Wie immer, wenn es auf der Alpensüdseite zu absoluten Höchsttemperaturen kommt, hat der Nordföhn die Hand im Spiel. Er bewirkt, dass sich die Luft beim Abstieg um 100 Meter trockenadiabatisch um 1 °C erwärmt. Dies ist entscheidend, denn die Atmosphäre ist fast immer stabil geschichtet, das heisst die Zunahme der Temperatur beim Abstieg um 100 Meter beträgt weniger als 1 °C, im Normalfall etwa 0.5 bis 0.7 °C. Wenn also kein Nordföhn herrscht, kann eine in der Höhe lagernde sehr warme Luft gar nicht in die Niederungen gelangen.
Ein zweiter wichtiger Punkt ist die Luftmasse. Sie muss per se warm sein. Wenn nämlich die Luftmasse kalt ist, wird sie durch den Nordföhn beim Abstieg in die südalpinen Täler wohl stark erwärmt, im Endeffekt resultiert aber in den Niederungen der Alpensüdseite immer noch eine kühle oder höchstens mässige warme Luft. Am 8. und 9. April 2011 war die Luft jedoch in der Höhe für die Jahreszeit sehr warm. Sie gelangte vom Atlantik in einem weiten antizyklonalen Bogen nach Europa und erreichte aus Nordwesten den Alpenkamm. Dabei sank Luft gesamthaft betrachtet um mehr als 1500 Meter ab, was zu einer kräftigen Erwärmung dieser Luftmasse führte. Von dort stieg sie dann als Nordföhn in die Täler und Niederungen der Alpensüdseite ab.
![Verlauf der Temperatur [ °C] in Lugano und Locarno-Monti am 9. April 2011. An diesem Tag stieg die Temperatur tagsüber unter Nordföhneinfluss auf über 30 °C.](/images/440/blog/2026/04/Hitze_Tessin_April2011/Hitze_Lugano_Locarno_09042011.png/Hitze_Lugano_Locarno_09042011.png)

Damals herrschte auf der Alpensüdseite eine grosse Trockenheit vor. Damit konnten sich die Böden, weil kaum Energie zum Verdunsten aufgewendet werden musste, stark aufheizen. Sie erwärmten anschliessend die darüberliegenden Luftschichten via sensiblen Wärmefluss in bedeutendem Masse.
Zum andern waren die Hänge bis in grosse Höhen schneefrei. Die im Nordföhn absteigende Luft wurde deshalb tagsüber schon in grösserer Höhe vom Boden her zusätzlich aufgeheizt.
Es ist schwierig zu sagen, wieviel die Trockenheit und die weitherum aperen Verhältnisse zur hohen Temperatur in den Niederungen der Alpensüdseite beitrugen. Es kann aber davon ausgegangen werden, dass bei normalen Verhältnissen, das heisst bei relativ feuchten Böden und einer jahreszeitüblichen Schneebedeckung es in den Niederungen wohl nicht für Hitzetage gereicht hätte.
![Die zehn bisher höchsten Tagesmaxima der Temperatur [°C] in Lugano (Messbeginn 1864) und in Locarno-Monti (Messbeginn 1935). Auch im Tessin wurden 30 °C im Monat April erst ein- oder zweimal überboten, nämlich im April 2011. Das dies zusätzlich schon in der ersten Dekade des Monats April geschah, zeigt klar auf, dass das Ereignis vom 8. und 9. April 2011 als äusserst ungewöhnlich bezeichnet werden muss.](/images/440/blog/2026/04/Hitze_Tessin_April2011/Lugano_Tagesh-chsttemperaturen_April_neu.png/Lugano_Tageshoechsttemperaturen_April_neu.png)
Obwohl die Temperaturen infolge des Klimawandels steigen, sind Höchsttemperaturen von 30 °C und mehr - sogenannte Hitzetage - mit Ausnahme vom oben beschriebenen Ereignis im Tessin bisher in der Schweiz noch nirgendwo aufgetreten. Einzige Ausnahme scheinen die Stationen Beznau und Würenlingen im untersten Aaretal zu sein, wo am 28. April 2012 30 °C knapp überschritten wurden.
![Bisherige Höchstwerte der Temperatur [°C] seit Messbeginn im April an den Stationen von Meteoschweiz, welche langjährige Messreihen aufweisen.](/images/440/blog/2026/04/Hitze_Tessin_April2011/Rekorde_April_20260410_2.png/Rekorde_April_20260410_2.png)