍)

  4. Wolfgang, 16.07.2021, 21:02

    Täuscht der Eindruck, oder gibt es 2021 sehr viele Höhentiefs/Kaltlufttropfen/Tröge? Auch im Winter und Frühjahr waren sie schon sehr zahlreich.

    1. MeteoSchweiz, 16.07.2021, 21:15

      Guten Abend Wolfgang
      Je weniger Hochs, desto mehr Tiefs. Von daher täuscht der Eindruck nicht. ;-) Eine Statistik führen wir allerdings nicht.
      Beste Grüsse
      MeteoSchweiz

  5. Christian Schaffner, 16.07.2021, 19:17

    Gibt es einen (ungefähren) direkten Zusammenhang zwischen dem total precipitable water und der gesamten Niederschlagsmenge eines Niederschlagsereignisses? Besten Dank für den - wie immer - interessanten Blog!

    1. MeteoSchweiz, 16.07.2021, 20:00

      Guten Abend Herr Schaffner
      Nein, ein direkter Zusammenhang zwischen dem niederschlagbaren Wasser und der Niederschlagsmenge eines Ereignisses existiert nicht. Die Atmosphäre kann sowohl trotz sehr hohen Werten an niederschlagbarem Wasser kein Niederschlag produzieren (bspw. Subtropen) als auch trotz eher geringeren Werten erhebliche Niederschlagsmengen verursachen (bspw. Stau an Gebirge, lokale Konvergenzen). Hohe Werte an niederschlagbarem Wasser geben lediglich einen Hinweis darauf, was potentiell mit der vorhandenen Luftmasse möglich ist.
      Beste Grüsse
      MeteoSchweiz

  6. hans wiesendanger, 16.07.2021, 18:23

    Wäre es möglich. die Zugbahn des Tiefs Bernd zu visualisieren (beispielsweise mit einer Linie des Zentrums). Die Grafiken im Wochenrückblick ergeben zwar einen gewissen Eindruck, aber es wäre doch interessant zu sehen, wo das Tief über Europa hin und her geschwabbelt ist. Danke vielmals für die interessanten Beiträge.

  7. Wicki Franz Josef, 16.07.2021, 18:21

    Die Erklärungen zu den unwetterartigen Niederschlägen über den Beneluxstaaten und Deutschland sind äusserst interessant und lehrreich, vielen Dank!