Daten erheben oder nicht – das ist keine Frage

4. Juni 2019, 5 Kommentare

Weltweit haben Gletscher, ausserhalb der beiden Eisschilde in Grönland und der Antarktis, seit 1961 mehr als 9000 Milliarden Tonnen Eis verloren. Das dabei geschmolzene Eis hat den Meeresspiegel um rund 27 Millimeter angehoben. Dies zeigt eine kürzlich veröffentlichte internationale Studie, geleitet von der Universität Zürich. Möglich war diese Forschung nur dank qualitativ hochwertigen und langfristigen Gletscherdaten. So stützten sich die Forscherinnen und Forscher auf den umfangreichen Datensatz des World Glacier Monitoring Service, kurz WGMS. Wie die Daten zum WGMS gelangen, wie wichtig diese Erhebungen sind und was MeteoSchweiz damit zu tun hat, erfahren Sie hier.

Mit Blick auf den Silvrettagletscher. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1938. (Bundesamt für Landestopografie swisstopo)
Mit Blick auf den Silvrettagletscher. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1938. (Bundesamt für Landestopografie swisstopo)

Als die Schokoladentafel noch 50 Rappen kostete  

Unsere Reise beginnt in einer Zeit, in der eine Tafel Schokolade noch 50 Rappen kostet und das Smartphone noch lange nicht auf dem Markt ist. In Graubünden erstreckt sich der eindrückliche Silvrettagletscher über eine Länge von mehr als drei Kilometern. Vor über 100 Jahren steigen mutige Forschende schwer bepackt mit Seilen, Klettergurten, Steigeisen und meterlangen Bohraufsätzen auf den Gletscher und vermessen ihn zum ersten Mal. Dies machen sie bis heute zwei Mal jährlich. Dabei messen sie die Schneeansammlung im Winter und vergleichen sie mit der Schnee- und Eisschmelze im Sommer. Über die Jahre werden die Messungen immer umfangreicher; so wird jetzt etwa auch die Veränderung der Länge und des Volumens erfasst. In der Schweiz werden diese systematischen Gletscherbeobachtungen im Rahmen des Schweizerischen Gletschermessnetzes GLAMOS (Glacier Monitoring in Switzerland) durchgeführt.

Vergrösserte Ansicht: Abbildung 1: GLAMOS-Partner bei der Datenerhebung auf der Plaine Morte im September 2018. Heute werden im Rahmen von GLAMOS in der Schweiz rund 150 Gletscher beobachtet. ©MeteoSchweiz
Abbildung 1: GLAMOS-Partner bei der Datenerhebung auf der Plaine Morte im September 2018. Heute werden im Rahmen von GLAMOS in der Schweiz rund 150 Gletscher beobachtet. ©MeteoSchweiz

Ein Datenpool zum Eintauchen

Nach einer sorgfältigen Qualitätsprüfung werden die erhobenen Gletscherdaten an den World Glacier Monitoring Service (WGMS) an der Universität Zürich weitergeleitet, dem internationalen Datenzentrum für Gletscher. Aktuell beinhaltet es mehr als 60‘000 Beobachtungen zur Änderung von 9‘500 Gletschern aus über 35 Ländern. Die längsten Zeitreihen stammen dabei aus der Schweiz und gelten wegen ihrer Länge und Qualität als besonders wertvoll. So auch die hundertjährige Messreihe des Silvrettagletschers. Nur dank solch langer Zeitreihen können wir verstehen, wie sich unsere Gletscher über all diese Jahre verändert haben und wie sich das Klima auf unsere Gletscher auswirkt.                                                                                                                                                      

Haltestelle Wissenschaft

Aber wer nutzt nun die Daten des WGMS? Der Datenpool des WGMS ist für alle frei verfügbar, so zum Beispiel über die WGMS Glacier App. Neben den Behörden und Privaten gehört vor allem die Wissenschaft zu den Nutzerinnen der Daten. Unsere Reise führt uns also zuletzt an die Universität Zürich, unter deren Leitung ein internationales Forschungsteam einen Grossteil des Datenpools des WGMS für eine neue Studie ausgewertet hat. So wissen wir nun, dass die Gletscher heute weltweit rund das Drei- bis Fünffache des verbleibenden Gletschervolumens der Europäischen Alpen verlieren, und dies jedes Jahr. In den letzten gut 50 Jahren, von 1961 bis 2016, sind also rund 9'625‘000‘000‘000 Tonnen Gletschereis geschmolzen. Um sich dies besser vorstellen zu können, bedienen wir uns eines Vergleichs von Michael Zemp, dem Leiter der Studie: „Das würde einem Eisblock von der Fläche der Schweiz mit einer Dicke von 250 Metern entsprechen.“

