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0 Grad auf 5000 Metern?

24. Juli 2022, 22 Kommentare
Themen: Wetter

Die Nullgradgrenze ist ein fester Bestandteil des Wetterberichts. Sie markiert diejenige Höhe, ab der die Temperaturen in den Frostbereich sinken. Aktuell liegt diese Grenze jenseits der höchsten Alpengipfel, was nicht sehr häufig vorkommt.

Aletschgletscher auf der Höhe des Konkordiaplatzes. Nahezu das ganze Eis ist schutzlos der Sonne und der Wärme ausgeliefert. Der meiste Schnee aus dem vergangenen Winter war bereits vor Sommermitte geschmolzen.
Aletschgletscher auf der Höhe des Konkordiaplatzes. Nahezu das ganze Eis ist schutzlos der Sonne und der Wärme ausgeliefert. Der meiste Schnee aus dem vergangenen Winter war bereits vor Sommermitte geschmolzen. Quelle: Foto-webcam.eu

Die Nullgradgrenze kann zum Beispiel mit Hilfe der Wetterballone gemessen werden, die zweimal täglich aus Payerne in die Höhe lanciert werden. Die Mittagsmessung des heutigen «Radiosondenaufstiegs», wie es technisch korrekt heisst, zeigt die nächste Grafik. Die Nullgradgrenze lag dabei auf knapp über 4800 Metern Höhe, also jenseits der höchsten Schweizer Alpengipfel.

Vergrösserte Ansicht: Vertikales Temperaturprofil (dicke schwarze Linie) der Radiosondenmessung heute Mittag.
Vertikales Temperaturprofil (dicke schwarze Linie) der Radiosondenmessung heute Mittag. Die Nullgradgrenze lag auf knapp über 4800 Metern.
Quelle: MeteoSchweiz

Das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht

Das aktuell wetterbestimmende Hochdruckgebiet befindet sich noch im Aufbau, was dazu führt, dass die Luftmasse noch weiter erwärmt wird. Entsprechend wird die Nullgradgrenze in den nächsten Stunden noch weiter ansteigen. In der nächsten Animation sieht man den Verlauf der Nullgradgrenze in den kommenden Stunden.

Wie oft kommen solche Werte vor?

Nicht häufig. Es gibt bis dato einen einzigen Messwert oberhalb von 5000 Metern, um genau zu sein auf 5117 Metern, datiert vom 20. Juli 1995. Ein Wert oberhalb von 4900 Metern würde einem Platz innerhalb der Top Ten entsprechen.

Auch der bisherige Juliverlauf ist rekordverdächtig. Der höchste monatliche Mittelwert der Nullgradgrenze (tägliches Maximum) wurde mit 4325 Metern im Juli 2015 gemessen. Der bisherige Mittelwert für den aktuellen Juli liegt bei knapp über 4260 Metern.

Vergrösserte Ansicht: Gleiche Bildquelle wie im obersten Bild. Vergleich von heute (Bild links) und vor einem Jahr (Bild rechts). Da der 24. Juli 2021 bewölkt war, wurde ein Bild vom Vortag genommen. Man erkennt deutlich die wesentlich ausgedehnteren Schneefelder, die den oberen Teil des Aletschgletschers zu diesem Zeitpunkt bedeckt haben.
Gleiche Bildquelle wie im obersten Bild. Vergleich von heute (Bild links) und vor einem Jahr (Bild rechts). Da der 24. Juli 2021 bewölkt war, wurde ein Bild vom Vortag genommen. Man erkennt deutlich die wesentlich ausgedehnteren Schneefelder, die den oberen Teil des Aletschgletschers zu diesem Zeitpunkt bedeckt haben.
Quelle: Foto-webcam.eu (bearbeitet)

Leidende Gletscher

Es versteht sich von selbst, dass die hohen Temperaturen für den Erhalt der Gletscher nicht förderlich sind. Dies verdeutlicht das obige Bild mit dem Vergleich zur Situation vor einem Jahr, als die Witterung deutlich kühler und nasser war. Und selbst damals war die Eisbilanz am Ende des hydrologischen Jahres negativ: Die Schweizer Gletscher verloren trotz vorteilhafter Bedingungen knapp 1% ihrer Fläche

 

Weiterführende Informationen zur Nullgradgrenze und ihrem Anstieg in den vergangenen Jahrzehnten sind hier zu finden.

Kommentare (22)

  1. Markus Pfister, 25.07.2022, 18:00

    Symptomatisch, dass in der Nacht nach Verfassen dieses Blogs die Nullgradgrenze eine neue Rekordhöhe erreicht hat.

  2. Daniel Inäbnit, 25.07.2022, 12:46

    Auch in diesem Forum wollen viele die Realität nicht sehen: Das aktuelle apokalyptische Massensterben, verursacht durch eine gnadenlose Ausbeutung aller natürlichen Ressourcen und den Klimawandel, zerstört unsere Lebensgrundlagen unwiederbringlich. Ökosysteme inkl. die Atmosphäre sind in einem akuten Ungleichgewicht. Schaffen wir nicht rasch ein Gleichgewicht, schaffen wir uns innert weniger Generationen ab. Es geht um weit mehr als den Klimawandel. In Politik und Gesellschaft herrscht Systemversagen und Chaos. Das momentane Greenwashing bringt nichts.

