Wolken: nicht nur Himmelsphänomen, sondern auch Museumsobjekt

22. März 2017, 3 Kommentare
Themen: Wetter

Sie sind weiss. Schwarz. Hauchzart wie filigrane Stickarbeiten. Dunkel und bedrohlich wie die Türme einer Ritterburg. Luftig-leicht wie Haar im Wind. Oder sie schweben wie zarte Watteflocken am Himmel. Wer hat nicht schon einmal die Konturen einer Wolke betrachtet und versucht, darin ein Tier, eine Pflanze, einen Menschen oder einen Gegenstand zu «erkennen»?

Ob bewölkt oder heiter: Der Himmel lässt die Wolken sprechen, sie machen ihn lebendig und verleihen ihm Farbe. Schon seit Jahrhunderten beeinflussen die Wolken die Stimmung der Menschen, faszinieren romantisch Träumende, inspirieren Kunstschaffende – vor allem auch Malerinnen und Maler. Wir nehmen den Weltwettertag – der die Wolken in den Fokus rückt – zum Anlass, um in diesem Blog eine 700-jährigen Reise durch die Geschichte der Malerei zu unternehmen. Es ist nur ein Streifzug ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Denn die Wolken sind schon seit Jahrhunderten immer dieselben. Aber die Art, sie in Kunstwerken darzustellen, hat sich stark gewandelt.

Vergrösserte Ansicht: Der Tod des Heiligen Franziskus, Zirka 1295 - 1299. Giotto di Bondone, Fresko, Oberkirche San Francesco, Assisi.
Der Tod des Heiligen Franziskus, Zirka 1295 - 1299. Giotto di Bondone, Fresko, Oberkirche San Francesco, Assisi.

Unsere Reise beginnt mit Giotto di Bondone (1267–1337). Als einer der ersten Maler bildet er Wolken nicht mehr symbolträchtig ab, sondern realistischer – als weisse «Gebilde» an einem nun nicht mehr goldfarbenen, sondern blauen Himmel.

https://de.wikipedia.org/wiki/Giotto_di_Bondone
 

Vergrösserte Ansicht: Oberer Bereich des Gemäldes «Der Heilige Sebastian», zirka 1456–1457, Andrea Mantegna, Tempera-Tafelbild, Kunsthistorisches Museum, Wien
Oberer Bereich des Gemäldes «Der Heilige Sebastian», zirka 1456–1457, Andrea Mantegna, Tempera-Tafelbild, Kunsthistorisches Museum, Wien

Bei Andrea Mantegna (1431–1506) quellen die Wolken auf und werden zu «kompakten» Himmelskörpern. Da fragt man sich, wie diese starren Gebilde überhaupt schweben können. Damals wie heute laden auch Mantegnas Wolkendarstellungen die Betrachtenden ein, bestimmte Konturen oder Ähnlichkeiten darin zu erkennen. Bei diesem Bild sind es Gesichtsformen und Reiterfiguren, die der Maler ganz bewusst darin «versteckt» hat.

https://en.wikipedia.org/wiki/St._Sebastian_(Mantegna)

Vergrösserte Ansicht: Gewitter über einem Alpental, zirka 1508–1510, Leo¬nardo da Vinci (Royal Collection Trust / © HM Queen Elizabeth II 2017)
Gewitter über einem Alpental, zirka 1508–1510, Leo¬nardo da Vinci (Royal Collection Trust / © HM Queen Elizabeth II 2017)

Leonardo da Vinci (1452–1519) widmet den Wolken das gesamte Kapitel VII seines Traktats über die Malerei. Das Kapitel «De’ nuvoli» («Über die Wolken») beginnt mit einer Aussage da Vincis zur Herkunft der Wolken: «Wolken sind Nebelbänke, die von der Hitze der Sonne in die Höhe gezogen werden.» Damals konnte da Vinci zwar noch keine wirklich plausible Erklärung zu den physikalischen Phänomenen liefern, die zur Bildung von Wolken führen, doch er war einer der ersten Künstler, die Studien und Skizzen zum Thema «Wolken» anfertigten.

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Vergrösserte Ansicht: Das Gewitter, Jan van Goyen, 1641, M.H. de Young Memorial Art Museum, San Francisco
Das Gewitter, Jan van Goyen, 1641, M.H. de Young Memorial Art Museum, San Francisco

Im Verlauf der Jahrzehnte ändert sich die Darstellungsweise von Landschaften in der Kunst. Auch in der Malerei werden die Wolken nun vollkommen anders abgebildet, als dies in früheren Werken der Fall war.

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Es gibt kaum Kunstschaffende, die sich nicht früher oder später mit dem Thema «Wolken» befasst haben.

Ein englischer Künstler war von den Wolken regelrecht verzaubert und verbrachte zahllose Stunden auf dem Land, um sie zu beobachten. In den Werken von John Constable (1776–1837) sind Wolken keine Statisten mehr, die das abgebildete Sujet lediglich im Hintergrund als Szenografie umrahmen, sondern werden selbst zu Hauptdarstellern, wie seine zahlreichen der Nachwelt vermachten Studien, Skizzen und Zeichnungen dokumentieren. In den Jahren zwischen 1821 und 1834 war Constable ein regelrechter «Wolkenfänger»: Am Wegrand und auf einsamen Strandabschnitten fing Constable unzählige, sich ständig verändernde Wolkengebilde ein – zuerst mit dem Blick, dann mit dem Stift seines Zeichenblocks.