Vergrösserte Ansicht: Abbildung 2: Auch Daten der Gletscher (ersichtlich in blau) auf den Inseln des Franz-Josef-Landes (rötlich) im Meer (schwarz) der Russischen Arktis sind in die Analyse des Forschungsteams eingeflossen. Diese Gletscher zeigen eine stark reduzierte Schnee- und Firnzone (weiss), was ein klares Zeichen für einen starken Massenverlust ist. (Copernicus Sentinel data 2017)
Abbildung 2: Auch Daten der Gletscher (ersichtlich in blau) auf den Inseln des Franz-Josef-Landes (rötlich) im Meer (schwarz) der Russischen Arktis sind in die Analyse des Forschungsteams eingeflossen. Diese Gletscher zeigen eine stark reduzierte Schnee- und Firnzone (weiss), was ein klares Zeichen für einen starken Massenverlust ist. (Copernicus Sentinel data 2017)

Das Schweizer Klimabeobachtungssystem

Studien wie diese wären nicht möglich, gäbe es keine hochwertigen, langjährigen und systematischen Klimabeobachtungen. In der Schweiz werden heute im Rahmen des nationalen Klimabeobachtungssystems (GCOS Schweiz) insgesamt 33 Messgrössen systematisch beobachtet, um das Klima der Schweiz zu charakterisieren. Neben Gletschern gehören beispielsweise auch Lufttemperatur, Bodenfeuchte oder Grundwasser dazu. Das Schweizer Gletschermessnetz GLAMOS wie auch das internationale Datenzentrum WGMS werden von MeteoSchweiz im Rahmen von GCOS Schweiz finanziell unterstützt. So wird sichergestellt, dass diese wichtige Datengrundlage weiterhin zur Verfügung steht.

 

Weiterführende Informationen:

GCOS kurz erklärt

GCOS steht für «Global Climate Observing System» und ist ein internationales Programm mit der Vision, qualitativ hochwertige Klimabeobachtungen aus der ganzen Welt allen interessierten Nutzern zugänglich zu machen. Das Schweizer Klimabeobachtungssystem – GCOS Schweiz – setzt dieses globale Programm auf nationaler Ebene um. GCOS Schweiz baut auf der Arbeit von 28 Partnerorganisationen auf und wird durch das Swiss GCOS Office am Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie Meteo­Schweiz koordiniert.

Links

www.gcos.ch

www.wgms.ch

https://wgms.ch/glacierapp/

www.glamos.ch

https://www.nature.com/articles/s41586-019-1071-0

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Kommentare (5)

  1. Walter, 09.06.2019, 12:11

    Vielen Dank für diesen äusserst interessanten Bericht.
    Jedem vernünftigen Menschen sollte dies zu denken geben...
    Schon vor 35 Jahren habe ich Berichte über den schon damals klar messbaren CO2-Anstieg gelesen. Und was haben wir in all den Jahren wirklich unternommen?
    Viel Gerede, Wunschdenken und nur wenig Wirksames nach dem Motto, die Zukunft wird es schon irgendwie richten? Wann endlich glauben wir den Wissenschaftlern mehr als den Politikern?

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    1. Stega Graf, 29.06.2019, 23:53

      Das problem ist dass Geld die Welt regiert und bevor sich da nicht was ändern wird,wird sich auch die Klimapolitik nicht ändern!! Man nehme die Containerschiffe, sagen wir alle Containerschiffe müssten Co2 Konform nachgerüstet werden Co2 Filter usw. Wer bringt der bevölkerung (nicht mir) im Januar/Februar die Erdbeere aus Chile/Peru nach Europa!! Wer steht dann in denn Läden heulend weil es keine Erbeeren gibt im Januar/Februar die Konsumgesellschaft!!! Habe fertig...

  2. Joe, 08.06.2019, 21:09

    Eindrücklich
    Sehr spannender Kommentar auch für Laien gut nachvollziehbar
    Besten Dank!

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  3. Michael, 05.06.2019, 01:08

    Danke für diesen spannenden Einblick.

    Das Erheben solcher Daten ist gerade in Hinblick auf die, leider immer noch vorhandenen, Klimaleugner in nicht-irrelevanten Positionen der Politik und Wirtschaft besonders wichtig.

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  4. Marcel, 04.06.2019, 13:53

    Danke, spannend!

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