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Süden im Winter noch nie so mild und trocken

22. Februar 2022, 7 Kommentare
Themen: Klima

Seit Beginn der systematischen Aufzeichnungen im Jahr 1864 war der meteorologische Winter auf der Alpensüdseite noch nie gleichzeitig so mild und trocken wie in diesem Jahr. In diesem Blog beleuchten wir diese ganz besondere Jahreszeit aus klimatologischer Perspektive.

Schneelose Landschaft vom Gipfel des Medeglia aus gesehen, 30. Dezember 2021. Foto: L. Nisi.
Schneelose Landschaft vom Gipfel des Medeglia aus gesehen, 30. Dezember 2021. Foto: L. Nisi.

Die langen homogenen Messreihen des Bundesamts für Meteorologie und Klimatologie MeteoSchweiz erlauben es, den klimatologischen Trend von Grössen wie Temperatur und Niederschlag im Winter seit Messbeginn 1864 zu analysieren. Obwohl noch einige Tage bis zum Ende des meteorologischen Winters, der die Monate Dezember, Januar und Februar umfasst, verbleiben, können wir unter Berücksichtigung der Prognosen für die kommenden Tage bereits erste Rückschlüsse auf die zu Ende gehende Saison ziehen und sie klimatologisch einordnen, also mit der Norm vergleichen und in den Kontext der langjährigen Entwicklung stellen.

Südlich der Alpen dürfte die Durchschnittstemperatur der laufenden Wintersaison etwa um 1,8 °C höher als die Norm 1991-2020 liegen (Rang 5, Stand: 22. Februar 2022). Die Niederschlagssumme wird voraussichtlich weniger als ein Viertel (ca. 22 %, Rang 4 der trockensten Winter, Stand: 22. Februar 2022) des Normwerts betragen. Bislang wurde auf der Alpensüdseite noch nie eine gleichzeitig so milde und trockene Wintersaison verzeichnet.

Die nachstehende Grafik zeigt dies deutlich. Auf der x-Achse ist der Gesamtniederschlag im Winter aufgetragen, auf der y-Achse die saisonale Durchschnittstemperatur. Beide Grössen sind im Verhältnis zur Norm 1991-2020 dargestellt. Jeder einzelne Punkt repräsentiert eine Wintersaison von 1864 bis heute. Die Punkte im gelben Quadrant (oben rechts) des Diagramms bezeichnen Winter, in denen die Niederschläge reichlicher und die Temperaturen milder waren als im Durchschnitt 1991-2020; die Punkte im blauen Quadrant bezeichnen Winter, die kälter und niederschlagsreicher waren als normal (unten rechts). Die Winter, die kälter und trockener als normal waren, sind im weissen Quadrant dargestellt (unten links), während die Winter, die milder und trockener als die Norm 1991-2020 waren, in den roten Quadranten fallen (oben links). Der Winter 2021/22 ist in der Grafik rot eingekreist. Er liegt relativ weit ausserhalb der Punktwolke aller früheren Jahre: Südlich der Alpen war eine Kombination aus so hohen Temperaturen und geringen Niederschlägen während der Wintersaison noch nie aufgetreten.

Mit einer Temperaturanomalie von mehr als 2 °C gegenüber der Norm 1991-2020 war der mildeste Winter in der langen Reihe 2006/07, allerdings mit etwas mehr Niederschlag als üblich. Der kälteste Winter war dagegen 1894/95 mit einer Anomalie von mehr als 4 °C unter der Norm und leicht unterdurchschnittlichen Niederschlägen. Der Winter 2013/14 war mit Abstand der niederschlagsreichste und wies eine saisonale Durchschnittstemperatur auf, die etwa 1 °C über dem Normalwert lag. Am niederschlagsärmsten war dagegen der Winter 1980/81, in dem nur 3 % der normalen Niederschlagsmenge gemessen wurde.

Wie die Grafik deutlich zeigt, gab es in der Vergangenheit noch nie einen Winter mit einer Durchschnittstemperatur von 1 °C über der Norm und weniger als der Hälfte des durchschnittlichen Niederschlags. In der zu Ende gehenden Wintersaison war dies jedoch der Fall, was vor allem auf zwei Faktoren zurückzuführen ist: Anhaltende Hochdruck-Bedingungen mit sehr milder Luft in höheren Lagen, die vor allem in den Bergen zu milden Temperaturen beitrugen, und viele Tage mit Nordföhn, die die Temperaturen auch in tiefer gelegenen Gebieten ansteigen liessen.

Kommentare (7)

  1. A. Lombardi, 23.03.2022, 21:15

    Guten Abend - Vielen Dank für die spannende Lektüre. Ich bemengle nur die x-Achse-Beschriftung in der Abb. 1. Es soll nicht "50%" statt "-50%" heissen? Die Skala mir "-50% / 100% und +150%" beissen sich m.E. Entweder soll heissen "-50% / 0% / +50% / +100% usw" oder "50% / 100% / 150% / usw.". Vielen Dank und beste Grüsse, A.

    1. MeteoSchweiz, 24.03.2022, 08:02

      Guten Tag A. Lombardi,

      Vielen Dank für das aufmerksame Lesen des Blogs. Die Skala wurde angepasst.

      Freundliche Grüsse,
      MeteoSchweiz

  2. Stefan, 23.02.2022, 21:00

    Danke für die interessanten Ausführungen! Und wie fällt die Winterbilanz auf der Alpennordseite aus? Wohl zu warm - mal wieder.

    1. MeteoSchweiz, 24.02.2022, 08:09

      Guten Tag Stefan,

      Vielen Dank für Ihr Lob. Der Monatsblog zum Februar und die Informationen zur Wintersaison in der ganzen Schweiz folgen am 28. Februar 2022.

      Freundliche Grüsse, MeteoSchweiz

  3. Anna, 23.02.2022, 11:35

    Ich kann's kaum erwarten, wenn diese ununterbrochen sonnige Periode vorbei sein wird. Ich hoffe, dass es kein Vorbote für den Sommer ist! Jedes Jahr hoffe ich, dass er nicht zu heiss ausfällt. Sogar die Süditaliener ächzen unter der erdrückenden tessiner Hitze. Leider merkt man die Klimaänderung.

  4. Mikki, 22.02.2022, 15:02

    Just in diesem Moment sitze ich am Lago Maggiore und freue mich (als Sonnenmensch) über diese Bedingungen. Aus landwirtschaftlicher Sicht dürfte der fehlende Niederschlag allerdings ein massives Problem sein/im Sommer werden, ist das korrekt?

    1. MeteoSchweiz, 22.02.2022, 15:39

      Guten Tag Mikki,

      für die Landwirtschaft ist Trockenheit vor allem während der warmen Jahreshälfte ein Problem. Dann kommt zum Regenmangel auch noch die erhöhte Verdunstung hinzu. Gemäss der Klimaszenarien CH2018 werden die Böden im Sommer künftig trockener, es gibt weniger Regentage, und die längste niederschlagsfreie Periode dauert länger: https://www.nccs.admin.ch/nccs/de/home/klimawandel-und-auswirkungen/schweizer-klimaszenarien/kernaussagen/trockene-sommer.html. Diese Entwicklung gilt für die ganze Schweiz.

      Freundliche Grüsse, MeteoSchweiz