John Constable (1776–1837)

Vergrösserte Ansicht: Die Welle, Gustave Courbet, Öl auf Leinwand, 1869–1870, Alte Nationalgalerie, Berlin
Die Welle, Gustave Courbet, Öl auf Leinwand, 1869–1870, Alte Nationalgalerie, Berlin

Nicht nur bei John Constable spielen Wolken oft die Hauptrolle. Die Landschaftsbilder von Gustave Courbet (1819–1877) zeigen betont realistische Wolkenformationen. Allerdings fungieren sie hier wieder als Hintergrund und nicht, wie bei Constable, als Hauptsujet seiner Werke.

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Vergrösserte Ansicht: Die Schiffbrüchigen, Northumberland-Küste, J. M. W. Turner, zirka 1834, Öl auf Leinwand, Yale Center for British Art
Die Schiffbrüchigen, Northumberland-Küste, J. M. W. Turner, zirka 1834, Öl auf Leinwand, Yale Center for British Art

Wahrscheinlich sind die Engländer das Volk, das sich am meisten für das Wetter interessiert. England beheimatet auch einen der ältesten nationalen Wetterdienste. Es ist deshalb nur zu verständlich, dass Wolken auch von anderen englischen Malerinnen und Malern – nicht nur von John Constable – immer wieder thematisiert wurden. Ein Beispiel hierfür ist J. M. W. Turner (1775–1851): In seinen Bildern verschmelzen Himmel und Erde oftmals.

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Vergrösserte Ansicht: Bougival, Alfred Sisley, 1876, Öl auf Leinwand, Cincinnati Art Museum
Bougival, Alfred Sisley, 1876, Öl auf Leinwand, Cincinnati Art Museum

Jede Malerin, jeder Maler hat einen ganz eigenen Stil: Auch Wolken werden auf unterschiedlichste Art und Weise interpretiert und dargestellt.

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Vergrösserte Ansicht: Der Schrei, Edvard Munch, 1893, Öl, Tempera und Pastell auf Karton, National Gallery, Oslo
Der Schrei, Edvard Munch, 1893, Öl, Tempera und Pastell auf Karton, National Gallery, Oslo

Und es ist auch eine Frage der persönlichen Interpretationsfreiheit, wenn Kunstschaffende ihren Wolken unrealistische Farbtöne verleihen wie etwa Emil Nolde (1867–1956) es tat: Seine Wolkendarstellungen sind entschieden bunt und lebhaft.

Kräftige, lebhafte Farben weist auch der von einigen Wolken durchzogene Himmel auf, der den Hintergrund in einem der berühmten Werke von Edvard Munch (1863–1944) bildet.

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Wolken erleben

An dieser Stelle möchten wir unsere kleine Rundreise abbrechen. Unser «Kameraschwenk» bleibt natürlich unvollständig. Interessierte Leserinnen und Leser können diese Reise mit eigenen Mitteln jederzeit fortsetzen. Und wer sich jetzt nach diesem (virtuellen) Museumsrundgang nach frischer Luft sehnt, dem sei ein Spaziergang im Freien empfohlen. Gehen Sie aus dem Haus und erheben Sie den Blick zum Himmel. Dort sind sie. Ja, genau sie – diese Wolken, die auf den ersten Blick immer gleich aussehen, doch jedes Mal ein bisschen anders daherkommen.

Und noch ein Tipp für Kunstinteressierte: Wir empfehlen den Besuch folgender Ausstellung, die noch bis Juni in Schwäbisch Hall, einer süddeutschen Stadt, ihre Tore geöffnet hat:

«Wasser, Wolken, Wind; Elementar- und Wetterphänomene in Werken der Sammlung Würth»

Nicht vergessen

Wetter. Sonne, Blitz und Wolkenbruch

Das Landesmuseum Zürich präsentiert vom 12. Januar - 21. Mai 2017 die Ausstellung "Wetter. Sonne, Blitz und Wolkenbruch". Zusammen mit MeteoSchweiz.

Kommentare (3)

  1. Gisela, 22.03.2017, 20:39

    Wahrlich, ein schier unerschöpfliches Thema in der Kunst, die Wolken. Sehr schöne Idee, dies auch einmal in einem Meteo-Blog anzusprechen und mit ein paar Illustrationen zu garnieren - merci!

  2. Hans Wiesendanger, 22.03.2017, 18:44

    Hei Leute, super. Vielen Dank. Und dieser Beitrag regt einen wirklich an, wieder einmal Wolken aller Art zu beobachten. Obschon, ja, hier im Churer Rheintal ist halt die Auswahl relativ beschränkt.

    1. Michele DeLise, 13.05.2017, 17:29

      haha du hast ja recht ....