  3. P.B., 25.07.2022, 11:13

    Die Gletscherschmelze ist das einte Problem und das andere ist die grosse Trockenheit. Gemäss Prognosen baut sich ein neues Azorenhoch auf, auch die noch gestern gemeldeten, flächendeckenden Gewitter im Flachland für heute und Freitag sind zurückgerechnet. Manchmal stellt man sich echt die Frage, wo sind eigentlich die Regentage geblieben? Dieses Jahr folgt ein Hoch dem anderem. Und wenn mal gewisse Modelle Regen prognostizieren, wird dieser immer wieder zurückgerechnet.

    1. Ramon Gfeller, 25.07.2022, 15:00

      Die Gewitter letzten Mittwoch wurden auch zuerst zurückgerechnet und brachten dann doch gebietsweise ordentlich Niederschlag. Vielleicht kommt ja doch noch was.

      Niederschlagsarme Sommer gab es in den letzten 150 Jahren immer wieder(*), aber heute ist die Trockenheit wohl ausgeprägter wegen den viel höheren Temperaturen.

      (*) Ganz unten "Sommer" und Niederschlagsabweichung" wählen:

      https://www.meteoschweiz.admin.ch/home/klima/klimawandel-schweiz/temperatur-und-niederschlagsentwicklung.html

    2. Urs Imhof, 25.07.2022, 15:48

      Oder man hat einen staubtrockenen Wind der ein paar Grad kühlere Temperaturen bringt und sonst nichts.

  4. Holger, 24.07.2022, 23:23

    Es ist schon interessant, dass fast alle Staaten es schafften, wegen eines Viruses ihre komplette Wirtschaft lahm zu legen, aus Sorge, dass die Alten zu früh sterben und einige Menschen Einschränkungen davon tragen könnten - man den möglichen, schleichenden Untergang der gesamten Menschheit aber offensichtlich einfach in Kauf nimmt. Dem Konsum wegen. Was wir unseren Kindern hinterlassen, scheint wenig von Interesse zu sein. Wie kann das sein?

    1. Beni Niederer, 25.07.2022, 07:06

      Die Übersterblichkeit aufgrund von Hitze kann tatsächlich bemerkenswert sein und das ist besorgniserregend. Viele Leute verstehen das leider nicht und finden diese Wetterextreme auch noch schön. Es ist zum Verzweifeln

    2. Karen Bhunjun, 25.07.2022, 12:19

      Sehr guter Kommentar 👍

    3. Roger Gross, 25.07.2022, 13:19

      …Habgier, Macht und Verblendung!…

    4. Philippe D., 25.07.2022, 15:02

      Der Konsum ist nicht das Problem. Beispiel: Wenn sie eine Gurke konsumieren von einem Bauernhof, der seinen Maschinenpark elektrisch mit Atomstrom produziert ist die Gurke CO2 neutral. Wird dieser mit Diesel betrieben und holen sie die Gurke mit ihrem Benziner beim Hofladen ab ist die Gurke schädlich. Heute wird vor allem mit fossilen Brennstoffen produziert und transportiert.

      Damit werden auch alle möglichen Wahnsinnigen finanziert (MBS, Putin usw.).

      Es wäre Zeit konsequent zu dekarbonisieren. Jedes Glied in der Produktionskette das CO2-Ausstösst sollte eingemottet und verboten werden. Keine Benziner, keine Öl- und Gasheizungen, keine Dieseltraktoren usw. Da wo es sich nicht vermeiden lässt müssen die Konzerne gezwungen werden das verursachte CO2 aus der Atmosphäre zu ziehen.

      Etwas weniger zu konsumieren bringt gar nichts! Würde man konsequent dekarbonisieren würde aber automatisch auch weniger konsumiert: Fliegen würde massiv teurer, Fleisch wohl auch usw. Stattdessen wird Diesel für die Landwirtschaft sogar subventioniert! Selbst Grüne führen einen ideologischen Kampf gegen gewisse Technologien die aktuell das mit Abstand grösste Dekarbonisierungspotential hätten usw. Verlierer ist am Ende immer das Klima. Es ginge auch anders: Ein super Beispiel sind für mich die Grünen in Finnland. Denen geht es wirklich ums Klima und besseren Naturschutz. Unsere Grünen kämpfen für einen sozialistischen Staat und gegen gewisse Technologien. Das Klima ist an Stelle 100.

  5. A_user, 24.07.2022, 22:34

    Die Gletscher schmelzen, aber der Schweizer (und der Rest der Welt) will halt konsumieren. Und einen Job haben. Einen Job zu haben und zu konsumieren ist das Wichtigste.

    1. Armand, 24.07.2022, 23:40

      Das Wichtigste ist Gesundheit (und man merkt es, wenn man krank wird). Aber Sie haben Recht: der junge und gesunde Schweizer will einen Job und konsumieren.

