Extremer Wind, Starkregen und Schneefälle im Winter entstehen meist durch Tiefdruckgebiete, die sich weit draussen auf dem Atlantik entwickeln. Dort gibt es jedoch deutlich weniger regelmässige Wettermessungen als über Land. Daher sind genaue Vorhersagen von Extremwetter im Winter oft unsicher und meist nur kurzfristig möglich.
Um die zugrunde liegenden meteorologischen Prozesse besser zu verstehen und damit langfristig auch die Wettervorhersagen zu verbessern, sammelt die vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) geleitete internationale Messkampagne NAWDIC gezielt Wetterdaten über dem Nordatlantik. Dafür fliegt das vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) betriebene Forschungsflugzeug HALO zu den Entstehungsorten von Winterstürmen und vermisst dort Wolkenstrukturen, Windfelder und die Feuchteaufnahme über dem Ozean. Neben HALO als zentralem Bestandteil der Kampagne sind weitere Messflugzeuge internationaler Partner sowie bodengestützte Instrumente im Einsatz. Insgesamt beteiligen sich in den kommenden Wochen mehr als 100 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an NAWDIC. Aus der Schweiz nehmen Forschungsgruppen der ETH Zürich und der Universität Bern an der Kampagne Teil. MeteoSchweiz unterstützt NAWDIC zudem mit zusätzlichen Radiosondierungen in Payerne .
Am vergangenen Donnerstag entwickelte sich Wintersturm «Ingrid» innerhalb von nur 24 Stunden aus einer schwachen Störung entlang einer Kaltfront zu einem kräftigen Tiefdruckgebiet. Mit einem Kerndruck von rund 960 hPa erreichte es am Freitagmorgen die Bretagne. Eine NAWDIC-Mission untersuchte zunächst die Feuchteaufnahme über dem Ozean in die Atmosphäre in der Nähe der Azoren. Auf dem Rückflug nach Irland überquerte HALO dann den Kern des Tiefs. Die Planung solcher Messflüge ist aufgrund des dichten Flugverkehrs über dem Nordatlantik und der Vorhersageunsicherheiten sehr anspruchsvoll. Dennoch gelang es, Messungen sowohl im Kern des Tiefs als auch über dem sich entwickelnden Starkwindfeld durchzuführen.
Wintersturm Ingrid war der Auftakt zu einer Wetterlage, in der wieder vermehrt Tiefdruckgebiete die Schweiz erreichen. In der vergangenen Woche lag die Schweiz noch am Rande eines blockierenden Hochs mit Zentrum über Skandinavien und Nordeuropa. Dieses sorgte für ruhiges Wetter und den typischen Hochnebel im Mittelland. Die Tiefdruckgebiete zogen weiter südlich durch und beeinflussten vor allem die Iberische Halbinsel und den Mittelmeerraum. Nun wandert das Hoch jedoch Richtung Grönland und macht damit den Weg frei für Tiefdruckgebiete, die auch bei uns wetterwirksam werden.


Dennoch verlaufen die Zugbahnen der Tiefdruckgebiete weiterhin relativ weit südlich, weil das Hoch über Grönland und der Polarregion den typischen Weg nach Nordeuropa blockiert. Dadurch fällt diese Woche im Mittelmeerraum wieder besonders viel Niederschlag. Umgekehrt bleibt es in einer der klimatologisch niederschlagsreichsten Regionen Europas – an der Westküste Norwegens – erstaunlich trocken.
Die subsaisonale Vorhersage des ECMWF deutet zudem darauf hin, dass auch in den nächsten Wochen blockierende Hochs über der Grönlandregion die grossräumige Wetterlage in Europa prägen könnten. Damit wird NAWDIC weiterhin Tiefdruckgebiete anpeilen, die eher auf südlichen Zugbahnen unterwegs sind.
