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24 Stunden Neuschneerekord in Bosco Gurin

Am Sonntagmorgen wurde in der Region des oberen Maggiatals 116 cm Neuschnee gemessen. In Bosco Gurin, dem höchstgelegenen Tessinerdorf auf rund 1500 Metern, werden seit 1961 Schneemessungen durchgeführt. Es handelt sich dabei um manuelle Messungen, die jeden Morgen zwischen 7 und 8 Uhr durchgeführt werden und somit den Schneefall der letzten 24 Stunden erfassen. Die Beobachter ermitteln auch die Gesamtschneehöhe, die am Sonntagmorgen bei 130 cm lag. Die folgende Abbildung zeigt die Klimatologie der Gesamtschneehöhe in Bosco Gurin. Die rote Linie zeigt, dass nach dem Starkschneefall des Wochenendes der höchste Wert dieser Saison erreicht wurde. Die aktuelle Schneehöhe liegt deutlich über dem Durchschnitt der Jahre 1990 bis 2020 (graue Linie). In den kommenden Wochen dürfte sie jedoch schnell wieder sinken. 

Grafik mit Bereich der Neuschneehöhe im langjährigen Durchschnitt und mit den Messungen des aktuellen Jahres.
Klimatologie der Schneehöhe in Bosco Gurin der Jahre 1990 bis 2020 im Vergleich zur Schneehöhe des aktuellen Winters (rote Linie) (SLF, MeteoSchweiz)
Zwei Fotos eines verschneiten Dorfes mit dem Neuschneezuwachs von über 1 m
Schneezuwachs in Bosco Gurin am Wochenende (Bild: Christian Hunkeler)

Und wieviel Schnee fiel in den anderen Regionen?

Der Schwerpunkt des Schneeereignisses vom Wochenende lag am Alpensüdhang und in den angrenzenden Regionen. Hier waren entsprechende Schneewarnungen der Stufen 3 von 5 aktiv, in der Region Maggiatal sogar der Stufe 4. Grosse Neuschneemengen wurden insbesondere im Süd- und Oberwallis sowie in den zentralen Alpen gemessen.

Schweizerkarte mit Neuschneemengen über 24 Stunden und Morgenmessungen der Neuschneemenge
Analyse der gefallenen Neuschneemenge über 24 Stunden (INCA) mit den Messwerten von Sonntagmorgen 8 Uhr. Die gelben Flächen zeigen Regionen mit 50-75 cm Neuschnee. (MeteoSchweiz)

Bemerkenswert war auch die Schneefallgrenze, die mit der sogenannten Niederschlagsabkühlung bis in tiefere Lagen sank. So kamen auch längs der zentralen und östlichen Voralpen rund 10 cm Neuschnee zusammen. Im Flachland der Alpennordseite fiel am Samstag zwar häufig Schneeregen, weiss wurde es unterhalb von etwa 550 Metern jedoch kaum. Aufgrund der hohen Intensität wirkte die Niederschlagsabkühlung im Süden besonders gut, so dass am Sonntagmorgen sogar Locarno Monti 1 cm Neuschnee melden konnte. 

Was versteht man unter «Niederschlagsabkühlung»?

Dieser Prozess hat am Wochenende mustergültig funktioniert: Die Schneefallgrenze ist bis in tiefe Lagen abgesunken. Bei starken und anhaltenden Niederschlägen sinkt die Schneefallgrenze allmählich und kann sogar weit unter die Nullgradgrenze fallen. Im Tessin lag die Nullgradgrenze am Samstag beispielsweise erst noch bei 1500 Metern. Wenn Schneeflocken in wärmere Luftschichten fallen und schmelzen, wird der umliegenden Luft durch den Schmelzvorgang und allfällige Verdunstung Wärme entzogen. So kühlt sich die Luft im Schmelzbereich laufend ab und die Schneefallgrenze sinkt in immer tiefere Lagen. Dieser Prozess ist in engen Tälern am effizientesten, weil hier nur ein kleines Luftvolumen abgekühlt werden muss. Die Niederschlagsabkühlung kann durch Wind gestört werden, weshalb sie einmal mehr in windgeschützten Tälern besonders effizient funktioniert. Am Wochenende war innerhalb weniger Stunden teilweise ein Temperaturrückgang von 6 bis 8 Grad zu beobachten, wie die folgende Grafik von Grono im Misox zeigt. Die Niederschlagsabkühlung reichte jedoch nicht aus, um auf der Alpensüdseite in allen Regionen Schnee bis in tiefe Lagen zu bringen, insbesondere nicht dort, wo die Ausgangstemperaturen zu hoch, die Windverhältnisse zu stark oder die Niederschläge nicht intensiv genug waren.

Temperatur und Niederschlagsmesswerte in Grono
Messwerte Grono Samstag und Sonntag: Die rote Linie zeigt die Temperatur, die mit der Zunahme des Niederschlages gegen 0 Grad absank. Entsprechend sank auch die Schneefallgrenze bis zum Talboden. Die blauen Balken zeigen die Niederschlagsintensität. (MeteoSchweiz)

Eine Gegenstromlage führte zum ergiebigen Schneefall

Wie bereits im Blog vom vergangenen Freitag beschrieben, kam es am Wochenende zu einer Gegenstromlage. 

Grafik zur Niederschlagsabkühlung
Schematische Skizze der Gegenstromlage: Die feuchte Luft aus Süden gleitet auf der Kaltluft der Alpennordseite auf. Dies führt zu anhaltenden und kräftigen Niederschlägen. (MeteoSchweiz)

Einerseits zog am Samstag eine Kaltfront an die Alpennordseite, andererseits führte das Tief in der Region Genua von Süden her warme und feuchte Luft zu den Alpen. Durch diesen Aufgleitprozess und den stetigen Nachschub an feuchter und warmer Luft werden ergiebige Niederschläge ausgelöst. Durch die kalte Luft auf der Alpennordseite kam es sogar vorübergehend zu hydrostatischem Nordföhn auf der Alpensüdseite mit gleichzeitiger südlicher Höhenströmung zum Beispiel auf dem Jungfraujoch. Folgende Analysekarten zeigen die synoptische Situation am Samstag um 1 Uhr und am Sonntag um 1 Uhr.