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Der Schnee ist zurück! Für wie lange noch?

5. Januar 2016, 1 Kommentar
Themen: Klima

In den letzten Tagen haben wir an dieser Stelle mehrfach über die Schneearmut vom Dezember in den Schweizer Alpen berichtet. Der Grund für den Schneemangel war die extrem warme und trockene Witterung der letzten Wochen. Seit dem Wochenende ist der Schnee nun zurück – zwar meist in nur kleinen Mengen, aber die Wintersportler freut‘s. Trotzdem befindet sich die Schneemenge in vielen Gebieten, vor allem in Tallagen, immer noch auf rekordverdächtig tiefem Niveau.

Natürliche Schwankung oder Klimawandel?

Womit haben wir es hier zu tun? Einer vorübergehenden Laune der Natur oder sehen wir hier eine langfristige Entwicklung? Klar sind zwei Dinge: Die derzeitige Schneearmut ist zwar rekordverdächtig, liegt aber durchaus im Rahmen der natürlichen Klimaschwankungen. In den letzten Jahrzehnten wurden an einzelnen Stationen ähnlich schneearme Jahresübergänge verzeichnet. Andererseits zeigen die Messungen an vielen Stationen einen deutlichen Trend hin zu geringeren winterlichen Schneemengen und weniger Schneetagen. Letzteres lässt auf einen Zusammenhang mit den steigenden Temperaturen der letzten Jahrzehnte schliessen und damit auf einen langfristigen Wandel.

Wir wagen uns hier aus diesem Grund auf das manchmal dünne aber in vielen Fragen auch robuste Eis der Klimaprojektionen. Was haben wir mit fortschreitendem Klimawandel zu erwarten? Werden die derzeitigen Verhältnisse vielleicht zur Normalität?

Die CH2011-Klimaszenarien

In den «Szenarien zur Klimaänderung in der Schweiz CH2011» wurde vor einigen Jahren der Stand des Wissens zum zukünftigen Klimawandel in der Schweiz zusammengefasst. Im Fall eines konservativen Emissionsszenarios («business as usual») wird es in der Schweiz bis zum Ende des 21. Jahrhunderts im Winter zwischen 2 und 4.5 °C wärmer. Verwendet man eine einfache Faustregel als Näherung, so werden die Nullgradgrenze und die mittlere winterliche Schneegrenze dann ca. 300 - 700 m höher liegen. Gleichzeitig wird eine leichte Zunahme der winterlichen Niederschlagsmengen (Regen plus Schnee) erwartet, was tendenziell zu höheren Schneefallmengen und Zunahmen der Schneemächtigkeit führen könnte. Die Situation ist also komplex und wir müssen direkt auf die regionalen Klimamodelle zurückgreifen, die den CH2011-Szenarien zugrundeliegen.

Ändert sich der Schneefall?

Abbildung 1 zeigt die zu erwartenden Änderungen der mittleren winterlichen Schneefallmengen (November bis April) in den Alpen. Die Schneefallmenge wird in tiefen Lagen um bis zu 80 % abnehmen, die verschiedenen Modelle sind sich hier einig (grauer Unsicherheitsbereich). Aber auch in grossen Höhen über 2000 m ü. M. werden leichte Abnahmen erwartet.

Vergrösserte Ansicht: Abbildung 1: Erwartete Schneefalländerungen in den Alpen bis zum Ende des 21. Jahrhunderts. Roter Bereich: Abnahmen; blauer Bereich: Zunahmen.
Abbildung 1: Erwartete Schneefalländerungen in den Alpen bis zum Ende des 21. Jahrhunderts. Roter Bereich: Abnahmen; blauer Bereich: Zunahmen.

Die leichte Zunahme der winterlichen Gesamtniederschlagsmenge (Regen plus Schnee) führt also zu keiner Zunahme des Schneefalls, da aufgrund der steigenden Temperaturen gleichzeitig ein grösserer Teil des Gesamtniederschlags als Regen statt als Schnee fallen wird. Für Höhenlagen über 3000 m ü. M. ist ein Anstieg der Schneefallmengen durchaus möglich, diese Höhen werden jedoch von den hier verwendeten Klimamodellen noch nicht abgedeckt.

Mehr Niederschlag bedeutet also über weite Höhenbereiche keine Rettung der winterlichen Schneebedeckung in den Alpen.

Rückgang von Schneedecke und Schneedauer!

Verbunden mit den höheren Temperaturen und dadurch intensiveren und häufigeren Schmelzperioden ergibt dies letztendlich eine deutliche Abnahme der winterlichen Schneebedeckung. Abbildung 2 zeigt das exemplarisch für Höhenstufen unter 1000 m sowie zwischen 2000 und 2500 m ü. M.

