Die Schweiz hat sich seit vorindustrieller Zeit bis 2024 mehr als doppelt so schnell erwärmt wie der globale Durchschnitt. Das ist weder eine Schätzung noch ein Modelloutput – das wissen wir, weil Menschen seit Jahrzehnten präzise Messungen durchführen, sei es etwa auf Berggipfeln, in Tälern, an Seen oder weit oben in der Atmosphäre.
Genau diese systematische Beobachtung des Klimasystems und der Zusammensetzung der Atmosphäre stand im Mittelpunkt des Swiss National GAW/GCOS Symposiums 2026 am 25. und 26. März 2026, das Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Forschung aus der ganzen Schweiz zusammenbrachte.

Hinter den Abkürzungen stecken zwei internationale Programme. Das «Global Atmosphere Watch» (GAW) Programm ist eine Partnerschaft von über 100 Ländern, um unter anderem die chemische Zusammensetzung der Atmosphäre mit einem weltweiten Netzwerk von Messstationen zum Beispiel für Treibhausgase, Aerosole und Strahlung zu überwachen. GCOS steht für «Global Climate Observing System» und ist ein internationales Programm mit der Vision, langfristige und qualitativ hochwertige Klimabeobachtungen aus der ganzen Welt allen interessierten Nutzenden zugänglich zu machen.
Das Swiss GAW/GCOS Office bei MeteoSchweiz koordiniert die beiden nationalen Programme GAW-CH und GCOS-CH. So ist zum Beispiel die Messstation auf dem Jungfraujoch eine von rund 30 sogenannten globalen GAW-Stationen weltweit und liefert seit Jahrzehnten Daten zu Treibhausgasen und Ozon, die international genutzt werden.
Am Symposium wurden unter anderem vier Projekte vorgestellt, die MeteoSchweiz im Rahmen der beiden Programme Global Atmosphere Watch (GAW) und Global Climate Obsarving System (GCOS) in den vergangenen Jahren mitfinanziert hat. Die Themen reichen von Wasserdampfmessungen per Ballon über Gletscherbeobachtung per Luftbild bis zu einem europaweiten Kameranetzwerk, das die jahreszeitliche Entwicklung von Pflanzen verfolgt – die sogenannte Phänologie.
Das letzte Beispiel klingt auf den ersten Blick unspektakulär, ist es aber nicht: Wenn Wälder früher austreiben, Blütezeiten sich verschieben und Ökosysteme aus dem Takt geraten, sind das Signale, die wir für die Landwirtschaft, die Waldwirtschaft und die Risikoabschätzung bei Dürren dringend brauchen. Webcams und satellitengestützte Fernerkundung liefern hier heute Daten in einem Detailgrad und einer Fläche, die früher undenkbar war.

Ein zentrales Thema am Symposium war die Frage: Wie können bestehende Daten und damit verbundenes Wissen in der Praxis sichtbarer werden? Messreihen sind insbesondere dann wertvoll, wenn sie auch genutzt werden können – in Klimaszenarien, in Frühwarnsystemen, in politischen Entscheiden.
Die Schweiz hat diesbezüglich bereits einiges vorzuweisen: Frühwarnsysteme für Trockenheit (drought.ch), Klimaszenarien (Klima CH2025) oder verbesserte Vorhersagen für Naturgefahren wie Lawinen oder Hangrutsche. Beim nationalen Trockenheits-Frühwarnsystem etwa wurde bewusst nutzerorientiert vorgegangen – die Website wurde so gestaltet, dass Bäuerinnen und Bauer, Försterinnen und Förster oder die Gemendevertretung direkt damit arbeiten können, und nicht nur Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.
Gleichzeitig wurde am Symposium klar: Der Weg von der Messung zur konkreten Entscheidung bleibt lang. Der Wissenstransfer zwischen Forschung, Politik und Gesellschaft muss weiter gestärkt werden.
Zwei Themen zogen sich durch einen Grossteil der Diskussionen: Erstens, Künstliche Intelligenz (KI) und Machine Learning (ML) verändern die Arbeit mit Klimadaten grundlegend. Muster in riesigen Datensätzen erkennen, Satellitendaten mit Bodenmessungen verknüpfen, Anomalien früher detektieren – das alles wird mit neuen Methoden schneller und teils sogar präziser. Voraussetzung dafür sind nach wie vor gut dokumentierte, qualitativ hochwertige und langfristige Referenzdaten.
Zweitens wurde im abschliessenden Panel von Führungspersonen grosser Schweizer Forschungsinstitutionen bestätigt: Die langen Messreihen an sich sind das Wichtigste, was wir schützen müssen. Sie sind das Fundament für die Forschung und letztlich die Anwendung der Ergebnisse in der Praxis. Einmal unterbrochen, lassen sie sich nicht ersetzen.

Die weiteren Erkenntnisse und Empfehlungen des Symposiums sind im neuen White Paper 2026 zusammengefasst. Darauf aufbauend lanciert MeteoSchweiz einen neuen Joint GAW/GCOS Call for Proposals und sucht Projekte, die auf die formulierten Prioritäten eingehen: langfristige Beobachtungen sichern, Daten besser verknüpfen und mit Beobachtungen Handlungen ermöglichen.
Weitere Informationen und die Möglichkeit zur Bewerbung für eine Finanzierungshilfe befinden sich in den untenstehenden Links.