    2. Alex, 25.07.2022, 12:26

      @a_unser. Grundsätzlich haben Sie ja schon recht. Aber wie soll man ohne Job selbst Grundbedürfnisse bezahlen? Und einen industriellen Rückbau oder grossflächigen, einschneidenden Konsumverzicht müsste man sich auch 2x überlegen. Wer soll denn die dann anfallenden Heerscharen von Arbeitslosen "durchfüttern", wenn a) diese nur schon als Steuerzahler beinahe ausfallen, und b) dem Staat gewaltige Steuergelder infolge dieses Strukturwandels fehlen? Ein meines Erachtens schier unlösbares Problem.

  6. Mike, 24.07.2022, 21:40

    Daran werden wir uns Gewöhnen müssen.
    Auch das Klima ändert sich zyklisch, wenn auch in einem anderen Tempo.
    Unter dem abschmelzenden Gletscher der Pasterze wurden Baumstümpfe entdeckt was darauf rückschliessen lässt, das der Gletscher schon früher mal abgeschmolzen ist und sich wieder bildete.
    Der Mensch wird diese Vorgänge nicht aufhalten, es sei denn mit Partikel die in der Atmosphäre ausgebracht werden um das Sonnenlicht zurück zu reflektieren wie manche wahnsinnige "Forscher" schon vorgeschlagen haben.

    1. Karen Bhunjun, 25.07.2022, 14:01

      Meinen sie im ernst,dass dies ein natürlicher zyklus ist?dass es ein Zufall ist,dass genau in der selben Zeit,wo wir extrem viel Ressourcen verbrauchen, und Raubbau am Planeten betreiben, dass genau in dieser kurzen Zeit gleichzeitig,die Temperatur explosionsartig steigt,dies sei reiner Zufall?ich glaube eher,dass sie es nicht wahrhaben wollen,dass unser Wohlstand an der nahenden Katastrophe schuld ist,und sie es sich schönreden wollen.gruss

  7. Imanol, 24.07.2022, 20:55

    Es wäre interessant zu wissen wie der Aletsch 2020 aussah. Der Vergleich zum nächsten Jahr könnte etwas irreführend sein, da letzter Sommer ziemlich kalt und nass war. Könnten Sie noch das Foto von 2020 posten? Oder halt eine Reihe der letzten Jahren.
    Herzlichen Dank für diese blogs. Super wertvoll

    1. MeteoSchweiz, 24.07.2022, 21:55

      Guten Abend
      Vielen Dank für Ihr Lob.
      Unter folgendem Link finden Sie das Bild vom Jahr 2020:
      https://www.foto-webcam.eu/webcam/konkordiahuette/2020/07/23/0920
      Oben in der Mitte der Homepage können Sie selber die einzelnen Jahre bis ins 2015 zurück springen und die Bilder vergleichen. Wir wünschen Ihnen viel Spass mit den schönen Bildern. :)
      Freundliche Grüsse
      MeteoSchweiz

    2. Heinz, 24.07.2022, 22:02

      Die Bilder sind alle online auf foto-webcam.eu/webcam/konkordiahuette. Einfach durch die Jahre klicken. Ist sehr eindrücklich.

  8. Ricardo, 24.07.2022, 20:04

    Danke für diesen umfassenden und detaillierten Artikel. Was soll man da noch sagen, und gleichzeitig höflich und neutral bleiben? Viellecheit, dass es deprimierend ist,

  9. Pit, 24.07.2022, 19:27

    Na ja wir wollten es ja so. Irgendwann kommt alles zurück. Aber zum Artikel: wieder ein guter, informativer Artikel, neutral und ohne Wertung. Im Gegensatz zu meinem ersten Satz.

    1. Jürg, 24.07.2022, 20:37

      Ich glaube nicht, dass "wir es so wollen". Aber wie gross ist unser Einfluss? Und nehmen wir an, er ist bedeutend: Wer ist bereit, seinen Lifestile drastisch zu ändern? Denn, das wäre wohl nötig. Ich bin es auch nicht.

    2. De Beet, 25.07.2022, 15:34

      @ Jürg: Immer dieses schwarz/weiss… wer sagt denn, dass man seinen Lifestyle *drastisch* ändern muss? Es wäre schon mal schön zu sehen, dass vielfliegerei, dicke SUVs, täglicher Fleischkonsum und permanentes Bauen (mit Beton) geächtet und eingeschränkt werden. Es braucht keinen SUV, der 8 oder mehr Liter Diesel auf 100 km bei 130 km/h frisst, es brauchts auch kein 2 Tonnen E-Gefährt, was die Strassen malträtiert um mich (80 kg Person) von A nach B zu bringen - das ist alles Eitelkeit! Was es braucht sind funktionierende und effiziente Lösungen und hier und da etwas Verzicht. Bischen mehr Homeoffice, Gemüse und den Urlaub vielleicht mit dem Velo vor der Haustüre starten, als gnadenlos Ressourcen zu verballern. Das hat nichts mit drastisch zu tun, sondern mit "ein bisschen". Das würde schon mal helfen, ohne dass man grossartig auf irgendwas verzichtet. Aber wie heisst es so schön: Nobel geht die Welt zugrunde.