Vergrösserte Ansicht: Abbildung 2: Änderungen des Schneewasseräquivalents in [%] in den Alpen bis zum Ende des 21. Jahrhunderts in den einzelnen Klimamodellen. Links: Höhenlagen unter 1000 m ü. M. Rechts: Höhenlagen zwischen 2000 und 2500 m ü. M. Die gestrichelte schwarze Linie zeigt den Mittelwert der Modelle. Referenzwert ist die Schneebedeckung im Zeitraum 1971‒2000.
Abbildung 2: Änderungen des Schneewasseräquivalents in [%] in den Alpen bis zum Ende des 21. Jahrhunderts in den einzelnen Klimamodellen. Links: Höhenlagen unter 1000 m ü. M. Rechts: Höhenlagen zwischen 2000 und 2500 m ü. M. Die gestrichelte schwarze Linie zeigt den Mittelwert der Modelle. Referenzwert ist die Schneebedeckung im Zeitraum 1971‒2000.

In tiefen Lagen sind bereits bis zur Mitte des Jahrhunderts Abnahmen um mehr als 50 % zu erwarten, bis zum Ende des Jahrhunderts sogar von 70 % und mehr. Dies bedeutet also keinen kompletten Verlust der winterlichen Schneebedeckung, aber eine substantielle Abnahme. Höhenlagen über 2000 m ü. M. sind weniger stark betroffen, obwohl auch hier das Schneewasseräquivalent bis zum Ende des Jahrhunderts um ca. 50 % abnehmen wird. Das Schneewasseräquivalent zeigt an, wieviel Schmelzwasser im Schnee enthalten ist; eine wichtige Grösse für die Stromproduktion durch Wasserkraft.

Auch die Dauer der Schneebedeckung wird abnehmen, wie Abbildung 3 zeigt. Während eine Schneebedeckung zum Jahreswechsel im heutigen Klima auch in Höhenlagen um 1000 m ü. M. noch der Normalfall ist, wird die schneebedeckte Periode im Laufe des 21. Jahrhunderts deutlich kürzer. Gegen Ende des Jahrhunderts wird sie je nach Höhenlage zwei bis drei Monate kürzer ausfallen und sich in Höhen zwischen 1000 und 1500 m auf den Zeitraum Ende Januar/Anfang Februar konzentrieren. Schnee zum Jahreswechsel wird dann in Höhen bis 2000 m ü. M. die absolute Ausnahme sein. Der Zeitpunkt der maximalen Schneebedeckung (hier: des maximalen Schneewasseräquivalents) wird sich gleichzeitig um zwei bis drei Wochen nach vorne verlagern.

Wie sicher sind wir?

Wie aus den Abbildungen zu ersehen ist, sind die hier gemachten Aussagen mit Unsicherheiten behaftet, die nicht unterschlagen werden sollen. Die Modelle sind sich einig, dass die Schneedecke deutlich abnehmen wird. Dennoch wird es auch in Zukunft im Rahmen der natürlichen Schwankungen immer noch ein Nebeneinander von relativ schneereichen und schneearmen Wintern geben. Die hier gezeigten Szenarien zeigen nur den langfristigen Trend und basieren nur auf einem einzigen, konservativen Emissionsszenario. Werden die Emissionen weltweit reduziert, wie anlässlich der Ergebnisse der Pariser Klimakonferenz vom Dezember zu erhoffen ist, werden auch die Auswirkungen kleiner.

Auch zeigen wir hier nur räumlich sehr grob aufgelöste Informationen, die für den gesamten Alpenraum gelten. Unterschiede zwischen z. B. der Nord- und der Südschweiz werden dadurch nicht beschrieben, können aber durchaus auftreten. Diese Fragen sind Gegenstand aktueller Forschungen, die auf verbesserten und räumlich verfeinerten Klimamodellen basieren und insbesondere für Skigebiete auch das Potential der künstlichen Beschneiung aufzeigen sollen.

Datengrundlage: Die hier gezeigten Resultate basieren auf der Studie der ETH Zürich von Steger, Kotlarski, Jonas und Schär (Climate Dynamics, 2013) sowie auf den «Szenarien zur Klimaänderung in der Schweiz CH2011».

Kommentare (1)

  1. Bene Detto, 05.01.2016, 16:09

    Vielen Dank für den anschaulichen Bericht, interessant wäre es die Grafik mit einem weiteren Balken zu versehen, der das Mittel der zehn wärmsten Winter der letzten Jahre anzeigen würde.