200 Jahre meteorologische Messungen auf dem Col du Grand St-Bernard

14. September 2017, 1 Kommentar

Das Klima verändert sich. Warum wissen wir das? Weil meteorologische Stationen seit mehr als hundertfünfzig Jahren sorgfältig ihre Wetterbeobachtungen aufzeichnen. Früher vertrauten sie dabei auf Papier und Bleistift, heute sind die Beobachtungen automatisiert und digital verfügbar. Die langjährigen, kontinuierlichen Beobachtungen zeigen uns verlässlich, dass sich die Schweiz seit Mitte des 19. Jahrhunderts deutlich erwärmt hat.

Website MeteoSchweiz mit den aktuellen Messwerten an Stationen: Beispiel Col du Grand St-Bernard
Website MeteoSchweiz mit den aktuellen Messwerten an Stationen: Beispiel Col du Grand St-Bernard

Stationen mit mehr als hundertjährigen, kontinuierlichen Messreihen erzählen eine einzigartige Geschichte über die jüngste Klimavergangenheit der Erde. Sie helfen uns, die natürliche Variabilität zu verstehen, langfristige Veränderungen zu erkennen und im Zusammenspiel mit Modellen unser zukünftiges Klima abzuschätzen. Die Messreihen sind eine unverzichtbare Grundlage für die Wettervorhersage und die Klimawissenschaft und es ist wichtig, ihr Weiterbestehen auch in Zukunft sicher zu stellen. Aus diesem Grund hat die Weltorganisation für Meteorologie WMO alle Landesregierungen dazu eingeladen, solche Stationen auf ihrem Gebiet für eine formale Anerkennung als mindestens 100-jährige Messstation, sog. „Centennial Observing Station“ zu nominieren. Die WMO möchte damit die Wichtigkeit langjähriger Messstationen unterstreichen und deren nachhaltige Sicherung unterstützen.

Längste meteorologische Messreihe im gesamten Alpenraum

Das Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie, MeteoSchweiz, hat ihre Messstationen auf dem Säntis und auf dem Col du Grand St-Bernard der WMO zur Aufnahme in das Programm gemeldet. Die Stationen liegen an einzigartiger Lage in den Alpen, werden seit Messbeginn an den gleichen Standorten betrieben und sind als einzige Stationen der Schweiz Teil des Bodenmessnetzes im globalen Klimabeobachtungssystem GCOS (Global Climate Observing System). Die Messstation auf dem Grand St-Bernard verfügt dabei über die längsten meteorologischen Messreihen im gesamten Alpenraum. Die Station war 1817 auf Initiative des Naturwissenschaftlers und Direktors des Genfer Observatoriums Marc-Auguste Pictet eingerichtet worden, der erkannt hatte, dass zum Verständnis der Zusammenhänge in der Atmosphäre auch Messungen aus höheren Schichten der Atmosphäre nötig waren.

Unter den schwierigen Bedingungen des Hochgebirges wurden durch die Patres des auf 2472 m ü.M. gelegenen Hospiz regelmässige Messungen des Luftdrucks, der Temperatur, des Niederschlags, der Feuchtigkeit und des Windes sowie Beobachtungen der Bewölkung begonnen. Da sich im Winter meterhohe Schneemengen rund um den Hospiz anhäufen können, musste die Wetterhütte zur Messung von Temperatur und Feuchtigkeit sowie der Niederschlagsmesser vor höher gelegenen Fenstern des Hospizgebäudes platziert werden, wo sie für die mehrmals täglich durchgeführten Ablesungen übers ganze Jahr gut zugänglich waren. Die Installationen mussten zudem robust gebaut sein, um den hohen Windgeschwindigkeiten auf dem Pass zu trotzen. Die Messstandorte wurden über die Jahre nur leicht von einem Fenster zum nächsten verschoben und im Zuge der Automatisierung der Station im Jahre 1981 konnten die neuen Messinstrumente an den historischen Standorten platziert werden, um die Vergleichbarkeit mit den früheren Messungen weitgehend zu bewahren.

200 Jahre Messstation Col du Grand St-Bernard

Im September 2017 feiern wir das 200-jährige Bestehen der Messstation auf dem Col du Grand St-Bernard. Es ist dem Interesse und Einsatz der Patres  zu verdanken, dass die Klimawissenschaft heute über eine solch langjährige Gebirgsmessreihe verfügt. Für diese grossartige Konstanz und Einsatzbereitschaft gilt dem Hospiz auf dem Col du Grand St-Bernard von vielen Seiten ein ganz besonderer Dank.

Bedeutung für die Klimatologie – gestern, heute, morgen

Die langjährigen Messreihen des Grand St-Bernard sind aus klimatologischer Sicht sehr wertvoll. Sie zeigen die Entwicklung der meteorologischen Messgrössen in den höheren Lagen der Alpen während den vergangenen 200 Jahren und geben Auskunft über die natürlichen Schwankungen und den generellen Wandel in dieser Zeit. Für die Temperatur (vgl. Abbildung 4) lassen sich beispielsweise die grossen Schwankungen von Jahr zu Jahr dokumentieren. Auf ein sehr kaltes Jahr kann eines der wärmsten Jahre seit Messbeginn folgen und umgekehrt und aussergewöhnlich warme Jahre zeigen sich vereinzelt auch zu Beginn der Messreihe. Allerdings belegen die Messungen auch die stetige Zunahme des durchschnittlichen Temperaturniveaus im Laufe des 20. Jahrhunderts. Aussergewöhnlich kalte Jahre sind in dieser Zeit mehr und mehr verschwunden und Jahresmittel-Temperaturen über 0 Grad wurden erst in den letzten 30 Jahren registriert.

Die Messstation auf dem Col du Grand St-Bernard ist heute Teil des modernen und weitgehend automatisierten Messnetzes von MeteoSchweiz (SwissMetNet), welches an rund 160 Standorten im Land alle 10 Minuten meteorologische Messungen durchführt. Die Anwendung der Messdaten vom Col du Grand St-Bernard geht über diejenige der Klimabeobachtung hinaus. Die Daten fliessen in Wettermodelle ein, helfen die Prognosen zu kontrollieren oder werden zusammen mit anderen Messsystemen wie dem Niederschlagsradar zu räumlichen Datensätzen kombiniert.

Aufgrund ihrer einzigartigen Vergangenheit und der gesicherten Zukunft gehört die Messstation des Col du Grand St-Bernard zu den Perlen des Schweizerischen Klimamessnetzes. Das Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen über Klimaänderungen anerkennt, dass Klimapolitik auf fundierten, wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren muss. Die Klimawissenschaft selbst ist auf robuste, langjährige Messungen angewiesen. Die Centennial Observing Station auf dem Col du Grand St-Bernard leistet als Referenz zur Analyse von Klimavariabilität und Klimawandel, aber auch zur Erforschung der langfristigen Entwicklung von natürlichen Ressourcen dieser Region, für aktuelle und zukünftige Generationen einen wertvollen Beitrag dazu.

Feierlichkeiten zum 200-jährigen Bestehen der Messstation auf dem Grand St-Bernard am 15. September 2017. Die Station wurde als erste Centennial Observing Station weltweit durch einen Vertreter der WMO ausgezeichnet.

Kommentare (1)

  1. mc, 17.10.2017, 19:41

    Setzt doch mal die Temperaturkurve bis in die kleine Eiszeit zurück, oder noch besser weit davor...